Schon in den 50er Jahren ein Tabuthema: Das israelische Atomprogramm

Schon in den 50er Jahren ein Tabuthema: Das israelische Atomprogramm

Brief von Ben-Gurion zur Atompolitik wird versteigert

Über das eigene Atomprogramm herrscht in Israel Stillschweigen. Bereits Staatsgründer Ben-Gurion war darauf bedacht, dass nichts über das Thema nach außen drang. Das zeigt ein Brief, der in Jerusalem versteigert wird.

JERUSALEM (inn) – Das Jerusalemer Auktionshaus Winners versteigert einen Brief des ersten israelischen Premierministers David Ben-Gurion. Darin geht es um die israelische Atompolitik: Er hatte 1958 eine Abgeordnete gebeten, ihre Äußerungen zu dem Thema aus einem Sitzungsprotokoll zu streichen.

Die Anfrage ist auf dem offiziellen Briefpapier des Regierungschefs geschrieben. Handschriftlich finden sich dort die Worte „persönlich, geheim“. Der Name der Empfängerin wurde unkenntlich gemacht. Doch der Chef des Auktionshauses, Gal Wiener, merkte in einer Mitteilung zu dem Objekt an: „Auch wenn der Name der Empfängerin mit schwarzer Tinte bedeckt wurde, kann man die Worte Rasiel Naor identifizieren.“ Damit stehe fest, dass eine politische Gegnerin von Ben-Gurion den Brief erhielt: die Abgeordnete Esther Rasiel-Naor von der Partei Herut, einer Vorgängerin des Likud vom aktuellen Premier Benjamin Netanjahu. Sie lebte von 1911 bis 2002.

Am 28. März 1958 schrieb ihr Ben-Gurion: „Im Namen des höchsten Interesses des Staates wende ich mich an Sie mit der Bitte, aus dem Protokoll alles zu streichen, was Sie über die Atombombe gesagt haben. Und nicht nur weil es nicht genau ist – sondern wegen des schweren Schadens, den es in diesen Dingen in der Knesset gibt.“ Der Regierungschef fügte hinzu: „Mir scheint, dass Ihnen keine anderen Möglichkeiten fehlen werden, mich anzugreifen – und ich werde mich keinmal aufregen, wenn Sie es tun.“

Keine Äußerungen zur Atompolitik im Protokoll

Ein privater Sammler hat den Brief an das Auktionshaus übergeben, berichtet die Tageszeitung „Yediot Aharonot“. Er soll am 8. April versteigert werden, das Mindestgebot beträgt 1.000 Dollar. Wiener sagte mit Bezug auf Rasiel-Naor: „Wir haben die Protokolle der Knessetvollversammmlung untersucht, und es fanden sich keine Äußerungen von ihr bezüglich dessen, was im Brief steht. Das zeigt, dass sie offenbar der Bitte des Regierungschefs nachgekommen ist.“

Bis heute dürfen Israelis keine Äußerungen über das Atomprogramm machen. Die offizielle Position lautet: „Israel wird nicht das erste Land sein, das Atomwaffen in den Nahen Osten einführt.“ Journalisten verwenden die Formulierung „Gemäß ausländischen Quellen“, wenn sie einen Aspekt erwähnen, der nicht von der Militärzensur in ihrem Land freigegeben wurde. Dazu gehören auch Nachrichten, die sich mit dem Atomprogramm befassen.

Von: eh

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