Israels Atomprogramm ist undurchsichtig
Israels Atomprogramm ist undurchsichtig

Israel und die Atombombe

Eigentlich müsste dieser Bericht die Überschrift tragen: „Gemäß ausländischen Quellen“. Denn zu den größten offenen Geheimnissen Israels gehört die Frage nach der israelischen Atombombe. Nichts darf dazu ohne Genehmigung der Zensur veröffentlicht werden. Und tatsächlich gab es seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Israel mit französischer Hilfe sein Atomprogramm gestartet hat, keinen einzigen Zeitungsartikel aus israelischer Quelle, der die Existenz einer Atombombe beschrieben, bestätigt oder geleugnet hätte.

Da alle Welt darüber redet, wird das Thema natürlich auch in Israel öffentlich diskutiert. Aber im Fernsehen bei Talkshows oder im Radio fügen die Sprecher vorsichtshalber immer den Spruch hinzu: „Gemäß ausländischen Quellen.“

Bekannt und kein Staatsgeheimnis ist die Existenz von zwei Atomreaktoren. Der eine steht bei Dimona und wird im Volksmund als „Textilfabrik“ bezeichnet. Niemand bestreitet, dass unter der silbernen Kuppel des Reaktors mit strahlendem Uran umgegangen wird. Ein zweiter Reaktor, ein sogenannter „Forschungsreaktor“, steht in Nachal Sorek, nahe der Mittelmeerküste, südlich von Tel Aviv. Was da geforscht oder hergestellt wird, ist geheim. Es handelt sich jedenfalls nicht um zivile Kraftwerke.

Doch auch die sogenannten „ausländischen Quellen“ scheinen nicht wirklich zu wissen, was die Israelis da treiben. Noch vor wenigen Jahren hieß es, dass Israel „zwischen 60 und 90“ Atombomben gebaut habe. Heute wird über 200 bis 300 nukleare Sprengköpfe spekuliert.

Israel fährt zu dem Thema eine bewusste Politik der Doppeldeutigkeit. Angaben zur Atombombe werden grundsätzlich weder dementiert noch bestätigt. Und damit ist auch klar, dass kein israelischer Politiker jemals mit dem Einsatz der Atombombe gegen ein anderes Land gedroht hat, weder gegen den Iran noch gegen arabische Länder. In dem Augenblick, wo Israel das täte, würde es gegenüber der internationalen Gemeinschaft bestätigen, die ultimative Waffe zu besitzen. Israel hat auch nie einen Atomtest gemacht, was sich in der heutigen Welt kaum verheimlichen ließe. Faktisch existiert also kein Nachweis, dass Israel eine Atommacht ist, während die Israelis nichts tun, um den Spekulationen zu widersprechen.

Der Grund dafür ist einfach. Israel ist dem Atomsperrvertrag nicht beigetreten und deshalb auch nicht verpflichtet, Inspektoren ins Land zu lassen. Dieses würde sich schlagartig ändern, sowie Israel den entsprechenden Nachweis liefert, durch einen Atomtest oder durch einen angedrohten Atomschlag, wie ihn Günter Grass in seinem Gedicht herbeifabuliert hat, den Iran mitsamt seinen 80 Millionen Einwohnern vernichten zu wollen.

Immerhin hat der Glaube an eine israelische Atombombe schon zu Frieden geführt. Aus tiefer Überzeugung, dass Israel unbesiegbar sei, gelangte vor vierzig Jahren der ägyptische Präsident Anwar el-Sadat zu der Überzeugung, lieber Frieden zu schließen, als einen weiteren Krieg zu riskieren. Andere arabische Staaten, darunter das besonders feindselige Syrien, vermeiden vermutlich aus gleichem Grund seit 1973 eine direkte militärische Konfrontation mit Israel.

Die tatsächlich existierende oder vermeintliche Atombombe dient Israel allein der Abschreckung. Im Widerspruch zu den weltweiten Spekulationen könnte man daher genauso gut die gegenteilige These aufstellen: Angenommen, Israel besäße gar keine Atombombe und würde durch Inspektoren gezwungen, dies offenzulegen. Die Folgen wären verheerend. Denn der Iran oder feindselige arabische Staaten könnten versucht sein, das verwundbare Israel anzugreifen – oder Israel müsste mit größter Eile Atomsprengköpfe herstellen, einen Nukleartest durchführen und sich offiziell unter die Atommächte einreihen.

Hatte Atomspion Vanunu stichhaltige Beweise?

An dieser Stelle muss Mordechai Vanunu erwähnt werden, jener Israeli, der im Atomreaktor von Dimona gearbeitet und 1986 der britischen Zeitung „Sunday Times“ Skizzen und Fotos vom Innern des Reaktors gegen Bezahlung überreicht hat. Experten streiten sich, ob Vanunu stichhaltige Beweise für den Bau von Massenvernichtungswaffen geliefert hat. In jedem Fall hat Vanunu gegen die ihm auferlegte Geheimhaltung verstoßen und Hochverrat begangen. Der Mossad lockte ihn mit der Agentin „Cindy“ nach Rom und entführte ihn nach Israel, wo er zu einer 18-jährigen Gefängnisstrafe in Isolierhaft verurteilt worden ist. Inzwischen wieder auf freiem Fuß lebt der zum Christentum konvertierte Vanunu in Jerusalemer Kirchen. Er darf bis heute nicht das Land verlassen und nicht mit ausländischen Journalisten reden. Weil er das dennoch tut, wurde er öfter verhaftet und verwarnt. Vanunu weigert sich heute, Hebräisch zu sprechen und beantwortet Fragen in schlechtem Englisch mit einem starken hebräischen Akzent. In die deutsche Erlöserkirche ziehe es ihn wegen seiner „Vorliebe für die Oper“, so Vanunu. In jedem Fall ist er ein „komischer Kauz“.

Vanunu rechtfertigte seinen Hochverrat mit dem Wunsch, einen Beitrag zur atomaren Abrüstung zu machen. Doch in diesem Fall hat er eher die Existenz des Staates Israel gefährdet, indem er die Politik der Doppeldeutigkeit zwecks Abschreckung in Frage gestellt hat.

Wegen seiner geringen Größe gilt Israel als ein „One-Bomb-Land“, als Staat, der mit einer einzigen Atombombe ausgelöscht werden könnte. Das ist neben historischen Traumata der Grund, weshalb Israel mit einem enormen finanziellen Aufwand zusammen mit den USA das modernste Raketenabwehrsystem entwickelt und sich in Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik Deutschland durch eine kleine U-Boot-Flotte die Option für einen Zweitschlag erworben hat.

Von: Ulrich W. Sahm

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