„Wenn es jemals einen demografischen Kampf gegeben hat, so ist er jetzt vorbei“, sagt ein israelischer Professor

„Wenn es jemals einen demografischen Kampf gegeben hat, so ist er jetzt vorbei“, sagt ein israelischer Professor

„Es ist unpatriotisch, viele Kinder zu bekommen“

Lange galt es als Ur-Dilemma des israelischen Staates, zugleich jüdisch und demokratisch sein zu wollen. Zahlen zeigen aber, dass sich das Problem selbst zu erledigen scheint. Ein Professor aus Tel Aviv fordert die jüdischen Israelis sogar dazu auf, sich weniger stark zu vermehren.

Demografie hat mit Politik zu tun – ziemlich viel sogar. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass es in nahezu jedem Staat der Welt ein Ministerium eigens für die Angelegenheiten von Familien gibt. In Deutschland traut man sich eher weniger, von einer steuernden, aktiven Bevölkerungspolitik zu reden. In Israel tut man dies dafür umso mehr.

Schon Staatsgründer David Ben-Gurion ermutigte die Juden einst, viele Kinder zu bekommen – damit Israel auch in Zukunft in seiner gewünschten Form existieren kann. Denn es gilt seit jeher als Ur-Dilemma Israels, zugleich jüdisch und demokratisch sein zu wollen.

Auch Anhänger der Zwei-Staaten-Lösung benutzen diese israelische Zwickmühle gerne, um für die Gründung eines zweiten, islamisch-palästinensischen Staates neben Israel zu argumentieren. So erklärte der ehemalige US-Außenminister John Kerry Ende 2016 beispielsweise, wenn es auf einen einzigen Staat hinauslaufe, könne Israel „entweder jüdisch sein oder demokratisch“, aber keinesfalls beides – weil die arabisch-israelische Bevölkerung, so die Annahme, die jüdisch-israelische eines Tages zahlenmäßig übertrumpfen werde.

Das Demografie-Phantom

Die Angst vor einer demografischen „Zeitbombe“ gehörte schon immer zu den grundsätzlichsten Sorgen der Israelis und scheint in Israels Gesellschaft und Politik noch immer weit verbreitet zu sein. Ein Blick auf Zahlen und Statistiken lässt sie jedoch unbegründet erscheinen.

Israel hat derzeit laut Angaben des israelischen Statistikamtes 8,7 Millionen Bürger. 74,5 Prozent von ihnen sind jüdischer Abstammung, 20,9 Prozent haben einen arabischen Hintergrund, meist sind sie Muslime. Zwar hat der Anteil der Araber an der Gesamtbevölkerung in der Vergangenheit leicht zugenommen. Alle offiziellen Statistiken zeigen aber, dass dieser Trend deutlich abflacht. In Zukunft könnte er sich sogar ins Gegenteil umkehren, wie sich aus der Entwicklung der Fertilitätsraten schließen lässt.

Zwar gebaren jüdische Israelinnen Anfang der 60er Jahre mit durchschnittlich 3,85 noch mehr Kinder, als sie es heute tun (2016: 3,29). Bei der muslimischen Bevölkerung mit israelischem Pass ging die Fertilitätsrate im gleichen Zeitraum jedoch ungleich stärker zurück - von damals 9,23 auf heute 3,29 Kinder pro Frau. Im Jahr 2016 pendelte sich die Fertilitätsrate der gesamten arabischen Israelis mit 3,11 sogar erstmals unter dem jüdischen Niveau ein.

Extremes Bevölkerungswachstum könnte zum Problem werden

Professor Alon Tal, Leiter des Fachbereichs Politik an der Universität Tel Aviv, erklärte angesichts dieser Zahlen jüngst laut der Tageszeitung „Jerusalem Post“: „Wenn es jemals einen demografischen Kampf (mit den Arabern, Anm. d. Red.) gegeben hat, so ist er jetzt vorbei.“ Die Juden hätten das Rennen gegen die Araber gewonnen, sagte Tal, der sich laut der Tageszeitung „Ha'aretz“ selbst als „hartnäckiger Zionist“ bezeichnet, der Frieden herstellen wolle zwischen der zionistischen Vision („Bevölkert das Land!“) und der Umwelt.

Eine Annahme, die sich auch mit offiziellen Demografievoraussagen, etwa vom Mai 2017, deckt, als das israelische Statistikamt den Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung im Jahr 2065 laut „Arutz Sheva“ auf 81 Prozent und damit auf über sechs Prozentpunkte mehr im Vergleich zum heutigen Wert prognostizierte.

Sorgenvoll blickt Tal, der aus North Carolina stammt und in Harvard promovierte, daher in erster Linie auf einen ganz anderen Aspekt der demografischen Entwicklung. Das Bevölkerungswachstum ist im Vergleich zu anderen Ländern der entwickelten Welt derart hoch, dass es katastrophale Folgen nach sich ziehen könne. Das prozentuale Bevölkerungswachstum Israels nahm in den vergangenen Jahren konstant zu, lag im Jahr 2016 bei 1,97 Prozent. Laut genannter Prognose könnten daher im Jahr 2065 bereits 20 Millionen Menschen die israelische Staatsangehörigkeit besitzen und damit weitaus mehr als doppelt so viele wie heute.

Abtreibungsgesetze lockern?

„Wir sind im Grunde genommen auf einem Laufband, das schneller und schneller wird, und die Lücke zwischen Infrastruktur-Nachfrage und -Angebot wird größer und größer“, gibt Tal deswegen zu bedenken. Zwar seien sich die Israelis verstärkt des Problems bewusst – der beschränkten Zugänglichkeit von Ressourcen, überfüllter Krankenhäuser, Klassenzimmer und Straßen – dennoch sei es vor allem am israelischen Staat, seine Politik radikal umzustellen. Er müsse sich aus den Schlafzimmern zurückziehen.

Statt Anreize zu schaffen, viele Kinder zu bekommen, solle der Staat die Geburtenkontrolle stärken und Abtreibungsgesetze lockern. Und den Kindern müsse bereits „im jungen Alter“ beigebracht werden, „dass es genau richtig ist, zwei Kinder zu haben“, fordert Tal heute, der sich nach eigenen Angaben einst selbst wünschte, einmal sechs Kinder zu haben. Bisher sei es noch ein Tabu, darüber zu sprechen, keine Kinder zu bekommen. „Aber in unser entwickelten Welt ist es einfach, Tabus zu brechen.“

Es gelte zu verstehen, „dass das, was einst als absolut patriotisch galt – viele Kinder zu bekommen – heute eine unpatriotische Sache ist, weil es dem allgemeinen Nutzen schadet“. Doch davon, meint Tal, müssten vor allem ultra-orthodoxe und konservative Kräfte noch überzeugt werden. Bei der Jugend hingegen stoße er schon jetzt auf offenere Türen. Zu einer zwanghaften Ein-Kind-Politik, wie sie etwa China lange Zeit betrieb, solle sein Engagement am Ende jedoch nicht führen, beteuert Tal.

Von: Sandro Serafin

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