Die Kette der Tage

Die Omerzeit verbindet Pessach mit dem Wochenfest Schavuot. Dabei spielt die Getreideernte eine besondere Rolle.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Das Pessachfest feiert nicht nur den Auszug auch Ägypten, es ist auch ein landwirtschaftliches Erntedankfest für die Erstlingsfrüchte im Land Israel. Im Ährenmonat, den wir als Nissan kennen, beginnt die Ernte.

Der Nissan ist der erste Monat des religiösen jüdischen Kalenders und fällt meist in den Zeitraum März bis April. Der Name Nissan ist babylonischen Ursprungs; die Juden führten ihn ein, als sie aus dem babylonischen Exil zurückkehrten.

Mehrere Bedeutungen

Nissan hat mehrere Bedeutungen, die hauptsächlich im jüdischen Kontext verwurzelt sind. Der Name wird oft mit dem hebräischen Wort Nissim in Verbindung gebracht, was „Wunder“ bedeutet. Er steht für göttliches Eingreifen, denn Im Monat Nissan zogen die Israeliten aus Ägypten in ihre Freiheit. Nissan markiert den Neubeginn und Erlösung. Einige leiten den Namen vom hebräischen Wort Nizan ab, was „Knospe“ bedeutet, so wie es im Hohelied heisst: Hanizanim Niru Ba’aretz, die Knospen werden im Lande sichtbar.

Noch bevor von dem neu geernteten Getreide Brot gebacken oder auch nur geröstete Ähren auf dem Feld gegessen werden durften, mussten die erste Früchte als Gabe in den Tempel gebracht werden (3. Mose 23,9–14):

Und der HERR redete zu Mose: Rede zu den Söhnen Israel und sage zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, und ihr seine Ernte erntet, dann sollt ihr eine Garbe der Erstlinge eurer Ernte zum Priester bringen. Und er soll die Garbe vor dem HERRN schwingen zum Wohlgefallen für euch; am andern Tag nach dem Sabbat soll der Priester sie schwingen. Und ihr sollt an dem Tag, an dem ihr die Garbe schwingt, ein einjähriges Lamm ohne Fehler zum Brandopfer für den HERRN opfern; und sein Speisopfer: zwei Zehntel Weizengrieß, mit Öl gemengt, ein Feueropfer für den HERRN, ein wohlgefälliger Geruch; und sein Trankopfer: ein viertel Hin Wein. Und Brot und geröstete Körner und Jungkorn dürft ihr nicht essen bis zu ebendiesem Tag, bis ihr die Opfergabe eures Gottes gebracht habt: eine ewige Ordnung für eure Generationen in all euren Wohnsitzen. (Elberfelder Bibel)

Und weiter heißt es (23,14–22):

Und ihr sollt für euch zählen von dem Tag nach dem Sabbat, von dem Tag, an dem ihr die Garbe fürs Schwingopfer gebracht habt: Es sollen sieben volle Wochen sein. Bis zum andern Tag nach dem siebten Sabbat sollt ihr fünfzig Tage zählen. Dann sollt ihr dem HERRN ein neues Speisopfer darbringen. Aus euren Wohnungen sollt ihr Brot fürs Schwingopfer bringen, zwei von zwei Zehnteln Weizengrieß sollen es sein, gesäuert sollen sie gebacken werden, als Erstlinge für den HERRN. Und ihr sollt zu dem Brot hinzu sieben einjährige Lämmer ohne Fehler darbringen und einen Jungstier und zwei Widder, sie sollen ein Brandopfer für den HERRN sein, dazu ihr Speisopfer und ihre Trankopfer: ein Feueropfer als wohlgefälliger Geruch für den HERRN. Und ihr sollt einen Ziegenbock zum Sündopfer opfern und zwei einjährige Lämmer zum Heilsopfer. Und der Priester soll sie schwingen mit dem Erstlingsbrot als Schwingopfer vor dem HERRN, mit den zwei Lämmern; sie sollen dem HERRN heilig sein für den Priester. Und ihr sollt an ebendiesem Tag einen Ruf ergehen lassen – eine heilige Versammlung soll euch sein. Keinerlei Dienstarbeit dürft ihr tun: eine ewige Ordnung in all euren Wohnsitzen für eure Generationen. – Und wenn ihr die Ernte eures Landes erntet, darfst du den Rand deines Feldes nicht vollständig abernten, und du sollst keine Nachlese deiner Ernte halten; für den Elenden und für den Fremden sollst du sie lassen. Ich bin der HERR, euer Gott.

Form und Menge dieser Gabe, die dem Priester überreicht wurde, war ein Omer, deutsch: eine Garbe. Sie wurde in einer feierlichen Zeremonie überreicht, begleitet von weiteren Opfergaben.

Auch das Schneiden der Garbe war und ist noch immer eine feierliche Handlung. Es findet nach dem ersten Tag des Festes der ungesäuerten Brote statt, wenn es Abend wird. Von den sieben Tagen, die die Tora für das Pessachfest vorschreibt, darf weder am ersten noch am letzten Tag gearbeitet werden (3. Mose 23,7–8).

An den dazwischenliegenden Tagen, Chol haMoed, darf gearbeitet werden. Aber alle anderen Vorschriften bezüglich der ungesäuerten Brote sowie das Verbot von Chamez, dem Sauerteig, bleiben in Kraft. Der erste und der siebte Tag gleichen einem Schabbat, entsprechend werdenKerzen angezündet:„Gesegnet seist Du, Ewiger, unser G’tt, König der Welt, der uns durch Seine Gebote geheiligt und uns befohlen hat, das Licht des Feiertages anzuzünden“.

Feierlicher Beginn der Zählung

Am Tag nach diesem Schabbat des Pessachfestes wird die Omergabe in einer feierlichen Zeremonie dargeboten. Das Omerzählen beginnt nach diesem feierlichen Akt: Sieben Wochen mit insgesamt 49 Tagen.

Die Omerzeit schließt am 50. Tag mit einer weiteren Feier ab. Die Erntezeit ist vorangeschritten, der Weizen ist reif. Auch von ihm wurde im jüdischen Tempel eine Garbe erbracht: Zwei Brotlaibe aus Weizenmehl, jetzt wieder mit Hefe und je aus einer Garbe gebacken. Auch zu diesem Anlass wurden weitere Opfergaben erbracht.

Das nach sieben Wochen abschließende Fest wird als „Wochenfest“ bezeichnet. Das christliche Pfingstfest hat seinen Namen nach dem griechischen Wort pentecoste erhalten, es fällt ebenfalls – nach Ostern – auf einen 50. Tag. Schawuot, das Wochenfest, schließt die Omerzählung sowie das Einholen der Getreideernte ab.

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Für das Wochenfest hat die Hebräische Bibel den fünfzigsten Tag festgesetzt, der vom 16. Nissan gezählt werden muss. Nun begegnen wir folgender Gegebenheit: Ein Monat hat so viele Tage, wie der Mond für seinen vollständigen Lauf um die Erde braucht, dies sind 29,5 Tage.

Aus nachvollziehbaren Gründen kann ein Monat nicht mitten an einem Tag beginnen, ein Problem, das sich auch beim Omerzählen stellt. Hätte man die Monatslänge auf 29 oder 30 Tage angesetzt, hätte dies zur Konsequenz gehabt, dass Schawuot, das Wochenfest, nicht immer auf das richtige Datum gefallen wäre. Dies erklärt, warum die Hebräische Bibel den fünfzigsten Tag nach dem Tag des Garbenopfers bestimmt hat. Diese Zählung verdeutlicht und unterstreicht, wie eng in der Tora das Pessach- und Wochenfest verbunden sind.

Der jüdische Kalender

Ursprünglich wurde der jüdische Kalender durch Beobachtung des Neumonds und von Zeugenaussagen bestimmt. Im Jahr 359/360 nach der Zeitrechnung führte Hillel II. – auch Hillel der Jüngere genannt und seinerzeit Präsident des Sanhedrins, des jüdischen Obersten Gerichts – einen berechneten Kalender ein, aus folgenden Gründen: Die jüdische Diaspora und die unsichere politische Lage machten es schwierig, die Feiertage nach der physischen Beobachtung des Neumonds eindeutig festzulegen.

Grundlage des jüdischen Kalenders ist das sogenannte Lunisolarjahr: Die Monate werden nach dem Mond berechnet, das Jahr dagegen folgt einem Sonnenrhythmus. Entsprechend dem Umlauf des Mondes ist ein jüdischer Monat 29 oder 30 Tage lang; zwölf Monate bilden ein Jahr, das dementsprechend aus 354 Tagen besteht.

Im Vergleich zum Sonnenjahr ist das eine Differenz von elf Tagen. Damit sich Festtage nicht gegenüber den Jahreszeiten verschieben, wird in manchen Jahren ein 13. Monat eingeschoben. In einem Zyklus von 19 Jahren gibt es sieben solche Schaltjahre, in jedem dritten, sechsten, achten, elften, vierzehnten, siebzehnten und neunzehnten Jahr. Im Schaltjahr wird zwischen Schwat und Adar ein Monat von 30 Tagen eingeschoben, der als Adar I bezeichnet wird. Aus dem eigentlichen Adar wird Adar II oder Adar scheni. Alle Feier- und Gedenktage, die auf den Monat Adar fallen, werden im Adar II begangen.

Hillels Kalender ermöglichte fortan, die jüdischen Feiertage, insbesondere Pessach, über 3.000 Jahre im Voraus zu berechnen, indem er Mond- und Sonnenjahr durch Schaltmonate synchronisiert. Die Zählung der Jahre im jüdischen Kalender beginnt nach Überlieferungen mit der Schöpfung der Welt, was dem Jahr 3761 vor der Zeitrechnung entspricht.

Auch in der Synagoge findet beim Abendgebet das Omerzählen statt, im Allgemeinen nach Einbruch der Nacht, mit einer Ausnahme: Am Freitagabend ist die Omerzählung zu Beginn des Schabbat, somit vor Einbruch der Nacht.

Nicht an Synagoge gebunden

Grundsätzlich ist das Omerzählen nicht an eine Synagoge gebunden, man kann überall und jederzeit zählen, selbst am nächsten Tag, sollte man es am Abend zuvor vergessen haben. In diesem Falle geschieht es ohne Segensspruch, da man die Pflicht nicht zum richtigen Zeitpunkt erfüllt hat. Wichtig ist, dass kein Tag ausgelassen wird, denn das würde die Kette der Tage unterbrechen.

In Synagogen findet man als Erinnerungsstütze während der Omerzeit sogenannte Omertabellen, kalendarische Blätter, von denen die Gläubigen allabendlich das Zählen des folgenden Tages ablesen können. Für das feierliche Zählen hat sich eine eigene Liturgie herausgebildet. Man spricht nach dem Zählen ein kurzes Gebet und liest Psalm 67, denn dieser besteht im hebräischen Originaltext nach Vers 1, dem Titel, aus exakt neunundvierzig Worten, auf Deutsch lautet er:

Gott sei uns gnädig und segne uns, er lasse sein Angesicht leuchten über uns, // dass man auf der Erde erkenne deinen Weg, unter allen Nationen deine Hilfe! Es sollen dich preisen die Völker, Gott; es sollen dich preisen die Völker alle. Es sollen sich freuen und jubeln die Völkerschaften; denn du wirst die Völker richten in Geradheit, und die Völkerschaften auf der Erde – du wirst sie leiten. // Es sollen dich preisen die Völker, Gott; es sollen dich preisen die Völker alle. Die Erde gibt ihren Ertrag; Gott, unser Gott, wird uns segnen. Gott wird uns segnen, und alle Enden der Erde werden ihn fürchten.

Die rabbinische Literatur und der Talmud betrachten das Wochenfest als so eng mit dem Pessachfest verbunden, dass sie es ­zusätzlich zu seinem biblischen Namen Chag Schawuot, auch mit Azeret, als „Abschluss“ anführen. Das ist nicht zu verwechseln mit Chag haAzeret, dem siebten Tag des Pessachfestes, oder Schemenini Chag haAzeret, dem Tag des Schlussfestes von Sukkot, dem Laubhüttenfest.

Das Buch Ruth wird am zweiten Tag des Wochenfestes in der Synagoge gelesen. Die biblische Erzählung spielt im Zeitraum zwischen Gersten- und Weizenernte, was die Verbindung zur Erde, den Jahreszeiten und Landwirtschaft im Land der Vorfahren erinnert und betont.

Traurige Omerzeit

Dennoch ist die 49-tägige Omerzeit im jüdischen Leben kein Freudenfest, denn während der römischen Herrschaft starben in dieser Zeit zahlreiche Schüler von Rabbi Akiba. Er gehört zu den bedeutendsten Vätern des rabbinischen Judentums.

Rabbi Akiba, auch Akiva, spielte eine zentrale, geistige Rolle im Bar-Kochba-Aufstand (132–136), dem zweiten großen jüdischen Krieg gegen das Römische Reich. Rabbi Akiba gehört zu den Asseret Harugei Malchut, den Zehn Märtyrern, die unter Kaiser Hadrian getötet wurden. Tiefe Trauer trübte die Freude über den Jahresbeginn, gefolgt von der Verbannung, der Beginn der jüdischen Diaspora.

Verfolgungen haben die Omerzeit oft überschattet. Das Mittelalter hat blutige Spuren in jüdischen Gemeinden hinterlassen; man denke an das Unheil, das auch der 1. Kreuzzug über die sogenannten SchUM-Gemeinden, die jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz, gebracht hat. Der Begriff ist ein Akronym aus den hebräischen Anfangsbuchstaben von Schpira (Speyer), Warmaisa (Worms) und Magenza (Mainz).

Tragische Ereignisse erklären die schwermütige Stimmung zwischen Pessach und Schawuot. Die Leiden jener Zeit wurden in Trauerliedern verewigt und der Nachwelt hinterlassen. Aber auch die jüngere und jüngste Geschichte liefert immer wieder Stoff für Klagelieder.

Keine Trauungen

Während der Omerzeit werden keine Ehen geschlossen. Männer geben sich weniger Mühe bei der Bart- und Haarpflege, mit Ausnahme der Tage, die noch in den Monat Nissan fallen, denn im Nissan überwiegt noch die Freude die Trauer. Das gilt auch die letzten drei Tage der Omerzeit, die bereits das Licht des bevorstehenden Wochenfestes erhellen; denn die drei Tage vor der Offenbarung am Sinai waren Tage der Vorbereitung, Absonderung und Weihe (siehe 2. Mose 19,11–16).

(…) damit sie für den dritten Tag bereit sind; denn am dritten Tag wird der HERR vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai herabsteigen. Darum zieh eine Grenze rings um das Volk und sage: Hütet euch, auf den Berg zu steigen oder ⟨auch nur⟩sein Ende zu berühren! Jeder, der den Berg berührt, muss getötet werden. Keine Hand darf ihn berühren, denn ⟨sonst⟩muss er gesteinigt oder erschossen werden; ob Tier oder Mensch, er darf nicht am Leben bleiben. ⟨Erst⟩wenn das Widderhorn anhaltend ertönt, sollen sie zum Berg hinaufsteigen. Darauf stieg Mose vom Berg zu dem Volk hinab; und er heiligte das Volk, und sie wuschen ihre Kleider. Dann sagte er zum Volk: Haltet euch für den dritten Tag bereit! Nähert euch keiner Frau! Und es geschah am dritten Tag, als es Morgen wurde, da brachen Donner und Blitze los, und eine schwere Wolke ⟨lagerte⟩auf dem Berg, und ein sehr starker Hörnerschall ⟨ertönte⟩, sodass das ganze Volk, das im Lager war, bebte. 

Diese drei Tage heißen im jüdischen Festkalender Scheloschet Jamei haGbala, die „drei Tage der Umfriedung“. Ein weiterer Tag, der während der Omerzeit von der Trauer ausgenommen ist, ist der 33. Tag der Omerzählung, hebräisch: Lag BaOmer. Gemäß der Überlieferung herrschte eine Plage im Land und an jenem Tag hörte das Sterben unter Rabbi Akibas Schülern auf.

Lag BaOmer fällt in diesem Jahr auf den 5. Mai. Es ist ein Halbfeiertag, in Israel wird er feierlich begangen. Zum Gedenken an dieses wundersame Ereignis werden nachts Freudenfeuer entzündet, um den Himmel zu erhellen, als wäre es noch Tag. Der chassidische Text „Bnei Jisaschar“ (Ijar 3,3) schreibt auch, dass an jenem Tag viele verborgene Geheimnisse enthüllt wurden, die die Welt erleuchteten. Juden und Jüdinnen entzünden an Lag BaOmer ein Feuer zum Gedenken an das Licht der Tora.

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