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Der Monat, in dem sich Schmerz in Trauer verwandelte

Tagelang haben wir um eine Entscheidung gerungen. Purim, das Losfest, feiern oder nicht? Noch immer sind wir im Krieg, Menschen sterben, und noch immer sind 134 unserer Landsleute als Geiseln in Gaza. Steht es uns zu, Freude zu empfinden? Darauf gibt es keine einfachen Antworten.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Seit Monaten funktionieren wir, drücken unsere Gefühle weg, lassen es nicht zu, dass der Schmerz über die Geschehnisse am 7. Oktober, die Toten auf beiden Seiten, die Sorge um die Geiseln, die Trauer um die gefallenen Soldatinnen und Soldaten sowie Zukunftsängste uns übermannen und beherrschen. Grauenhafte Bilder der Hamas-Gräueltaten holen uns immer wieder ein. Ich bin Journalistin und lizensierter Tour Guide in Israel. Im Rahmen meiner Arbeit für die Hadassah-Organisation komme ich seit letztem Oktober oft mit Hamas-Terroropfern und schwer verletzten Soldatinnen und Soldaten zusammen.

Auch das hinterlässt Spuren. Meine Freundinnen engagieren sich seit Monaten als freiwillige Erntehelferinnen, und wo immer sie sich nützlich machen können in Zeiten des Krieges. Wir sind uns einig, auch wir brauchen mal ein Ventil, um unseren Gefühlen freien Lauf lassen zu können. Die Entscheidung steht fest. Wir werden Purim feiern. Montagmorgen, Aufbruch gegen 10 Uhr von Mevaseret Zion per Bus nach Jerusalem, wo das Purim-Fest einen Tag später gefeiert wird.

In Städten, die zur Zeit Josuas, Sohns Nuns, durch eine Umfassungsmauer geschützt waren, wurde Purim am 15. des Monats Adar gefeiert, dem sogenannten Schuschan Purim, da die Kämpfe in der ummauerten Stadt Schuschan (Susa) bis zum 14. Tag des Monats Adar andauerten. Dies ist in Jerusalem der Fall, wo die Altstadt noch immer von Mauern umgeben ist. Purim ist ein Freudenfest, es erinnert an die Errettung des jüdischen Volkes im 5. Jahrhundert vor der Zeitrechnung aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora, dem Achämenidenreich.

Das Buch Esther berichtet, dass Haman sein Amt als höchster Regierungsbeamter des persischen Königs Ahaschverosch, hebräisch für Xerxes I., selbstsüchtig ausnutzte. Die königliche Dienerschaft musste vor Haman niederknien. Esters Cousin und Adoptivvater Mordechai verweigerte sich als Jude dieser Demutsgeste. Haman raste vor Wut und beschloss aus Rache die Tötung aller Juden im persischen Reich.

Fasten vor der Festfreude

Der genaue Zeitpunkt, der 13. Adar, wurde durch das Los bestimmt – daher auch der Name Purim, „Lose“ und entlehnt aus dem Akkadischen. Esther, Ahaschveroschs Ehefrau – ihr hebräischer Name ist Hadassah und bedeutet Myrte – gibt ihre wahre Identität als Jüdin preis und ergreift mutig die Initiative zur Rettung der Juden. Statt der Juden wurden letztendlich alle Unterstützer Hamans umgebracht. Mordechai und Esther schrieben die Ereignisse ihrer Rettung auf, sandten einen Brief an die jüdischen Gemeinden in allen Provinzen und bestimmten, ihre Rettung in Zukunft mit dem Purim-Fest zu feiern.

In Esther 9,20–22 heißt es: „Mordechai schrieb diese Geschichten auf und sandte Schreiben an alle Juden, die in allen Provinzen des Königs Ahasveros waren, nah und fern, sie sollten als Feiertage den vierzehnten und fünfzehnten Tag des Monats Adar annehmen und jährlich halten als die Tage, an denen die Juden zur Ruhe gekommen waren vor ihren Feinden, und als den Monat, in dem sich ihr Schmerz in Freude und ihr Leid in Festtage verwandelt hatten: dass sie diese halten sollten als Tage des Festmahls und der Freude und einer dem andern Geschenke und den Armen Gaben schicke.“

Am Tag vor Purim wird gefastet. Auch das soll an die Königin Esther erinnern, die Juden aufrief, zu fasten, um sie bei ihrem Unternehmen zu unterstützen. An Purim selbst geht es ausgelassen zu: Schon in der Synagoge, wenn der Rabbi die Esthergeschichte verliest, wird jedesmal, wenn der Name des Judenhassers Haman fällt, ohrenbetäubender Lärm gemacht, ob mit dem Aufstampfen der Füße, Rasseln, Ratschen oder kleinen Trompeten. In vielen jüdischen Gemeinden spielen Kinder die Esthergeschichte begeistert nach.

Dies beruht auf dem Befehl G-ttes, den Namen Amaleks, eines Vorfahren Hamans, auszulöschen. Amalek hatte die Israeliten auf ihrem Weg in das Verheißene Land überfallen.

Purim in Mea Schearim

Wir beginnen unseren Streifzug in Mea Schearim, somit in einem ultra-orthodoxen Viertel, einst entworfen von Conrad Schick, einem deutschen protestantischen Architekten. Schick fertigte 1846 den ersten Entwurf für Mea Schearim, hebräisch für „100 Tore“ an, eine der ersten jüdischen Siedlungen außerhalb der Jerusalemer Altstadtmauern.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Verkleidete in Mea Schearim

Gestalten in farbenfrohen Kostümen huschen durch die Straßen und engen Gassen, Geschäfte unterbieten sich mit Sonderangeboten für Weine und alkoholische Getränke.

Für Purim gelten sieben Pflichten. Eine lautet, viel Wein zu trinken, gemäß jüdischer Gelehrter: „Jeder muss so viel Wein trinken, bis er nicht mehr unterscheiden kann zwischen ‚Verflucht sei Haman‘ und ‚Gelobt sei Mordechai‘“ – möglichst viele „l’Chaims“, der hebräische Trinkspruch „Aufs Leben!“ zu trinken. Und sich den Bauch mit Hamantaschen vollzuschlagen, ein traditionelles süßes Gebäck aus Hefe- oder Strudelteig, das mit Mohn gefüllt ist.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Weintrinken ist angesagt

Ihre dreieckige Form soll an Hamans Ohren, hebräisch „Osnej Haman“, erinnern, die der Bösewicht bei seiner Hinrichtung verloren haben soll. An Purim ist es Tradition, Geschenk-Boxen mit Hamantaschen an Bedürftige zu verteilen, „Matanot LaEwjonim“. Üblich sind auch Geldspenden an mindestens zwei Personen, Freunde und Verwandte eingeschlossen.

Wir werden argwöhnisch beäugt und unsere Wünsche „Purim sameach“ nur vereinzelt erwidert. Kinder starren uns an, als seien wir Außerirdische. An einer Kreuzung braut sich Ärger zusammen, ein Haredi beschimpft lautstark einen älteren säkularen Juden und seine Begleiterin, spuckt beide an. Auch meine Freundinnen trifft sein Wutausbruch, als Zeichen seiner Verachtung spuckt er auch ihnen vor die Füße. Mich verschont er, aus welchem Grund auch immer.

Einige Orthodoxe beschämt sein Verhalten, sie versuchen, ihn zu beruhigen. Wir bleiben ruhig, lassen uns nicht provozieren und setzen unseren Weg in Richtung Jaffa-Straße fort.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
„Auch wenn ich fiele (in den Abfalleimer), würde ich aufstehen!“

Tausende Zuschauer säumen bereits die beiderseitigen Absperrungen entlang der Straße, wo in wenigen Minuten die Ankunft des Purim-Umzugs erwartet wird. Ein großes Polizeiaufgebot soll für unsere Sicherheit sorgen. Unzählige Rettungswagen stehen für den Ernstfall bereit.

Der früher als „Adlojada“ bekannte und beliebte Purim-Umzug fand das bislang letzte Mal vor 42 Jahren in Jerusalem statt. Purim 2024 führen Soldatinnen und Polizistinnen ihn an, gefolgt von einigen Familien der von der Hamas in Gaza festgehaltenen Geiseln. Das gelbe Band – als politische Forderung an Premier Benjamin Netanjahu und an die Regierung zur baldigen Rückführung der Geiseln – tragen sie vor sich her.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Alles hat seine Zeit: Fröhlich Feiernde in Simpsons-Verkleidung

Familienmitglieder der Geiseln Lior Rudaeff, Roni Gonen, Carmel Gat, Omer Schem-Tov, Ofer Kalderon, Tal Schoham, Uriel Baruch und Itzik Elgarat ergreifen das Wort. Sie sprechen über ein Megafon zu uns, gefolgt von eindringlichen Appellen an Netanjahu, sich intensiver für die Freilassung der Geiseln einzusetzen. Mir steigen Tränen auf und für einen Moment fühlt sich alles so irreal an.

Freude und tiefer Schmerz liegen nah beieinander, besonders heute, an Purim. Eine Achterbahn der Gefühle. Auch andere wischen sich die Tränen weg. Im Umzug marschieren auch Künstlerinnen und Künstler aus Orten nahe des Gazastreifens, evakuierte Israelis aus Nordisrael sowie Familien von Reservisten der israelischen Streitkräfte. Dieser Purim-Umzug ist auch ein Trauer-Umzug, eine Solidaritätsbekundung.

Unsere Freundin Monica verabschiedet sich plötzlich. Wir sind etwas überrascht. Wie sie uns später in einer WhatsApp schreibt, ist heute nicht ihr bester Tag. Wen wundert es.

Geiselplakat in der Bar

Wir treffen auf Dani, einen langjährigen Bekannten meiner Freundin Eva. Dani ist als Kind mit seinen Eltern aus der Sowjetunion nach Israel eingewandert. Wir drei ziehen gemeinsam weiter. Von der Jaffa-Straße in den Mahane-Jehuda-Markt. Wir machen einen Stopp in einer kleinen Bar.

Meine Freunde trinken – wie Purim uns gebietet – Alkohol, ich entscheide mich für einen Kaffee. Auf dem Tresen steht eine Fotografie eines jungen Mannes. Er war Mitarbeiter in der Bar, nun ist er in Gaza. Beklommenheit steigt in mir auf, am liebsten würde ich unseren Streifzug nun abbrechen. Meine Freunde überzeugen mich, es nicht zu tun. Wir erreichen die Partyzone. In der Agrippa-Straße und im benachbarten Stadtteil Nachlaot heizen DJs der Menge mit Techno Beats ein. Auch wir lassen uns von der Musik mitreißen und tanzen. Wie Tausende anderer Israelis, lassen auch wir unseren angestauten Gefühlen an diesem Purim Fest freien Lauf.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Ein Mitarbeiter der Bar befindet sich in Geiselhaft

Eva, sie ist wie ich lizensierter Tour Guide in Israel, wird sich auch in den nächsten Wochen und Monaten als freiwillige Erntehelferin engagieren. Neben meiner journalistischen Arbeit betreue ich internationale Delegationen und Solidaritätsgruppen im Namen der Hadassah-Organisation, führe unsere Gäste durch die Hadassah-Krankenhäuser und im Besonderen durch das neue Rehabilitations-Zentrum. Ich werde weiterhin mit Hamas-Terroropfern und verletzten israelische Soldatinnen und Soldaten im Rahmen meiner Arbeit für Hadassah-Krankenhaus zusammenkommen. Unsere Realität macht keine Pause.

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5 Antworten

  1. Es ist wichtig, Purim so zu feiern wie es bestimmt ist.
    Ich hoffe auf ein kommenden „NON-KALENDER“-Purim, nämlich dann, wenn sich Geschicke im Nahen Osten und in der Weltöffentlichkeit zu Gunsten Israels wenden und die Welt Israel-freundlich wird.
    Dann werden alle „Haman“s besiegt und gewahr, dass ihnen die Feuer und Würmer drohen am Tag des Gerichts… Kein Judenhasser wird das Neue Jerusalem sehen, die zwölf Tore werden für diese verschlossen bleiben.

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  2. Wenn ich Purim google, dann kommt Fasching in Israel, viel Alkohol, viel Parties, na ja – mit dem ursprünglichen, der Freude – über die Rettung der Juden, hat das wohl wenig, bis nichts zu tun.
    L.G. Martin

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  3. In der Bar haben wir im September gesessen und uns sooo zu Hause gefühlt. Es ist so unvorstellbar und traurig- nicht nur der Terrorangriff selber, aber auch immer mehr, was in der Welt passiert. Ich verstehe, dass wir in der Endzeit sind und die Bibel ist sehr deutlich, was passieren wird. Mein Herz kommt da nicht mit, es geht so schnell. Und selbst wenn irgendwann Deitschland von der Seite Israels weicht- wir sind viele, die offen zu unsere Wurzel und Heimat stehen, tragen im Gebet mit und halten in Social Media Stand gegen Lüge und Antisemitismus.
    Am Yisrael Chai

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  4. Sie sollten das Buch Ester lesen, anstatt zu googeln. Was verstehen Sie hier nicht?

    „Aber die Juden in Susa waren zusammengekommen am dreizehnten und vierzehnten Tage und ruhten am fünfzehnten Tage, und diesen Tag machten sie zum Tag des Festmahls und der Freude. 19Darum machen die Juden, die verstreut in den Dörfern und Höfen wohnen, den vierzehnten Tag des Monats Adar zum Tag des Festmahls und der Freude und senden einer dem andern Geschenke.

    Die Juden damals haben auch gefeiert. Manche scheinen das Wort feiern mit trauern zu verwechseln.

    Gott hat Feste eingesetzt. An denen herrscht Freude. Haben Sie ein Problem damit, dass Gott offenbar Feste liebt? Jeshua hat Hochzeiten gefeiert. Da gab es sogar Alkohol. Was für ein Verbrechen von Jeshua zu feiern und zu mit zu trinken?

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  5. An Purim darf auch geweint werden. Niemand muss feiern, alle „Mentschen“ haben ein Recht auf Gefühle. Schwere Zeiten brauchen aber auch das Recht zu lachen … Gott will dass wir glücklich sind?! Die jüdischen Feste, die eigentlich auch für uns Christen gut sind, erzählen immer von der Erlösung und der Befreiung der Juden. PESSACH ESTHER alles Wunder Wunder Wunder Am Israel Chai*

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