Der Anschlag aufs King David Hotel und die missachtete Warnung

Vor 80 Jahren sprengten jüdische Untergrundkämpfer den Südflügel des Jerusalemer King David Hotels in die Luft. Sie wollten Geheimdokumente vernichten, die in die Hände der Briten gefallen waren.
Von Elisabeth Hausen
Südlicher Flügel zerstört: Das King David Hotel nach dem Bombenanschlag

Als Chaim Eitani vor 80 Jahren in Tel Aviv sieben Milchkannen von der Genossenschaft Tnuva abholte, hatte er keine Ahnung von ihrem Verwendungszweck. Er war Mitglied der jüdischen Untergrundorganisation Ezel, die gegen die britische Mandatsmacht kämpfte. Von ihr hatte er den Auftrag erhalten, die Kannen zur Bushaltestelle im Viertel Givat Herzl zu bringen; dafür brauchte er etwa eine Stunde. Sie wurden dann von anderen Ezel-Kämpfern nach Jerusalem transportiert.

„Wir wussten nicht, dass die Kannen dafür bestimmt waren, das King David Hotel zu sprengen“, sagte der heute 98-Jährige in einem Interview, das die Zeitung „Yediot Aharonot“ am 17. Juli veröffentlicht hat. „Viele Dinge wollten wir nicht wissen, alles war geheim; wir wussten schlicht, dass Kämpfer im Untergrund keine Fragen stellen. Erst nach der Sprengung des Hotels verstand ich, dass die Kannen, die ich übergeben hatte, diesem Ziel dienten.“

Ezel ist auch unter der Bezeichnung „Irgun“ bekannt. Die militante zionistische Gruppe spaltete sich 1931 von der britisch tolerierten Hagana ab. Seit 1943 führte der spätere Premierminister Menachem Begin die Organisation.

Der Anschlag auf das King David Hotel am 22. Juli 1946 zeugt von der Zerstrittenheit, die unter verschiedenen jüdischen Organisationen im britischen Mandatsgebiet Palästina herrschte. Anfangs war die Hagana, die im Gegensatz zu Ezel oder auch der Organisation Lechi als gemäßigter gilt, mit an der Planung beteiligt. Doch dann bat sie um eine Verschiebung des Termins. Ezel ließ sich darauf nicht ein und führte den Plan ohne die Hagana aus.

Britisches Verwaltungszentrum im Fokus

Im Südflügel des Hotels befand sich das Verwaltungszentrum der britischen Herrschaft in Palästina, mit Regierungssekretariat, Militärbüros und Abteilungen des Geheimdienstes. Diesem Zentrum galt der Anschlag.

Ezel wollte durch diese und andere Aktionen die Briten dazu drängen, ihre Politik des „Weißbuches“ beenden. Dieses schränkte seit 1939 die jüdische Einwanderung ins Mandatsgebiet stark ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten Schoa-Überlebende, nach Palästina zu gelangen. Doch sie wurden auf Zypern oder gar in Deutschland interniert.

Am 16. Juni 1946 hatten Untergrundkämpfer elf Brücken gesprengt. Die britische Reaktion auf die „Nacht der Brücken“ erfolgte am 29. Juni: 17.000 Soldaten stürmten 27 Ansiedlungen, die als Hagana-Stützpunkte gekennzeichnet waren. Es gab etwa 2.700 Festnahmen. Die Behörden beschlagnahmten auch Geheimdokumente der Jewish Agency. Diese wollte Ezel mit dem Anschlag vernichten.

Warnungen ignoriert

In Jerusalem wurden die Milchkannen mit Sprengstoff gefüllt. Dann schmuggelten Ezel-Kämpfer sie, als Araber verkleidet, ins King David Hotel. Sie deponierten sie im Keller in der Nähe von tragenden Säulen. Nachdem sie einen Zeitzünder aktiviert hatten, gab die militante Organisation telefonische Warnungen durch: an das Hotel selbst, die Zeitung „Palestine Post“ und das französische Konsulat. Dies geschah 25 Minuten vor der Zündung.

Die im September 2019 mit 93 Jahren verstorbene Sarah Agassi war unter dem Decknamen „Jael“ Kommandeurin und Ausbilderin bei Ezel. Sie gehörte zu denjenigen, die im Hotel anriefen. Bis zum Schluss beteuerte sie, die Warnungen seien rechtzeitig eingegangen.

Genützt haben sie nicht. Infolge der Explosion starben 91 Menschen: 41 Araber, 28 Briten, 17 Juden und fünf Angehörige anderer Staatsbürgerschaften. Zudem gab es 45 bis 49 Verletzte, die Zahlen schwanken.

Das King David Hotel

Das 1931 eröffnete King David Hotel galt seit seiner Gründung als eine der renommiertesten Adressen Jerusalems. Nach dem Anschlag vom 22. Juli 1946 wurde der zerstörte Südflügel vorerst nicht wieder aufgebaut. Doch bis zum Ende des Mandates am 14. Mai 1948 nutzten die Briten das Hotel als Verwaltungssitz. Im Jahr 1956 erwarb die Kette „Dan Hotels“ den Komplex, der 1961 restauriert wurde.

Nach der Wiedervereinigung der Stadt infolge des Sechs-Tage-Krieges 1967 wurden drei weitere Etagen hinzugefügt. Im Gästebuch finden sich Einträge von gekrönten Häuptern ebenso wie von zionistischen und arabischen Führungspersönlichkeiten. 1986 gab sich die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher die Ehre.

Die Frage, warum das Hotel nicht evakuiert wurde, thematisierte der italienische Historiker Francesco di Palma 2021 im Gespräch mit dem „Deutschlandfunk“. Demnach gibt es zwei Erklärungen. Nach der einen hatte der höchstrangige Vertreter der britischen Regierung, Sir John Shaw, betont, er nehme keine Befehle von Juden entgegen.

„Die andere Erklärungsvariante, an die ich eher glaube, ist, dass die Leitung des King David Hotels die Warnung gar nicht ernst genommen hat“, sagte der Historiker von der Universität Wien. Sie seien davon ausgegangen, dass Irgun-Kämpfer unmöglich in das sehr stark gesicherte Gebäude gelangen „und uns irgendwie unter der Nase quasi eine Bombe irgendwo platzieren können“. Shaw indes wurde für einen Monat vom Dienst suspendiert.

Ben-Gurion: „Feinde des jüdischen Volkes“

Die Jewish Agency und der Jüdische Nationalrat verurteilten den Anschlag ebenso wie die Hagana. Er vertiefte die Spaltungen zwischen den jüdischen Untergrundorganisationen. Der damalige Leiter der Jewish Agency und spätere Staatsgründer David Ben-Gurion bezeichnete die Irgun „Feinde des jüdischen Volkes“.

Als Reaktion verhängte die Mandatsmacht Ausgangssperren und ordnete zahlreiche Hausdurchsuchungen an. Nach ihrer Aussage wurden 446 verdächtige Juden mit Verbindungen zu militanten Organisationen verhaftet.

Doch auch die britische Innenpolitik wurde in Mitleidenschaft gezogen. Oppositionspolitiker Winston Churchill stellte ein Misstrauensvotum gegen die Labour-Regierung, unter anderem wegen der Kosten des Krieges gegen den jüdischen Untergrund und der eingesetzten 100.000 Soldaten. Er fügte an: „und all das, um das Land Israel den Arabern zu geben“. Der liberal-konservative Politiker war von 1940 bis 1945 und dann wieder von 1951 bis 1955 britischer Premierminister.

Der Historiker di Palma sagte mit Bezug auf die britische Weigerung, nach dem Holocaust die Tore Palästinas für Juden zu öffnen: „Das erklärt auch, weshalb besonders die radikal eingestellten paramilitärischen Verbände, allen voran die Irgun, aber auch der Lechi, besonders feindselig eingestellt waren gegenüber der britischen Mandatsmacht, die immer wieder jüdische Kämpfer für sich ausgenutzt hatte, mehr oder minder, irgendetwas versprochen hatte und ihr Wort nie zu halten gewusst hatte.“

Blutzoll vermeiden

Zum 60. Jahrestag wurde 2006 im Gedenken an den Anschlag eine Plakette im Hotel enthüllt. An der Zeremonie nahm auch der damalige Oppositionspolitiker und heutige Regierungschef Benjamin Netanjahu (Likud) teil. Er sagte, es sei „sehr wichtig, zwischen Terrorgruppen und Freiheitskämpfern zu unterscheiden, und zwischen terroristischer und legitimer militärischer Aktion“. Die französische Zeitung „Le Monde“ kritisiert, dass er diesem Standpunkt auch 20 Jahre später treu geblieben ist.

Di Palma indes betonte gegenüber dem „Deutschlandfunk“: „Alle paramilitärischen Verbände hatten in ihrem eigenen Statut eigentlich eine sehr wichtige Regel: und zwar alles darauf setzen, dass Blutzoll vermieden würde.“ (eh)

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3 Kommentare

  1. Es tut mir ja leid, wenn ich das schreibe, angesichts der Sprengung King David, aber Hagana und Irgun verkörperten Freiheitskämpfer. Im Buch/ Film Exodus werden sie erwähnt. Danke für Artikel@ Redaktion. Eure Redaktion ist Israel geschichtsträchtig.

  2. Die Zeitung Le Monde war einmal eine journalistische Referenz in Frankreich. Die Betonung liegt auf war. Heute ist sie ein pro-palästinensisches Kampfblatt, das es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Benjamin Barthe, stellvertretender Leiter des Aussenressorts, mit einer palästinensischen Aktivistin der radikalen Sorte verheiratet, hatte zuvor unter anderem für die ägyptische Al-ahram und für die kommunistische Parteizeitung L’Humanité gearbeitet. Ich habe dieses Blatt trotzdem jeden lieben Tag gelesen. Seit dem 7. Oktober 2023 tue ich mir das nicht mehr an.

  3. Der Anschlag war gegen die Briten gerichtet. Warum? 1. Weigerung der Briten, nach dem Holocaust, die Tore Palästinas für Juden zu öffnen. 2. Die Briten erkannten Israel erst am 28. April 1950 de jure an.

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