BE’ER SCHEVA (inn) – Forscher der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be’er Scheva haben den „PFA BOT“ entwickelt. Diese webbasierte App git in kritischen Notfallsituationen präzise und wissenschaftlich fundierte Anleitungen. Die Abkürzung steht für „Psychological First Aid“ – Psychologische Erste Hilfe.
Die Anwendung soll dabei helfen, psychologische Erste Hilfe bei Trauma-Geschädigten zu leisten. Sie wurde mit Unterstützung von Psychologen, Wissenschaftlern mit Schwerpunkt Notfallmedizin, Fachkräften der Rettungsdienste und von Hilfsorganisationen sowie Kommandeuren der israelischen Armee entwickelt.
Die Online-Anwendung ist über einen Webbrowser erreichbar. Dafür muss sich der Nutzer zunächst registrieren. Sie gibt Ratschläge wie: „Nach einem Notfall ist es nicht hilfreich, Überlebenden sofort Wasser anzubieten oder zu fragen: ‚Wie fühlen Sie sich?‘ Solche Reaktionen können dazu führen, dass sie passiv bleiben oder emotional überfordert sind und ihre Genesung verzögert wird.“
Augenkontakt wichtig
Wichtig ist es laut den Experten etwa, Augenkontakt mit dem Opfer zu halten und mit ihm zu interagieren. Die App führt den Nutzer Schritt für Schritt durch die psychologische Erste Hilfe für Menschen unter psychischem Schock und akutem Stress. Dabei folgt sie dem international anerkannten Protokoll, das weltweit Anwendung findet.
Die App trägt außerdem zur Kontinuität der Versorgung bei. Der Nutzer gibt die Details zum vorliegenden Fall ein und erhält sofort maßgeschneiderte Anweisungen. „Dieses Tool gibt jedem Ersthelfer Sicherheit, auch ohne professionelle Ausbildung“, heißt es in der App. „Es reduziert Fehler und erhöht die Chancen auf eine schnelle und effektive Genesung der Betroffenen.“
Der Chatbot ist für die Sprachen Hebräisch, Englisch und Arabisch verfügbar und kostenlos. Er wurde mit Daten aus realen Fällen in Israel und Forschungsarbeiten trainiert. Das Tool soll bei einer Vielzahl von Notfällen reagieren, von Raketenangriffen und Massenerschießungen bis hin zu Erdbeben, häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen. Es richtet sich an Personen ab 16 Jahren. Der Chatbot beendet seine Gespräche stets mit Angaben zu geeigneten Organisationen, an die sich Betroffene wenden können.
Nützlich auch im aktuellen Irankrieg
Maßgeblich entwickelt hat die App Talia Meital Schwartz-Tayri, Gründerin und Leiterin des
Forschungslabors für KI im Bereich Sozialwesen, das zur Ben-Gurion-Universität des Negev gehört. Es geht dabei um die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) und Big Data bei sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Problemen.
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Das Labor untersuchte bereits ein breites Spektrum sozialer Phänomene und Politikfelder – von der Kinder- und Familienfürsorge bis hin zur Sterbebegleitung. Sie habe sich unmittelbar nach dem Hamas-Angriff in Südisrael am 7. Oktober 2023 einer Freiwilligengruppe von Psychiatern angeschlossen, sagte Schwartz-Tayri gegenüber der Nachrichtenseite „Times of Israel“. Bei dem Attentat wurden 1.200 Menschen getötet und 251 in den Gazastreifen entführt.
Es sei selbst für professionelle Ersthelfer schwierig gewesen, die erlernten Prinzipien der psychologischen Ersten Hilfe anzuwenden, weil auch sie unter Schock standen, sagte die Wissenschaftlerin. „Man muss eine Reihe von Maßnahmen ergreifen“, erklärte sie, „aber man selbst ist von dem, was man sieht, überwältigt.“ In vielen Fällen verließen die Ersthelfer den Einsatzort mit dem Gefühl, nicht helfen zu können, was ihr eigenes Trauma noch verschlimmerte, fügte Schwartz-Tayri hinzu.
Krankenhausaufenthalt vermeiden
Mit Blick auf den aktuellen Krieg zwischen Israel und den USA und dem Iran betonte sie, dass die meisten Menschen, die nach Raketenangriffen unter Schock und Angstzuständen leiden, nicht ins Krankenhaus gebracht werden müssten, wenn vor Ort die richtige psychologische Erste Hilfe geleistet würde. Eine Einlieferung ins Krankenhaus könne eine verzerrten Erinnerung an das Ereignis mit sich bringen, was das Trauma verstärkt.
Schwartz-Tayri: „Die Betroffenen erinnern sich an ihre Hilflosigkeit, die Fahrt im Krankenwagen, ihre Handlungsunfähigkeit und daran, dass sie sich nicht um ihre Kinder kümmern konnten. Wenn man die Menschen wieder in ihren Alltag integrieren kann, verändert sich ihre Erinnerung an das Ereignis.“
Der Chatbot soll dazu beitragen, die Entstehung von Traumata bei Bürgern und Ersthelfern in Israel zu bekämpfen. Zur Zielgruppe gehören aber auch Diaspora-Juden, die mit antisemitischen Ereignissen im Ausland zu kämpfen haben. In den arabischen und jüdischen Misrahi-Gemeinden – also Juden mit Wurzeln in muslimischen Ländern – sei die Hilfe besonders dringlich. „Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in der arabischen Gesellschaft, insbesondere ein Mann, psychologische Hilfe sucht, ist gering“, sagte Schwartz-Tayri.
Ein weiteres Einsatzfeld der App seien Araber in den Golfstaaten. Seit Beginn des aktuellen Krieges Israels und der USA gegen den Iran sind viele Golfaraber zum ersten Mal mit Massentrauma-Ereignissen konfrontiert. Anfang März führte das Labor ein Webseminar für arabischsprachige Teilnehmer durch, an dem über 100 Personen teilnahmen. Schwartz-Tayri hofft, dass die Anwendung in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain durch die dortigen israelischen Botschaften bekannt gemacht und in englischer Sprache für die Diaspora-Gemeinden beworben werden kann.
Ein Kommentar
Talia Meital Schwartz-Tayri, eine wunderbare Frau.