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Symphonie der Hoffnung

Der Rabbiner Daniel Buskila erlebt bei einer Aufführung der Schicksalssymphonie einen besonderen Moment. Denn nur wenige Stunden zuvor konnte die Armee vier Geiseln befreien.
Von Israelnetz
Bronfman-Auditorium Israelische Philharmoniker

Falls es jemals eine musikalische Metapher für den Ort gab, den ich seit einigen Monaten mein Zuhause nenne – Israel –, dann ist es Beethovens Fünfte Symphonie. Als ich diese am vergangenen Samstagabend, nur wenige Stunden nach der dramatischen und heldenhaften Geiselbefreiung, live in Tel Aviv hörte, erhielt Beethovens Botschaft, inmitten der Verzweiflung Hoffnung zu finden, seine Bestimmung.

Kurz bevor Beethoven seine berühmte Symphonie komponierte, soll er geschrieben haben, dass seine beginnende Taubheit ihn „an den Rand der Verzweiflung gebracht“ habe. Er fragte sich, ob er die Kraft habe, weiterzumachen: „Es hat nicht viel gefehlt und ich hätte meinem Leben ein Ende gesetzt.“ Von diesem Ort der Not und Verzweiflung aus komponierte Beethoven eines der kraftvollsten musikalischen Werke der Hoffnung.

Wochenanfang am Schabbatabend

Ich habe immer davon geträumt, Dirigent zu werden. Schon als Kind und bis heute ist es eine meiner liebsten Formen der Entspannung, mit dem Dirigentenstab in meinem Wohnzimmer zu stehen, auf meiner Stereoanlage Beethovens Fünfte zu spielen und ein imaginäres Orchester zu dirigieren.

Angesichts meines Traums, auf dem Dirigentenpult zu stehen, beschloss ich, dass ich für dieses Konzert in Tel Aviv so viel Geld ausgeben würde wie nie zuvor: Karten für meine Frau Peni und mich für die erste Reihe, Mittelgang. Noch nie habe ich dem magischen Podium so nahe gesessen. Doch als ich diese Karten ein paar Tage zuvor kaufte, konnte ich nicht ahnen, was ich von diesem Platz sehen und hören würde!

Es war eine schwüle Nacht in Tel Aviv, doch die elektrische Spannung, die in der Luft lag, durchdrang die Feuchtigkeit. Peni und ich schlenderten über den Rothschild Boulevard zum Charles Bronfman Auditorium, wo die Israelischen Philharmoniker beheimatet sind. Überall schwenkten Menschen jubelnd israelische Flaggen und riefen: „Sie haben sie nach Hause gebracht, sie haben sie nach Hause gebracht!“

Foto: Daniel Buskila
Die Musiker im Tel Aviver Bronfman-Auditorium

Als wir den Zuschauerraum betraten, sollte die Atmosphäre an diesem Abend anders sein als an jedem anderen Tag, an dem ich Beethovens Fünfte hörte. Der Dirigent kam auf die Bühne und machte die üblichen Verbeugungen. So oft hatte ich von einem ähnlichen Auftritt geträumt. Doch heute Abend würde Rotem Nir, ein musikalisches Wunder, das Israelische Orchester durch anspruchsvolle Stücke von Mozart und Chopin führen. Gekrönt würde der Abend mit dem Spielen von Beethovens königlicher Fünfter Symphonie.

Freude und Schmerz nah beieinander

Die Musiker nahmen ihre Plätze ein und der Flötist Boas Meirovitch kam nach vorne und wandte sich ans Publikum. Er hatte eine Botschaft, auf die wir alle gewartet hatten. Er sprach über die heldenhafte Rettung der Geiseln, die sich am Mittag des Schabbat ereignet hatte: „In Israel sind Momente des Triumphs oft mit Schmerz und Trauer vermischt. Wir freuen uns über vier befreite Geiseln, aber trauern auch um einen gefallenen Soldaten – Arnon Samora, möge er in Frieden ruhen. Mit seinem Tod beauftragte er nicht nur die befreiten Geiseln, sondern uns alle, das Leben zu leben.“

Nach diesen bewegenden Worten erhob sich das gesamte Publikum, um mit der harmonischen Begleitung der vielen Instrumente des Israelischen philharmonischen Orchesters unsere Nationalhymne, die „HaTikva“, zu singen. Im ganzen Saal blieb kein Auge trocken. Ich flüsterte Peni zu, dass ich noch nie ein Konzert erlebt habe, an dem der Höhepunkt zu Anfang stattfand. Doch das war erst der Beginn.

Der Beginn einer musikalischen Reise, an dem ein 26-Jähriger den Hut aufhatte. Es war symbolisch, zu sehen, wie ein so junger Mensch die Verantwortung hatte: Soeben hatten wir einem jungen gefallenen Soldaten unseren Tribut gezollt und nun sahen wir diesen jungen Dirigenten Rotem Nir, wie er, poetisch gesprochen, das Kommando für das Orchester übernahm und seine Truppen anführte.

Truppen für die Freiheit

Arnon leitete Truppen, die für Freiheit kämpften. In dieser Nacht war Rotem Nir ein Leiter für eine andere Art von Truppen, eine, deren Musik und Kunst eine der höchsten Ausdrucksformen der Freiheit ist, für die Arnon gekämpft und sein Leben gegeben hatte.

Mit der Sicherheit, dem Selbstbewusstsein, dem Talent und der Kreativität eines Kampfoffiziers, schuf Rotems meisterhafte Leitung eine der kraftvollsten und kreativsten Interpretationen von Beethovens Fünfter Symphonie, die ich je gehört habe. So wie der Staat Israel gleichermaßen jung, frisch, dramatisch und optimistisch. In der ersten Reihe sitzend fühlten Peni und ich, wie die Musik durch unsere Körper strömte. Ich fühlte mich in geistlichen Höhen, ein religiöser Moment, wie ich ihn schon viele Jahre nicht gespürt habe. Ich musste sehr an mich halten, um nicht auf die Bühne zu springen und dem jungen Meister zur Seite zu stehen. Stattdessen genoss ich, zu sehen, wie er meinen Traum auslebte.

Am nächsten Tag fuhren Peni und ich nach Jerusalem. Gemeinsam mit Tausenden Mit-Israelis gaben wir Arnon Samora, möge er in Frieden ruhen, auf dem Militärfriedhof auf dem Herzl-Berg unser letztes Geleit. Es war schmerzhaft, seine Mutter, Frau, Bruder, Kameraden und Freunde zu hören und zudem die Aufnahmen seiner kleinen Kinder. Alle trauerten um einen jungen Sohn, Mann, Bruder, Vater, Kämpfer und super coolen Typen, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte.
 
Arnons Beerdigung brachte mich zurück zu den schmerzhaften Worten des Flötisten Boas: „In Israel sind Momente des Triumphs oft mit Schmerz und Trauer vermischt. Befreite Geiseln, aber auch ein gefallener Soldat!“
 
Aber ich wurde auch an Boas‘ Schlussworte erinnert. „Durch seinen Tod befahl Arnon uns, zu leben.“ Im Angesicht der Hoffnungslosigkeit, der Ereignisse des 7. Oktobers, der Geiseln, des Krieges und der unzähligen Beerdigungen, frage ich mich: Wie können wir Arnons „Vermächtnis zum Leben“ umsetzen?

Foto: Israelnetz/mh
„Bringt sie nach Hause!“ Für vier der Geiseln in Gaza hat sich dieser Slogan, der am Bronfman-Auditorium angebracht ist, erfüllt

Mit „drei Gs und einem Es – ta ta ta taaaa!“ Mit einer Symphonie, die das Leben feiert. Mit 2.400 Menschen, die nicht zu einer politischen Veranstaltung, sondern zu einem kulturellen Ereignis zusammen kamen. Mit einem Konzert, dessen Musiker und begabter Dirigent uns dazu anhalten, das Leben angesichts von Unglück zu bestätigen!

Ein fast magischer Moment am Schabbatabend, als wir uns – in großer Erwartung auf die berühmten ersten Noten von Beethovens Fünfter Symphonie – erhoben, um in Begleitung der Israelischen Philharmoniker die vier berühmten Worte unserer eigenen Symphonie zu singen: „Od lo avda tikvatenu – noch ist unsere Hoffnung nicht verloren!“ – Ja, noch haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben. Und so wie bei Beethoven, halten auch uns diese vier Noten am Leben.

Rabbiner Daniel Buskila ist Direktor des Sefardischen Bildungszentrums in der Jerusalemer Altstadt. 30 Jahre diente er als Rabbiner in Los Angeles, bevor er, im Schatten des 7. Oktober, mit seiner Frau nach Israel einwanderte.

Übersetzt von Merle Hofer.

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5 Responses

  1. Danke für den schönen Bericht. Ach wäre doch auch in Deutschland Hoffnung, wenn Beethoven und die anderen Dichter, Denker und Komponisten eine bessere Rolle in der Gesellschaft spielten.
    Das ist nicht der Fall, aber in Österreich werden wir weiter Mozart, Bach u. Beethoven hören können.
    Das Schicksal Beethovens, die Taubheit, ist tragisch, um so schöner sind seine musikalischen Werke, auch die Neunte, die er komponiert hatte, als er bereits taub war.
    Mögen weitere Geiseln befreit werden können, es bedarf neuer Anstrengungen, dass wir an die bessere Zeit glauben, die da kommen werde: Auch mit Beethoven’s Schicksals-Symphonie, der Fünften.

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  2. Bei diesem Bericht habe ich Gänsehaut bekommen. Danke dafür. Die Musik ist ein geeignetes Instrument, positive und negative Gefühle zu vereinigen und umzuwandeln.
    Leben und Sterben liegen in Gottes Hand. Und nur diese Hand vermag Israel Hoffnung, Mut und Stärke zu geben.

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  3. Heute, am Ende des Shabats, überwiegt mein Schmerz. Schon wieder 8 Soldaten der IDF gefallen.
    „Ihr Lieben, im Leben hat Gott euch von einer Hand in die andere genommen. Mögen eure Seelen Frieden finden bei Gott, eurem Vater. Es segne euch und eure Familien Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.“

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