Commonwealth-Einheiten spielten mit ihrer wagemutigen Attacke auf die türkische Stellung in Be‘er Scheva bei der Eroberung Palästinas durch die Briten eine Schlüsselrolle. Der ANZAC-Tag ehrt auch in Israel die australischen und neuseeländischen Soldaten (ANZACs), die im Ersten Weltkrieg gegen das Osmanische Reich kämpften, insbesondere in der entscheidenden Schlacht von Be’er Scheva im Oktober 1917. Diesen Sieg über die Türken sehen viele als Vorläufer an, der den Weg für die spätere Gründung des Staates Israel ebnete.
Die australische Botschaft in Israel lädt alljährlich – in diesem Jahr am 25. April – zu einem Morgengottesdienst auf dem Commonwealth-Kriegsgräberfriedhof in Jerusalem ein. Der Friedhof liegt auf dem Skopusberg in unmittelbarer Nähe zum Hadassah-Krankenhaus. Die Zeremonie erinnert an die Landung in Gallipoli 1915.
Die Gedenkfeier an der ANZAC-Gedenkstätte in Be‘er Scheva findet stets am Sonntag, der dem Ende des Ersten Weltkriegs am nächsten liegt (11.11.1918), um 11:11 Uhr statt. Hier, in Be‘er Scheva, fanden 1.241 Soldaten aus dem britischen Commonwealth ihre letzte Ruhe.
Der ANZAC-Tag fällt zeitlich oft in die Nähe des israelischen Unabhängigkeitstages, was die historische Verbundenheit betont und stärkt. Dabei wird bei der Terminierung zudem darauf geachtet, dass der Gedenktag nicht mit dem jüdischen Pessachfest zusammenfällt.
Weitere Friedhöfe
In Israel befinden sich weitere Friedhöfe des Ersten Weltkriegs. Der Zentralfriedhof für gefallene ANZAC-Soldaten sowie türkische und deutsche Soldaten befindet sich in Ramle. Hinzu kommen zwei Friedhöfe in Gaza sowie ein Kriegsfriedhof mit Gefallenen des Ersten Weltkrieges in Haifa. Ein Friedhof, auf dem indische Soldaten ihre letzte Ruhe gefunden haben, ehrt sie im Jerusalemer Stadtteil Arnona. Mehr als eine Million britische Soldaten fielen im Ersten Weltkrieg; seit 1916 wurden sie auf Commonwealth-Friedhöfen beigesetzt, weltweit existieren über 200 von ihnen.
Neben ANZAC-Soldaten befinden sich dem Kriegsfriedhof auf dem Skopusberg weitere Grabstätten: Britische Polizisten, die im Dienst während des Arabischen Aufstands 1936–39 getötet wurde, unter ihnen auch zwei, die von der jüdischen Untergrundorganisation „Ezel“ 1947 in Netanja nach deren Ausbruch aus dem Gefängnis von Akko gehängt wurden. Es finden sich auch Grabstätten französischer Soldaten, die während des Zweiten Weltkrieges in britischen Gefängnissen in Palästina starben. Hinduistische und muslimische Soldaten sind in getrennten Bereichen bestattet. Auch der Enkel von Baron Edmond Rothschild hat auf dem Jerusalemer Soldatenfriedhof seine letzte Ruhestätte.
Ein Denkmal für ägyptische Soldaten ist ein Granitobelisk in der Nähe des Givati-Museums und der Festung Joav, errichtet 1989, zehn Jahre nach dem ägyptisch-israelischen Friedensvertrag. Es erinnert an die ägyptischen Soldaten, die im Unabhängigkeitskrieg von 1948, insbesondere in der Schlacht von Al-Faludscha, gefallen sind.
Gute Beziehungen zur jüdischen Gemeinde
Neuseeländische Streitkräfte, die im Australian and New Zealand Army Corps (ANZAC) dienten, nahmen am alliierten Feldzug im Sinai und in Palästina während des Ersten Weltkrieges teil. Im November 1917 kamen diese neuseeländischen Soldaten in Rechovot und Rischon LeZion mit jüdischen Siedlern in Kontakt.
Während die neuseeländischen Streitkräfte herzliche Beziehungen zur jüdischen Gemeinde pflegten, waren die Beziehungen zu den palästinensischen Arabern vor Ort angespannt. Dies gipfelte in der Surafend-Affäre, bei der ANZAC-Truppen die männlichen Einwohner von Surafend al-Amar als Vergeltung für den Tod eines neuseeländischen Soldaten töteten.
Folgen Sie uns auf Facebook und X!
Melden Sie sich für den Newsletter an!
Persönliche Kontakte der ANZAC-Soldaten in Palästina zur jüdischen Bevölkerung bewirkten einen positiven Einfluss hinsichtlich der Unterstützung der neuseeländischen Regierung für die Balfour-Deklaration (1917), die die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina vorsah. Auch das Interesse der neuseeländischen jüdischen Gemeinde am Zionismus spielte hier eine Rolle.
Neuseeland stimmte am 29. November 1947 – trotz starken Drucks aus Großbritannien und den anderen Commonwealth-Staaten – für die UN-Resolution 181 zur Teilung Palästinas, die zur Gründung des Staates Israel führte.
Kühne Operation
Am 31. Oktober 1917 unternahm das britisch-imperiale Expeditionsheer bei der Offensive auf Jerusalem einen Durchbruchsversuch am östlichen Flügel der osmanischen Linie von Gaza nach Be‘er Scheva. Das Ziel: Die Ausschaltung der Türken als Bündnispartner des Deutschen Kaiserreichs. Der strategische Plan: Berittene Infanteristen des ANZAC sollten in einer Nachoperation die türkischen Verteidigungsstellungen bei Be‘er Scheva umgehen und die Stadt erobern. Ein Scheitern dieser kühnen Operation hätte die gesamte Palästina-Kampagne gefährdet.
Ein australischer Trupp des 4. Und 12. Light Horse Regiment, des „leichten Kavallerieregiments“, ritt entschlossen auf das Wüstennest Be‘er Scheva zu, um den befohlenen Angriff gegen die Türken durchzuführen. Die Gewehre baumelten wild auf dem Rücken.
In seinen Erinnerungen beschreibt der Gefreite Edward Dengate aus dem 12. Regiment der Light Horse den Angriff wie folgt:
Wir saßen auf, galoppierten etwa 400 Meter eine Anhöhe hinauf und verharrten dort für einen Moment. Dann stürmten wir auf die Türken los. Die türkischen Gräben lagen etwa 50 Meter zu meiner Rechten. Ich konnte ihre Köpfe über dem Rand der Gräben sehen. Sie hielten ihre Gewehre im Anschlag. Einige von uns saßen in diesem Moment ab, weil sie dachten, nun würde die Eroberung der Gräben beginnen. Doch die meisten von uns galoppierten geradeaus weiter… Manche setzten problemlos über die Gräben hinweg. Andere stürzten hinein. Aber 150 kamen durch und stürmten vorwärts in Richtung Stadt. Sie galoppierten die Straße hinunter und brüllten wie Verrückte.
Zwei Tage nach dem tollkühnen Angriff auf die türkischen Stellungen erreichten die Siegesmeldungen England. Sie beherrschen die Titelseiten der „Pall Mall Gazette“ und des „Daily Mirror“.
Am 2. November 1917 sandte der britische Außenminister Arthur James Balfour seine berühmte Deklaration über die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina an Baron Walter Rothschild. Sechs Wochen nach der Schlacht um Be‘er Scheva nahm General Edmund Allenby Jerusalem ein. Die Landkarte des Nahen Ostens sollte sich mit dem Ende des Ersten Weltkrieges für immer verändern.
Späte Würdigung
Das Heldentum des ANZAC-Light Horse Regiments wurde lange nicht gebührend gewürdigt. In Australien dominierte die Erinnerung an die Verluste von Soldaten und besonders an die katastrophale Operation von Gallipoli.
Die Gallipoli-Kampagne, auch Dardanellen-Kampagne genannt, war eine erfolglose Militäroperation im Ersten Weltkrieg auf der Halbinsel Gallipoli, heute Gelibolu, vom 19. Februar 1915 bis zum 9. Januar 1916. Als Leiter der Kriegsmarine war Winston Churchill für den Angriffsplan auf die Dardanellen über die Gallipoli-Halbinsel im April 1915 verantwortlich.
Dieser Angriff führte zu einer der blutigsten Niederlagen der Entente-Mächte, der Begriff leitet sich aus dem französischen Wort für „Einvernehmen“ ab.Die „Triple Entente“ entwickelte sich aus der Entente Cordiale (1904) zwischen Frankreich und Großbritannien und der anglo-russischen Entente (1907). Wichtige Verbündete waren Serbien, Belgien, Italien (ab 1915), Portugal (ab 1916), Rumänien (ab 1916) und die USA (ab 1917). Die Entente kämpfte gegen die Mittelmächte: das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien. Die Entente-Mächte siegten 1918.
Die Alliierten – Großbritannien, Frankreich und das Russische Reich – versuchten, das Osmanische Reich, eine der Mittelmächte, durch die Kontrolle der türkischen Meerengen zur Kapitulation zu zwingen. Sie beabsichtigten, die osmanische Hauptstadt Konstantinopel dem Beschuss durch alliierte Kriegsschiffe auszusetzen und sie so vom asiatischen Teil des Reiches abzuschneiden. Eine Niederlage des Osmanischen Reiches hätte die uneingeschränkte Kontrolle des Westens über den Suezkanal und die Öffnung des Bosporus und der Dardanellen für alliierte Nachschublieferungen zum Schwarzen Meer und zu den eisfreien Häfen Russlands ermöglicht.
Gescheiterte Militäraktion
Im Februar 1915 scheiterte die alliierte Flotte mit dem Versuch, die Dardanellen zu durchbrechen. Im April begann eine amphibische Landung auf der Halbinsel Gallipoli. Im Januar 1916, nach achtmonatigen Kämpfen mit jeweils rund 250.000 Gefallenen und Verwundeten, wurde der Landfeldzug abgebrochen und die Invasionsstreitmacht zurückgezogen.
Es war ein verlustreicher Feldzug für die Alliierten und das Osmanische Reich sowie für die Förderer der Expedition, insbesondere für den Ersten Lord der Admiralität (1911–1915), Winston Churchill. Der Feldzug wurde als türkischer Sieg gewertet.
In der Türkei gilt die Landung in Gallipoli als ein Wendepunkt der Landesgeschichte. Mustafa Kemal Atatürk, der als Kommandeur in Gallipoli zu Ansehen gelangte, wurde 1923 Gründer und erster Präsident der Republik Türkei. Manche sehen in der Kampagne den Beginn des australischen und neuseeländischen Nationalbewusstseins. Der Jahrestag der Landung am 25. April, der ANZAC Day, ist der bedeutendste Gedenktag für die Gefallenen und Veteranen in beiden Ländern.
Dem Vergessen der Schlacht um Be‘er Scheva will der Veteranenverband Australian Light Horse Association entgegenwirken, mit Erfolg: Der Jüdische Nationalfonds (JNF) hat zur Würdigung im Jahr 2017 in Be‘er Scheva den Grundstein eines ANZAC-Museums gelegt. Das Besucherzentrum informiert und bewahrt in Israel die Erinnerung an die Verdienste der ANZAC-Soldaten bei der Befreiung Palästinas vom Osmanischen Reich und stellt die Schlacht um Be‘er Scheva in den historischen Kontext.
Ein Fakt, der auch lange in Australien ignoriert wurde: Etwa 1.000 Aborigines – die „Ureinwohner“ ziehen für sich die Bezeichnung „indigene Australier“ vor – dienten ebenfalls als ANZAC-Soldaten im Ersten Weltkrieg. Obwohl auch sie in der Schlacht um Be‘er Scheva eine verdienstvolle Rolle spielten, erfuhren sie in ihrer australischen Heimat nach Kriegsende erneut systematische Benachteiligung.
13 Kommentare
Interessanter Beitrag, die Rolle der ANZAC’S in
den Schlachten um das damalige Palästina war mir bis jetzt nur aus einem vagen Bericht über Be’er Sheva bekannt, und Gallipoli ist wohl jedem Geschichtsbewussten ein Begriff.
Ich lerne eben immer noch dazu, vielen Dank für diesen Artikel.
SHALOM
„Dies gipfelte in der Surafend-Affäre, bei der ANZAC-Truppen die männlichen Einwohner von Surafend al-Amar als Vergeltung für den Tod eines neuseeländischen Soldaten töteten“ : das war ja wohl ein eindeutiges Kriegsverbrechen, das Frau Tegtmeyer so diskret und ohne jegliche Bewertung erwähnt. Aber is klar, die Neuseeländer waren ja die Guten…
Ja,Antonia, es war ein eindeutiges Kriegsverbrechen, aber wer sagt denn, daß die
,,Guten“ nicht auch mal gründlich Scheisse bauen. Damals sah man diese Vorfälle noch nicht mit den heutigen Sichtweisen an, was nicht heißen soll, daß solches Verhalten weniger verwerflich gewesen wäre.
SHALOM
Das intentionelle Ermorden von unbewaffneten Zivilisten ist seit der Haager Landkriegsordnung von 1907 ein Kriegsverbrechen. Ich finde es, gelinde gesagt, frivol von Frau Tegtmeyer, so flapsig darüber hinwegzugehen. Sie hätte in ihrem doch sonst so ausführlichen Bericht wenigstens eine Zahl nennen können.
Antonia, der Anspruch von Frau Tegtmeyer ist nicht der einer Richterin, sondern der einer Historikerin, und diese Aufgabe erfüllt sie. Mehr erwarte ich auch nicht von ihr. Wie ihre persönliche Meinung zu diesen Vorgängen aussieht, hat auf einem anderen Blatt zu stehen und mich nicht zu interessieren.
SHALOM
Zahlen zu nennen und Ereignisse einzuordnen und auch zu bewerten, gehört wohl eindeutig zu den Aufgaben einer Historikerin. Aber ich habe schon kapiert, Frau Tegtmeyer zu kritisieren ist Majestätsbeleidigung.
Ich werte fundierte Kritik nicht als Majestätsbeleidigung, aber wenn sie zu allen ihren historischen Dokumenationen auch noch ihre persönliche Bewertung beifügen muss dann erreichen diese Dokumentationen
natürlich jene Ausführlichkeit und damit auch die Überlänge, die du schon bemängelt hast.
Wenn du es kurz haben willst, musst du halt Abstriche hinnehmen, und die persönliche Meinung der Chronistin ist dabei nicht unbedingt der schwerste Verlust, wenn zu vermittelndes Wissen dabei nicht zu kurz kommen soll.
SHALOM
Danke Frau Tegtmeyer, diese Historie war mir nicht bekannt. Wie so oft lerne ich hier so viel dazu.
Es ist gut zu wissen, dass im ersten Weltkrieg britische und neuseeländische Truppen im Auftrag von Großbritannien gegen die Osmanen kaempften.
@ Klaus : bei einer derart ausführlichen Beschreibung wäre es auf einen kurzen Satz mit einer Angabe der Opferzahl auch nicht mehr angekommen. Oder ist es vielleicht weil es Araber waren ? Das hoffe ich doch nicht. Aber vielleicht könnte sich Frau Tegtmeyer dazu äußern…
Antonia, mit Sicherheit nicht, weil es Araber waren, aber wenn genaue Opferzahlen bei diesen Auseinandersetzungen nicht zur Verfügung stehen, weil in den Wirren verloren gegangen, ist es müßig, über Opferzahlen der einen oder anderen Seite zu spekulieren.
Aber ich vermute, daß die Opfer,welche die Araber gebracht haben, tatsächlich unverhältnismäßig hoch waren. Zumal nicht mal sicher ist, ob die Bewohner des Dorfes überhaupt für den Tod des neuseeländischen Soldaten verantwortlich waren. Daß dieses Massaker überhaupt dokumentiert wurde, ist bei dem Durcheinander der Ereignisse schon bemerkenswert, da es mit Sicherheit kein Einzelfall war. Aber generell wurden Türken/Araber/Moslems an sich von den Mitgliedern der Entente als minderwertig angesehen,somit auch so behandelt .Das ist sehr bedauerlich, war aber nun mal so. Mehr kann ich dazu auch nicht sagen, da ich über weniger Informationen aus dieser Zeit verfüge als Frau Tegtmeyer.
SHABBAT SHALOM
Herzlichen Dank, liebe Frau Tegtmeyer, für diesen überaus lesenswerten Artikel, in dessen Mittelpunkt der ANZAC-Tag steht – ein wichtiger Gedenktag für Australien, Neuseeland und Israel.
Die Einzelheiten, die Sie schildern, waren mir unbekannt.
—
Sie zeigen immer aufs Neue, dass es nicht erforderlich ist, Historikerin zu sein, um geschichtliche Ereignisse fundiert und schnörkellos darzustellen.
Der ANZAC-Tag und die Schlacht um Be‘er Scheva im Mittelpunkt. Und Sie erwähnen auch die Surafend-Affäre.
Einige ergänzende Bemerkungen zu Frau Tegtmeyers kenntnisreichem und anregendem Artikel . . .
Zwei Ergebnisse meiner kurzen Recherche:
1.
Jeder, der sich im INTERNET ARCHIVE anmeldet, kann dort das Buch „ausleihen“:
Anthony Bruce: The Last Crusade: The Palestine Campaign in the First World War.
Dieses detailreiche Buch, ursprünglich 2002 veröffentlicht, ist vor fünf Jahren auch als Taschenbuch (347 S.) erschienen (ich habe es bestellt und werde es Ende nächster Woche erhalten).
2,
In der „New Zealand History“ ist am 26.07.2024 der Artikel „Anzac Massacre: The Story of Surafend“ erschienen, verfasst von William Ray, der auch seine E-Mail-Adresse angibt.
Aus W, Rays Artikel zitiere ich einige wenige Abschnitte:
—
„The identity of the perpetrators is as much a mystery as their motivation. It is generally accepted the killers included New Zealanders and Australians of the Anzac Mounted Rifles, and probably some Scottish Highlanders encamped alongside them.
He [Kinloch] estimates 200 men were involved, but that is only a best guess based on the number of people required to surround the village and carry out the killings.
Another mystery is the number and identity of the victims. An official tally of the dead is not included in any official report. Possibly that is because the bodies were removed for immediate burial, according to Islamic custom.
Captain A.M. reported he found „no sign of violence“ against women or children [. . .]
Looking at various accounts, Kinloch estimates at least 40 people were killed at Surafend. Likely, we will never know for sure.“