Akademischer Brain-Drain wird zur strategischen Gefahr

Immer mehr israelische Wissenschaftler verlassen das Land – und kehren nicht zurück. Neue Zahlen zeigen: Der akademische Brain-Drain bedroht Forschung, Innovation und Israels strategische Zukunft.
Von Israelnetz

TEL AVIV / JERUSALEM (inn) – Israel verliert zunehmend einen seiner wichtigsten Stützpfeiler: hochqualifizierte Wissenschaftler. Neue Daten des Zentralen Statistikamts (CBS) zeigen, dass seit 2023 erstmals mehr israelische Akademiker das Land verlassen, als zurückkehren. Besonders betroffen sind Schlüsselbereiche wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Medizin – also genau jene Felder, auf denen Israels wirtschaftliche, technologische und sicherheitspolitische Stärke beruht.

Nach Angaben des CBS lebten 2024 rund 54.800 Absolventen israelischer Hochschulen seit mindestens drei Jahren im Ausland. Das entspricht 6,2 Prozent aller Hochschulabsolventen, aber fast 12 Prozent aller promovierten Wissenschaftler. In einzelnen Disziplinen sind die Zahlen deutlich höher: Mehr als ein Viertel der promovierten Mathematiker und knapp 22 Prozent der Informatiker haben Israel verlassen.

Trendwende seit 2023

Über Jahre hinweg galt Auswanderung aus der Wissenschaft als temporäres Phänomen: viele Israelis sammelten Auslandserfahrung und kehrten zurück. Doch diese Dynamik hat sich umgekehrt. Seit 2022 sinkt die Zahl der Rückkehrer, während die Zahl der langfristigen Auswanderer steigt. 2023 markiert eine Zäsur – erstmals übersteigt die Zahl der Abwandernden jene der Rückkehrenden.

Akademische Führungsgremien sprechen von einem Alarmsignal. Der Rat der Präsidenten der israelischen Forschungsuniversitäten erklärte gegenüber der Zeitung „Yediot Aharonot“, Israel investiere erhebliche öffentliche Mittel in die Ausbildung seiner besten Köpfe – verliere sie aber „im Moment der Wahrheit“. Das treffe Hightech, Forschung, Sicherheit und nationale Resilienz gleichermaßen.

Krieg, Unsicherheit – und internationale Isolation

Die Ursachen hierfür sind vielseitig und entstehen teils strukturell, teils außerhalb des Systems. In den vergangenen Jahren haben Krieg, politischer Instabilität und zunehmend auch internationaler Druck auf israelische Hochschulen den Schritt ins Ausland begünstigt.

Für viele israelische Wissenschaftler ist eine akademische Laufbahn im Ausland aus strukturellen Gründen attraktiver. Internationale Spitzenuniversitäten – insbesondere in den USA und Westeuropa – bieten deutlich mehr unbefristete Stellen, bessere Aufstiegsperspektiven und höhere Gehälter.

Und selbst jene, die bleiben sind oft Kritiker der eigenen Regierung. Beispielsweise der Präsident der Israelischen Akademie der Wissenschaften David Harel, der sich offen für einen Regierungswechsel ausspricht und sich in einem Gastbeitrag bei der FAZ folgendermaßen äußerte. „Der Schaden, den die gegenwärtige Regierung seit ihrem Amtsantritt Ende 2022 unserer Demokratie zugefügt hat, ist gravierend.“ Politische Unzufriedenheit ist also eine weitere Ursache für Abwanderung.

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Gleichzeitig mehren sich Boykottmaßnahmen gegen Israels akademische Institutionen. Universitäten und Fachverbände in Norwegen, Spanien, Belgien, Irland, den Niederlanden und Brasilien haben Kooperationen ausgesetzt oder beendet. Auch große wissenschaftliche Vereinigungen verweigern die Zusammenarbeit. Begründet wird dies mit Vorwürfen, israelische Universitäten seien in staatliche Politik oder militärische Strukturen „verstrickt“.

Zwar lehnen auch viele Institutionen einen pauschalen akademischen Boykott ab und verweisen auf die Freiheit von Forschung und Lehre. Doch faktisch nimmt der Druck zu – vor allem auf internationale Förderprogramme.

Gefahr für Forschung und Innovation

Besonders brisant ist die Entwicklung auf europäischer Ebene. Der jüdische Staat ist bislang ein wichtiger Partner im EU-Forschungsprogramm „Horizon Europe“ und erhielt seit 2021 netto rund 876 Millionen Euro an Fördermitteln. Eine zeitweilige Suspendierung Israels aus dem Programm steht im Raum, insbesondere in Bereichen mit möglichem Kriegsnutzen wie Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit oder Drohnentechnologie.

Nicht alle israelischen Forscher sehen akademische Boykotte als entscheidenden Faktor. Doch selbst Kritiker räumen ein: Wenn Kooperationen, Fördermittel und Prestigeprojekte wegbrechen, wird Israel als Forschungsstandort an Attraktivität verlieren – unabhängig von politischer Bewertung.

Wenn Talente gehen – und nicht zurückkehren

Innerhalb Israels verstärkt sich der Effekt durch eine allgemeine Auswanderungswelle. Zwischen Anfang 2022 und Mitte 2024 verließen mehr als 125.000 Israelis das Land – der höchste Verlust an Humankapital in so einem kurzen Zeitraum. Laut einer Studie des Israelischen Demokratie-Instituts erwägen mittlerweile 27 Prozent der Bevölkerung einen solchen Schritt.

Für die Wissenschaft bedeutet das: Wer heute geht, kehrt oft nicht zurück. Internationale Netzwerke, bessere Ausstattung, stabile Förderstrukturen und politische Ruhe machen westliche Universitäten zunehmend attraktiver.

Eine Gefahr für die Zukunft

Der Brain-Drain ist nicht nur eine Folge äußerer Umstände, sondern auch eine Folge der mangelhaften Strukturen innerhalb des Systems. Ohne gezielte Investitionen in Forschung, internationale Anbindung und langfristige Stabilität droht Israel, einen zentralen Pfeiler seiner Stärke zu verlieren. (tko)

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24 Antworten

  1. Die Alternative, sich im Ausland von Linken und manchen arabischstämmigen Migranten niederprügeln, mobben, ausgrenzen und beschimpfen zu lassen, scheint mir aber auch nicht attraktiver zu sein.

    Ich verstehe das nicht.

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    1. Sie müssen sich schlicht einem Update unterziehen. Dann verstehen sie es:

      Mir sind Länder bekannt, durchweg mit jüdischer Präsenz, in denen ich kaum Gefahr laufe, mich „im Ausland von Linken und manchen arabischstämmigen Migranten niederprügeln, mobben, ausgrenzen und beschimpfen zu lassen“.

      Und es ist nicht jedermanns Wissenschaftlers Sache, sich unter spinnerten Ministern wie Finanz-und Siedlungsausbauminister S. oder gar für „Nationale Sicherheit“ B.-G. in Israel zu betätigen. Und sich über das kaum noch überschaubare Heer ultra-orthodoxer junger Herren, die für die IDF keine Zeit haben, zu ärgern. Oder über eine Regierung, die dsbzgl. Urteile des Obersten Gerichts schlicht ignoriert.

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      1. @B.B.
        „Mir sind Länder bekannt, …“
        Aber diese Länder haben kaum höchstwertige Forschung – außer China natürlich. 🤣

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        1. @ Rts:

          Ich dachte bspw. an die Schweiz. Aber die hat „kaum höchstwertige Forschung“.

          PS: Also ausser CERN, dem grössten Teilchenbeschleuniger der Welt. Und irgendwo offiziell aus Bern las ich „Überdurchschnittlich hohe Ausgaben für Wissenschaft und Forschung machen sich bezahlt: Die Schweiz weist im Verhältnis zur Bevölkerung die weltweit höchste Dichte an wissenschaftlichen Publikationen und an Patentanmeldungen auf. Der hohe Bildungsstandard, eine hervorragende Infrastruktur und ein zuverlässiges rechtliches sowie politisches Umfeld ermöglichen einen fruchtbaren Boden für internationale Spitzenforschung.“

          Ich dachte bspw. an die Schweiz. Aber die hat ja „kaum höchstwertige Forschung“.

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      2. Welche High-Tech- und Wissenschaftsländer sollen das denn sein? Polen oder Ungarn? Also in Nord-, Mittel-, Süd- und Westeuropa sind mir keine Länder bekannt, in denen kein Judenhass übelster Sorte grassieren würde. Australien, Neu-Seeland, Kanada und die USA fallen auch weg. Wollen Israelis zum kommunistischen Diktator nach China?

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    2. Lieber Chris, beruflich arbeite ich mit vielen Menschen zusammen, darunter auch mit den von Ihnen erwähnten Gruppen. Und ich wurde in meinem bereits mittleren Alter weder niedergeprügelt, noch wurde ich gemobbt und ausgegrenzt trotz meiner jüdischen Identität.

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  2. Endlich, ISRAEL NETZ, Ihr seid wieder am Ball.
    Einer der Gründe für die vermehrte Abwanderung der Intelligenz könnte ein altes Problem sein, welches uns Juden immer begleitet hat, die Suche nach Anerkennung und Akzeptanz durch die Anderen ,die bislang feindlich gesinnten Andersgläubigen.
    Anerkennung und Akzeptanz ohne politisches oder religiöses Kleid.
    SHALOM

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    1. Lieber Klaus, auch ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Jahr 2026!
      Sie beschreiben die Ursachen für die stärker werdende Abwanderung der „Intelligenz“ sehr richtig. Das waren auch schon die Sehnsüchte der Juden im Alten Testament, auch das „Goldene Kalb“, sie wollten Könige wie die anderen Nationen auch. Doch Jahwe hat sich Israel auserwählt, damit es in aller Welt, ein Licht für den übernatürlichen und herrlichen Gott, der die Naturgewalten außer Kraft setzt, so wie es ihm gefällt. So wird es am Ende wieder sein, die Juden und alle Nationen werden erkennen, dass der Herr, Herr ist – und sonst keiner. Lieber Gruß zu Ihnen, Martin

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      1. Wir Juden wissen sehr gut wer der Herr ist, und Sie, Untertan lernen mal besser zu unterschieden zwischen irdischen und himmlischen Bedürfnissen.
        Die Seele mag von der Liebe des Ewigen leben können, aber der sterbliche Körper hat handfestere Bedürfnisse, er muss futtern, um die Seele weiter beherbergen zu können, und
        auch die Psyche will befriedigt sein in Form von Anerkennung. Das mag in Ihren Augen ein goldenes Kalb sein, aber so ist der Mensch nun mal geschaffen, es ist menschlich.
        Wir haben schon mal darüber diskutiert, und Vorsicht, Herr Dobat, das neue Jahr beginnt nicht mit null Wissen oder Erinnerung.
        Frohes Neues

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  3. Allen Foristen und dem Team von Israelnetz ein frohes, gnadenvolles und friedliches Neues Jahr 2026.

    Ich schließe mich der Meinung von
    @Chris an und verstehe das auch nicht. In einer westlichen Welt volle Judenhass und Antisemitismus, auch besonders an Universitäten, werden sich Israelis auf Dauer nicht sicherer fühlen. Mamdani in New York lässt seinen israelkritischen Worten bereits Taten folgen. Ich warte ab, was ein Regierungswechsel Israel bringen wird. Aber es geht ja nicht nur um Sicherheit. Israel braucht seine klugen Köpfe dringend. Aber es braucht wie jedes Land auch wirtschaftl. Beziehungen und wichtige Verhandlungspartner. Auf sich allein gestellt wird nichts funktionieren, nicht mal die Verteidigung.

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  4. Zuerst einmal euch allen und dem Israelnetz-Team gesundes neues Jahr! Ihr habt mir echt gefehlt!
    Und ich bin der selben Meinung wie Chris und Ella. Bei Mamdani bin ich wirklich mehr als skeptisch.
    Ich hoffe,der Trend Israel zu verlassen gibt sich wieder. So kluge Köpfe!
    O.T. Bei uns ist ja schon wieder Chaos. Stromausfall! Bei mir zum Glück nicht. Und diesmal richtig heftig. Nicht nur wegen der Kälte.

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    1. @Manu
      Hab an dich gedacht öiebe Manu, aber vom südlichen Gebiet her war Reinickendorf nicht betroffen. Haben Bekannte in Zehlendorf, die brauchen Strom wegen Beatmungsgerät ihres lungenkranken Kindes. Ist schon echt krass. Das müsste sehr hart bestraft werden. Alles Gute dir und deiner Familie.🐿 💝🫂

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  5. Ein schwieriges Thema. Menschlich mag es nachvollziehbar sein, eine Krisenregion zu verlassen, eine Karriere im Ausland anzustreben. Andererseits : Israel hat viel in die Ausbildung der Wissenschaftler und Forscher investiert, diese Ausgaben – finanziert vom israelischen Steuerzahler – kommen nun anderen Ländern, wohl hauptsäclich der USA zugute .
    OT : herzlichen Dank für die Anteilnahme an meinen Augenproblemen, ich bin auf dem Weg der Besserung. Alle guten Wünsche zum Neuen Jahr, möge es Frieden bringen, auch wenn es derzeit nicht danach aussieht.

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    1. @Antonia
      Freut mich sehr, dass es deinen Augen besser geht. Ich wünsche dir und deinem Mann guten Durch/Ausblick 😉 im neuen Jahr und du hast Recht: Frieden! 🙏🇮🇱💝

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  6. Liebe Israel-Netz Redaktion, auch ich wünsche Ihnen und allen Lesern, ein gesegnetes Jahr 2026 und viel Liebe zu dem Gott Israels und zu seinem Wort.
    Ertragen Sie die biblische Wahrheit nicht, es gibt doch nichts wertvolleres!

    Lassen Sie uns doch die Wahrheit nicht verbiegen. Im Moment verlassen mehr Juden Israel als dazukommen. Viele Wissenschaftler gehen, weil sie sich in anderen Nationen, ein besseres Vorankommen versprechen.
    „Wissenschaftler verlassen Israel – was für eine dramatische Entwicklung. In den letzten Jahren verlassen mehr Juden wieder Israel, als Alijah machen. Ein sehr deutlicher Hinweis auch darauf, dass es die menschliche Rückkehr nach Israel war, und eben nicht die Göttliche. Wenn der allmächtige Gott die Menschen aus allen Nationen übernatürlich nach Israel zurückbringt, dann kommen sie als die „Erlösten“, mit großer Freude im Herzen – dann sind sie dem Herrn Jesus begegnet. Wie auch alles kommen mag, der Sieg gehört dem allmächtigen Gott, und er wird sein geliebtes Volk für immer und sicher zurückbringen – dann wird keiner mehr versuchen – Israel zu bedrängen – ganz im Gegenteil, die Nationen werden kommen, um Jahwe zu ehren und zu preisen. Was für eine Perspektive! Lieber Gruß Martin“

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  7. Internationale Spitzenuniversitäten bieten bessere Aufstiegsperspektiven und höhere Gehälter. Das verstehen wir. Aber israelische Wissenschaftler sollten auch die Heimat lieben, Israel lieben.

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  8. Ein frohes neues Jahr an meine Forumskollegen und herzliche Grüße aus Kfar Yona! Wir sind bis Freitag im Urlaub in Israel.

    Ich verstehe, warum viele Wissenschaftler Israel verlassen, denn die Regierung trägt die Schuld daran. Andererseits wollen die Menschen auch vor dem Krieg sicher sein, was in Israel kaum möglich ist.

    Obwohl ich meine Familie in Israel alle ein bis zwei Jahre besuche, hängt eine dauerhafte Rückkehr von der jeweiligen Regierung ab. Als liberaler Jude kann ich nicht in einem von der Rechten regierten Israel leben. Denn die Halacha fordert zudem auch Nächstenliebe und eine gerechte Gesellschaft, in der sich um die Armen und Ausgegrenzten gekümmert wird.

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    1. Gideon Lahav, es könnte auch noch eine Erklärung dafür geben, warum so viel der Intelligenz Israels wieder in die Ferne strebt.
      Sie gehen einfach weil sie es sich erlauben können, im sicheren Wissen, daß es eine Heimat, einen Hafen, einen Rückzugsort gibt, zu dem sie zurückkehren können, wenn alle Stricke
      reißen, selbst wenn sie es nicht beabsichtigen dorthin zurück zu kehren..Das Wissen um eine vorhandene Heimat vereinfacht die Dinge.
      Das mag eine optimistische Sichtweise sein aber ich denke nun mal eher ungern negativ, sondern ziehe aus dem Schlimmsten immer noch das Beste heraus
      SHALOM

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      1. Hallo lieber Klaus, erstmal dir auch ein frohes neues Jahr!

        Ich stehe mit vielen Israelis im Ausland in Kontakt, um besser zu verstehen was sie zur Auswanderung bewegt. Politische Gründe sind nicht der einzige Faktor; es liegt einfach daran, dass das Leben in Israel zu teuer geworden ist. Ein Verwandter von mir aus Bat Yam zahlt 5715 Schekel (1544 €) für eine 80 Quadratmeter große Dreizimmerwohnung. Auch die Benzinpreise sind in Israel sehr hoch. Auf meiner Fahrt in den Süden nach Eilat musste ich 7,36 Schekel (2 €) pro Liter bezahlen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Israel in einer sehr ölreichen Region liegt.

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  9. Wissenschaft und Forschung ist das Pfund mit dem Israel wuchern kann. Deshalb bedenklich wenn es einen Brain Drain geben sollte. Zumeist dürften es pragmatische Gründe sein die gut Ausgebildete zur Abwanderung motivieren. Hier könnte eine neue israelische Regierung andere Akzente setzen. Leider vermisse ich hier eine klare Alternative, auch personell von der Opposition.

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    1. @Hans Gielessen
      Wissenschaft und Forschung, davon produziert Israel zu viel und zu Recht. Folge: Export von Wissen, leider nicht in die Toscana.

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