Im US-Bundesstaat Texas wollen konservative christliche Politiker und Bewegungen die Zehn Gebote in den Klassenzimmern öffentlicher Schulen sehen. Andere Südstaaten gehen ähnliche Wege.
Auf den ersten Blick könnte der Streit beinahe nebensächlich erscheinen: ein paar Zeilen aus der Bibel an einer Wand. Das ist er jedoch keineswegs. Denn hinter den Gesetzestafeln verbirgt sich eine höchst aktuelle Auseinandersetzung: Wer soll in einem immer vielfältigeren Amerika die gemeinsame Moral bestimmen?
Sind die Zehn Gebote ein religiöser Text, ein historisches Erbe oder ein universeller Moralkodex? Und wenn ein Staat beschließt, sie täglich vor den Augen aller Schüler anzubringen, welche Botschaft vermittelt er ihnen damit? Genau dort beginnt die Debatte: zwischen einer Moral, die der Staat vermitteln darf, und einem Glauben, für den er sich nicht entscheiden sollte.
Gott hat Amerika nie wirklich verlassen
Mit französischen Augen lässt sich diese Kontroverse leicht missverstehen. Der Erste Verfassungszusatz verbietet dem amerikanischen Staat die Errichtung einer Staatsreligion und schützt zugleich die freie Religionsausübung. Doch Trennung bedeutete in Amerika nie, Gott vollständig aus dem öffentlichen Raum zu entfernen.
Die Bezugnahme auf Gott findet sich weiterhin in Präsidentenreden, im Treuegelöbnis und im nationalen Wahlspruch In God We Trust (Auf Gott vertrauen wir). Sie gehört zu jener „amerikanischen Zivilreligion“, die Gott, Nation und nationale Bestimmung miteinander verbindet, ohne zwingend die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kirche vorauszusetzen.
Die Schule ist jedoch ein sensiblerer Raum. Wenn Schüler freiwillig beten, üben sie ihre Religionsfreiheit aus. Wenn ein Lehrer das Gebet anleitet oder der Staat die Präsentation eines heiligen Textes vorschreibt, tritt die Institution selbst in den religiösen Raum ein.
Ein Amerika, fast genau in zwei Hälften geteilt
Die Amerikaner selbst scheinen diese Grenze wahrzunehmen. Eine Umfrage des „Pew Research Center“ vom April 2026 zeigt, dass 78 Prozent der Erwachsenen freiwillige Gebetsgruppen von Schülern befürworten. 57 Prozent akzeptieren, dass ein Trainer mit seiner Mannschaft betet.
Sobald die schulische Autorität unmittelbar beteiligt ist, sinkt die Zustimmung: 46 Prozent befürworten ein vom Lehrer geleitetes Gebet, 53 Prozent lehnen es ab.
Bei den Zehn Geboten ist das Land nahezu exakt gespalten: 50 Prozent befürworten ihre Präsentation in Klassenzimmern, 48 Prozent lehnen sie ab. Zwang findet dagegen kaum Zustimmung. Nur 8 Prozent wollen Schüler zur Teilnahme an einem vom Lehrer geleiteten Gebet verpflichten.
Amerika akzeptiert Religion also weitgehend, solange sie auf individueller Entscheidung beruht. Deutlich skeptischer wird es, wenn die Institution selbst die Initiative übernimmt.
Sprechen die Zehn Gebote wirklich zu allen?
Einige Gebote erscheinen universell: nicht töten, nicht stehlen, kein falsches Zeugnis ablegen. Auch eine säkulare Gesellschaft kann diese Regeln selbstverständlich übernehmen.
Doch der Dekalog geht weiter. Er fordert auch die Anerkennung Gottes, verbietet die Verehrung anderer Götter und verlangt die Heiligung des Sabbats. Damit verlassen wir den Bereich einer rein staatsbürgerlichen Moral.
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An wen richtet sich also der Text an der Wand? An das christliche Kind? An den Juden? Den Muslim? Den Hindu? Oder an den Schüler, der an keinen Gott glaubt?
„Du sollst nicht stehlen“ kann eine gemeinsame Regel sein. „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ setzt bereits eine Beziehung zu Gott voraus. Geht es ausschließlich um die Vermittlung gemeinsamer moralischer Werte, ist die Wahl des Dekalogs keineswegs neutral.
Mose, Gründervater auf Umwegen
Darin liegt eine historische Ironie. Die Zehn Gebote gehören zunächst zur Hebräischen Bibel. Sie werden Mose im Rahmen des Bundes zwischen Gott und Israel übergeben, bevor das Christentum sie übernimmt und sie zu einem der großen moralischen Texte der westlichen Zivilisation werden.
Juden machen jedoch weniger als 1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von Texas aus. Es sind heute vor allem Christen, die die Gesetzestafeln in öffentlichen Schulen sehen wollen und den Dekalog als eine der Quellen amerikanischer Moral und Rechtsordnung verstehen.
Mose wird damit gewissermaßen zum amerikanischen Gründervater auf Umwegen. Texas wird dadurch nicht jüdischer. Vielmehr wird ein Gründungstext des Judentums in eine bestimmte christliche Deutung der amerikanischen Geschichte und Identität aufgenommen.
Und was ist mit Noah?
Die jüdische Tradition selbst kennt eine Unterscheidung, die ein überraschendes Licht auf die Debatte wirft. Neben den besonderen Verpflichtungen Israels entwickelte das rabbinische Judentum die Vorstellung von den sieben noachidischen Geboten, die symbolisch an die Nachkommen Noahs und damit an die gesamte Menschheit gerichtet sind.
Sie bilden einen moralischen Mindestbestand: unter anderem Verbote von Mord, Diebstahl, Götzendienst und Gotteslästerung, bestimmte sexuelle Verbote, das Verbot einer besonderen Form der Tierquälerei sowie die Verpflichtung, eine Rechtsordnung zu schaffen.
Das Judentum unterscheidet damit zwischen den besonderen Verpflichtungen Israels und Grundsätzen, die für alle Menschen gelten sollen. Natürlich bedeutet dies nicht, dass amerikanische Schulen die Zehn Gebote durch die noachidischen Gebote ersetzen sollten. Auch diese entstammen einer religiösen Tradition.
Die Unterscheidung wirft jedoch eine interessante Frage auf: Sollte eine pluralistische Gesellschaft auf der Suche nach einer gemeinsamen Moral den Text eines bestimmten religiösen Bundes wählen – oder jene Mindestprinzipien suchen, die Menschen unterschiedlicher Überzeugungen miteinander teilen können?
Warum Texas?
Das ist die 10.000-Dollar-Frage. Texas hat fast 32 Millionen Einwohner und ist längst keine kulturell homogene Gesellschaft mehr. Houston, Dallas, Austin und San Antonio sind kosmopolitische Metropolen. Die hispanische Bevölkerung hat den Bundesstaat tiefgreifend verändert, die asiatische Bevölkerung wächst, und mehr als ein Viertel der erwachsenen Texaner gibt inzwischen keine Religionszugehörigkeit an.
Warum also gerade in diesem Texas den Dekalog an die Wände öffentlicher Schulen hängen? Die Geschichte liefert einen Teil der Antwort. Texas gehört zum Bible Belt, in dem der evangelikale Protestantismus Gesellschaft und Politik nachhaltig geprägt hat.
Hinzu kommen die politische Stärke der christlichen Rechten, eine fest etablierte republikanische Mehrheit in den Institutionen des Bundesstaates und ein juristisches Umfeld, das religiösen Bezügen im öffentlichen Raum inzwischen offener gegenübersteht. Texas wird damit zum Laboratorium. Es verteidigt nicht nur eine Tradition, sondern testet neue verfassungsrechtliche Grenzen zwischen Religion und Staatsgewalt.
Und wenn Texas sich gerade zu schnell verändert?
Eine andere Erklärung verdient Beachtung. Was, wenn diese religiöse Selbstbehauptung nicht nur ein Überbleibsel des alten Texas ist, sondern zugleich eine Reaktion auf die Entstehung eines neuen? Der Bundesstaat wird urbaner, vielfältiger und pluralistischer. Religiöse Zugehörigkeiten verändern sich. Was früher kulturell selbstverständlich erschien, ist es nicht mehr unbedingt.
Eine dominante Kultur muss ihre Werte kaum verkünden, solange sie weithin geteilt werden. Sie kann jedoch den Wunsch entwickeln, sie gesetzlich festzuschreiben, sobald sie fürchtet, dass dies künftig nicht mehr der Fall sein könnte.
Diese Hypothese verlangt Vorsicht, erklärt aber ein Paradox: Eine vielfältiger werdende Gesellschaft kann selbst eine stärkere Bekräftigung jener Identität auslösen, die manche bedroht sehen. Die Zehn Gebote werden dann nicht nur zum Glaubensbekenntnis, sondern auch zum kulturellen Identitätsmarker.
Ein moralischer oder ein moralisierender Staat?
Jede Gesellschaft vermittelt Werte. Der Staat verbietet Mord und Diebstahl, schützt Eigentum, sanktioniert bestimmte Formen der Unwahrheit und vermittelt Respekt vor anderen. Kein Rechtssystem ist gegenüber Gut und Böse vollkommen neutral.
Doch es besteht ein Unterschied zwischen einem moralischen und einem moralisierenden Staat. Der erste formuliert Regeln, die für das Zusammenleben notwendig sind. Der zweite beginnt nicht nur festzulegen, was erlaubt oder verboten ist, sondern auch, aus welcher höheren Vorstellung vom Guten diese Regeln ihre Autorität beziehen sollen.
Einem Kind zu erklären, es dürfe nicht stehlen, weil eine Gesellschaft nicht funktionieren kann, wenn jeder sich das Eigentum anderer nimmt, gehört zur staatsbürgerlichen Erziehung. „Du sollst nicht stehlen“ als göttliches Gebot zu präsentieren, führt zur gleichen Verhaltensregel – aber zu einer anderen Quelle ihrer Autorität.
Die Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Welche Werte wollen wir vermitteln? Sondern: Wer verleiht ihnen ihre Autorität?
Theokratie? Das geht zu weit
Von einem Weg in die Theokratie zu sprechen wäre überzogen. Die Vereinigten Staaten werden nicht von Geistlichen regiert. Es gibt keine Staatskirche. Die Verfassung bleibt die höchste Norm, und Gerichte entscheiden weiterhin über Konflikte zwischen staatlicher Macht und Religionsfreiheit.
Ein Plakat macht noch keine Theokratie. Ein Gebet ebenso wenig. Die interessantere Frage lautet: Kann ein Staat schrittweise konfessioneller werden, ohne jemals theokratisch zu werden?
Die zunehmende Präsenz religiöser Texte, Gebete und biblischer Unterrichtsinhalte kann die Grenze allmählich verschieben – zwischen einer Religion, die der Staat schützt, und einer Religion, die er bevorzugt. Diese Grenze verdient Aufmerksamkeit.
Kann die Ausnahme zur Regel werden?
Texas ist vorerst nicht Amerika. Die nationale Öffentlichkeit ist beim Dekalog nahezu gleichmäßig gespalten und unterstützt freiwillige Religionsausübung wesentlich stärker als religiöse Praktiken, die von der Schulbehörde organisiert werden.
Doch Texas steht nicht mehr völlig allein. Andere Bundesstaaten zeigen, dass die Ausnahme Schule machen könnte. Die eigentliche Frage lautet daher vielleicht nicht, ob amerikanische Kinder lernen werden, dass Mose mit den Gesetzestafeln vom Sinai herabstieg.
Entscheidend ist, warum der Staat diese Tafeln heute vor ihren Augen anbringen will. Geht es um die Bewahrung eines historischen Erbes? Um die Wiedergewinnung eines gemeinsamen moralischen Fundaments in einer fragmentierten Gesellschaft? Um die Bekräftigung einer christlichen Identität angesichts eines sich wandelnden Amerikas? Oder beginnt der Staat für sich das Recht in Anspruch zu nehmen, jene religiösen Bezugspunkte auszuwählen, auf denen die gemeinsame Moral beruhen soll?
Am Ende bleibt eine vielleicht wichtigere Frage als alle anderen: Müssen Bürger, um miteinander leben zu können, dieselben Regeln teilen – oder müssen sie auch an dieselbe Quelle dieser Regeln glauben?