Eine Geschichte mit vielen Helden

Nach dem vereitelten Terroranschlag feiert Israel seine neuen Helden. Der Inlandsgeheimdienst hatte zuvor schon Sicherheitsbedenken bei Flügen aus den Emiraten angemeldet.
Von Daniel Frick
Heldenhafter Pilot: Der Inder Smit Machchhar verhinderte mit seinem Kampf gegen einen Terroristen im Cockpit eine Katastrophe

JERUSALEM (inn) – Es hätte ein Routineflug von den Emiraten nach Israel werden sollen. Am frühen Mittwochmorgen stieg der Flug FlyDubai FZ1073 von Dubai in die Lüfte, um gut drei Stunden später in Tel Aviv zu landen. Doch an Bord war ein Co-Pilot aus dem Oman mit offenkundig terroristischen Motiven. In der Folge schwangen sich der indische Flugkapitän, die emiratische Besatzung und vier israelische Männer zum Heldentum auf und verhinderten eine Katastrophe.

Die entscheidende Handlung ging dabei vom Flugkapitän Smit Machchhar aus: Vom Übeltäter im Cockpit mit einem Messer schwer verwundet, schaffte es der 39-Jährige gerade noch, die Tür zum Cockpit zu öffnen. So verschaffte er den von seinen Schreien bereits alarmierten Passagieren Zutritt. Diese konnten den Terroristen dann überwältigen.

Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu (Likud) feierte Machchhar und bezeichnete ihn als „wahren Helden“. Er habe „außerordentlichen Mut“ gezeigt. Netanjahus indischer Amtskollege Narenda Modi (Indische Volkspartei) äußerte sich ähnlich und betonte: „Indien ist stolz auf Kapitän Machchhar.“

Beherztes Eingreifen

Heldenhaft agierten auch vier israelische Männer an Bord, die entschlossen eingriffen: Janiv Hajon nahm den Terroristen, der im Begriff war, die Kontrollgeräte zu zerstören, in den Schwitzkasten. Dann kamen Assaf Radschwan und Zvika Manes zur Hilfe. Sie kümmerten sich weiter um den Terroristen und fesselten ihn.

Hajon stabilisierte indes den Flug der Maschine. Der Zahnarzt Schota Musajev stillte die heftigen Blutungen des Flugkapitäns und rettete ihm damit das Leben. Inzwischen gilt dessen Zustand als stabil.

Zuvor hatte die Frau von Zvika Manes, Tali Manes, ihre Tochter Nina zur Toilette nahe des Cockpits begleitet. Auf einmal hörte sie von dort Schreie. Sofort alamierte sie ihren Ehemann und die Besatzung. Nachdem der Terrorist überwältigt war, handelte sie geistesgegenwärtig und ging in den Rückraum des Flugzeuges, wo die Ersatzpiloten saßen, um diese um Hilfe zu bitten.

Später schilderte Hajon im Gespräch mit Netanjahu am Ben-Gurion-Flughafen den Vorfall – Blutflecke auf seiner Kleidung zeugten noch vom erlebten Drama. Hajon, von Beruf ein Klempner, erklärte, er habe in der Fernsehdokumentation „Mayday – Alarm im Cockpit“ gesehen, wie sich ein Flugzeug stabilisieren lässt und entsprechend das Ruder übernommen.

Bei der Begrüßung sagte Netanjahu: „Ich sehe Sie an und sehe einen Löwen. Ich sehe einen großartigen Helden.“ Die „Tagesschau“ bezweifelte indes, ob es sich wirklich um einen Helden handelte, und setzte den Begriff in Anführungszeichen:

Der israelische Präsident Jizchak Herzog kündigte an, den vier Männern und Tali Manes die Ehrenmedaille für zivile Tapferkeit zu verleihen. Diese hätten entschlossen, mutig und mit Einfallsreichtum gehandelt. Zudem dankte er dem indischen Flugkapitän „vom Grund seines Herzens“. Sein Mut und seine Entschlossenheit hätten zahlreiche Leben gerettet.

„Zwei Wunder“

Die Ersatzpiloten von FlyDubai führten dann die Notlandung am Flughafen von Tabuk im Norwesten Saudi-Arabiens durch. Nach Informationen der Zeitung „Jerusalem Post“ waren sie für den Fall einer Umleitung des Fluges an Bord. Sie waren in Bereitschaft, falls eine Umleitung dazu geführt hätte, dass die Piloten ihre erlaubte Einsatzzeit überschreiten.

Die Passagierin Lital Schachar sprach nach dem Vorfall von „zwei Wundern“: Dass Israelis an Bord waren, die heldenhaft ins Cockpit stürmten, und dass zwei Ersatzpiloten an Bord waren, die die Maschine zur Landung brachten. Sie habe mit ihren vier Töchtern in Reihe 10 gesessen und den Vorfall unter Todesangst hautnah miterlebt.

Dankbar sei sie auch für die fürsorgliche Behandlung in Saudi-Arabien, wie sie der Nachrichtenseite „Times of Israel“ schilderte. „Wir fühlten uns sofort sicher, weil sie wirklich wundervoll und großzügig waren“, sagte sie. Die Ärzte und Pfleger hätten auf Englisch mit ihnen gesprochen. „Sie hörten nicht auf zu sagen: ‚Sie sind jetzt an einem sicheren Ort.‘“

Nach dem Vorfall beantragte Israel zunächst, die gestrandeten Passagiere eigenhändig von Saudi-Arabien nach Israel zu bringen. Doch Saudi-Arabien, das keine diplomatischen Beziehungen mit dem jüdischen Staat pflegt, lehnte ab. Stattdessen schickte die emiratische Luftlinie FlyDubai ein Ersatzflugzeug und brachte die Passagiere nach Tel Aviv.

Nach der Landung feierten die Israelis an Bord den glücklichen Ausgang. Einige stimmten lauthals das in Israel äußerst beliebte Lied „Tamid Ohev Oti“ – „(Gott) liebt mich immer“ an. Der Sänger Jair Elizur veröffentlichte den religiösen Popsong 2024.

Regierung: Versuch der politischen Sabotage

Israel wertet den vereitelten Anschlag indes als Versuch, die Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zu sabotieren. Doch der Plan sei nicht nur misslungen, sondern habe das Gegenteil bewirkt: „Die Ereignisse zeigten Solidarität zwischen den Bürgern des Landes.“

Der britische Journalist Douglas Murray sieht den Vorfall auch symbolisch: „Was im Himmel über Saudi-Arabien am Mittwochmorgen geschah, ist eine Metapher für drei Jahre Krieg. Die Israelis sahen eine existenzielle Bedrohung, nahmen die Sache in die eigene Hand, und wählten ihren Weg. Der Rest des Westens wird sich entscheiden müssen, ob er dem israelischen Vorbild folgt oder seine eigene Zukunft vom Terror und von der Geiselnahme seiner gesamten Gesellschaft diktieren lässt.“

Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen kritisiert

Nach dem glücklichen Ausgang stellt sich die Frage, wie es überhaupt zu dem Vorfall kommen konnte. Die israelische Verkehrsministerin Miri Regev (Likud) wies auf eine Klausel in den Abraham-Abkommen hin: Demnach dürfen die Emirate keinen Piloten für Flüge nach Israel einsetzen, der Staatsbürger eines Landes ohne diplomatische Beziehungen sind – wie in diesem Fall der Oman.

Zudem hatte der Inlandsgeheimdienst Schabak bereits zuvor Bedenken mit Blick auf Flüge aus den Emiraten geäußert. Demach sind die Sicherheitsvorkehrungen in dem Golfstaat ungenügend. Der Schabak forderte von den Emiraten, einen zusätzlichen Gepäckscanner bei Flügen nach Israel einzusetzen, die Behörden verweigerten sich dem aber.

Am vergangenen Mittwoch untersagte der Schabak israelischen Fluggesellschaften – El Al, Israir, Arkia –, Flüge aus den Emirate anzubieten. Die Fluggesellschaften protestierten mit Verweis auf den Wegfall von Einnahmen, mussten das Verbot aber hinnehmen. Die emiratischen Fluggesellschaften Etihad und FlyDubai setzten die Flüge nach Israel fort.

Flüge ausgesetzt

Die Fluggesellschaft FlyDubai kündigte unterdessen an, die Flüge nach Israel vorerst auszusetzen. Ein Sprecher sagte, FlyDubai werde die laufenden Ermittlungen voll unterstützen. Inzwischen hat der emiratische Generalstaatsanwalt Ermittlungen in die Wege geleitet.

Die Fluggellschaft Emirates ordneten zudem an, dass Israelis vorerst keine Verbindungsflüge über Dubai nutzen dürfen, sofern eine FlyDubai-Maschine für den Flug von Dubai nach Tel Aviv vorgesehen ist. Die betreffenden Personen dürfen damit an ihren Standorten, etwa in Thailand, nicht an Bord einer Maschine der Emirates gehen.

Das israelische Verkehrsministerium organisierte inzwischen bis zu 30 Sonderflüge, um Israelis in den kommenden Tagen aus den Emiraten zu fliegen. Die Aktion soll am Freitag starten und erfolgt in Abstimmung mit dem Schabak und dem Auslandsgeheimdienst Mossad.

Ermittlungen gegen Täter

Ersten Erkentnissen zufolge arbeitete der Täter seit acht Monaten bei FlyDubai. Laut Medienberichten beobachtete ein Kollege extrem religiöses Verhalten. Er habe „exzessiv“ über Tage hinweg gebetet und Frauen den Handschlag verweigert.

Netanjahu erklärte, der Omani werde jetzt in die Emirate gebracht und verhört. Israelische Sicherheitskreise gehen derzeit davon aus, dass er allein handelte. Es gebe keine Hinweise darauf, dass er mit dem Iran oder einer Terrorgruppe in Verbindung stand.

Der israelische Regierungssprecher Doron Spielmann betonte indes, dass die Untersuchungen derzeit anliefen und Israel daran teilnehme. Falls sich dabei herausstelle, dass der Täter Auftraggeber hatte, „sollten diese nun wohl Schutz suchen, denn wir werden sie finden und sie werden dafür bezahlen“. (df)

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