FRANKFURT/MAIN (inn) – Ein Buch bietet einen Schatz der Komplexität, der mit keinem anderen Medium zu erreichen ist. Diese Ansicht äußerte der israelische Herausgeber Oded Wolkstein am Mittwoch auf einer Video-Pressekonferenz. Anlass war die bevorstehende Frankfurter Buchmesse, die am 7. Oktober beginnt.
Wolkstein, der auch Autor ist, repräsentierte zusammen mit Sigalit Gelfand das Israelische Institut für Hebräische Literatur (ITHL). Bücher sprächen in einem anderen Ton, sagte er. Sie „bergen Geschichten, die man in Diskussionen nicht hören kann“. Er fügte an: „Bücher sind nötig wie die Luft, die wir atmen.“
Im vergangenen Jahr waren auf der Buchmesse in Frankfurt am Main acht israelische Autoren zu Gast. Diesmal gestalten den Stand vor allem Verlage. Die Israelis hoffen, Verleger in Deutschland für Übersetzungen hebräischer Bücher zu gewinnen.
Das sei derzeit nicht einfach, sagte Orna Landau vom Verlag „Bookstop Publishing“ (Hatachna). Nach dem Terrormassaker vom 7. Oktober 2023 mache die israelische Kultur und Literatur eine sehr schwere Zeit durch. Im Ausland förderten weniger Agenten hebräische Titel. Deshalb gelte es, proaktiv zu sein, um israelische Stimmen in andere Länder und Sprachen zu bringen.
Fonds für Übersetzungen soll Verleger animieren
In diesem Zusammenhang erzählte Gelfand von einem Fonds für Übersetzungen. Dieser soll Verlegern die Entscheidung erleichtern, Bücher zu veröffentlichen, die auf Hebräisch in Israel erschienen sind. „Wir hoffen, dass er neue Türen öffnen wird“, sagte die Direktorin des ITHL. Viele Länder hätten schon einen solchen Fonds, für Israelis sei das Konzept neu.
Dabei zeigte sich Gelfand überzeugt, dass ausländische Verleger nicht nach einem „Bericht über Israel“ suchten. Vielmehr seien sie auf der Suche nach einem herausragenden Buch, das das Leben in all seiner Komplexität abbilde. Sie verwies auf eine lange Tradition hebräischer Literatur in Deutschland, die mit Namen wie Amos Oz, David Grossman oder Meir Shalev verbunden sei. Nun hofften die israelischen Aussteller, dass deutsche Verleger die neuen Namen ebenfalls kennenlernten.
Geschichtliches für Kinder und das Thema „7. Oktober“
Bereits auf Deutsch erschienen ist das Buch „Kidstory“ von Tamar Weiss Gabbay. Es enthält 20 Geschichten für Kinder, die in unterschiedlichen historischen und regionalen Kontexten spielen – von der Steinzeit bis heute. In Israel erschien es bei „Hatachna“. Kinder könnten sich mit den jeweiligen Protagonisten identifizieren, sagte Jael Molchadsky. Sie leitet die Kinder- und Jugendbuchabteilung beim Kinneret Zmora-Bitan Dvir Verlag und ist Co-Verlegerin bei Lama; dieser Verlag hat das Buch auf Hebräisch herausgegeben.
Landau stellte einen eigenen Roman vor, dessen hebräischer Titel übersetzt „Letzter Halt: Paradies“ heißt. Er ist auf Englisch erschienen, aber bislang nicht auf Deutsch. Sie habe das Buch nach dem 7. Oktober „weinend geschrieben“, erzählte die Autorin. Die Romanheldin geht ins Gaza-Grenzgebiet, um das Land wieder aufzubauen. Gegenüber der israelischen Regierung ist sie kritisch eingestellt. Eines Tages bemerkt sie außerhalb der Ortschaft, in der sie lebt, eine Mauer – und begibt sich auf die andere Seite.
Das Massaker ist seit dem 7. Oktober ein häufiges Thema in der israelischen Literatur. Dabei werde auf Autoren diesbezüglich kein Druck ausgeübt, äußerte Landau auf eine entsprechende Frage. Doch sie erhalte zahlreiche non-fiktionale Manuskripte, von denen längst nicht alle literarisch wertvoll seien. Mitunter fühle es sich so an, als sei jeder entweder selbst entführt worden, oder ein Angehöriger, oder er trauere um einen Ermordeten. Aus ihrer Sicht hilft es indes nicht, das Posttrauma zu überwinden, wenn permanent vom Massaker die Rede ist oder Bilder davon gesendet werden.
Bei fiktionalen Büchern wiederum komme es ihr so vor, „als müsste jeder den 7. Oktober in sein Buch bringen – als wäre alles, was wir tun, jetzt davon überschattet“. Das Thema habe „den Platz der alten Frau vom Holocaust eingenommen“. Landau sprach sich dafür aus, einen Schritt zurückzutreten: „Nicht zwangsläufig muss jedes Buch das enthalten.“
Jahrestag des Massakers: Eröffnung vorgezogen
Die Frankfurter Buchmesse mit dem Ehrengastland Tschechien beginnt am 7. Oktober und endet am 11. Oktober; ab dem 9. Oktober ist sie auch für Privatbesucher geöffnet. Offiziell eröffnet wird die Messe allerdings bereits am 6. Oktober. Gelfand sagte, sie wisse es zu schätzen, dass die Stadt Frankfurt die feierliche Eröffnung angesichts des Jahrestages vorgezogen habe. Diese Entscheidung zeuge von Respekt.
Am 14. Oktober 2023 hatte der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos, eine offizielle Erklärung zum Hamas-Massaker abgegeben. Darin verurteilte er den Terrorangriff und schrieb: „Der Terrorkrieg gegen Israel widerspricht allen Werten der Frankfurter Buchmesse. Bei der Frankfurter Buchmesse geht es immer um Menschlichkeit, im Zentrum steht der friedliche und demokratische Diskurs. Diese Menschlichkeit ist durch den Angriff der Hamas-Terroristen auf Israel abermals zerbrochen.“
Die Israelis präsentieren sich in der Europäischen Halle (3.1) auf der Standfläche A15. Am Donnerstag, dem 8. Oktober, laden sie dort um 13 Uhr zu einem Empfang ein.
Im Jahr 2025 zählte die Buchmesse 238.000 Besucher. Auf dem Gelände in Frankfurt gab es 4.350 Aussteller.
2 Kommentare
Das ist doch einmal eine positive Info. Es gibt sie noch, die kulturellen Ereignisse, bei denen Israël willkommen ist 📚🇩🇪🇮🇱💝 OT : unter der Rubrik Lesenswert ist ein enthusiastischer Bericht des Bayrischen Rundfunks über ein Konzert der Münchner Philharmoniker mit dem Dirigenten Lahav Shani zu lesen. Ein Triumph! Gott mit dir, du Land der Bayern….
Israel auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Grund zur Freude? Ja. Aber wir alle, meine Ehefrau, ich selbst, unser Bischof, unser Hauspersonal, machen uns Sorgen.