Meinung

Wenn Berlin sich nicht mehr wie Heimat anfühlt

In großen Teilen der Bevölkerung in der deutschen Hauptstadt ist eine Spielart des Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig geworden. Gedanken von Michail Kantor nach der Berliner Wahl
Von Israelnetz

Die Berliner Wahl vom 20. September 2026 war für die meisten Menschen in dieser Stadt eine Wahl über Mieten, über soziale Ungleichheit, über Verkehr und Sicherheit – über die Zukunft einer Stadt, die seit Jahren nach sich selbst sucht. Für mich hat dieses Ergebnis noch eine zweite Bedeutung. Ich sehe es auch mit den Augen eines deutschen Juden, für den Berlin nicht irgendeine deutsche Großstadt ist, sondern Heimat: die Stadt, in der jüdisches Leben nach seiner nahezu vollständigen Vernichtung neu entstanden ist, in der Juden über Jahrzehnte darauf vertrauen konnten, nicht erklären zu müssen, warum sie hierhergehören.

Dieses Vertrauen ist nicht verschwunden. Aber es hat Risse bekommen.

Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Am 20. September wurde Die Linke mit 25,7 Prozent erstmals stärkste Kraft im Berliner Abgeordnetenhaus. Bemerkenswert ist vor allem ihr Erfolg unter jungen Wählern: Laut infratest dimap stimmten 43 Prozent der unter 25-Jährigen und 48 Prozent der 25- bis 34-Jährigen für die Partei. Man kann einwenden, die wenigsten hätten wegen Israel oder ihrer Haltung zu Juden gewählt – entscheidend seien soziale Themen und die Wohnungspolitik gewesen. Das mag für einen Großteil der Wählerschaft zutreffen. Es entlastet aber nicht die Partei selbst.

Die Berliner Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp, hat einen Fünf-Punkte-Plan zum Schutz jüdischen Lebens vorgelegt und erklärt, jüdisches Leben müsse in Berlin sichtbar und geschützt sein. Das ist, für sich genommen, eine richtige Aussage. Nur: Wenige Wochen zuvor wurde auf einer Wahlkampfveranstaltung der eigenen Partei in Neukölln nach übereinstimmenden Medienberichten in Sprechchören der Tod israelischer Soldaten gefordert, ohne dass anwesende Politiker sofort eingriffen. Zwischen dem Anspruch, jüdisches Leben zu schützen, und dem, was auf den eigenen Bühnen der Partei zunächst unwidersprochen blieb, klafft eine Lücke, die sich nicht mit einer nachträglichen Pressemitteilung schließen lässt.

Diese Lücke hat einen Namen: Antizionismus. Die Linke betont regelmäßig, sie unterscheide scharf zwischen Kritik an Israel beziehungsweise am Zionismus und Antisemitismus – Ersteres sei legitime Politik, Zweiteres inakzeptabel. Selten gestellt wird dabei die Frage, nach welcher Definition die Partei diese Grenze eigentlich zieht. Die Bundesregierung hat 2017 die IHRA-Arbeitsdefinition zum Maßstab gemacht, an dem sich Behörden, Sicherheitsapparat und politische Bildung seither orientieren sollen; auch der Zentralrat der Juden trägt sie mit. Sie erkennt ausdrücklich an, dass sich Antisemitismus auch als Dämonisierung Israels oder als Infragestellen seines Existenzrechts äußern kann.

Für die Linke gilt dieser Maßstab offenbar nicht: Die Partei hat sich auf ihrem Bundesparteitag mehrheitlich nicht zur IHRA-Definition bekannt, sondern sich stattdessen der sogenannten „Jerusalemer Erklärung“ angeschlossen, die Antisemitismus enger fasst – als Diskriminierung, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Juden „als Juden“ – und Kritik an Israel sowie am Zionismus ausdrücklich davon abgrenzt. Damit hat sich die Partei genau des Maßstabs entledigt, den sich der Rest der Republik gegeben hat, und an dem sich objektiv prüfen ließe, wann aus Kritik Hass wird. Sie bestimmt seither selbst, wo die Grenze verläuft – und erkennbar großzügig zu ihren eigenen Gunsten.

Kein Randphänomen

Was sich darin zeigt, ist kein Randphänomen, sondern ein Stimmungsbild: In großen Teilen der Berliner Bevölkerung ist eine Spielart des Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig geworden. Problematisch wird es dort, wo unter Begriffen wie „Widerstand“ oder „Dekolonisierung“ Positionen legitimiert werden, die nicht mehr die Politik einer israelischen Regierung, sondern die Existenz Israels selbst infrage stellen. Dass „Zionist“ dabei zunehmend wie ein Synonym für Faschismus oder Unterdrückung benutzt wird, ändert daran nichts; es entspricht schlicht nicht der Wahrheit.

Doch selbst wenn man jener Logik folgen wollte, die zwischen Berliner Juden, die es zu schützen gilt, und „Zionisten“, gegen die politischer Widerstand legitim sei, unterscheidet – nach welchen Kriterien soll das eigentlich geschehen? Reicht eine israelische Flagge am Revers? Ein Satz wie „Ich halte die Existenz Israels für richtig“? Wer entscheidet, ab wann ein Jude als Zionist gilt – und damit, im Vokabular vieler Israelgegner, als Unterstützer eines Genozids?

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Auf der Straße jedenfalls fragt niemand nach, bevor er zuschlägt: Wer einen Kippaträger angreift, hält nicht inne, um sich dessen Nahost-Haltung erklären zu lassen. Am Ende bleibt für Berliner Juden nur eine von zwei Möglichkeiten: sich vollständig von Israel loszusagen – oder unter dem Generalverdacht zu stehen, genau jener „Zionist“ zu sein, gegen den sich politische Feindbilder und zunehmend auch persönliche Anfeindungen richten.

Und dennoch gibt es eine historische Erfahrung, an die man erinnern darf – eine, die lange vor jeder staatlichen Verfolgung beginnt. Sie beginnt dort, wo Menschen anfangen, sich zu fragen, ob sie hier eigentlich noch selbstverständlich zu Hause sind.

Wie sichtbar darf ein Jude in Berlin sein?

Ein Jude kann in Berlin meistens völlig unbehelligt leben – zumindest solange niemand erkennt, dass er Jude ist. Die entscheidende Frage beginnt dort, wo jüdisches Leben sichtbar wird: wenn ein Mann eine Kippa trägt, eine Frau einen Davidstern um den Hals, wenn jemand Hebräisch spricht oder öffentlich sagt, er habe Freunde oder Verwandte in Israel, er fühle sich Israel verbunden.

Diese Sorge ist keine Phantasie. Die Berliner Polizei registrierte für das Jahr 2025 insgesamt 2.268 antisemitische Straftaten, ein Anstieg um 24,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr; die Forschungsstelle RIAS Berlin dokumentierte im selben Jahr 2.197 antisemitische Vorfälle, im Schnitt sechs pro Tag. Im September 2026 wurde eine 43-jährige Frau in Berlin-Mitte nach Polizeiangaben wegen ihres Davidsterns antisemitisch beleidigt und anschließend mit einer zerbrochenen Glasflasche angegriffen; sie erlitt Schnittverletzungen und musste im Krankenhaus behandelt werden.

Solche Vorfälle verändern mehr als das Leben des unmittelbaren Opfers. Sie verändern das Verhalten einer ganzen Gemeinschaft. Trage ich den Davidstern heute offen? Fährt mein Kind mit Kippa durch Neukölln? Spreche ich in der U-Bahn Hebräisch, zeige ich öffentlich Solidarität mit Israel – oder lasse ich es lieber? Genau darin liegt das eigentliche Problem: Eine Stadt kann jüdisches Leben offiziell schützen und trotzdem gesellschaftliche Verhältnisse entwickeln, in denen Juden beginnen, sich unsichtbar zu machen.

Antisemitismus von links funktioniert anders

Rechter Antisemitismus ist vergleichsweise leicht zu erkennen. Wer von einer jüdischen Weltverschwörung spricht, nationalsozialistische Symbolik verwendet oder die Schoa verherrlicht, lässt wenig Raum für Interpretation. Antisemitische Denkmuster in Teilen der politischen Linken sind dagegen häufig schwerer zu fassen, gerade weil sie in einer anderen politischen Sprache auftreten – als Kritik, als Solidarität, als antikoloniale oder antizionistische Haltung.

Israel muss kritisiert werden dürfen. Die israelische Regierung ist keine sakrale Institution – man darf Benjamin Netanjahu kritisieren, israelische Minister, die Siedlungspolitik, Militäroperationen, man darf über Menschenrechtsverletzungen und Völkerrecht streiten. Eine Demokratie muss das aushalten. Wo genau diese Kritik endet und etwas anderes beginnt, habe ich beschrieben. Was in der öffentlichen Debatte dabei meist fehlt, ist eine ehrliche Antwort auf die Frage, was Zionismus eigentlich bedeutet.

Was Zionismus tatsächlich bedeutet

In Teilen der heutigen Debatte wird Zionismus dargestellt, als handele es sich um eine Form von Rassismus, Kolonialismus oder gar Faschismus. Diese Gleichsetzung unterschlägt seine historische Grundidee: Zionismus bezeichnet zunächst die jüdische Nationalbewegung und die Überzeugung, dass auch Juden ein Recht auf politische Selbstbestimmung in einem eigenen Gemeinwesen besitzen. Über die Ausgestaltung dieses Staates lässt sich streiten – über Grenzen, über das Verhältnis zu den Palästinensern, über einen palästinensischen Staat, über Siedlungen, über Regierungen. Die elementare Frage aber lautet: Gesteht man auch Juden grundsätzlich ein Recht auf nationale Selbstbestimmung zu?

Bemerkenswerterweise wird genau dieser Konflikt innerhalb der Berliner Linken selbst ausgetragen. Die parteiinterne LAG Shalom warnte im März ausdrücklich vor Antizionismus, der ausgerechnet Juden das Recht auf einen eigenen souveränen Nationalstaat verweigere, und forderte, ihn innerhalb der Partei zurückzuweisen.

Andere Strömungen argumentieren stärker aus einer „palästinasolidarischen“ Perspektive und kritisieren, Antisemitismusvorwürfe würden zur Delegitimierung berechtigter Kritik an israelischer Politik benutzt; der Berliner Landesvorstand hat zugleich ausdrücklich sowohl das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser als auch das Recht von Juden in Israel auf ein Leben in Sicherheit betont. Die Linke ist in dieser Frage kein homogener Block – umso mehr entscheidet, welche Strömung den politischen Ton angibt.

Was im Berliner Wahlkampf geschah

Diese Sorge entsteht nicht im luftleeren Raum. Bei einer Wahlkampfveranstaltung der Neuköllner Linken Ende August trat der Rapper Dahabflex auf und sang nach übereinstimmenden Medienberichten unter anderem „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“. Anwesende Politiker griffen zunächst nicht ein.

Elif Eralp distanzierte sich anschließend deutlich, nannte Gewalt- und Tötungsaufrufe „absolut inakzeptabel“, verlangte Aufklärung und Konsequenzen und bekannte sich erneut zum Schutz jüdischen Lebens. Das gehört zur Wahrheit dazu. Ebenso aber gehört dazu, dass eine solche Situation auf einer Wahlkampfveranstaltung überhaupt entstehen konnte. Für einen jüdischen Beobachter zählt daher weniger, was anschließend in einer Pressemitteilung steht, als die Frage, welche politische Kultur solche Situationen erst möglich macht.

Der Loyalitätstest

Vielleicht liegt hier das eigentliche Problem. Israel ist für viele deutsche Juden keine gewöhnliche außenpolitische Frage – dort leben Verwandte und Freunde, dort liegen Familiengeschichten, und die bloße Existenz Israels trägt nach Jahrhunderten der Vertreibung, der Pogrome und schließlich der Schoa eine Bedeutung, die bestehen bleibt, auch wenn man die jeweilige israelische Regierung scharf kritisiert.

Deshalb entsteht ein bedrückendes Gefühl, sobald von deutschen Juden erwartet wird, zuerst ihre politische Distanz zu Israel unter Beweis zu stellen: Distanzierst du dich ausreichend? Verurteilst du Israel? Bist du Zionist? Sprichst du von Genozid? Auf welcher Seite stehst du? Aus solchen Fragen kann leicht ein politischer Loyalitätstest werden, bei dem der gesellschaftlich akzeptierte Jude irgendwann derjenige ist, der demonstrativ erklärt, mit Israel möglichst wenig zu tun zu haben.

Der unbequemere Jude sagt stattdessen: Ich bin Deutscher, ich bin Berliner, ich kann die israelische Regierung kritisieren – und bin trotzdem Zionist, weil ich die Existenz eines jüdischen Staates für richtig halte. Diese beiden Sätze dürfen sich nicht ausschließen.

Und was ist mit muslimischem Leben?

Wenn Juden solche Sorgen äußern, heißt es oft, auch muslimisches Leben müsse geschützt werden. Das stimmt: Muslime haben denselben Anspruch auf Schutz vor Gewalt und Hass, und antimuslimischer Rassismus ist real.

Trotzdem verwischt dieser Einwand einen entscheidenden Unterschied: die tatsächliche Bedrohungslage. Vor praktisch jeder Synagoge und jeder jüdischen Schule in Deutschland steht seit Jahrzehnten dauerhaft ein Polizeifahrzeug – Normalität, nicht Ausnahme. Eine vergleichbare, flächendeckende Bewachung gehört bei Moscheen nicht zum Alltag. Das wertet nicht ab, was Muslime durch Diskriminierung und vereinzelte Gewalt erfahren – Anschläge auf Moscheen und rassistische Gewalt wie in Hanau zeigen reale Gefahr. Der institutionelle Unterschied bleibt trotzdem bestehen.

Man beantwortet die Angst einer Minderheit nicht damit, auf die Angst einer anderen zu verweisen. Aber man darf auch nicht so tun, als seien beide Bedrohungslagen gleich – das würde verharmlosen, was jüdisches Leben in Deutschland heute bedeutet: ein Leben hinter Panzerglas und Betonpollern.

Heimat bedeutet mehr als Sicherheit

Vielleicht ist das die entscheidende Frage nach dieser Wahl – nicht, ob morgen jemand jüdisches Leben verbieten wird (natürlich nicht), sondern welche Art von Berlin in den kommenden Jahren entsteht. Eine Stadt, in der der Davidstern selbstverständlich sichtbar bleiben kann, in der ein Jude offen sagen darf, dass er Israel liebt und trotzdem die israelische Regierung kritisiert, in der Zionismus nicht automatisch als moralischer Makel gilt und jüdische Bürger nicht für die Politik eines anderen Staates haftbar gemacht werden. Oder eine Stadt, in der Juden lernen, besser nicht zu viel von sich preiszugeben.

Der Autor, Michail Kantor, ist Rechtsanwalt in Düsseldorf.

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4 Kommentare

  1. Ein hochinteressanter Beitrag, der sich fast Wort für Wort auf Paris anwenden lässt. Ich will weder der früheren Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, noch Frau Eralp Antisemitismus unterstellen. Die Gegenwart eines Terroristenfreundes sowie eines Clan-Chefs bei der Wahlfeier der Linken war vielleicht nicht im Sinne von Elif Eralp. Dennoch stellt sich die Frage, ob sie sich aus den Fängen einiger ihrer Unterstützer befreien kann, so sie es überhaupt will.

  2. Danke, Herr Kantor, Sie haben es gut auf den Punkt gebracht! Das Plädoyer von Frau Elif Eralp war: „in unserer Stadt hat die Liebe und Gerechtigkeit über den Hass gewonnen.“ Und Ibrahim und Remmo fühlten sich von dieser Liebe ja direkt angesprochen und kamen zum Feiern. Intifada-Rufe sind auch eine ganz spezielle Form von Liebe. Alle fallen sich in Berlin jetzt in die Arme und gut is? Kippa und Davidsterne dürfen getragen werden und Islamisten werden Juden nicht mehr gefährlich? Noch sitzt Eralp nicht im Roten Rathaus. Aber die Gesinnung der Stadt und ihrer Wähler sagt nichts Gutes voraus. Trotzdem möchte ich mich an die Hoffnung halten, dass der Grundtenor Deutschlands bleibt: Antisemitismus hat in unserem Land keinen Raum. Alles andere wäre hoffnungslos und das ist nicht meine Denkweise. Wir werden sehen!

  3. Das jüdisches Leben in Berlin sichtbar geschützt werden muss, bin ich auch der Meinung. Dass Clanmitglieder auf die Wahlpartie derLinkenpartei kommen, heißt für mich, dass Wohl die Verwaltung Hand in Hand mit den Gangstern arbeitet.

  4. Ich betrachte Elif Eralp nicht als Antisemitin, noch werfe ich ihr vor, Israel zu hassen.
    Allerdings – und das haben SPD und Grüne sehr deutlich gemacht – kommt eine Koalition nur infrage, wenn Antisemiten und Hamas-Sympathisanten ausgeschlossen werden.
    Notfalls wäre rechnerisch eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen möglich.

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