Melisende: Herrscherin unter Männern

Eine Ausstellung in Jerusalem beleuchtet das Leben der Kreuzfahrerkönigin Melisende. Dabei spielt auch Zuckerrohr-Industrie eine Rolle.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Auf dich richten sich aller Augen, und auf dir allein lastet das ganze Gewicht des Königreichs. Du musst dich großen Aufgaben widmen und im Geiste von Klugheit und Standhaftigkeit handeln – mit einer Stärke, die man eher einem Mann zuschreiben würde. Du musst alle Dinge so umsichtig und maßvoll ordnen, dass jeder, der dein Handeln sieht, dich eher für einen König als für eine Königin hält.“

Diese Zeilen widmete Bernhard von Clairvaux (1090–1153), der Heilige Bernhard, in seinem Brief Melisende. Das Israel-Museum Jerusalem widmet der ersten Kreuzfahrerkönigin und außergewöhnlichen Frau eine Ausstellung: „Melisende, Königin von Jerusalem“.

Die wohlwollende Herrscherin, Kunstmäzenin und politische Strategin regierte von 1131 bis 1153 über das Kreuzfahrerkönigreich und damit länger als jeder andere Herrscher der Kreuzfahrerstaaten. Die Chroniken des Lateinischen Königreichs Jerusalem zeichnen das Bild einer Führungspersönlichkeit mit außergewöhnlichem politischem Scharfsinn, eine Herrscherin, die tief mit der Landschaft und den Menschen des Heiligen Landes verbunden war.

Ost-West-Verbindung

Ihre Abstammung – als Tochter eines fränkischen Königs und einer armenischen Prinzessin – verkörpert die Verbindung zwischen Ost und West, die im Jerusalem der Kreuzfahrerzeit aufblühte. Melisende war nicht bloß Gemahlin von König Fulko von Anjou, sondern eine eigenständige Herrscherin – die erste Regentin Jerusalems aus den Reihen der Kreuzfahrer, deren Autorität auf direktem Erbrecht beruhte und sowohl vom Adel als auch von der Kirche anerkannt wurde.

Melisende wurde um 1110 in Edessa, heute Nordsyrien, als älteste von vier Schwestern geboren. Sie war die Tochter des Kreuzfahrerkönigs von Jerusalem Balduin Il. und seiner Frau Morphia, einer armenischen Prinzessin. Balduin II. hatte am ersten Kreuzzug (1096–99) teilgenommen und wurde 1118 zum König von Jerusalem gekrönt.

Ihre starke Persönlichkeit erklärt sich in der für ihre Zeit umfangreichen Erziehung. Da es keine männlichen Erben gab, bereitete Balduin II. sie als seine Thronfolgerin vor. Im Gegensatz zu den damaligen europäischen Gepflogenheiten wurde Melisende schon in jungen Jahren in die Verwaltung des Königreichs eingebunden. Sie nahm am Adels-Rat teil, unterzeichnete Dekrete und war bereits im Jahr 1129 – im Alter von 24 Jahren – offiziell als „Erbin des Königreichs“ anerkannt. Ihre Mutter Morphia prägte ihre tiefe Spiritualität.

Machtkampf in der Ehe

Um eine erfolgreiche Kontinuität des Kreuzfahrer-Königreichs zu sichern, fädelte Balduin ihre Heirat mit Fulko von Anjou, einem französischen Adligen und erfahrenen Kreuzfahrer, ein. Die Trauung fand in der Grabeskirche statt. Nach Balduins Tod erbte das Paar im September 1131 gemeinsam den Thron.

Melisendes Ehe mit Fulko von Anjou sollte dem Königreich einen erfahrenen militärischen Befehlshaber garantieren, führte jedoch zu einem heftigen inneren Machtkampf. Denn Fulko versuchte, allein zu herrschen und Melisende ins Abseits zu drängen. Er strebte an, den angevinischen Adel und somit jene, die mit ihm aus dem französischen Anjou ins Heilige Land gekommen waren, gegenüber den einheimischen Feudalherren zu bevorzugen. Dieses Ansinnen widerstrebte Melisende.

Die Spannungen unter den Eheleuten erreichten 1134 ihren Höhepunkt mit dem Aufstand des Grafen von Jaffa, der sich die Unterstützung des Adels und der Kirche für Melisende und gegen Fulko sicherte, woraufhin Fulko sich gezwungen, ihre gemeinsame Herrschaft anzuerkennen. Fulkos plötzlicher Tod bei einem Jagdunfall im Jahr 1143 änderte alles: Fortan war Melisende Alleinherrscherin.

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In der Zeit ihrer alleinigen Regentschaft (1143–1153) kam es zur Konfrontation mit Zengi, Anführer muslimischer Streitkräfte. Zengi war der Sohn von Aq Sunqur al-Hadschib, einem türkischen Ghulam-Befehlshaber des Seldschuken-Sultans Malik-Schah I. und entschiedener Gegner der Kreuzfahrer. Seine Bezeichnung war Ghulam-Befehlshaber. Der Ausdruck Ghulam bezieht sich im historischen Kontext auf einen militärischen Führer, der aus den Reihen der islamischen Sklavensoldaten, der Mamluken, aufgestiegen ist.

Der Fall von Edessa im Jahr 1144 nötigte Melisende dazu, Gesandtschaften mit Hilfsgesuchen nach Europa zu entsenden, was schließlich zum zweiten Kreuzzug führte. 1148 nahm sie am Konzil von Akko teil. Obwohl einige Quellen darauf hindeuten, dass sie den Angriff auf Damaskus – das zu jener Zeit ein Verbündeter gegen die Zengiden-Dynastie war – ablehnte, wurde die Belagerung dennoch durchgeführt. Das Scheitern vor Damaskus schadete dem Ansehen des Kreuzfahrer-Königreichs und seiner westlichen Alliierten erheblich.

Die lateinische Kirche zeigte sich gegenüber Melisende erneut als loyal und unterstützte sie in ihrem Anspruch als Alleinherrscherin, als sich ihr Sohn und Thronfolger Balduin III. gegen seine eigene Mutter erhob, die sich vor ihrem aufmüpfigen Spross in die Jerusalemer David Zitadelle flüchtete.

Rückzug nach Nablus

Dank kirchlicher Vermittlung konnte sich Melisende nach Nablus zurückziehen und erhielt den Titel „Herrin von Nablus“; ihr Einfluss auf die Geschicke des Kreuzfahrer Königreichs blieb dennoch beträchtlich. 1154 versöhnten sich Mutter und Sohn und Melisende fungierte weiterhin als wichtige Beraterin und De-facto-Herrscherin, während ihr Sohn Balduin III. auf Feldzügen abwesend war.

Unter Melisendes Herrschaft erlebte Jerusalem ein „Goldenes Zeitalter“, geprägt durch umfangreiche Bautätigkeiten und die Blüte von Skriptorien und religiösen Werkstätten. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist der „Melisende-Psalter“ – eine reich illustrierte Handschrift, die lateinische, byzantinische und islamische Motive vereint und als eines der Meisterwerke der Kreuzfahrerkunst gilt.

Melisendes architektonisches Vermächtnis ist bis heute im Stadtbild Jerusalems präsent. Sie initiierte in der Grabeskirche ein monumentales architektonisches Projekt: die Zusammenführung der bislang getrennten Gebetsstätten von Golgatha und dem Heiligen Grab unter einem einzigen romanischen Dach und somit zu einem einheitlichen Bauwerk.

Kirche und Kloster

Zudem ließ sie die prächtige St.-Anna-Kirche über den Ruinen einer byzantinischen Basilika errichten und gründete für ihre Schwester Ioveta das St.-Lazarus-Kloster in Bethanien. Beide Bauten sind durch den Chronisten Wilhelm von Tyrus (1130–1186), einen der wichtigsten Historiker des Mittelalters und Hauptchronist der Kreuzzüge, bezeugt:

Sie hat sich das gewünscht, die Möglichkeit, für die Heilung ihrer eigenen Seele zu sorgen …  wie auch für die Rettung ihres Mannes und ihrer Kinder.“

Einige Überreste des Klosters St. Lazarus weisen das architektonische Motiv des „Würfelkapitells“ auf, ähnlich denen, die die Südfassade der Grabeskirche und die Portale der Kirche St. Anna schmücken. Unter ihrer Ägide wurden zudem die heiligen Stätten im Josaphat-Tal, dem Kidrontal, renoviert.

Melisende war nicht nur Bauherrin von Kirchen und Klöstern, sondern zeichnete sich auch durch kluge ökonomische Entscheidungen aus: Während ihrer Regierungszeit ließ sie den römisch-byzantinische Cardo – die 22 Meter breite Hauptachse der Stadt – in drei parallele, überdachte Märkte unterteilen: Den Fleischmarkt, den Gewürzmarkt und den Goldschmiedemarkt. Die Einnahmen aus diesen Märkten kamen unter anderem der St.-Anna-Kirche zugute. Ihre Bauten zeichnen sich durch das architektonische Zusammenspiel von westlichen und östlichen, byzantinischen und islamischen Elementen aus und sind steinerne Zeugnisse ihres spirituellen Sendungsbewusstseins.

Zuckerrohr-Industrie im Heiligen Land

Unter Melisendes weitsichtiger Herrschaft prosperierte das Heilige Land. Auch wenn kein schriftliches Zeugnis sie eindeutig mit der Zuckerindustrie der Kreuzfahrer in Verbindung bringt, gibt es dennoch Hinweise.

Kreuzfahrerkönigin Melisende verstand es, zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen zu vermitteln, was für gesellschaftliche und Stabilität sorgte und die Wirtschaft ankurbelte. Denn der innere Frieden begünstigte die Zuckerproduktion im Königreich Jerusalem und als weltweites Handelsgut. Das Kreuzfahrerreich errichtete rund um den See Genezareth und entlang der Ufer des Jordans Dutzende von Anlagen zur Zuckerverarbeitung. Lokales Wissen und Technologien kombinierte die Herrscherin klug mit fränkischen Verwaltungsmodellen.

Foto: Gundula M. Tegtmeyer
Zuckerrohr-Gefäße aus der Melisendes Regierungszeit in der Ausstellung

Wissenschaftler haben Funde von den Zuckerproduktionsstätten in El-Kabri und Khirbet Manot in Westgaliläa, Minja bei Tiberias, Magdala am Ufer des Sees Genezareth sowie an weiteren Orten untersucht, an denen Keramik für die Zuckerfabriken in Akkon und Tiberias hergestellt wurde. Die Studie dokumentiert einen komplexen, mehrstufigen Industriezweig. Eine derart durchdachte Planung in die lokale Zuckerproduktion erforderte technisches und wirtschaftliches Verständnis einhergehend mit Weitblick und den Mut zu Investitionen – Eigenschaften, die Königin Melisende von Chronisten zugeschrieben werden.

Melisende, die erste Kreuzfahrerkönigin, starb am 11. September 1161 in Jerusalem. Manche Quellen nennen den 1. September als Sterbedatum.

Im Kidrontal bestattet

Während die fränkischen Könige in der Grabeskirche beigesetzt wurden, bildete sich die Tradition heraus, fränkische Königinnen und Prinzessinnen im Kidrontal in der Sankt Marienkirche zu bestatten, die sich die griechisch-orthodoxe und armenische Kirche teilen. Auch Morphia, Melisendes Mutter, fand hier ihre letzte Ruhe.

Außerbiblischer christlicher Überlieferung nach entschlief Jesu Mutter im Kreis der Apostel in ihrem Haus (Kirche der Entschlafung) und Jesus nahm ihre Seele in den Himmel auf. Die Apostel bestatteten ihren Leichnam im Kidrontal. Nach drei Tagen wurde ihr Leib demnach in den Himmel aufgenommen (Mariä Himmelfahrt). Die Kreuzfahrer renovierten den kreuzförmigen byzantinischen Bau, erweiterten die Treppenanlage und errichteten einen weiteren Eingang sowie eine Fassade im typischen Stil der Kreuzfahrerzeit.

Kuratorin der kleinen, aber exquisiten Ausstellung Melisende, Königin von Jerusalem ist Liza Lurie. Musikalisch untermalt wird die Ausstellung vom Großen Gehenna-Chor, benannt nach dem Jerusalemer „Tal des Sohnes Hinnoms“. Die Musik und Gesänge wurden eigens für die Ausstellung komponiert. Sie läuft im Israel-Museum Jerusalem bis zum 13. März 2027.

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