Der Internationale Museumstag ist seit 1978 weltweit jährlich am 18. Mai. Seit 1992 steht er unter einem Motto, das der Internationale Museumsrat als Thema beschließt. Es soll dazu dienen, die internationale Gemeinschaft der Museen deutlich herauszustellen. Auch das Israel-Museum Jerusalem (IMJ) beteiligt sich an diesem Aktionstag. In diesem Jahr stand er unter dem Motto: Museums Uniting A Devided World: Museen vereinen eine geteilte Welt.
Unzählige Israelis, unter ihnen arabische und jüdische Schulklassen, und vereinzelt auch Touristen strömten in die vielfältigen Ausstellungen und Veranstaltungen. Auch der Zulauf zu den fachmännischen Führungen war groß. Die Ausstellungen Pharaos Tierreich und Schatzsuche! wurden speziell für die Bedürfnisse von Familien mit kleinen Kindern konzipiert. Die meisten Ausstellungen laufen bis Spätsommer und Herbst 2026.
Einer der Höhepunkte ist die Installation „Die Erdzeitalter der Welt“. Das IMJ erhielt anlässlich seines 60-jährigen Jubiläums ein außergewöhnliches Geschenk: ein monumentales Werk von Anselm Kiefer, einem der renommiertesten zeitgenössischen Künstler, geboren in Donaueschingen. Seine Installation, geschaffen 2014, ist eine Schenkung des US-amerikanischen Kunstsammlers Martin Z. Margulies an das Museum.
Das Werk ist ein Meilenstein im Œuvre Anselm Kiefers. Es evoziert Ruinen nach einer Katastrophe – ob natürlichen oder menschlichen Ursprungs – und eine Atmosphäre einer dystopischen, postapokalyptischen Zukunft. Die Verschmelzung von Materialien und Techniken offenbart verborgene Kräfte, die auf einen Transformationsprozess hindeuten. Für Kiefer bergen Zerstörung und Verfall das Potenzial zur Regeneration. Chaos ist für den deutschen Künstler eine Voraussetzung für die Schöpfung, Verwüstung eine Bedingung für die Wiedergeburt. Diese Auffassung findet in seinem Werk „Die Zeitalter der Welt“ ihren beeindruckenden Ausdruck.
Von Israelreisen inspiriert
Kiefers Reisen nach Israel inspirierten den Gegenwartskünstler, Geschichten aus der Hebräischen Bibel und Elemente der Kabbala, der jüdischen Mystik, in seine Arbeit einfließen zu lassen. Seine raumfüllende Installation „Die Erdzeitalter der Welt“ kann umschritten werden. Sie mutet wie ein Scheiterhaufen an, kann auch als Metapher für den biblischen Turm zu Babel oder die Jakobsleiter interpretiert werden.
Als erster deutscher Künstler hatte sich Anselm Kiefer nach dem Zweiten Weltkrieg auf das heikle Feld der Nazisymbolik begeben. Er hinterfragte die ideologische Herkunft des Nationalsozialismus und welche unheilvolle Wegbereiterfunktion deutschen Nationalmythen wie Nibelungen und Hermann der Cherusker dabeizukam.
Jesajarolle zieht Besucher an
Besonders großen Zulauf erlebte Eine Stimme aus der Wüste – die Große Jesajarolle. Dennfür den Zutritt zur Galerie, in der die Jesajarolle ausgestellt ist, ist an sich eine Voranmeldung erforderlich und der Aufenthalt auf maximal 20 Minuten begrenzt. Nicht so am Internationalen Museumstag.
Die bedeutsame Rolle wird erstmals seit 1968 in ihrer Gesamtheit mit einer Länge von 717 Zentimetern der Öffentlichkeit präsentiert. Aus konservatorischen Gründen ist nur ein kleiner Teil dieser außergewöhnlichen Rolle im Schrein des Buches ausgestellt, auch für die Galerie gelten strenge Auflagen.
Die Jesaja-Rolle, um 125 vor der Zeitrechnung verfasst, ist älter als die frühesten der bislang entdeckten bekannten biblischen Handschriften. Sie ist in hebräischer Sprache auf 17 Pergamentbögen geschrieben und besteht aus 54 Kolumnen, die sämtliche der 66 bekannten Kapitel des Buches Jesaja umfassen. Die Präsentation entführt in die Judäische Wüste – in jene Höhle, in der die Rolle im Frühjahr 1947 von einem Beduinenhirten zufällig entdeckt wurde.
Vertraute Verse sind mit weißen Balken auf der Rolle markiert – wie etwa Jesaja 61,1: Der Geist G´ttes, des HERRN ruht auf mir. Denn der HERR hat mich gesalbt; er hat mich gesandt…. Dieser Vers genießt in der christlichen Theologie hohes Ansehen. Er kündigt das Wirken des Erlösers an und gilt als Auftrag, den Armen, Kranken und Unterdrückten zu helfen und Nächstenliebe praktisch zu leben.
Geburtstagsgruß aus dem Konzentrationslager
Wenden wir uns nun einem kreativen Geist und Überlebenden des KZ Bergen-Belsen zu: Pessach Ir-Shay (1896–1968). Die Ausstellung präsentiert erstmals eine umfassende Auswahl der grafischen Werke des ungarisch-jüdischen, multidisziplinären Künstlers und international tätigen Grafikdesigners, der sich auf Plakat- und Werbegestaltung spezialisiert hatte.
Im Jahr 1896 als István Irsai in Budapest geboren, arbeitete er in den 1920er Jahren in Tel Aviv, bevor er nach Ungarn zurückkehrte; dort avancierte er vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem der bedeutendsten Designer des Landes.
Die Ausstellung zeigt eine dreidimensionale Zeichnung, entstanden im Konzentrationslager Bergen-Belsen in gemeinsamer Arbeit mit Jacob (Shumudy) Laszlo als Geburtstagsgeschenk für Jacobs Ehefrau, Yehudit (Yutzi) Laszlo. Das Interieur zeigt das Wohnzimmer der Familie Laszlo in Budapest, das Jacob aus der Erinnerung auf ein Stück Pappe zeichnete, das er aus einer Brotkiste gerettet hatte.
Der Blick aus dem Fenster stellt eine Landschaft in Eretz Israel dar und symbolisiert einen Lebenstraum. Ir-Shay skizzierte sie auf einem weiteren Stück geretteter Pappe, basierend auf Erinnerungen. Auf der Rückseite eines anderen Pappstücks zeichnete er einen geschlossenen Fensterladen und gab der Empfängerin damit die Wahl, die Fensterläden zu schließen oder sie für den Blick nach draußen zu öffnen.
Nach ihrer Wiederentdeckung durch das Familienmitglied Tamar Amir wurde die Zeichnung restauriert und hängt heute im Haus der Familie im Kibbuz Ejal. Mit freundlicher Genehmigung der Familie zeigt das Israel,-Museum das bewegende künstlerische Werk.
Geschriebenes Wort im Zentrum
Im Jahr 1945, nachdem Ir-Shay und Familienmitglieder aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit worden waren, wanderten sie in das britische Mandatsgebiet Palästina ein. Als der Pionier der modernen Grafik in Israel 1968 verstarb, hinterließ er ein umfangreiches und facettenreiches Gesamtwerk, das seine tiefe Verbundenheit mit seinem israelischen Umfeld dokumentiert.
Im Zentrum der Werbung steht das geschriebene Wort – sowohl inhaltlich als auch in seiner typografischen Form. Von diesem Grundsatz geleitet, entwarf Ir-Shay für Werbeanzeigen und Plakate moderne hebräische Schrifttypen, die frei von dekorativen Verzierungen waren. Die Bedeutung, die er als Grafiker dem geschriebenen Wort beimaß – der Vorrang des Textes in der jüdischen Tradition –, spiegelt sich in seiner Typografie anschaulich wider.
Kunst aus Telefonbüchern
Unser Rundgang führt uns in die Chagit Galerie, wo ein Zitat des Künstlers Menasche Kadischman die Besucher empfängt: „Meine Kunst kann niemals etwas anderes sein als mein Lebensgefühl – welche Form ich ihr auch immer gebe.“
Die 1970er Jahre waren eine experimentelle und wegweisende Phase im Schaffen von Menasche Kadischman (1932–2015), einem der bedeutendsten und populärsten Künstler Israels. Kadischman begann, Telefonbücher als Trägermedium für seine Kunstwerke zu nutzen. In einem beinahe obsessiven Akt des Überdeckens und Freilegens verwandelte er Seiten aus Telefonbüchern in lebendige, emotionale Räume, erfüllt von Farben und Formen, die an Landschaften, Skylines und Kardiogramme erinnern.
Kadischman wandte sich auch künstlerischen Interventionen zu, die unmittelbar in die Natur und Landschaft eingreifen: „Ich wollte mit dem Wald des Schöpfers arbeiten – dem organischen Wald – und in ihn Formen einfügen … die im Widerspruch zur Natur stehen“. Die Ausstellung gewährt zudem einen Einblick in ein weniger bekanntes Kapitel in Kadischmans Gesamtwerk, seine Auseinandersetzung mit den Kräften der Natur.
Fasziniert vom Zirkus
Die Welt des Zirkus übte auf den französischen Künstler Fernand Léger zeitlebens eine besondere Faszination aus. im Jahr 1950 widmete er diesem Thema ein umfangreiches Grafik-Portfolio. Das IMJ präsentiert erstmals eine Auswahl.
Als einer der bedeutenden Vertreter der Moderne im 20. Jahrhundert entwickelte Léger einen persönlichen, vom Kubismus beeinflussten Stil – den sogenannten „Tubismus“. Er ist durch einfache geometrische Formen sowie leuchtende Farben gekennzeichnet, welche ein Gefühl von Bewegung und Dynamik erzeugen. Léger (1881–1955) war der Überzeugung, dass Kunst klar, zugänglich und an die breite Öffentlichkeit gerichtet sein sollte.
Malkurs erhält Inspiration
Im Raum, der sich dem Impressionismus & Postimpressionismus widmet, ließen sich am Internationalen Museumstag Teilnehmer und Teilnehmerinnen eines Malkurses von den großen Meistern inspirieren, wobei man ihnen über die Schultern schauen durfte. Die Ausstellung „Fact, Faith, and Fantasy“ zeigt Karten des Heiligen Landes aus der Chinn-Sammlung, die zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert in Europa entstanden sind. Karten, die die Faszination der Menschheit für das Land der Bibel und Jerusalem widerspiegeln. Diese Ausstellung endet am 11. Juli.
Die private Sammlung von Chaim Lipchitz (1891–1973), einem französisch-amerikanischen Bildhauers litauischer Herkunft, gibt Einblick in Kulturen, die den Künstler in seinem Werk inspiriert haben: Tausende von Artefakten aus Afrika, Ozeanien, Amerika, Asien, Europa und der Antike. Lipchitz studierte in Paris bis 1912 an der École des Beaux-Arts, anschließend an der Académie Julian. Er lernte Pablo Picasso, Georges Braque, Alexander Archipenko und weitere Künstler kennen, was seine Hinwendung zum Kubismus erklärt.
Auf der Weltausstellung 1937 in Paris erhielt Lipchitz die Goldmedaille, 1941 emigrierte er in die USA, 1954 kam der Ritterschlag: Das „Museum of Modern Art“ (MoMA) in New York widmete ihm eine Ausstellung. Lipchitz´ faszinierende Sammlung ist ein großzügiges Geschenk seiner Familie an das Israel-Museum Jerusalem. Über Touch-Screens können Besucher detaillierte Informationen eines jeden Exponats erfahren.
Der Einfluss besonders afrikanischer Kunst auf sein künstlerisches Schaffen ist deutlich zu spüren. Lipchitz über sich: „Ich schaue auf alles, was mich umgibt und spüre die ganze Menschheit mit mir. Ich bin nie allein, nie verloren, und mit einem Gefühl der Demut den Mut für meine tägliche Arbeit gegeben.“ Um 16 Uhr Ortszeit schloss das Israel-Museum Jerusalem am Internationalen Museumstag seine Tore. Es hat einmal mehr durch seine Themenbandbreite und professionelle Präsentation Groß und Klein beeindruckt und inspiriert.