Taucher finden Wrack der „Altalena“

Die „Altalena“ erinnert an die Episode innerjüdischer Machtkämpfe in der Frühzeit des Staates Israel. Nun haben Taucher das Wrack auf dem Meeresgrund gefunden.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer
Die Altalena ging vor dem Strand von Tel Aviv in Flammen auf

JERUSALEM (inn) – Das Frachtschiff „Altalena“ spielte in den Wochen nach der Gründung Israels eine zentrale Rolle bei der Machtprobe zwischen der Armee des jungen Staates und der Untergrundorganisation Irgun. Durch ihren Beschuss konnte sich die Armee behaupten. Doch der Verbleib des versenkten Schiffs blieb lange unklar. Nun haben Taucher es geortet.

Der Minister für öffentliche Sicherheit Itamar Ben-Gvir und der Minister für Kulturerbe Amichai Elijahu (beide Jüdische Stärke) gaben den Fund am Montag bekannt: Das Wrack liegt demnach in einer Tiefe von 503 Metern, gut 20 Kilometer vor der israelischen Küste.

Das Ministerium für Kulturerbe investierte eine Million Schekel, also umgerechnet rund 286.000 Euro, in die Bemühungen zur Auffindung des Wracks. Die Suche erfolgte mit einem spezialisierten Forschungsschiff, modernen Sensoren sowie hochentwickelten Vermessungs- und Kartierungssystemen.

Machtprobe inmitten eines Krieges

Der Fund weckt Erinnerungen an eine der umstrittensten Episoden und schmerzhafttesten Kapitel der frühen Geschichte des modernen Israel: Denn inmitten des Unabhängigkeitskrieges drohte ein innerjüdischer Konflikt militärisch zu eskalieren.

Unmittelbar nach der Ausrufung des Staates am 14. Mai 1948 begann die Eingliederung der verschiedenen jüdischen bewaffneten Organisationen in die neu gegründeten Israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Zu diesen Organisationen gehörte die Irgun, auch bekannt unter dem Namen Ezel. Unter der Führung des späteren Premiers Menachem Begin (1913–1992) hatte sie gegen die britische Herrschaft und arabische Streitkräfte gekämpft. Am 1. Juni 1948 wurde ein Abkommen zur Integration in die Armee unterzeichnet, ausgenommen der Irgun-Einheiten in Jerusalem. Diese blieben vorläufig eigenständig.

Die „Altalena“ sollte einen Nachschub an Kämpfern und Waffen für die Irgun bringen. Begin wollte 20 Prozent der Waffen den in Jerusalem kämpfenden Irgun-Einheiten zukommen lassen, während der Rest an die Armee gehen sollte – wobei Begin beabsichtigte, damit jene ehemaligen Irgun-Einheiten auszurüsten, die sich kurz zuvor dem Militär angeschlossen hatten.

Am Strand von Tel Aviv erinnert ein Gedenkstein an die Vorkommnisse rund um die „Altalena“
Am Strand von Tel Aviv erinnert ein Gedenkstein an die Vorkommnisse rund um die „Altalena“

Das Schiff sollte schon Mitte Mai eintreffen, wegen Verzögerungen lief sie erst am 11. Juni aus Marseille aus. Ihre Ankunft vor der Küste Israels stellte die junge Regierung vor eine Grundsatzfrage hinsichtlich der Autorität des jungen Staates Israel und seines Militärs.

Premierminister David Ben-Gurion (1886–1973) bestand darauf, dass ins Land gebrachte Waffen allein der Befehlsgewalt der Armee unterstehen mussten. Er befürchtete, dass die Duldung von Gruppierungen wie der Irgun zu einer „Armee in der Armee“ führen könnte. Zudem traf die „Altalena“ während der ersten, von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenruhe des Unabhängigkeitskrieges ein. Die Einfuhr von Waffen und Kampftruppen war im Rahmen des Abkommens untersagt.

Am 20. Juni erreichte die „Altalena“ Kfar Vitkin, einen Moschav nördlich von Netanja. Noch deutete nichts auf die kommenden innerjüdischen Kämpfe hin. Passagiere gingen an Land und man begann mit der Entladung der Waffen und Munition.

Am folgenden Tag umstellten jedoch Armeetruppen der Alexandroni-Brigade das Gebiet und forderten die Irgun-Kämpfer auf, die Waffen auszuhändigen. Als diese das Ultimatum verstreichen ließ, brachen Feuergefechte zwischen der Armee und der Irgun aus. Diese Kämpfe kosteten sechs Irgun-Mitgliedern und zwei Soldaten das Leben, bevor eine Waffenruhe vereinbart und die bereits an Land gebrachten Waffen der Armee übergeben wurden.

Begin ging selbst an Bord der „Altalena“, die nun entlang der israelischen Küste nach Tel Aviv fuhr. Am 22. Juni flammte die Konfrontation vor der Küste von Tel Aviv erneut auf. Soldaten eröffneten das Artilleriefeuer auf die „Altalena“, setzten sie in Brand und zwangen die Besatzung sowie die Passagiere, das Schiff zu verlassen.

Bei den Kämpfen vor Tel Aviv kamen zehn weitere Irgun-Mitglieder und ein Soldat ums Leben. Der Konflikt drohte zu eskalieren, woraufhin Begin die Irgun anwies, keine Vergeltungsmaßnahmen gegen die Armee zu ergreifen. Seine berechtigte Sorge war, dass der Konflikt zu einem „Bruderkrieg“ eskalieren und in einen Bürgerkrieg führen könnte.

Frühe Weichenstellung

Trotz dieses Einlenkens verschärfte der „Altalena“-Vorfall die Feindschaft zwischen Ben-Gurion von der Partei Mapai (hebräisch Mifleget Po’alei Erez Jisrael, deutsch „Partei der Arbeiter des Landes Israel“), der die Versenkung des Schiffes angeordnet hatte, und Begin. Die Mapai war eine zionistische und sozialdemokratische Partei in Israel, gegründet 1930 und über Jahrzehnte hinweg die dominante Kraft in der israelischen Politik.

Ben-Gurion, der von einem Putschversuch sprach, konnte in der Gründungsphase Israels die Staatsmacht und damit seine Position als Premierminister festigen. Die linke Palmach und die rechte LECHI – die radikale Untergrundorganisation hatte sich 1940 unter der Führung von Avraham Stern von der Irgun abgespalten – löste er auf.

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Die „Altalena-Affäre“ hinterließ Wunden und einen tiefen Graben in der israelischen Politik und Gesellschaft. Zu den damaligen Akteuren gehörte mit Jizchak Rabin ein weiterer späterer Regierungschef Israels (1974–1977 sowie von 1992 bis zu seiner Ermordung 1995). Rabin war Truppenführer der Palmach, einer jüdischen Elitetruppe und Untergrundorganisation in Palästina. Gegründet wurde sie im Mai 1941 während der britischen Mandatszeit.

Die ausgebrannte „Altalena“ verblieb zunächst vor der Küste von Tel Aviv, bevor das Schiff auf das offene Meer geschleppt und versenkt wurde. Ein Gedenkstein an der Strandpromenade in Tel Aviv erinnert an die Vorkommnisse, die den jungen Staat Israel an den Rand eines Bruderkriegs geführt hatten. Zugleich etablierte der Konflikt den Grundsatz, dass der neu gegründete Staat Israel über eine einzige nationale Streitkraft unter staatlicher Befehlsgewalt verfügen sollte.

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