FRANKFURT/MAIN (inn) – Der Deutsche Buchhandel verleiht seinen alljährlichen Friedenspreis an den britisch-französischen Völkerrechtler und Buchautor Philippe Sands. Der Stiftungsrat begründet seine Auswahl mit Sands Einsatz „für Gerechtigkeit, Frieden und die beharrliche Verteidigung des Völkerrechts“. Diese Themen behandelt er auch in seinen Büchern. Die feierliche Verleihung ist am 11. Oktober in der Paulskirche in Frankfurt geplant.
Sands arbeitet als Menschenrechtsanwalt am Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag. Dort vertrat er als gebürtiger Jude unter anderem die Interessen der Palästinenser im Gazastreifen, dem Westjordanland und Ostjerusalem. In einem Interview der „Kölner Rundschau“ sagt er dazu: „Meine Aufgabe als Anwalt ist der Dienst an der Gerechtigkeit und an der Rechtsstaatlichkeit.“ Dass er für das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser eingetreten sei, mache ihn weder anti-israelisch noch antisemitisch. Letzteres sei wohl offensichtlich.
Auf die Nachfrage, welche Wirkung der 7.Oktober auf ihn gehabt habe, antwortete er: „Erstens: Die Geschehnisse des 7. Oktobers waren nach internationalem Recht ein Verbrechen. Zweitens: Israel ist berechtigt, das Recht auf Selbstverteidigung auszuüben, um sich zu schützen. Und drittens: Die Ausübung des Selbstverteidigungsrechts muss sich innerhalb vom internationalen Recht vorgesehenen (sic!) Grenzen bewegen.“
Familiäres Interesse am Völkerrecht
Philippe Sands wurde 1960 in London geboren. Seine Eltern kommen aus Osteuropa und sind Überlebende des Holocaust. Heute ist er Professor für Internationales Recht am University College London sowie Gastprofessor an der Juristischen Fakultät der Harvard-Universität im US-Bundesstaat Massachussetts. Er zählt zu den bekanntesten Völkerrechtlern weltweit und tritt regelmäßig vor dem Internationalen Gerichtshof sowie dem internationalem Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag auf.
In seiner juristischen Laufbahn war er an bedeutenden Verfahren zum Thema Menschenrecht beteiligt. Dazu zählen unter anderem Streitigkeiten um den Chagos-Archipel im Indischen Ozean, ein Überbleibsel des einstigen britischen Imperiums. Dabei vertrat er die Interessen des afrikanischen Inselstaates Mauritius. Zudem arbeitete er bei Verfahren im Zusammenhang mit dem Vorwurf des Völkermords an der muslimischen Minderheit der Rohingya in Myanmar mit. Für Georgien trat er im Rechtsstreit mit Russland bezüglich des Südossetien-Konflikts ein. Auf seine Initiative geht auch das Bestreben zurück, Ökozid als Straftatbestand beim IGH zu verankern, um die Zerstörung von Ökosystemen unter Strafe stellen zu können.
Karriere als Buchautor
Auch als Sachbuchautor hat sich Sands einen Namen gemacht. Seine Bücher verbinden persönliche Familiengeschichte mit historischen Recherchen und den Grundfragen des Völkerrechts. In „Rückkehr nach Lemberg“ zeichnet er die Entstehung der Begriffe „Genozid“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ nach und verknüpft sie mit der Geschichte seiner jüdischen Familie während der Schoa.
„Die Rattenlinie“ beschäftigt sich mit der Flucht des NS-Verbrechers Otto Wächter und der Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen. In „Die letzte Kolonie“ schildert Sands den jahrzehntelangen Rechtsstreit um den Chagos-Archipel, dessen Bewohner für den Bau eines US-Militärstützpunkts zwangsweise umgesiedelt wurden. Gemeinsam ist seinen Werken die Frage, wie sich historische Verbrechen juristisch aufarbeiten lassen und welche Rolle das Völkerrecht beim Schutz von Menschenrechten spielt.
Kritik an Israels Vorgehen im Gazastreifen
Diese Maßstäbe legt Sands auch im Krieg zwischen Israel und der Hamas an. Nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 bezeichnete er das Massaker an israelischen Zivilisten als eindeutiges Verbrechen nach internationalem Recht und bekräftigte Israels Recht auf Selbstverteidigung. Später kritisiert er aber das militärische Vorgehen der israelischen Regierung im Gazastreifen. Dieses sei inzwischen „ganz klar nicht mehr verhältnismäßig“, sagte er 2025 der „Kölner Rundschau“.
Ob dabei Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder gar Völkermord vorlägen, müssten internationale Gerichte entscheiden. Sands sprach sich zudem für eine Anerkennung eines palästinensischen Staates aus und warnte westliche Staaten davor, sich durch Waffenlieferungen an Israel möglicherweise rechtlich mitschuldig zu machen. Seine Position begründet er mit dem Anspruch, das Völkerrecht unabhängig von den beteiligten Staaten konsequent anzuwenden.
Als engagierter Autor und „Chronist völkerrechtlicher Missstände und Verbrechen“, wie der Stiftungsrat es ausdrückt, wird er nun den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis erhalten. Seit 1950 werden damit Menschen geehrt, die in Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben. Zu seinen Vorgängern zählen unter anderen der Arzt und Theologe Albert Schweitzer, der iranische Autor Salman Rushdie und die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. (tko)