Am 30. März 1976 erschossen israelische Polizisten in drei galiläischen Ortschaften sechs Araber, die sich an Massenprotesten beteiligten. Diese richteten sich gegen die Entscheidung der Regierung, 21.000 Hektar arabisches Land zu enteignen; es sollte für die Armee und für jüdisch dominierte Kommunen genutzt werden. Deshalb hatten die Araber den „Tag des Bodens“ (arabisch „Jom al-Ard“) und einen Generalstreik ausgerufen – den ersten seit der Staatsgründung 1948.
Bis heute organisieren israelische Araber und auch Palästinenser weltweit am Jahrestag dieser schmerzlichen Ereignisse Protestaktionen. Dazu gehört das Pflanzen von Olivenbäumen, „um ihre Verbindung zu dem Boden zu bekräftigen“, wie die englische Website des katarischen Senders „Al-Dschasira” 2024 schrieb.
Wie so oft in der Region stellen verschiedene Gruppen die Ereignisse auf unterschiedliche Weise dar. Die vom Deutschen Bundestag als antisemitisch eingestufte israelfeindliche Boykottbewegung BDS (Boykott, Desinvestition, Sanktionen) etwa schreibt: „An diesem Tag 1976 wurden sechs Palästinenser von Israels Apartheid-Truppen ermordet, als sie an gewaltlosen Protesten gegen den Diebstahl ihres Landes teilnahmen. Am 30. März erinnern jährlich indigene Palästinenser an den Tag des Bodens zu Ehren des Kampfes gegen israelische Siedler-Kolonialismus-Unterdrückung und für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit.“
Die palästinensische Menschenrechtsorganisation „Al-Haq“ spricht von einem „zentralen Datum im kollektiven palästinensischen Gedächtnis“ und ergänzt: „In der Erinnerung an die Landenteignungen von 1976 und die Brutalität der israelischen Antwort auf palästinensischen Widerstand hallt die palästinensische Wirklichkeit vor und nach jenem Datum wider.“ Das „zionistische Siedler-Kolonialismus-Projekt“ ziele darauf ab, „das gesamte Land des historischen Palästinas mit der geringstmöglichen indigenen palästinensischen Bevölkerung zu dominieren“.
„Wichtiges Datum im Kampf gegen die Besatzung“
Für die Bir-Seit-Universität in Ramallah markiert der 30. März „ein wichtiges Datum im palästinensischen Kampf gegen die israelische Besatzung“: „Palästinenser überall im historischen Palästina protestierten gegen diesen Diebstahl und die allgemeine Siedlungs-Kolonisations-Politik der Auslöschung, die Israel zur Judaisierung des Gebietes unternahm“.
Die Terrorgruppe Hamas initiierte am Jahrestag 2018 einen „Marsch nach Jerusalem“, um eine ebensolche „Judaisierung“ zu verhindern. Palästinenser im Gazastreifen steckten an der Grenze Reifen in Brand. Sie griffen in den darauf folgenden Monaten Israel mit Branddrachen und -ballons an, wobei sie auch Naturschutzgebiet zerstörten. Die Armee reagierte auf die Angriffe, es gab zahlreiche Tote.
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Das „Zentrum für israelische Bildung” hingegen hat eine andere Darstellung. In einer Art Lexikoneintrag schreibt es: „Proteste gegen die kürzlich angekündigte Enteignung von arabischem Land in Galiläa werden zu Aufständen, die zum Tod von sechs israelischen Arabern sowie zu Verletzungen bei Hunderten arabischen Zivilisten und einer unbekannten Zahl israelischer Soldaten und Polizisten führen. Die Ereignisse werden als ‚Tag des Bodens‘ bekannt. Ihrer wird jährlich mit meist friedlichen Protesten gegen israelische Bodennutzungspolitik gedacht.“
Die Organisation weist darauf hin, dass ein Großteil der arabischen Proteste bereits 1976 friedlich verlaufen sei. Doch in ein paar Ortschaften in Zentralgaliläa seien sie eskaliert. Teenager hätten einen Armeekonvoi und Polizeipatrouillen angegriffen. Das Institut nennt auch eine mögliche Erklärung: „Die Proteste und die Gewalt spiegeln Jahre der Frustration über ungleiche Entwicklung und Behandlung wider. Zum Beispiel dürfen Araber in Städten wie Karmiel, die durch die Landenteignungen wachsen werden, keine Wohnungen kaufen oder Läden eröffnen.“ Allerdings hatten es umgekehrt jüdische Israelis schwer, in arabischen Städten Fuß zu fassen.
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Der arabische Soziologe Asis Haidar von der Hebräischen Universität Jerusalem indes sieht im 30. März 1976 einen Wendepunkt. Die 70er Jahre bezeichnete er 2022 gegenüber der hebräischen Nachrichtenseite „Davar” als „prägende Jahre für die arabische Bevölkerung“. Die Militärregierung sei aufgehoben gewesen, die Arbeitslosigkeit gegen Null gesunken. Andererseits habe Bodennot geherrscht, was die Proteste zusätzlich anheizte. Sowohl der Generalstreik als auch das kollektive Handeln bei den Demonstrationen sei eine neue Erscheinung in der arabisch-israelischen Gesellschaft gewesen: „Das ist revolutionär.“
Wegbereiter für arabische Partei in Koalition
Im Jahr 2021 war zum ersten Mal eine arabische Partei einer israelischen Regierungskoalition beigetreten: Ra’am. Nach Haidars Auffassung ebneten die Ereignisse von 1976 dafür den Weg. Bereits in den 80er Jahren habe die arabisch-jüdische „Progressive Liste für den Frieden“ gesagt: „Wir sind ein integraler Teil des israelischen politischen Zentrums und wollen an Entscheidungen teilhaben.“ Sie habe den Begriff „Staat aller seiner Bürger“ geprägt.
In den 2000er Jahren habe dann der damalige Regierungschef Ehud Olmert seine Politik geändert und die Integration der Araber in den Arbeitsmarkt gefördert. Dies sei mit der Förderung der neoliberalen Ordnung einhergegangen. Sein Nachfolger Benjamin Netanjahu, der auch heute wieder im Amt ist, „führte diese Politik fort. Er sagte, man dürfe niemanden wegen eines national-religiösen Hintergrundes fallen lassen. Vielmehr sei eine tiefe Eingliederung nötig, die sogar eine Gleichheit bringen solle“.
„Nur Netanjahu konnte die arabischen Parteien fähig machen“
Weiter beobachtet der arabische Wissenschaftler: „Als Netanjahu schwächer wurde, befähigte er Ra’am und sorgte letztlich dafür, dass Ra’am in der Koalition sein würde. Die jüdischen Parteien fürchteten sich vor einer Zusammenarbeit mit den arabischen Parteien.“ Diese hätten zweimal den früheren Armeechef Benny Gantz als Regierungschef empfohlen. „Aber er war furchtsam. Nur Netanjahu konnte die arabischen Parteien fähig machen.“
Als sich Ra’am der Regierung anschloss, war der Likud-Chef allerdings nicht im Amt. Die Acht-Parteien-Koalition hielt knapp anderthalb Jahre. Trotz der positiven Entwicklung war Haidars Einschätzung insgesamt negativ: „Als Öffentlichkeit bleiben Araber außerhalb der Gesellschaft, bis heute.“ Veränderungen stellt auch das „Zentrum für israelische Bildung“ fest: Nach dem ersten „Tag des Bodens“ habe sich die Wahlbeteiligung von israelischen Arabern deutlich erhöht. Doch auch die Beziehungen zu Palästinensern außerhalb Israels seien enger geworden.
Ende Januar 2026 riefen israelische Araber erneut einen Generalstreik aus. In Massenprotesten forderten sie diesmal mehr Polizeieinsatz gegen die seit Jahren zunehmende Gewalt in ihrer Gesellschaft. Araber machen etwa 25 Prozent der israelischen Bevölkerung aus, doch 80 Prozent der tödlichen Gewaltverbrechen gehen auf ihr Konto.
Meist trifft es Araber, die in Kriminalität verwickelt waren. Dabei geraten oft Unschuldige ins Kreuzfeuer. Diese Entwicklung brachte die vier arabischen Parteien, unter ihnen Ra’am, dazu, bei den im Herbst anstehenden Knessetwahlen wieder gemeinsam als „Vereinigte Liste“ anzutreten. Am 31. Januar gab es zudem erstmals eine arabisch-jüdische Protestaktion, an der in Tel Aviv etwa 40.000 Israelis teilnahmen.
Für Araber bleibt der 30. März ein schmerzliches Datum. Es zeugt auch von der Hilflosigkeit des jüdischen Staates im Umgang mit seinen arabischen Bürgern. Gleichwohl steht es für den Beginn eines neuen Selbstbewusstseins, das sich unter den israelischen Arabern entwickelte.
2 Kommentare
Wenn ich das schon lese —> „historisches Palästina“ oder „indigene Palästinenser“!
Das historische „Palästina“, dessen Name nichts mit den heutigen „Palästinensern“ zu tun hat, heißt Erez Israel, es ist jüdisches Land, es ist das Land Israels.
Was der abstruse Begriff „indigen“ hier zu suchen hat, ist mir schleierhaft. Es soll wohl darauf abzielen, die „Palästinenser“ als die Ureinwohner Erez Israels verkaufen zu wollen, dabei gibt es die „Palästinenser“ erst seit den 60er Jahren unter dieser Eigenbezeichnung. Vorher waren es bunt zusammengewürfelte Araber. Dass auch Juden in den letzten 2.000 Jahren in Erez Israel zugegen waren, wird ausgeblendet. Diese bezeichnet man verlogenerweise nicht als „indigen“.
Wieder mal Geschichtsklitterung, Falschheit und Desinformation.
Das schmerzliche Datum zeugt von der Hilflosigkeit des jüdischen Staates im Umgang mit seinen arabischen Bürgern, aber auch von der antijüdischen Radikalität der arabischen Bürger, sagt meine Ehefrau, Politologin.