Wenn Israelis und Palästinenser gemeinsam trauern

Gemeinsames Leid verbindet. Dies erleben Israelis und Palästinenser in einer Organisation für trauernde Eltern. Ihre Erfahrung weist auch auf Gott hin, wie Gudrun Hübner beobachtet.
Von Israelnetz

Foto: TBK Solingen

Ziehen an einem Strang: der palästinensische (l.) und der israelische Vater

Vor einiger Zeit konnte ich mit einem meiner Englischkurse eine Veranstaltung des „Parents Circle“ besuchen.

Dabei handelt es sich um eine Organisation, deren Mitglieder Angehörige von Opfern des israelisch-palästinensischen Konflikts sind. Alle haben eine ihnen nahestehende Person verloren und sind dennoch zu der bewussten Entscheidung gekommen, den Dialog mit der anderen Seite zu suchen. Anstelle von Rache und Vergeltung möchten sie Toleranz, Versöhnung und Frieden wählen und damit dazu beizutragen, dass weiteres unnötiges Sterben auf beiden Seiten verhindert wird.

Nun standen zwei sympathische Herren mittleren Alters vor den Zuhörern und schilderten nacheinander ihre schrecklichen, aufwühlenden Erlebnisse.

Beide hatten jeweils eine über alles geliebte Tochter verloren. Wir erfuhren, dass es sich um glückliche, lebensfrohe, beliebte, wunderschöne und erfolgreiche junge Menschen gehandelt hatte, deren Leben von einer Sekunde auf die andere plötzlich brutal beendet wurde. Die Liebe, mit der die fremdländisch klingenden Namen genannt wurden und ihre wunderschöne Bedeutung von Blumen- und Blütennamen berührten das Herz der Zuhörenden bereits, bevor die näheren Umstände bekannt wurden.

Das eine Mädchen wurde direkt vor der Schule von einem israelischen Soldaten erschossen, das andere wurde gemeinsam mit einigen Freundinnen Opfer eines palästinensischen Selbstmordattentäters, der sich direkt neben ihnen in die Luft sprengte.

Sorge um die Kinder

Geschockt verfolgten wir die Schilderungen der Stunden und Tage, die anschließend für die Väter folgten.

Die Bestürzung beim Hören der Nachrichten.

Die Sorge um das eigene Kind.

Die Hoffnung, dass die geliebte Tochter, die noch nicht zu Hause war, nicht betroffen sein würde.

Die Angst, die den Vätern im Nacken saß, als sie überall vergeblich herumtelefonierten und sich dann voller Verzweiflung selbst auf die Suche machten.

Die Odyssee von Krankenhaus zu Krankenhaus.

Und schließlich im Fall des israelischen Vaters die unmenschliche Aufgabe, die zerfetzten Überreste seines geliebten Kindes identifizieren zu müssen.

Diese Bilder, die ihn bis auf den heutigen Tag, viele Jahre später, noch immer verfolgen.

Rückkehr als gebeugter Mann

Die Rückkehr nach Hause als geschlagener, gebeugter Mann – in ein leeres Zuhause, das trotzdem so gefüllt war mit Verwandten, Freunden und Nachbarn, die dicht gedrängt schon alle auf ihn warteten und auch blieben – eine ganze Woche lang.

Das Erfahren von Hilfe und Trost in einer so schrecklichen Situation durch eine funktionierende Gesellschaft.

Dann die totale Leere – das Ausgeliefertsein an die Tatsache, dass die liebliche Stimme der geliebten Tochter in diesem Haus nie mehr zu hören sein würde.

Tiefe Verzweiflung, Trauer, Verlustgefühl – und Wut, Hass und der Wunsch nach Vergeltung an denen, die unschuldiges Blut vergossen hatten und die nie endendes Leid in der eigenen Familie verursacht hatten.

Abwehr und Hass schmelzen

Einige Jahre später wurde dieser Vater von einem Bekannten auf die Organisation „Parents Circle“ angesprochen und ging schließlich zu einem Treffen mit – lustlos, empathielos und mit dem ihm innewohnenden Zynismus, der sein persönlicher Schutzschild geworden war.

Am Treffpunkt hielt ein Bus und als die Insassen ausstiegen, fiel ihm eine palästinensische Frau ins Auge, die einen Anstecker mit dem Foto ihrer Tochter auf ihrer Brust trug – der gleiche Anstecker, den seine eigene Frau seit Jahren täglich mit dem Foto ihrer Tochter trug. Da fühlte er etwas in sich zerbrechen, als würden all diese Abwehr und dieser Hass schmelzen und er erkannte, dass auf der anderen Seite ebenfalls trauernde Eltern standen, die in einem sinnlosen Akt ihre über alles geliebten Kinder verloren hatten.

Palästinensischer Vater befasst sich mit Scho’ah

Die Geschichte des palästinensischen Vaters verlief etwas anders. Sieben Jahre saß er als Terrorist in einem israelischen Gefängnis, voller Hass und Rachsucht gegenüber den Feinden.

Als er aus Langeweile den Fernseher anschaltete, lief zufällig gerade eine Dokumentation über den Holocaust. Nie zuvor hatte dieser Mann je etwas von einem Holocaust gehört und glaubte, dies sei Fiktion, die der Phantasie eines Regisseurs entsprungen war. Trotzdem schaute er sich den Film weiter an, in der Erwartung, tiefe Befriedigung darin zu finden, Menschen leiden zu sehen, die er zu seinen verhassten Feinden zählte.

Zu seiner eigenen Überraschung konnte er keine Schadenfreude empfinden, sondern litt geradezu innerlich mit, sodass er, ein gefürchteter Attentäter, sogar von dem Leid der Betroffenen so berührt war, dass er anfing zu weinen.

Schließlich recherchierte er den Holocaust und fand heraus, dass tatsächlich in großem Ausmaß unglaublich Schreckliches geschehen war.

Seine eigene Reaktion auf das Leid der anderen ließ diesen Mann einen neuen Blickwinkel gewinnen und eine neue Perspektive finden. Er erkannte plötzlich, dass Hass und Rachsucht nur den Hassenden „zerfressen“, bis nichts mehr von ihm übrig ist aber an den Umständen nichts ändern. Über seinen Wunsch nach einem Dialog mit der Gegenseite fand auch er zum „Parents Circle“, wo sich die beiden Männer begegneten.

Von Gegnern zu Freunden

Heute stehen sie sich näher als Brüder und würden sich gegenseitig fraglos ihr Leben anvertrauen. Gemeinsam möchten sie daran arbeiten, dass der Tod ihrer Töchter nicht vergeblich war, sondern einem höheren Zweck dient – dem Erreichen von Frieden.

Nachdem sich die Zuhörer dieses Wunder der Verwandlung angehört hatten, durften Fragen gestellt werden.

Wie sich herausstellte, war der eine ein säkularer Jude, der andere ein äußerst frommer Moslem, der fünfmal am Tag voller Ernst und Sorgfalt seine Gebetszeiten hielt.

Beeindruckend war sein Glaube, dass Gott seine Gebete schließlich erhören wird. Wie er betonte, war es nicht nur Glaube, sondern Gewissheit, die ihn Tag für Tag geduldig im Gebet ausharren ließ.

Ich wurde unvermittelt an Hebräer 11,1 erinnert: „Glaube ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht.“

Dieser Mann kann uns mit seiner Einstellung zum Gebet ein Vorbild sein. Im Gebet ausharren, voller Gewissheit, dass Gott hört und schließlich auch erhören wird, ist gelebter Glaube.

Gott weiß, wie sich ein trauernder Vater fühlt

Wie schwer mag es sein, täglich mit Menschen über den Frieden zu sprechen, die keinen hohen Preis bezahlen mussten – mit Menschen, deren Worte hohl sind, da sie nicht mit eigenem Erleben gefüllt sind.

Doch es gibt einen, der mehr als jeder andere weiß, wie es ist, sein geliebtes Kind zu verlieren.

Gott.

Sein über alles geliebter, vollkommener Sohn wurde ihm nicht unwissentlich aufgrund eines tragischen Vorfalls entrissen. Er hat ihn in vollem Bewusstsein dessen, was hasserfüllte Menschen ihm antun würden, in die Hände der Feinde gegeben. Aus Liebe.

Liebe zu uns Menschen. Liebe, die wollte, dass wir nicht verloren gehen, sondern gerechtfertigt durch den Tod seines Sohnes vor ihn treten dürfen. Das ist Gnade.

„Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eigenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Johannes 3,16)

Anschließend hatten die Schüler noch im kleineren Kreis der Klasse Gelegenheit, das Gehörte aufzuarbeiten und auf ihre eigenen Umstände und ihre persönliche Haltung dem Umfeld gegenüber anzuwenden. Erstaunlich waren ihre Reflexion und Selbsterkenntnis und auch der Wille, Änderungen in der persönlichen Einstellung vorzunehmen. Mögen dieses Bewusstsein und diese innere Bereitschaft von Dauer sein.

Zur Autorin: Gudrun Hübner (deutsch/australisch) ist verheiratet und Mutter dreier erwachsener Kinder. Sie unterrichtet Englisch an einer technischen Berufsschule und arbeitet freiberuflich als Klavierlehrerin und Autorin.

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8 Antworten

  1. Ja, der lebendige Gott liebt alle Menschen und gab seinen einzigen Sohn, Jesus Christus, damit alle Menschen gerettet werden können, die an Jesus glauben.
    Was für ein wunderbares Liebesangebot Gottes. In Joh. 3,16 wird es ja sehr klar beschrieben: „Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eigenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“
    „Parents Circle“ ist ein sehr wertvolle menschliche Idee und Hilfestellung. Was wir jedoch Juden und Moslems nicht vorenthalten dürfen, dass sie und auch wir, das Liebesangebot Gottes annehmen müssen.
    Ohne Jesus Christus bleibt diese Idee nur eine schöne Idee, ohne Folgen für die Ewigkeit.
    Lieber Gruß, Martin

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  2. Danke@Redaktion, für diesen bewegenden Artikel.
    Der Schmerz der Eltern ist fühlbar. Möge der EWIGE sie halten.

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  3. Der beeindruckende und mutige “Parents Circle” hatte vor einigen Wochen eine bewegende Veranstaltung im Frankfurter “Haus am Dom”. Kein einziger der so vollmundigen Israel-Lobbyisten, wie z.B. der hessische Antisemitismusbeauftragte oder Vertreter der Jüdischen Gemeinde war gekommen. Das fand ich sehr bezeichnend. Ein Zufall war es jedenfalls sicher nicht.

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    1. @ Bjoern
      Haben Sie nach den Gründen ihrer Abwesenheit (“Kein einziger …., wie z.B. der hessische Antisemitismusbeauftragte oder Vertreter der Jüdischen Gemeinde war gekommen”) gefragt oder geforscht? So hätten Sie uns Fakten und nicht Mutmassungen liefern können.

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  4. Mit den “normalen” Menschen funktioniert es. Leid verbindet. Und weckt auch Verständnis. Gegenseitiges Zuhören in einer solchen Umgebung kann Wunder bewirken.

    Ich war während der 2. Intifada in Ariel. Wir haben dort den Campus besucht und ansässige Firmen. In ihnen arbeiten Israelis und Palästinenser zusammen. Und wenn einer von ihnen ein Opfer der Intifada zu beklagen haben, war es ganz selbstverständlich dass Israelis und Palästinenser gemeinsam Geld sammelten um den Hinterbliebenen zu helfen, egal welche Seite es betraf.

    Das ist es, das hilft. Das Gegenteil sind die, die ständig ihre Hetze verbreiten, denn sie verlängern das Leid der Menschen. Leider fühlen sie sich dabei auch noch großartig.

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  5. Das Vermögen des Palästinensers, angesichts von Leid und Qualen im Holocaust, mit den Opfern fühlen zu können, hat ihn aus seinem Irrweg herausgeführt.
    Eine sehr bewegende Geschichte, die Hoffnung macht. Veränderung und Verwandlung ins Gegenteil ist trotz tief verwurzeltem Hass möglich.

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  6. Pred 7–3 Es ist Trauern/Not/Jammer besser als Lachen; denn durch Trauern wird das Herz gebessert.
    Der oben beschriebene Bericht ist einmal mehr ein Voll-Gas-Beweis dafür, wie w a h r die Bibel ist…
    Gott sei Dank, dass es Menschen gibt, die sich verändern lassen….wir hatten in Österreich, vor etlichen Jahren an der Donau ein ziemliches Hochwasserdrama….Busseweise sind helfende Menschen gekommen, sogar aus dem völlig anderen Ende von Österreich, aus Vorarlberg…an die 500 km liegen da dazwischen…und habe geholfen, sich unterstützt und co….warum braucht der Mensch Unglücks-Situationen, um menschlich zu werden….die Bibel hat viiiiiiiiiiele Antworten dazu.

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