Von Gießen nach Theresienstadt

In Jerusalem erinnert sich Else Pripis an ihre Kindheit und Jugend in Deutschland. Sie blickt auf ein langes Leben zurück und berichtet von ihren Lager-Erfahrungen.
Von Merle Hofer
Else Pripis

Vor 103 Jahren wurde Else Pripis in Gießen geboren. Am 10. März hatte sie Geburtstag. Schmunzelnd erzählt sie: „Es gibt fünf Städte mit dem Namen Gießen. Das habe ich in einem Amt gehört. Ich bin in Gießen an der Lahn geboren.“ Auf welche Städte sich das bezieht, ist unklar. Ihr Deutsch jedenfalls hat sie nicht vergessen.

Pripis hatte einen zwei Jahre jüngeren Bruder, Alfred. Die Familie wohnte in Weilburg, bis 1932, als Else in die dritte Klasse kam. „Der Unterricht hat nach Ostern begonnen.“ Das war bis Mitte der 60er Jahre in einem Teil der deutschen Bundesländer der Fall, dann wurde der Schuljahresbeginn angeglichen und ist nun überall im Spätsommer; in Israel ist er traditionell am 1. September. „Als ich in die normale Schule ging, habe ich natürlich auch Turnen gelernt. Aber später durften jüdische Kinder nicht mehr turnen und schwimmen.“

Für Juden wurde die Lage damals immer schwieriger. „Unsere Mutter zog mit uns nach Emmendingen. Sie stammte von dort. In der sechsten Klasse bat mich der Lehrer vor die Tür und sagte: ‚Ab morgen darfst du nicht mehr am Unterricht teilnehmen. In der Markgrafenschule wird es ein Zimmer für die jüdischen Kinder geben.‘“

Bis zur siebten Klasse blieb sie auf der jüdischen Schule, dann wechselte sie nach Freiburg: „In Emmendingen musste ein Lehrer gleichzeitig acht Klassen unterrichten. Das ist eine Unmöglichkeit.“ Pripis erinnert sich: „In Freiburg hat man viel mehr gelernt. Wir Kinder hatten Unterricht bei Professoren und Dozenten, die man von der Universität geschmissen hatte, weil sie jüdischer Abstammung waren.“

Lehrstelle in Köln

Etwa ein Jahr bevor sie die Schule beendete, kamen in Emmendingen Verwandte ihrer jüdischen Nachbarn an: „Mitten in der Nacht. Der Vater, die Mutter, die Tochter und die Großmutter. Sie starb nach ein paar Wochen. Die Familie hatte eine kleine Wohnung und dann haben sie noch so viele Leute aufgenommen.“
Die Tochter hatte ebenfalls in einer jüdischen Schule gelernt. „Dann bekam sie eine Lehrstelle in einem Kinderheim in Köln, im Abraham-Frank-Haus. Nach weniger als einem Jahr schrieb sie ihren Eltern, dass sie mir sagen sollten, dass auch ich mich um den Platz bewerben solle.“

Pripis wurde angenommen und zog nach Köln. „Ich war etwa ein halbes Jahr in Köln, als die badischen Juden nach Gurs deportiert wurden, das ist in Frankreich, an der französisch-­spanischen Grenze.“ Auch ihre Eltern wurden abgeholt. Zwei Tage später bestellte die Leiterin des Kinderheims Pripis in ihr Büro und sagte ihr, dass ihre Eltern deportiert wurden. Ob sie wusste, was das bedeutet? „Nein, natürlich nicht. Niemand wusste das.“ Die Schwester ihrer Mutter verstarb ein halbes Jahr nach der Deportation in dem Internierungslager, wie auch der Bruder ihres Vaters.

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Einmal, als ihre Eltern noch in Emmendingen wohnten, kam Pripis nach Hause. Dort erzählte die Familie: „Wir wohnten in der ersten Etage, im Parterre eine christliche Familie.” Diese habe sie unterstützt: „Sie machten uns Essen. Meine Mutter stellte die leeren Töpfe am nächsten Tag auf das Fensterbrett und die Frau brachte neues Essen. Und das, obwohl direkt gegenüber der Oberste von der Gestapo wohnte.“

Er habe eine Menge Kinder gehabt. „Bevor Hitler an die Macht kam, hatte er in einem jüdischen Haus gewohnt. Er war sehr abscheulich.“ Seine Kinder hätten mit dem Gewehr die Fenster ihrer Wohnung eingeschossen. „Meine Mutter ging zu ihm und sagte, dass es sein Amt ist, auf uns aufzupassen und nicht, uns zu schikanieren. Danach hörten die Schikanen auf.“

Die Deportation der Eltern

Ihre Eltern Max und Hedwig Geismar wurden 1942 von Gurs nach Paris deportiert. „Von dort schickte man sie nach Auschwitz. Oder in ein anderes Lager. Dort hat man sie umgebracht.“ Von ihrem Tod und dem ihres Bruders erfuhr sie erst später, als sie selbst schon im Lager Theresienstadt war.

Pripis kramt in einem Ordner, in dem zahlreiche Fotos und Dokumente in Klarsichtfolien stecken: „Das ist ein Brief“, sagt sie, „den mein Vater aus dem französischen Internierungslager Gurs geschickt hat.“ Die letzte greifbare Erinnerung, die sie von ihm hat. An sie adressiert, ihr Onkel in der Schweiz hat ihn ihr später gegeben.

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Der Bruder sollte einen Platz für einen Kindertransport in die Schweiz bekommen. Das wurde abgelehnt. „In Berlin bekam er eine Lehrstelle als Schlosser. Man hat immer 50 Jungs genommen, um das Lager Auschwitz-Birkenau aufzubauen. Er war einer von ihnen. Ein paar Wochen waren sie in Auschwitz, dann kamen sie zurück nach Berlin, und dann wieder nach Auschwitz.“ 1942 wurde Alfred in dem Vernichtungslager ermordet.

Deportation nach Theresienstadt

Pripis fand zunächst verschiedene Anstellungen in Köln, im Herbst wurde sie ebenfalls deportiert. „Die Fahrt hat drei Tage gedauert. Man hat in Würzburg übernachtet, in der zweiten Nacht in Pilsen. Am dritten Tag kam man nach Theresienstadt.“ Der Zug hält in Bauschowitz. „In Theresienstadt gab es damals keine Bahnstation, die wurde erst später gebaut. In Theresienstadt kamen viele alte Leute an. Von dort wurden sie nach Auschwitz deportiert, um sie umzubringen.“

Der Transport, mit dem Pripis fuhr, umfasste nur etwa 50 Personen. Sie kam in die Magdeburger Kaserne, dort wurde mehr als die Hälfte des Gepäcks gestohlen.

Die alte Dame kramt in dem Ordner mit den Klarsichtfolien: „Hier ist eine Fotografie vom Cousin meiner Mutter. Sein Sohn hatte in Prag einen Beruf gelernt, und als die Tschechoslowakei von den Deutschen besetzt wurde, konnte er nicht weiterlernen und musste arbeiten. Mit den ersten zwei Transporten wurde er nach Theresienstadt gebracht. Er hatte in der Landwirtschaft gearbeitet. Er hatte jemandem erlaubt, vom Baum heruntergefallenes Obst aufzuheben. Das hat jemand anderes gesehen, deshalb schickte man ihn ins Lager.“

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2 Kommentare

  1. Kleine Anmerkung zum Namen der Geburtsstadt Gießen: Neben dem Gießen an der Lahn gibt es ein Gießen in der Schweiz: bei Richterswil am Zürichsee, in den Niederlanden: südlich des Flusses Waal, in Baden-Württemberg: südöstlich von Wangen (Argenbühl), sowie ein Giessen-Oudekerk nordöstlich von Hardensveld Giessendam.

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  2. Es freut mich, dass Else Pripis inzwischen 103 Jahre alt geworden ist. Es tut mir leid, dass sie soviel durchmachen musste.

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