Der Jüdische Repräsentantenrat Irlands (Jewish Representative Council of Ireland, JRCI) hat seinen ersten Bericht zu antisemitischen Übergriffen in Irland vorgelegt. Er dokumentiert 143 Vorfälle in dem sechsmonatigen Zeitraum vom 17. Juli 2025 bis zum 9. Januar 2026. Keiner der Vorfälle wurde „unabhängig untersucht oder beurteilt“, kritisiert der Bericht, weniger als ein Viertel (24 Prozent) der Betroffenen meldeten die Vorfälle überhaupt den Behörden. In Irland gibt es keinen offiziellen staatlichen Mechanismus zur Erfassung antisemitischer Vorfälle.
Der Bericht betont, dass die Anzahl der Vorfälle im Kontext der kleinen jüdischen Bevölkerungszahl – etwa 2.200 – zu verstehen ist. Anderen Schätzungen zufolge leben sogar nur 1.200 Juden in Irland, hinzu kommen rund 2.000 Israelis in Technologieunternehmen. In Nordirland konzentriert sich das jüdische Leben vor allem auf Belfast. Dort gibt es seit 1870 eine orthodoxe Gemeinde. Das JRCI betont, dass Irland im Gegensatz zu 17 anderen EU-Mitgliedstaaten keine nationale Strategie gegen Antisemitismus besitzt.
Von den 143 Vorfällen betrafen 52 verbale Beleidigungen oder Verleumdungen, 47 Vandalismus oder Graffiti, 35 Bedrohungen oder Einschüchterungen und 29 Ausgrenzungen. 50 Vorfälle ereigneten sich im öffentlichen Raum, davon 21 in Schulen oder Universitäten, 13 im Gastgewerbe oder Einzelhandel, acht am Arbeitsplatz, sechs im privaten Bereich und vier in öffentlichen Verkehrsmitteln. 25 Meldungen (17 Prozent) enthielten Holocaustleugnung und -verharmlosung und/oder antisemitische Verschwörungstheorien, darunter klassische Stereotype von jüdischer Kontrolle und Manipulation.
Wie die jüdisch-US-amerikanische Nachrichtenseite „The Algemeiner“ berichtet, begannen 30 Prozent der gemeldeten Vorfälle als normale Interaktionen. Sie eskalierten jedoch, als ein bestimmtes Merkmal die jüdische oder israelische Identität des späteren Opfers offenbarte und antisemitische Beleidigungen auslöste, wie die Daten zeigen.
Laut JRCI schließt die Studie die Lücke, die durch das Fehlen eines nationalen Systems zur Erfassung antisemitischer Hassvorfälle entstanden ist. Dem Irischen Jüdischen Museum zufolge war die jüdische Präsenz in Irland von ihren sephardischen Wurzeln im 17. Jahrhundert bis zur aschkenasischen Einwanderung im 19. Jahrhundert stets gering. Erst mit dem Zustrom von Juden, die aus Russland flohen, entstand um die Wende zum 20. Jahrhundert eine bedeutende Gemeinde mit 5.000 Mitgliedern im Jahr 1911.
Graffiti und Droh-E-Mails
Die „Irish Times“ zitiert einige Beispiele aus den gemeldeten Vorfällen. In einem Fall hing ein Plakat über der Eingangstür eines Pubs mit der Aufschrift „Allen Zionisten ist der Zutritt verboten“; an anderer Stelle gab es Graffiti mit Hakenkreuzen und dem Schriftzug „Judenratte“, die sich über eine öffentliche Straße erstreckten.
Eine Familie beschrieb eine „schleichende soziale Ausgrenzung“; ein Dienstleister berichtet, dass ihm die Zusammenarbeit verweigert wurde, nachdem bekannt wurde, dass er ursprünglich aus Israel stammt, obwohl die Gründer irische Staatsbürger sind. Ein weiterer Vorfall betraf einen Taxifahrer, der, nachdem er erfahren hatte, dass der Fahrgast ursprünglich aus Israel stammte, „ihn auf halber Strecke zum Aussteigen aufforderte und ihn dabei beschimpfte und beleidigte“.
Von den analysierten Vorfällen fallen 25 Prozent unter das, was der Bericht als „direktes digitales Targeting“ bezeichnet – also bedrohliche E-Mails oder Direktnachrichten, die gezielt an Einzelpersonen oder Organisationen gerichtet waren. 47 Prozent dieser Fälle umfassten gewalttätige Äußerungen und Morddrohungen. Diese Kategorie bezieht nicht den Antisemitismus in Sozialen Medien ein, der laut JRCI in einem separaten, umfassenden Bericht behandelt wird.
Der Bericht kritisiert, dass sich die Behörden oftmals weigerten, Antisemitismus überhaupt anzuerkennen. Es gebe unzureichende polizeiliche Maßnahmen gegen Vorfälle. Der Bericht zitiert eine aktuelle Analyse, wonach nur 10 Prozent der Opfer rassistischer Vorfälle in Irland Anzeige erstatten. Diese Zahl deckt sich mit der Anzeigequote von 11 Prozent für jüdische Opfer in ganz Europa, die eine Umfrage der EU-Grundrechteagentur aus dem Jahr 2024 ergab.
„Völlig inakzeptabel“
Im Januar 2026 hatte die „Conference on Jewish Material Claims Against Germany“ einen Bericht zur Holocaustleugnung in Irland veröffentlicht. Demzufolge gibt es besonders unter jungen Menschen antisemitische Vorurteile: Von der erwachsenen Bevölkerung stimmten 8 Prozent der Aussage zu, dass „der Holocaust ein Mythos ist und nicht stattgefunden hat“. Bei den 18- bis 29-Jährigen lag der Anteil bei 9 Prozent.
Ebenso gaben 17 Prozent der irischen Erwachsenen an, dass der Holocaust stattgefunden habe; sie hielten aber die Zahl der ermordeten Juden für „stark übertrieben“, während 19 Prozent der 18- bis 29-Jährigen diese Verschwörungstheorie teilten.
Die irische Außenministerin Helen McEntee (Fine Gael) nannte den JRCI-Bericht „eine ernüchternde Erinnerung an die Zunahme der Geißel des Antisemitismus, die wir sowohl hier in Irland als auch international erleben“. McEntee sagte weiter: „Dies ist in der modernen, inklusiven Republik, die wir anstreben, völlig inakzeptabel, und ich verurteile diese Vorfälle aufs Schärfste.“ Ihre Regierung setze sich dafür ein, alle Formen von Antisemitismus und Rassismus zu bekämpfen.
Verbindung von PLO und der IRA als „Schlüsselfaktor“?
Irland zählt seit dem Ausbruch des Gazakrieges im Oktober 2023 zu den schärfsten Kritikern Israels in Europa. Diese Haltung hat laut Beobachtern zu einem feindseligeren Klima gegenüber Juden beigetragen. So behauptete beispielsweise die irische Stadträtin Punam Rane aus Dublin im Jahr 2024 während einer Stadtratssitzung, Juden und Israel kontrollierten die US-Wirtschaft. Sie argumentierte, dies sei der Grund, warum Washington, D.C., Israels Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen nicht abgelehnt habe. Nach heftiger Kritik von jüdischen Gruppen und anderen entschuldigte sich Rane tags darauf in einem Beitrag auf X/Twitter.
Der Antisemitismus in Irland sei nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober „offensichtlich und eklatant“ geworden, sagte auch Alan Shatter, ehemaliges Parlamentsmitglied und von 2011 bis 2014 irischer Minister für Justiz, Gleichstellung und Verteidigung. In einem Interview der Nachrichtenseite „The Algemeiner“ im Jahr 2024 erklärte er, Irland habe sich „zum feindseligsten Staat gegenüber Israel in der gesamten EU entwickelt“. Shatter ist einer der bekanntesten Vertreter der kleinen jüdischen Gemeinde Irlands.
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Shatter sprach im Interview auch von einer engen Verbindung zwischen der „Palästinensischen Befreiungsorganisation“ (PLO) und der IRA, die ihre Kämpfer zur militärischen Ausbildung in palästinensische Lager in den Nahen Osten entsandte, und nannte dies einen „Schlüsselfaktor“: „Es ging nicht um Frieden, sondern um die Verunglimpfung Israels. Sie identifizierten sich mit ihnen, weil sie glaubten, die IRA kämpfe gegen britische Kolonisten und die Palästinenser gegen israelische Kolonisten.“
Die „Irish Palestine Solidarity Campaign“ (IPSC) mobilisiert Zehntausende Demonstranten, die wöchentlich gegen Israel protestieren. Sie fordert lautstark einen umfassenden Boykott und nimmt dabei einflussreiche irische Bürger ins Visier, die als nicht ausreichend pro-palästinensisch gelten. Shatter nannte als Beispiel den irischen Fußballstar Robbie Keane, der ab 2023 Maccabi Tel Aviv in der israelischen Liga trainierte und ständiger Kritik und Anfeindungen ausgesetzt war. Anfang Januar 2025 übernahm Keane den Trainerposten beim ungarischen Rekordmeister Ferencváros Budapest. Parallel dazu gebe es kaum Kritik an Israels regionalen Gegnern wie der Hamas im Gazastreifen, der Hisbollah im Libanon und deren Unterstützer im iranischen Regime.
Anerkennung des „Staates Palästina“
Im Mai 2024 anerkannte Irland gemeinsam mit Spanien und Norwegen den „palästinensischen Staat“ offiziell an. Andererseits kündigte Irlands Regierung im Januar 2025 an, die Definition von Antisemitismus der „International Holocaust Remembrance Alliance“ (IHRA) übernehmen zu wollen. Die IHRA verabschiedete 2016 die „Arbeitsdefinition“ von Antisemitismus. Seitdem wird die Definition von jüdischen Gruppen und Gesetzgebern über das gesamte politische Spektrum hinweg weitgehend akzeptiert.
Erst Ende 2024 hatte eine Studie problematische Inhalte in irischen Schulbüchern aufgedeckt. Diese fördern demnach israelfeindliche Stereotype, zeigen einseitige Betrachtungen des israelisch-palästinensischen Konfliktes und verharmlosen teilweise den Holocaust, ergab die Untersuchung des israelischen Instituts zur Beobachtung von Frieden und kultureller Toleranz an Schulen „IMPACT-SE“.
Die Verfasser der Studie beklagen Ungenauigkeiten, das Fehlen von historischem Kontext und die Verwendung von Stereotypen in irischen Schulbüchern. Auschwitz werde hier falsch als „Kriegsgefangenenlager“ bezeichnet. In einem Schaubild wurde den Kindern vermittelt: „Das Judentum glaubt, dass Krieg und Gewalt manchmal notwendig sind, um Gerechtigkeit durchzusetzen.“ Gleichzeitig wird gesagt: „Der Islam ist für Frieden und gegen Gewalt.“
7 Kommentare
Irland gehört seit dem 7. Oktober 2023 zu den schärfsten Kritikern Israels und ist ein Schurkenstaat der schlimmsten Sorte.
Dieser Antisemitismus ist wie eine gefährliche Plage, eine Pandemie – ein Gegengift ist nicht in Sicht!
Lieber Gruß Martin
Das war auch schon 2006 so, als ich für eine Woche im Sommer in Dublin bei Freunden zu Besuch war, da wurde mir im Empfangsbereich
des Flughafens von einem freundlichen Beamten empfohlen, meinen Stern besser nicht offen sichtbar zu tragen. Seit dieser Zeit bin ich nicht mehr dort gewesen.
Schade, dabei ist es ein wunderschönes Land.
SHALOM
Dass die Empfehlung des Grenzbeamten Ihnen gegenüber notwendig war, tut mir leid. Ich hätte im Jahr 2000 im Rahmen eines Sprachkurses in Cambridge nach Dublin gehen. Habe dies aber abgelehnt, weil die Menschen in England so abweisend mir gegenüber waren.
Ach, ich habe, wenn ich ehrlich bin, schon gar keine Lust mehr, so etwas zu lesen, denn bitte seien wir ehrlich: es wird sich nichts ändern. Manche Politiker geben wie in Deutschland ihr beschwichtigendes Blablabla von sich und zeigen sich besorgt und ganz betroffen, aber zwei bis drei Minuten später ist alles beim Alten und es bleibt auch beim Alten.
So pessimistisch bin ich einfach inzwischen aufgrund von Erfahrungen aus der Vergangenheit. Es tut mir leid.
@Chris (Chrissen), ja, an dieser Ehrlichkeit mangelt es noch, weil wir es doch alle gerne anders hätten. Der Treibstoff für diese besorgniserregende Entwicklung ist die Gottlosigkeit aller Menschen (Juden und Heiden). Auch viele Christen in unserem Land, lieben immer mehr Kompromisse mit dem Wort Gottes, und leben ihre eigenen Vorstellungen.
Lieber Gruß Martin
Es ist einfach nur ekelhaft, wenn einem die Politik der israelischen Regierung nicht gefällt, dies an Menschen jüdischen Glaubens oder an israelischen Staatsbürgern auszulassen. Die von Ausgrenzung betroffenen Personen tuen mir abgrundtief leid.