Viel Lärm um Häuser

Das Jerusalemer Stadtviertel Scheich Dscharrah ist seit vielen Jahren Gegenstand der internationalen Berichterstattung: Palästinensische Familien und jüdische Organisationen streiten sich um Grundstücke und Immobilien. Dazu gehören auch Aufforderungen zum Abriss illegaler Bauten und Evakuierungen von Familien.
Von Merle Hofer
Straßenszene in Scheich Dscharrah

Foto: Israelnetz/mh

Straßenszene in Scheich Dscharrah

Weltweit ist das Ostjerusalemer Viertel Scheich Dscharrah immer wieder in den Schlagzeilen. Sie lassen vermuten, dass es sich bei den Diskussionen einerseits bestenfalls um einen illegalen Landraub jüdischer Siedler oder schlechtestenfalls um die geplante ethnische Säuberung von Palästinensern im jüdischen Staat handelt. Die andere Seite behauptet, Israel vertreibe rechtmäßig illegale Hausbesetzer und Juden nähmen lediglich die Ländereien zurück, die ihnen ohnehin rechtmäßig zustehen.

Einig sind sich beide Seiten darüber, dass sich an den umstrittenen Immobilien die Rechte von Palästinensern und jüdischen Israelis entscheiden. Hintergrund sind Aufforderungen zum Abriss illegaler Bauten und Evakuierungen von Familien. 

Gemäß Angaben der linken Organisation „Ir Amim“ von Mitte Mai sind momentan etwa 300 Palästinenser davon bedroht, aus ihren aktuellen Wohnhäusern evakuiert zu werden. Für das Jahr 2021 zählt die Organisation 237 Häuserabrisse in den östlichen Stadtteilen Jerusalems. Betroffen waren 134 Wohneinheiten und 103 weitere Gebäude wie Garagen, Lagerräume oder Läden. 94 der Abrisse wurden von den Besitzern selbst vorgenommen, um Strafzahlungen zu vermeiden. Besonders viele Abrisse der illegalen Bauten gibt es in den Stadtteilen Issawija, Beit Hanina und Dschabl Mukabbir.

Was in aller Welt zur Tagesordnung gehört, sorgt in Scheich Dscharrah und Silwan – beide Stadtteile liegen in unmittelbarer Nähe zur Altstadt – für weltweites Interesse. Nicht zuletzt machen die unterschiedlichen politischen Systeme der 120 vergangenen Jahre die Eigentumsrechte in Ostjerusalem kompliziert: das Osmanische Reich bis 1917, das Britische Mandatsgebiet Palästina bis 1948, die international nicht anerkannte Annexion der Jordanier bis 1967 und die anschließende Besatzung und spätere Annexion der Israelis.

Irreführende Parallelen

Im Januar 2022 sorgte die Evakuierung der Familie Salahija international für Schlagzeilen. Sofort wurden Parallelen zu den Ereignissen im Mai 2021 gezogen, als die Hamas einen geplanten Häuserabriss in Scheich Dscharrah zum Vorwand nahm, sich als eigentlicher Beschützer Jerusalems zu brüsten – und die Stadt mit Raketen angriff.

Doch die Ereignisse vom Jahresanfang haben einen anderen Hintergrund. Während sich die meisten Haus- und Landstreitigkeiten um Objekte drehen, auf die jüdische Gruppen – von den Gegnern meist pauschal als Siedlergruppen abgetan – Anspruch erheben, war im Januar der Staat in Form der Jerusalemer Stadtverwaltung Klägerin: Bereits 2017 hatte sie der Familie Salahija die Enteignung angekündigt. Sie argumentiert, dass die Gebäude illegal errichtet seien und das Land dafür benötigt werde, eine öffentliche Schule und sechs Kindergärten zu bauen.

Scheich Dscharrah

Die erste Erwähnung findet das Viertel Scheich Dscharrah im 12. Jahrhundert. Historiker bescheinigen für mehr als 2.000 Jahre eine jüdische Präsenz um das Grab von Simeon, dem Gerechten, „Schimon HaZadik“. Er war zur Zeit des Zweiten Tempels Hohepriester. Im 19. Jahrhundert siedelten sich noch mehr Juden im Tal um das Simeon-Grab, die kleinen Stadtteile wurden als Viertel „Schimon HaZadik“ und „Nachalat Schimon“ bekannt. Zeitgleich kauften vorwiegend Mitglieder der arabischen Jerusalemer Familien Husseini und Naschaschibi Villen im kleinen Viertel Scheich Dscharrah. 1948 wurden die Bewohner des Viertels von den Jordaniern vertrieben. Später siedelten die Jordanier arabische Flüchtlinge Palästi­nas in Scheich Dscharrah und den beiden jüdischen Teilen an. Heute leben schätzungsweise 3.000 Araber in Scheich Dscharrah und einige Dutzend Juden.

Die Familie Salahija argumentiert, dass sie das Land seit den 1950er Jahren bewohne. Im Unabhängigkeitskrieg 1948 hätten sie aus dem Westjerusalemer Stadtteil Ein Kerem fliehen müssen. Später hätten sie Land in Scheich Dscharrah erworben, dieses aber niemals bei den Jordaniern registriert. 

Im Januar 2021 hatte das Bezirksgericht zugunsten der Stadtverwaltung entschieden. Doch trotz wiederholter Aufforderungen weigerte sich die Familie, das Grundstück zu verlassen. Am Morgen des 18. Januar 2022 zerstörte die Abrissbirne ihr Haus. Darin verbliebene Familienmitglieder und Aktivisten wurden von der Polizei evakuiert und für einige Stunden festgenommen.

„Seit Jahren für öffentlichen Gebrauch vorgesehen“

Den Vorwurf der „städteplanerischen Diskriminierung“ von „Ir Amim“ weist die Stadt Jerusalem vehement zurück. Die stellvertretende Bürgermeisterin Fleur Hassan-Nahum betont: „Auch wenn die Streitigkeiten in der Berichterstattung alle in einen Topf geworfen werden – dieser Fall hat nichts mit den Auseinandersetzungen vom vergangenen Frühjahr zu tun. Das Land der Familie Salahija hat keine rechtmäßigen privaten Eigentümer und ist seit Jahren von der Stadtverwaltung für den öffentlichen Gebrauch vorgesehen.“

Eine Art „Schutzstatus“

Hassan-Nahum ist frustriert über die Situation: „Viele Bewohner Ostjerusalems gehen nicht zu den Wahlen und haben dadurch wenige Fürsprecher in der Stadtverwaltung. Die Infrastruktur ist schrecklich; die Schulen sind überfüllt, die Müllberge türmen sich, die Straßen stark beschädigt. Wir brauchen dringend neue Schulen! Wo sollen wir sie denn sonst bauen?“

Im vergangenen Mai wurde Scheich Dscharrah zum palästinensischen Nationalsymbol, weil die Evakuierung von 13 Familien anstand. Hintergrund waren Landstreitigkeiten zwischen arabischen Familien und jüdischen Eigentümern. Die palästinensische Gesellschaft und internationale Medien vermittelten den Eindruck, es handle sich nicht um Grundstücksstreitigkeiten, sondern eine Massen­evakuierung stehe bevor. Dabei sorge die jüdische Führung dafür, dass ein überwiegend arabischer Stadtteil jüdisch werden sollte.

Die Familien leiten ihren Anspruch daraus ab, dass ihre Häuser ihnen 1951 von den Vereinten Nationen und Jordanien zugewiesen wurden. Ein Kompromissvorschlag im August beruft sich auf ein Rechtsurteil von 1982: Jüdische Organisationen hatten die Rechte der früheren jüdischen Besitzer erworben. Daraufhin verfügte das Gericht, dass Palästinenser, die auf jüdischen Grundstücken in Scheich Dscharrah leben, in den Häusern bleiben dürften. Sie würden zwar hinfort nicht mehr als Hausbesitzer gelten, erhielten aber eine Art „Schutzstatus“. Dieser verlange von ihnen, eine symbolische Miete zu zahlen und schütze sie bis zu ihrem Lebensende vor einer Evakuierung.

In den vergangenen Jahren haben sich Palästinenser wiederholt geweigert, die Miete zu zahlen. Sie behaupteten, sie seien damals gezwungen worden, den Vertrag zu unterzeichnen. Zu Beginn der 2000er Jahre hatte Scheich Dscharrah für internationale Schlagzeilen gesorgt, als israelische Gerichte die Evakuierung dreier palästinensischer Familien verfügten, die 2009 umgesetzt wurde. Danach hat es keine gesetzlich verfügten Evakuierungen gegeben, doch freitagnachmittags demonstrierten regelmäßig israelische und palästinensische Aktivisten, die sich gegen eine Evakuierung der Bewohner einsetzten. 2011 kamen nach den Freitagsgebeten Tausende von Demonstranten, danach ebbte das Interesse ab.

Aktuell laufende Gerichtsverhandlungen werden immer wieder verschoben. Und so ist damit zu rechnen, dass Scheich Dscharrah auch künftig für Schlagzeilen sorgen wird. Zu hoffen bleibt, dass die Berichterstattung dann eine Unterscheidung zwischen Privat- und Staatsländerstreitigkeiten vornimmt.

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Israelnetz Magazin

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8 Antworten

  1. Die Kravallmacher sollten ohnehin verstehen, dass sie keine Bleibe haben, auch dann nicht, wenn Sie ein internationales Recht darauf definieren. Würden Sie die Realität aktzeptieren, würden sie viele würdige Jahre gewinnen für sich und Ihre Familien an einem Ort, an dem es sich wunderbar leben lässt.
    So bleiben Sie oft arm, alleine und die Sinnlosigkeit verleitet zu neuer Kravallmacherei = eine traurige Spirale. Doch jeder ist seines eigenen Glückes Schmid. Glück zu!

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  2. Jeder Deutsche, der sich weigert seinem Vermieter die Miete zu bezahlen, fliegt aus der Wohnung. Was ist das Problem? Man will nicht bezahlen. Bei nicht wenigen Menschen herrscht die Vorstellung: Rechte ja, Pflichten nein. So funktioniert das Leben aber nicht.

    Die UN und Jordanien haben ein Fell verteilt, das ihnen nicht gehört hat. Aber das wird ja in gewissen Kreisen verteidigt.

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  3. Das Problem besteht von Anfang an und als Jordanien annektierten, mussten Juden ihre Häuser dort verlassen. Palis besetzten sie als Wohnraum. Das wollen sie heute nicht mehr wissen.
    Ein weiteres Problem ist, dass Palis illegal bauen. Sie bauen einfach.
    Man stelle sich das mal in DE vor?
    Wer jetzt auf das WJL anspricht, sei gesagt, Wohnungen müssen erst genehmigt werden
    von israel. Regierung.
    Es gibt dieses Sprichwort:
    Wo einmal ein Araber seinen Fuß hatte, bezeichnet er das Land als Eigentum.

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  4. ” Sie behaupteten, sie seien damals gezwungen worden, den Vertrag zu unterzeichnen. ”

    Wie man in der Presse nachlesen konnte, würden viele die Häuser verlassen und auch die dafür von Israel angebotenen Ausgleichszahlungen gerne annehmen.
    Doch leider sieht es so aus, dass die Araber von ihren eigenen “Brüdern” der Hamas und Fatah dazu gezwungen werden dieses auszuschlagen und zu bleiben um keine Repressalien befürchten zu müssen.

    Erinnert mich an die Flüchtlingslager nach der Unabhängigkeitserklärung Israels. Viele hätten damals die Lager verlassen, in ihre Dörfer oder von Israel angebotene Gebiete zurückkehren können, als Staatsbürger Israels. Aber auch dies haben die damaligen Machthaber der arabischen Liga zu vereiteln gewusst. Ein Leben in Enge, Armut und Unbildung sind ein guter Nährboden für Unzufriedenheit und Terrorismus. Sie begreifen einfach nicht, dass sie von ihren “Brüdern” nur benutzt werden.

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    1. Richtig, bei Nablus entstanden extra Siedlungen für Palästinenser, kann man heute noch ansehen. Aber es durfte kein Palästinenser einziehen, er hätte damit den Flüchtlingsstatus verloren, sagte die “Flüchtlingsbeschaffungsorganisation” UNRWA. Und leider ließen sich die Interessierten damit einschüchtern und leben heute noch in Flüchtlingslagern. Was für eine Schande.

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  5. Vielen Dank für den informativen Artikel ! Das vermisse ich an den hiesigen Medien. Diese stellen den Konfllikt einseitig aus der arabischen Perspektive dar.

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