DAMASKUS (inn) – Lehrinhalte in syrischen Schulbüchern haben infolge des Regimewechsels eine Transformation durchlaufen. Das stellt das Forschungsinstitut IMPACT-SE in einer Studie zum Schuljahr 2025/26 fest. Dafür haben die Wissenschaftler 130 Lehrbücher der Jahrgangsstufen 1 bis 12 untersucht.
Im Mittelpunkt stand ein Vergleich der Ära von Baschar al-Assad (2000–2024), konkret von 2011 bis 2023, und dem ersten Schuljahr unter der Führung von Ahmed al-Schar’a. Die Studie konzentriert sich auf die Fächer Sozialstudien, Geschichte, Geographie, Islamkunde und Arabisch. Doch auch Lehrmaterial zu Naturwissenschaften, Musik, Englisch und Französisch wurde berücksichtigt.
Politischer Islamismus
Nach Beobachtung der Wissenschaftler wurden pan-arabische und nationale Inhalte entfernt und grundlegend ersetzt, etwa durch Konzepte des politischen Islamismus. Auch ein sunnitisches Erwählungsdenken und eine pan-islamistische Staatlichkeit seien zu bemerken. Die syrische Identität werde ebenso neu definiert wie die historische Erinnerung und die regionalen Beziehungen.
Das Unterrichtsmaterial vermittle eine Sicht, in der religiöse und ethnische Minderheiten an den Rand gedrängt würden. Eine Gleichheit der Geschlechter vor dem Gesetz werde abgelehnt, die Rolle der Frauen in der Gesellschaft als beschränkt dargestellt: Sie erscheinen als Ehefrauen und Mütter und tragen strengere islamische Kleidung. Ein Hidschab wurde bei bereits früher verwendeten Zeichnungen hinzugefügt.
Zudem sei eher eine Normalisierung von gewaltsamem Konflikt festzustellen als die Suche nach einer friedlichen Lösung. In den Büchern vermissen die Autoren Pluralismus und Koexistenz. Im Vergleich zu einem Geschichtsbuch der Jahrgangsstufe 10 von 2014/15 wurde das Wort „Demokratie“ in einer sonst identischen Aufzählung gestrichen.
Islam als Kern der syrischen Identität
Zur neuen Identität schreibt IMPACT-SE: „Der Islam wird nun als Kern der syrischen Identität dargestellt.“ Weiter heißt es: „Wissenschaftliche oder philosophische Inhalte werden entfernt oder religiös umgedeutet, um zur islamischen Doktrin zu passen.“
Der sunnitische Islam dominiere. Islamkunde-Einheiten, die religiöse Toleranz fördern, seien entweder entfernt oder verändert worden. Das gelte auch für historische Beispiele einer muslimisch-christlichen Koexistenz in der Zeit des frühen Islam. Christen seien anerkannt als Teil der syrischen Gesellschaft, doch ihre christliche Präsenz werde theologisch dem Islam untergeordnet. Andere Minderheiten wie Kurden, Türken und Drusen kämen fast nicht vor.
Juden wiederum „werden allgemein in dämonisierender Weise beschrieben, ihre kollektive Geschichte wird geleugnet. Sie werden oft in antisemitischen Klischees beschrieben bei ihren Konflikten mit dem Propheten Mohammed und den frühen Muslimen“. Verrat, Untreue und Feindlichkeit würden als antijüdische Stereotype generalisiert und als typische Eigenschaften von Juden dargestellt. Die Lehrbücher leugneten ihre nationale Identität. Juden seien darin ein „Mischmasch von Völkern, nicht eine einzige Nation“.
Derweil gelten Juden und Christen als Vertreter der Buchreligionen, die frühere Offenbarungen empfangen hätten. Doch der Koran werde als die höchste dargestellt.
Israel dämonisiert
An Israel lässt das Lehrmaterial kein gutes Haar: Der jüdische Staat werde dämonisiert und delegitimiert, als „Feind“, „diebisch“ oder „Dreck“ verunglimpft. Hingegen rechtfertigten und glorifizierten die Schulbücher palästinensische Gewalt. Historische Friedensabkommen kämen schlecht weg.
Auf Landkarten trägt das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan den Namen „Palästina“, Jerusalem erscheint als „Hauptstadt Palästinas“. In einer Einführung in die Geographie der Nachbarländer für die 4. Klasse wird Israel völlig ignoriert. Die Rede ist nur von einem „Palästina“:
„Die Syrische Arabische Republik liegt im nördlichen Teil der Levante. Sie grenzt an:
Im Westen: ans Mittelmeer, die Libanesische Republik und Palästina.
Im Süden: ans Haschemitische Königreich Jordanien.
Im Osten: an die Irakische Republik.
Im Norden: an die Türkei.“
In einem Sozialstudienbuch für die Jahrgangsstufe 6 heißt es zur israelischen Staatsgründung: „Das zionistische Gebilde hat das besetzte arabische Palästina 1948 gestohlen in einem Versuch, einen Staat auf rein arabischem Gebiet zu gründen.“ Schüler sollen die Frage beantworten, warum „diesem terroristischen Gebilde“ die Kennzeichen eines richtigen „Landes“ fehlen.
Unhistorische Herleitung
Ein Geschichtsbuch der 12. Klasse führt der Studie zufolge eine unhistorische Herleitung des Begriffes „Zion“ an: „Der Ausdruck ‚Zion‘ wurde in der zionistischen Bewegung mit Bezug auf den Berg Zion übernommen, im Ostteil Jerusalems. Es ist ein Wort mit kanaanäischem Ursprung. Ziel war es, religiöse Gefühle unter den Juden der Welt zu schüren.“ Kanaanäer werden in einem weiteren Lehrbuch für Geschichte, das die Jahrgangsstufe 9 benutzt, als „Araber“ bezeichnet.
Im Buch für die 12. Klasse heißt es außerdem im Kapitel „Die palästinensische Sache zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Nakba“: Die Staatsgründung sei ein koloniales Projekt, das durch britische und amerikanische Hilfe möglich geworden sei. Die arabische Niederlage gegen Israel habe der Waffenstillstand verursacht, der den Arabern „vom Westen aufgezwungen“ worden sei.
In Islamkunde wiederum sollen Drittklässler ein islamisches Gebet schreiben. Darin sollen sie ihre „Liebe und den Wunsch nach der Befreiung Palästinas und der Al-Aqsa-Moschee“ ausdrücken.
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Ferner haben die Wissenschaftler festgestellt, dass verschiedene Unterrichtsmaterialien Gewalt verherrlichen. So befasst sich ein Arabischlehrbuch der Jahrgangsstufe 5 mit der Terroristin Dalal al-Mughrabi, die es als „Märtyrerin“ darstellt. Sie führte 1978 das Küstenstraßenmassaker an, bei dem 38 Israelis ermordet wurden, 13 von ihnen waren Kinder. Das Buch glorifiziert Al-Mughrabi in einem Gedicht:
„Im Herzen des besetzten Landes
Erhob sie das Banner der Befreiung.
Sie war ein Schwert; sie war eine Flamme.
Dalal ist ein Mädchen aus meinem Heimatland,
Aus Haifa, von einem Besatzer vertrieben.
Sie sagte der Invasion: Du wirst mich hören –
Ich bin die Stimme eines rasenden Erdbebens.
Wie das Licht der Morgenröte rückte die Karawane vor,
und Dalal führte die Helden an.“
Viertklässler lernen in Islamkunde, dass es keine Höllenstrafe nach sich zieht, Steine auf einen Panzer mit Davidstern zu werfen. Die Aufgabe dazu lautet: „Ich werde über das folgende Bild nachdenken. In ein paar Zeilen werde ich die Rolle der Kinder der Steine bei der Verteidigung ihres Landes beschreiben. Dann werde ich für sie beten.“
„Wer hat diese Märtyrer getötet und Syrien zerstört?“
Ein Sozialstudienbuch, ebenfalls für das 4. Schuljahr, zeigt ein Bild von der Beerdigung der „Märtyrer des Hajj-al-Khalidija-Massakers in Homs“. Als Truppen von Al-Assad im Februar 2012 das Stadtviertel bombardierten, wurden viele Menschen getötet. Dazu zitieren die Autoren aus der Sure 3,169: „Und stelle dir niemals diejenigen, die für Allahs Sache getötet wurden, als tot vor. Sie sind vielmehr am Leben mit ihrem Herrn und werden versorgt.“ Die Frage zum Bild lautet: „Wer hat diese Märtyrer getötet und Syrien zerstört?“
Dschihad und „Märtyrertum“ stellen Lehrbücher als zentral für die syrische Identität und damit als legitim dar. War in der Zeit von Al-Assad von Verteidigung „des Heimatlandes“ die Rede, geht es jetzt um ein Opfer „für Allah“. Aus „Widerstandskämpfern“ wurden „Dschihad-Kämpfer“. „Märtyrern“ wird „ewiges Leben im Paradies“ versprochen.
Westen negativ, Osmanisches Reich positiv
Europa und der Westen erscheinen im Unterrichtsmaterial negativ und feindselig. Überdies werden europäische Errungenschaften fälschlicherweise einer früheren arabisch-islamischen Zivilisation zugeschrieben. Die USA treten vor allem als imperialistisch, gewaltsam und destabilisierend auf – und als eine Nation, die Zionismus unterstütze, was im Kontext des Lehrmaterials negativ konnotiert ist.
Einstige Verbündete von Al-Assad, wie der Iran und die Hisbollah, werden delegitimiert, der Iran als Feind dargestellt. Die Hisbollah gilt nicht mehr als Widerstandsbewegung, sondern als Komplizin von Al-Assad – und als verantwortlich für Gräueltaten gegen Syrer. Die Türkei und auch das Osmanische Reich werden hingegen ausschließlich positiv bewertet. (eh)
3 Kommentare
Haben die Kinder in der Gegend den bisher etwas anderes ausser Bomben seitens Israel gesehen? Sei es Syrien, Libanon, WJL oder Gaza. Wenn man die Kinder Vorort fragen sollte was einem bei Israel in den Sinn kommt, wäre das nichts gutes. Aber kennen die Kinder auch etwas anderes ausser zerstörung, chaos und Bomben durch Israel?
Ganz offensichtlich der Müll einer Scheinrealität die wir wohl nie begreifen werden, zumindest nicht jene, deren Grütze nicht völlig verkocht ist.
SHALOM
…und Jesus wird vermutlich als Palästinenser und Moslem dargestellt. Aber muss man sich wirklich wundern, wenn Islamisten sich islamistisch verhalten ?