Israel und sein Wassermanagement: ein beeindruckendes Phänomen. Das Land besteht aus etwa 60 Prozent Wüste und liegt mitten in einer regenarmen Region – und doch sollen hier Milch und Honig fließen.
Die geographische Lage mit viel Wüste und wenig fruchtbarem Land stellt Israel bei der Wasserversorgung vor ein Problem. Um gute Lebensbedingungen schaffen zu können, musste direkt nach der Staatsgründung 1948 eine Strategie her. So wurde bereits Mitte der 1960er Jahre der „Nationale Wasserträger“ fertiggestellt: ein Leitungssystem, das Trinkwasser aus dem Norden in den Süden transportiert. Dabei blieb es aber nicht. Inzwischen verfügt Israel über 220 Wasserspeicher, die sowohl mit Wasser versorgen, als auch die ungleiche Verteilung ausgleichen können. Etwa die Hälfte des gespeicherten Wassers wird für die Landwirtschaft benötigt. Zum Anbau von Lebensmitteln auch in niederschlagsarmen Gegenden setzen Israelis gereinigtes Abwasser aus den Speichern ein.
Erderwärmung hinterlässt Spuren
Trotz der ausgeklügelten Versorgungsstrategien macht sich die Erderwärmung auch in Israel bemerkbar. Gerade am See Genezareth werden Veränderungen des Wasserstands deutlich. Der See stellt als Israels größter Süßwassersee auch das größte natürliche Wasserreservoir dar. Seine Fläche beträgt 166 Quadratkilometer, etwa ein Drittel von der Fläche des Bodensees. Der See Genezareth, hebräisch Kinneret, befindet sich unterhalb des Meeresspiegels.
Im Laufe der vergangenen 40 Jahre unterlag der Wasserspiegel immer stärkeren Schwankungen. Dabei sind drei Grenzwerte entscheidend: Die obere rote Linie, die untere rote Linie und die schwarze Linie. Wird die obere Linie (208,8 Meter unter dem Meeresspiegel) überschritten, muss Wasser abgepumpt werden, da es sonst zu Überschwemmungen kommt. Die untere Linie (-213 Meter) sollte der Pegel nicht unterschreiten, da dann erhebliche Schäden für das Ökosystem des Sees entstehen.
Das Abpumpen von Wasser wird in diesem Fall verboten, um das Ökosystem zu schützen. Auch Trinkwasser darf dem See nicht mehr entnommen werden. Nähert sich der Pegel diesem Grenzwert, wird die Entnahme von Wasser zunächst eingeschränkt. Die schwarze Linie bei -214,87 Meter markiert einen historischen Tiefstand vom November 2001.
Erstmals seit 2019 wieder unter Grenzwert
Der Tiefstand im vergangenen Dezember lag mit 213,4 Meter zwei Meter unter dem im Jahr davor. Zwischen dem 22. September und dem 19. März, also sechs Monate lang, verlief der Wasserspiegel erstmals seit Anfang 2019 wieder unterhalb des unteren Sollwertes – trotz Maßnahmen wie dem Auffüllen mit entsalztem Meerwasser: Seit Oktober fließen tausende Kubikmeter pro Tag in den Kinneret.
Aufgrund von starken Regenfällen Ende März ist der Wasserstand wieder in den Sollbereich gestiegen, am Ende der Regenzeit betrug er -212,5 Meter. Die Schwankungen stellen langfristig gesehen eine große Unsicherheit für die Wasserversorgung dar.
See Genezareth und Totes Meer hängen zusammen
Der Wasserspiegel des Sees Genezareth ist auch eng mit dem des Toten Meeres verbunden. Im Jordan fließt Wasser aus dem See in das Meer. Dabei sinkt der Pegel des Toten Meeres nicht nur aufgrund von Verdunstung, sondern hauptsächlich, weil zu viel Wasser aus dem Jordan abgepumpt wird. Dieser stellt eine wichtige Süßwasserquelle für Israelis, Palästinenser und Jordanier dar.
Der Wasserstand des Toten Meeres sinkt jährlich um etwa 1 Meter. Mitte Mai lag er zwischen -430 und -440 Metern. Auswirkungen des niedrigen Wasserstands sind unter anderem Erdfälle. Diese entstehen, wenn Hohlräume im Untergrund einstürzen, die entlang des Ufers auftreten. Der Rückgang des Wasserstandes vergrößert die Fläche des salzhaltigen Bodens. Solche Erdfälle haben schwere Auswirkungen auf die Infrastruktur und Landwirtschaft am Toten Meer.
Initiative gegen Trockenheit
Doch die Israelis bleiben bei diesen Problemen nicht hilflos stehen. So forschen nun Wissenschaftler zu Strategien für die Verbesserung der Wasserversorgung auch bei zunehmenden Trockenperioden. Das Auffüllen des Sees mit entsalztem Meerwasser ist dafür ein gutes Beispiel, es ist ein erster Schritt gegen die zunehmenden Herausforderungen der Wasserversorgung. Vielleicht können dann auch Milch und Honig wieder strömen.
Von: Naemi Frick