Wieder frei: Schalit salutiert am 18. Oktober 2021 vor dem damaligen Premierminister Netanjahu

Wieder frei: Schalit salutiert am 18. Oktober 2021 vor dem damaligen Premierminister Netanjahu

Nach Austausch gegen Schalit: Terrorkarriere bei der Hamas

Auch nach zehn Jahren ist der Deal um die israelische Geisel Gilat Schalit umstritten. Viele damals freigelassene Terroristen haben mittlerweile Führungspositionen bei der Hamas inne. Dem ehemaligen Soldaten, der mehr als fünf Jahre im Gazastreifen festgehalten wurde, geht es allerdings gut.

Am 18. Oktober 2011 gab es für Israel eine gute und eine schlechte Nachricht – oder vielmehr 1.027 schlechte. Die gute: Der von der Hamas entführte Soldat Gilad Schalit war nach mehr als fünf Jahren Geiselhaft wieder frei. Ausgemergelt zwar, und mit deutlichen Spuren der langen Zeit der Gefangenschaft, aber am Leben. Damit endete ein Hoffen und Bangen, denn Lebenszeichen von dem jungen Israeli waren während der Geiselhaft Mangelware.

Die schlechte Nachricht: Wie bereits früher hatte sich Israel die Rückholung eines Vermissten etwas kosten lassen – diesmal wurden 1.027 palästinensische Terroristen aus Sicherheitsgefängnissen entlassen. Sie waren für den Tod von insgesamt etwa 200 Menschen verantwortlich, büßten an sich lebenslange Haftstrafen ab. Doch die Hamas hatte Israels Verpflichtung weidlich ausgenutzt, jeden Bürger zurückzuholen – ob tot oder lebendig, ob Soldat oder Zivilist.

Nötig wurde dieser Gefangenenaustausch infolge eines Überfalls auf einen Armeeposten nahe des Gazastreifens. Dieser ereignete sich am 25. Juni 2006. Bewaffnete Palästinenser drangen durch einen Tunnel auf israelisches Gebiet vor und überraschten die Soldaten. Zwei wurden erschossen, der damals 19-jährige Schalit verwundet und an einen unbekannten Ort im Gazastreifen verschleppt.

Entlassene Terroristen: Herausforderung für israelischen Sicherheitsapparat

Zehn Jahre später befasst sich der Journalist Elior Levi in der Zeitung „Yediot Aharonot“ mit den freigelassenen Palästinensern. Ein Großteil der 1.027 Terroristen habe tatsächlich die Vergangenheit hinter sich gelassen, merkt er an. Doch manche seien nicht nur auf den Weg des Terrors zurückgekehrt, sondern auch zu einer riesigen Herausforderung für den israelischen Sicherheitsapparat geworden. In dem Beitrag richtet der Autor das Scheinwerferlicht auf sieben ehemalige Häftlinge, die nach der Freilassung Karriere bei der radikal-islamischen Hamas machten.

Diese Palästinenser seien dafür bestimmt gewesen, ihr Leben im israelischen Gefängnis zu beenden, schreibt Levi. Doch sie seien zu einer Speerspitze der Hamas geworden: „Ein Teil der Freigelassenen vom Schalit-Deal schaffte es, die Schicht aufzubauen, die zwischen militärischer Fähigkeit und strategischem Denken verbindet.“ Ein leuchtendes Beispiel dafür sei Jahja Sinwar, der heutige Führer der Hamas im Gazastreifen.

Mit Sinwar bildeten Taufiq Abu Naim und Rahawi Muschta ein Kleeblatt, heißt es weiter in dem Artikel: „Es handelt sich um ein Dreiergespann. Sie sind ein Herz und eine Seele seit den Tagen, in denen sie eine Zelle im israelischen Gefängnis miteinander teilten – und bis heute. Noch mehr – ihr gemeinsames Leben führte dazu, dass sie drei Teile wurden, die ein Ganzes ergeben.“ Alle drei verbrachten 22 Jahre in israelischer Haft.

Jahja Sinwar

Jahja Sinwar wurde 1962 im Flüchtlingslager Chan Junis im Süden des Gazastreifens geboren, damals befand sich das Gebiet unter ägyptischer Herrschaft. Er war Mitbegründer der Madschd-Brigaden, eine Art Inlandsgeheimdienst der Hamas. Sinwar machte Jagd auf „Kollaborateure“. Eigenhändig ermordete er mehr als zehn Palästinenser, die der Zusammenarbeit mit Israel verdächtigt wurden – und wurde als „Schlächter von Chan Junis“ bekannt. Deshalb wurde er verhaftet und 1989 zu fünfmal lebenslänglich verurteilt.

Einer der Entführer von Schalit war der Bruder des Häftlings, Muhammad Sinwar. Als Kommandeur des militärischen Armes der Hamas in Chan Junis setzte er sich dafür ein, dass Jahja auf die Liste der zu Befreienden kam. Nach der Freilassung begann dessen kometenhafter Aufstieg, 2017 wurde er zum Hamas-Führer in Gaza gewählt.

Taufiq Abu Naim

Taufiq Abu Naim stammt aus einer Beduinenfamilie, die infolge des Unabhängigkeitskrieges 1948/49 aus der Gegend von Be’er Scheva nach Gaza geflohen war. Er wuchs in einem Flüchtlingslager auf. Auch er wurde wegen Mordes an „Kollaborateuren“ verhaftet und 1989 verurteilt. 1991 versuchten er und Sinwar, einen Tunnel zu graben und aus dem Gefängnis zu fliehen. Doch der Plan misslang.

Vier Jahre nach der Freilassung im Rahmen des Schalit-Deals wurde Abu Naim zum Leiter der Sicherheitsapparate der Hamas in Gaza ernannt. Er bekämpfte salafistische Aktivisten, die der Terrorvereinigung Islamischer Staat nahe stehen. 2017 explodierte ein Sprengsatz neben seinem Fahrzeug, er überlebte mit mittelschweren Verletzungen. Salafisten galten als Hauptverdächtige für den Anschlag.

Rahawi Muschta

Rahawi Muschta kam in Sadschaaja in Gaza auf die Welt, in seiner Familie gab es viele Hamas-Anhänger. Auch er war am Aufbau der Madschd-Brigaden beteiligt und wurde ihr Leiter für den Norden des Küstenstreifens. 1988 explodierte ein Sprengsatz in seiner Hand, er verlor mehrere Finger. Verhaftet wurde er, weil er an der Entführung zweier Soldaten beteiligt war.

Ein Jahr nach seiner Freilassung wurde Muschta ins Politbüro der Hamas in Gaza gewählt. Er reiste mit Gesandtschaften nach Kairo und verhandelte über einen weiteren Gefangenenaustausch. Zudem führte er über Katar indirekte Gespräche mit Israel wegen Geldern für die Menschen im Gazastreifen.

Sahar Dschabarin

Vier weitere Freigelassene ordnet die israelische Zeitung der „Aruri-Schule“ zu: Saleh al-Aruri gründete den Stab der Hamas im Westjordanland. Dafür rekrutierte er persönlich Palästinenser. Zu dieser Gruppe gehört Sahar Dschabarin, der in Salfit zwischen Nablus und Ramallah geboren wurde. Er ist einer der Gründer des militärischen Hamas-Armes im Westjordanland. An der An-Nadschah-Universität in Nablus rekrutierte er Studenten für die Terrorgruppe. Der bedeutendste von ihnen war Jahja Ajasch, genannt „Der Ingenieur“. Er war für zahlreiche Selbstmordanschläge verantwortlich, setzte seine Fähigkeiten beim Erstellen von Sprengsätzen mit großer Zerstörungskraft ein. Ajjasch starb bei der Explosion eines Mobiltelefons, das er in Reparatur gegeben hatte. Dahinter steckte der israelische Inlandsgeheimdienst.

Dschabarin selbst wurde Anfang der 1990er Jahre wegen Mitwirkung an tödlichen Anschlägen verhaftet. Er verbrachte 18 Jahre im Gefängnis. Dort übersetzte er Bücher aus dem Hebräischen ins Arabische. Nach seiner Freilassung wurde er in die Türkei ausgewiesen – und begann sofort wieder eine Tätigkeit für die Hamas. Er freundete sich mit Al-Aruri an und organisierte Anschläge im Westjordanland. Auch arbeitete er für die pro-iranische Gruppe innerhalb der Terror-Organisation. Mit einer Delegation traf er in Teheran Vertreter der Revolutionsgarden. Zudem entwickelte er ein Finanzsystem für die Hamas. Auch er ist an Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch beteiligt.

Abdel Rahman Ranimat

Abdel Rahman Ranimat stammt aus der Ortschaft Zurif, nordwestlich von Hebron. Er ist Jahrgang 1972. Als Student an der Universität Hebron rekrutierte er junge Palästinenser für den militärischen Flügel der Hamas. Schließlich wurde er mit seinem Komplizen Dschamal al-Hur von Sicherheitskräften der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) verhaftet. 1997 entschied der damalige Verantwortliche für den Präventiven Sicherheitsdienst, Dschibril Radschub, die beiden Gefangenen nach Nablus zu verlegen.

Doch der Transport wurde von israelischen Soldaten überfallen, die Häftlinge wurden festgenommen. Die Hamas ist bis heute überzeugt, dass es eine Absprache zwischen der Armee beziehungsweise dem Inlandsgeheimdienst Schabak und palästinensischen Sicherheitskräften gab und der Überfall inszeniert war. In Israel war Ranimat 14 Jahre inhaftiert.

Nach der Freilassung kam er in den Gazastreifen. Al-Hur befindet sich hingegen bis heute in Haft. Al-Aruri rekrutierte Ranimat gemeinsam mit einem weiteren Palästinenser, Masen Fuqaha, der ebenfalls freigekommen war. Sie sollten den Hamas-Stab für das Westjordanland leiten. Diese Gruppe besteht aus Terroristen, die aus dem Westjordanland stammen, aber nach Gaza oder ins Ausland abgeschoben wurden. Ranimat war verantwortlich für den Aufbau von Hamas-Zellen im Raum Hebron.

Fuqaha wurde 2017 von Unbekannten erschossen, die Hamas beschuldigte Israel. Sie verhängte sogar eine interne Ausgangssperre über den Gazastreifen, um die Attentäter zu fassen. Israel hat weder dementiert noch bestätigt, dass es hinter dem Vorfall steckt. Ranimat befürchtet seitdem, das nächste Ziel zu werden. Deshalb habe er sich auf die Achse Gaza-Türkei-Katar verlegt, schreibt Levi.

Dschihad Jarmur

Ein weiterer ehemaliger Häftling aus dem Westjordanland ist Dschihad Jarmur. Er wurde 1967 im Jerusalemer Stadtteil in Beit Hanuna geboren und studierte Maschinenbau. 1994 beteiligte er sich an der Entführung des Soldaten Nachschon Waxman, damals noch als Fahrer. Der Israeli starb bei einem Befreiungsversuch. Jarmur wurde wegen der Entführung und Tötung verurteilt, er verbrachte 17 Jahre in Haft. In dieser Zeit wurde er einer der Anführer der Hamas-Häftlinge.

Nach der Freilassung kam er in die Türkei, dort arbeitete er für den Westjordanland-Stab. Er heiratete die Tochter seines Freundes Sakaria Nadschib, ebenfalls ein ehemaliger Häftling. Als Chef der Hamas in der Türkei versucht er, die Beziehungen mit dem Land zu stärken. Er organisiert dafür Besuche der Hamas-Führung in Ankara.

Mussa Dudin

Mussa Dudin wiederum kam 1974 in Dura südlich von Hebron zur Welt. Seine Familie ist mit der Hamas verbunden. An der An-Nadschah-Universität wurde er von Al-Aruri rekrutiert, der sein Mentor wurde. Wegen eines Anschlages, bei dem zwei Soldaten ums Leben kamen, wurde er 1992 inhaftiert und blieb 19 Jahre im Gefängnis.

Nach der Freilassung schickte ihn Israel nach Katar. Von dort verlegte er 2017 seinen Wohnsitz in den Libanon. Anlass war eine Liste von Personen, die Katar auf internationalen Druck hin auswies. Dabei spielte Israel eine zentrale Rolle, weil Terror von Doha aus geplant werde. Dudin beteiligt sich an den aktuellen Verhandlungen. Dabei geht es um die Freilassung der entführten Zivilisten Avera Mengistu und Hischam al-Sajed sowie um die Rückgabe der Leichen von Hadar Goldin und Oron Schaul, die während der Operation „Starker Fels“ 2014 im Gazastreifen fielen.

Zehn Todesopfer bei Anschlägen von Freigelassenen

Im Jahr 2017 sagte der damalige israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman (Israel Beiteinu), von den 1.027 freigelassenen Terroristen seien 202 wieder inhaftiert. Heute sind es etwa 70. Zehn Israelis starben in den vergangenen zehn Jahren bei Anschlägen, an denen ehemalige Häftlinge vom Schalit-Deal beteiligt waren. Zu den Opfern zählen die drei Talmudschüler Naftali Frankel, Gil-Ad Schaar und Ejal Jifrach, die 2014 von Hamas-Terroristen entführt und ermordet wurden. Dies führte zur Militäroperation „Starker Fels“ gegen die Terrorinfrastruktur im Gazastreifen.

Maurice Hirsch wurde 2013 zum Militärgeneralstaatsanwalt für Judäa und Samaria ernannt. Angesichts des zehnten Jahrestages äußerte er im Gespräch mit der Zeitung „Israel Hajom“: „Die Freilassung von Terroristen war ein sehr schwerwiegender Vorfall; es gab Staatsanwälte, die viele schlaflose Nächte durchgemacht hatten, um sie ins Gefängnis zu bringen, und auf einen Schlag wurden all diese Häftlinge freigelassen.“

Freude über Tod israelischer Kinder: Ahlam Tamimi

Als Beispiel für eine besonders schlimme Terroristin, die im Austausch gegen Schalit freikam, nannte Hirsch Ahlam Tamimi. Sie lebt in Jordanien. Am 9. August 2001 fuhr sie den Attentäter zum Tatort, der sich in der Jerusalemer Pizzeria Sbarro in die Luft sprengte und 15 Menschen mit in den Tod riss. „Und sie lächelte, als sie erfuhr, dass acht Kinder unter den Toten waren.“

Im März dieses Jahres strich Interpol Tamimi von der Liste der meistgesuchten Verbrecher, weil die Organisation in Jordanien keine Verfügungsgewalt hat. Das FBI sucht sie hingegen noch. Denn zwei Todesopfer waren amerikanische Staatsbürger. Die US-Bundespolizei stuft die Terroristin als „bewaffnet und gefährlich“ ein.

Nach ihrer Freilassung sagte Tamimi der jordanischen Webseite „Ammon News“, sie bereue ihre Beteiligung an dem Anschlag nicht: „Ich habe mich dem Pfad des Dschihad um Allahs willen gewidmet, und Allah hat mir Erfolg gewährt. Wollen Sie, dass ich verurteile, was ich getan habe? Das steht außer Frage. Ich würde es wieder tun.“ 2012 übernahm sie die Moderation einer Sendung im Hamas-TV, die sich mit palästinensischen Häftlingen befasst.

Ehud Olmert (Kadima) war gerade israelischer Premierminister geworden, als sich die Entführung ereignete. Kurz darauf gab er grünes Licht für Verhandlungen um einen Gefangenenaustausch. Doch wie sein Nachfolger Benjamin Netanjahu (Likud) die Angelegenheit handhabte, kritisiert er bis heute: „Es war ein völliges Einknicken“, sagte Olmert in einem Interview der „Yediot Aharonot“. „2011, als Millionen Menschen in den Straßen marschierten, entschied Netanjahu, einen Deal abzuschließen, in dem wir die Schwergewichte der Mörder freilassen. Da waren welche dabei, die ich nicht einmal in Erwägung gezogen hatte.“

Schalit: Hamas hatte Angst um Gesundheitszustand

Doch zurück zur guten Nachricht des 18. Oktober 2011. Gilad Schalit hat die Strapazen der Geiselhaft einigermaßen überwunden. Seit Ende Juni ist er mit Nitzan Schabbat verheiratet. In einem Interview, das die Nachrichtenseite „Mako“ am 24. September veröffentlichte, erzählte er von seiner Gefangenschaft. Er sei sehr dünn gewesen, und das habe den Entführern Sorge bereitet: „Sie hatten furchtbare Angst, dass sich mein Gesundheitszustand verschlimmern würde. Der Wert eines lebenden Soldaten ist anders als der eines toten Soldaten. Es war aus ihrer Sicht wichtig, dafür zu sorgen, dass ich lebe.“

Anfang Oktober 2009 übergab die Hamas ein kurzes Video an Israel, das den Entführten mit einer Zeitung vom 14. September zeigte. Dazu sagte er in dem Interview: „Sie diktierten mir, was ich im Video sagen musste.“ Im Austausch gegen die Aufnahme ließ Israel 20 Palästinenserinnen frei.

Auf die Frage, in welcher Sprache er sich mit den Hamas-Aktivisten verständigt habe, antwortete Schalit, ein Teil der Palästinenser habe Hebräisch oder Englisch gekonnt. Mit den anderen habe er etwas Arabisch gesprochen.

Schalit vermutet, dass ihm sein Hang zum Einzelgängertum geholfen hat, die lange Zeit mit wenig Gesellschaft zu überstehen: „Man muss die ganze Zeit mit sich selbst sein. Nicht zerbrechen.“ In der Vergangenheit „war ich nicht der geselligste Mensch, der von einer Menge Freunde und einer großen Familie umgeben war“.

Im Radio von Vermittlungsversuchen erfahren

Wie sich Israel um seine Befreiung bemühte, erfuhr er durch israelische Nachrichten im Radio. „Übrigens war das schwer für mich, das zu hören.“ All die Verhandlungen hätten mit einer Enttäuschung geendet. „Es weckte große Verzweiflung, das zu hören.“

Seinen heutigen Zustand bezeichnet Gilat Schalit als gut: „Ich habe diese Jahre relativ gut überstanden. Zwar befinde ich mich in Behandlung, aber insgesamt habe ich mich rehabilitiert und bin heute ein arbeitender Mensch. Ich habe geheiratet, ich führe ein normales Leben, Routine. Die Zeit damals war schwer und lang.“

Von: Elisabeth Hausen