Gilad Schalit beim ersten Telefonat mit seinen Eltern nach der Freilassung (Foto: Israelisches Militär)

Die Heimkehr des Gilad Schalit

MITZPE HILA (inn) - Die Familie Schalit kann aufatmen. Nach 1.941 Tagen in Geiselhaft ist der heute 25-jährige Gilad nach Hause zurückgekehrt. Ein halbes Jahrzehnt haben Noam und Aviva um ihren Sohn gekämpft. Keinen Aufwand haben sie gescheut, kaum einen relevanten Politiker außer Acht gelassen, kein Medium ignoriert, um zu verhindern, dass ihr gefangener Soldat in Vergessenheit geriet. Jetzt dürfen sie ihn endlich in die Arme schließen.

In den vergangenen fünf Jahren und vier Monaten ist Gilad Schalit zum Sohn einer ganzen Nation geworden. Israel hat mit der Familie gebangt. Jetzt jubelt das Volk über die Heimkehr des verlorenen Sohnes. Kaum ein Auge in Israel blieb am 18. Oktober 2011 trocken. Alle wollten dabeisein, wenn Gilad Schalit zurückkehrt.

Tagelang war das landesweite Medienspektakel des Schalit-Deals vorbereitet worden. Hunderte von Journalisten verteilten sich auf den Grenzübergang Kerem Schalom im Süden Israels, den Luftwaffenstützpunkt Tel Nof im Zentrum des Landes und das kleine Dorf Mitzpe Hila in Obergaliläa unweit der libanesischen Grenze, die Heimat der Familie Schalit, um zu verfolgen, wie der eine israelische Soldat, dessen Leben mehr wert ist als tausend Araber, heimkehrt.

Wie eine bewusste Inszenierung

Bis zum letzten Augenblick blieb das Drama der Freilassung Schalits spannend - als sei es bewusst inszeniert. So hatten wenige Stunden vor dem Austausch Hamas-Vertreter noch festgestellt, dass sie die Anzahl weiblicher Gefangener in israelischen Gefängnissen falsch eingeschätzt hatten. Die vollmundige Behauptung des Chefs der Auslands-Hamas, Chaled Mascha´al, alle weiblichen palästinensischen Gefangenen freibekommen zu haben, stimmt nicht! Neue Forderungen wurden erwogen und wieder verworfen.

Gleichzeitig warnte die Webseite der Issadin al-Kassam-Brigaden, des militärischen Arms der Hamas, im Luftraum des Gazastreifens würden israelische Drohnen beobachtet. Misstrauisch mutmaßten die Entführer Schalits, Israel wolle durch eine Befreiungsaktion in letzter Minute verhindern, seinen Verpflichtungen nachkommen zu müssen. Die Rückführung des israelischen Soldaten sei eine ebenso komplizierte Operation wie seine Entführung.

Am Morgen der Freilassung saß ganz Israel angespannt vor den Fernsehgeräten, verfolgte und interpretierte jede Äußerung, die von den Medien übertragen wurde. Endlich, zwanzig Minuten nach zehn, sendete das ägyptische Fernsehen erste Bilder. Vermummte Hamas-Kämpfer mit grüner Binde über dem Helm und automatischen Waffen im Anschlag zerrten einen verhärmt aussehenden jungen Mann mit Sonnenbrille und schwarzer Baseballmütze aus einem weißen Pickup. "Seine ganze Körpersprache ist die eines Menschen, der nach langer Zeit erstmals wieder das Sonnenlicht sieht", kommentierte ein Israeli, der selbst Kriegsgefangenschaft erlebt hat.

Dann wurde Schalit in das Gebäude des Grenzübergangs von Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten geführt - dicht gefolgt von Achmed Dschabari, dem Kommandeur des militärischen Arms der Hamas. Dschabari ist aus palästinensischer Sicht der Held dieses ganzen Dramas. Er hatte nicht nur die Entführung des israelischen Soldaten im Juni 2006 geplant und durchgeführt, sondern es auch geschafft, dem langen Arm der israelischen Armee in all den Jahren zu entkommen und Schalit gefangen zu halten. Bislang waren von diesem Mann keine Bilder bekannt.

Verwirrendes Interview

Bevor Gilad Schalit der israelischen Armee übergeben wurde, musste er aber noch den Vermittlern des Gefangenenaustauschs seinen Tribut leisten in Form eines Exklusivinterviews mit dem ägyptischen Fernsehen. "Ihre Freilassung ist ein Erfolg des ägyptischen Geheimdienstes", erklärte die ägyptische Journalistin Schahira Amin dem verschüchterten Jungen und fragte, warum seiner Meinung nach die Ägypter erreicht hätten, wozu deutsche Vermittler nicht in der Lage gewesen waren.

Verwirrt bemühte sich Schalit, den Schwall von arabischen, englischen und hebräischen Fragen der ägyptischen Fernsehjournalisten zu beantworten: "Was hast du am meisten vermisst? Was wirst du tun, wenn du jetzt nach Hause zurückkehrst? Was hat dich diese Erfahrung gelehrt? Hat sie dich stärker gemacht?", bis hin zu der Frage: "Du weißt, was es bedeutet, in Gefangenschaft zu sein. Was sagst du dazu, dass noch mehr als 4.000 Palästinenser in israelischer Gefangenschaft sind? Wirst du eine nationale Bewegung anführen, sie zu befreien?" - worauf Gilad antwortete: "Ich freue mich, wenn sie zu ihren Familien zurückkehren können und nicht mehr am Kampf gegen Israel teilnehmen."

Der Arabienexperte Oded Granot bemühte sich im israelischen Fernsehen um eine spontane Übersetzung des ersten Exklusivinterviews mit dem berühmtesten Soldaten der israelischen Armee. Während sich TV-Journalistin und Übersetzer um die rechte Fragestellung an Schalit stritten, warf Granot ein: "Ich würde beide entlassen!" Überhaupt vermittelte das Interview eher den Eindruck einer letzten medialen Foltersitzung für den Vielgeplagten. Doch Israelis sind begeistert, wie hellwach und ungebrochen "ihr Gilad" diese Herausforderung vor der Weltöffentlichkeit meisterte.

Wenige Minuten nach 11 Uhr konnte der Sprecher der israelischen Armee, Brigadegeneral Joav Mordechai, endlich den wartenden Journalisten und seinem Volk verkünden: "Gilad Schalit ist heimgekehrt!", und er erinnerte an die Entführung am 25. Juni 2006, bei der die beiden Kameraden Schalits, Chanan Barak und Pavel Slozker, ums Leben kamen.

Noch in Sichtweite des Gazastreifens wurde Schalit einem ersten medizinischen und psychologischen Check unterzogen und in eine israelische Uniform gekleidet, bevor er mit einem Luftwaffenhelikopter in die Luftwaffenbasis Tel Nof geflogen wurde. Dort wurde er von Premierminister Netanjahu, Verteidigungsminister Barak und Generalstabschef Gantz empfangen und traf vor allem seine Eltern wieder. Nach weiteren medizinischen Untersuchungen hoben die beiden Helikopter endlich kurz nach 16 Uhr ab, um die letzte Etappe, den Flug von Tel Nof ins galiläische Mitzpe Hila, anzutreten.

Dramatik bei Heimkehr der Häftlinge

Währenddessen entwickelte sich in Ägypten, im Gazastreifen und im Westjordanland ein nicht minder dramatischer Empfang für die ersten 477 palästinensischen Gefangenen, die aus israelischen Gefängnissen für Gilad Schalit entlassen worden waren.

Um kurz nach 9 Uhr war in Rafah der ganze Prozess noch einmal ins Stocken geraten, als bekannt wurde, dass sich zwei Palästinenserinnen weigerten, in den Gazastreifen zurückzukehren. Eine von beiden ließ sich dann schließlich doch überreden, nach Hause zurückzufahren - aber die Fast-Selbstmordattentäterin Wafa Bas weigerte sich unter allen Umständen, zu ihrer Familie zurückzukehren und durfte schließlich nach Kairo weiterreisen.

Am Grenzübergang Beitunia, auf Sichtweite des israelischen Gefängnisses Machaneh Ofer, vor den Toren von Ramallah, warteten seit dem frühen Morgen Hunderte von Palästinensern aus der ganzen Westbank unter einem Meer von grünen Hamas-Fahnen. Kurz nach 11 Uhr verlor die Menge die Geduld, zündete Reifen an, fing an den Trennungszaun zu attackieren und die israelischen Grenzpolizisten mit Steinen zu bewerfen. Während diese die Demonstranten mit Tränengas zurückdrängten, entschloss sich die Militärführung, die 117 Häftlinge aus dem Machaneh Ofer auf einem anderen Weg nach Ramallah zu entlassen.

Trotz dieser Zwischenfälle, die in den Vorstellungen der Kommentatoren alle möglichen Schreckensszenarien heraufbeschworen, gewannen in den offiziellen Medien die Freudenmeldungen dann aber doch die Oberhand. Eingerahmt von den Hamasführern Assis Dweik, dem ehemaligen Parlamentssprecher, und Scheich Hassan Jussef, vermittelte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas den Menschenmassen in Ramallah eine Botschaft der Stärke und des Triumphs. In Gaza empfing derweil Hamas-Premierminister Ismail Hanije die Entlassenen mit Küssen und Umarmungen. Bereits um die Mittagszeit war offiziell verkündet worden, alle palästinensischen Gefangenen seien in den Gazastreifen, ins Westjordanland und nach Ostjerusalem zurückgekehrt.

Muslime und Christen feiern Schalits Heimkehr

Bis zum Abend waren im Gazastreifen, in Ramallah und natürlich in Mitzpe Hila nur noch tanzende Menschenmassen zu sehen. Tausende erwarteten Gilad Schalit in seinem Heimatdorf, als der Hubschrauber zum Sonnenuntergang auf den Feldern in den grünen Bergen von Galiläa landete. Zuvor hatte er noch eine Runde über dem kleinen Dorf gedreht. Plötzlich waren Tausende auf den Straßen, alle blau-weiß gekleidet und mit israelischen Fahnen in Händen. Die Straße, auf der die Wagenkolonne fuhr, war von weißen Rosen bedeckt. Erstaunt fragte die Fernsehjournalistin Ajalah Chason-Nescher, die den ganzen Tag von Mitzpe Hila aus berichtet hatte: "Wo sind denn die alle so plötzlich hergekommen? Das Dorf war doch abgeriegelt?!" Doch die Freude über die Rückkehr des Gilad Schalit war nicht aufzuhalten. Juden, Christen - aus dem nahegelegenen arabischen Dorf Meilia - und Muslime - darunter ein Beduinenscheich aus dem Negev - feierten seine Heimkehr. Jetzt hat Schalit einen langen Weg der Rehabilitation vor sich.

Von: J. Gerloff

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