Der alte Kalandia-Übergang nördlich von Jerusalem

Der alte Kalandia-Übergang nördlich von Jerusalem

Schnelle Abwicklung dank umstrittener Gesichtsscanner

Das stundenlange Warten am Kalandia-Übergang nach Israel hat für palästinensische Arbeiter ein Ende. Neue Technologien verkürzen die Wartezeit drastisch – führen aber auch zu Kritik.

KALANDIA (inn) – Israels Innovationen am Kalandia-Übergang zwischen dem nördlichen Westjordanland und Jerusalem haben sich bewährt: Die Wartezeiten bei der Einreise für Palästinenser liegen nun selbst zu den Stoßzeiten bei nur noch etwa zehn Minuten. Davor hatten Palästinenser zum Teil mehr als zwei Stunden in langen Schlangen auf ihre Einreise nach Israel warten müssen.

In den Übergang, den wichtigsten im Westjordanland, hat Israel rund 11 Millionen Dollar investiert. Die neue Anlage verfügt unter anderem über 27 elektronische Tore, die mit Gesichtsscannern versehen sind, sowie sechs Metalldetektoren. Die Tore lassen sich mittels biometrischer Identifikationskarten öffnen. Früher gab es nur fünf Fenster, an denen Soldaten die Papiere von Hand überprüften. Das hatte lange Wartezeiten zur Folge.

Da die Arbeitsangebote und Gehälter in Israel besser sind als in den palästinensischen Autonomiegebieten, suchen viele Palästinenser im jüdischen Staat nach Arbeit. Um eine entsprechende Arbeitsgenehmigung zu erhalten, müssen sie der Ausstellung einer biometrischen Identifikationskarte zustimmen. Diese ermöglicht ihnen die Passage durch den Kalandia-Übergang. Zunächst passieren die Palästinenser dort eine Sicherheitskontrolle in Form eines Metalldetektors. Zudem wird das Gepäck durchleuchtet. Anschließend werden die magnetischen Identifikationskarten sowie die Gesichter gescannt. Stimmen die Daten überein, öffnet sich das Tor.

Die Militärbehörde COGAT, welche die Aktivitäten der israelischen Regierung in den Palästinensergebieten koordiniert, gab an, dass allein im Juni rund 83.000 Palästinenser aus dem Westjordanland Arbeitsgenehmigungen für Israel hatten. Den Kalandia-Übergang überquerten derzeit täglich schätzungsweise 8.000 Palästinenser.

Kritik an Gesichtsscannern

Auf die Neuerungen reagieren die Palästinenser gespalten. Vor allem die Gesichtserkennung löste Kritik aus. Ein Palästinenser aus Nablus, Dschamal Osta, sagte über den Checkpoint: Das neue System sei deutlich besser, aber es sei ein weiterer Beweis dafür, dass kein Ende der Besatzung in Sicht sei. „Kalandia sieht heute wie ein internationaler Übergang aus. Man hat das Gefühl, man reist in ein anderes Land. Das ist keine vorläufige Sache, anscheinend ist sie endgültig“, meint der 60-Jährige laut der Onlinezeitung „Times of Israel“. Der Palästinenser arbeitet als Schmied in einem Industriepark in Ostjerusalem.

Die siedlungskritische israelische Organisation B‘Tselem bezeichnete die Gesichtsscanner als inakzeptabel und unmoralisch, da Palästinenser nicht die Wahl hätten, diese abzulehnen.

Ein Vertreter aus dem Informationsministerium der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), Maher Awawda, nannte es ebenfalls inakzeptabel, dass Israel biometrische Daten der Palästinenser erhebt. „Warum sollte es in der Lage sein, eine elektronische Datenbank mit Informationen über Personen zu führen, die nicht seine Bürger sind oder an den Wahlen teilnehmen?“

Ein 43-jähriger Fitnesstrainer aus Ramallah, Hanin, beklagte die grundsätzliche Präsenz der Übergänge. „So etwas sollte es gar nicht geben. Ich habe das Recht, mich in meinem Land von einer Stadt zur anderen bewegen zu dürfen, ohne durch einen Checkpoint zu gehen. Ehrlich gesagt bin ich schockiert. Die Besatzung versucht, uns eine falsche Realität aufzuzwängen, dass wir uns hier zwischen zwei Staaten bewegen.“

Aus den Reihen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) äußerte sich Assam al-Ahmad (Fatah) kritisch: „Israel sollte nicht daran arbeiten, Checkpoints zu verschönern, sondern sie lieber entfernen und seine Besatzung beenden.“

„Ein fairer Tausch“

Der Palästinenser Nadscha al-Mahseri aus Ramallah hält die Abgabe seiner biometrischen Daten für einen festen Job in Israel hingegen für einen fairen Tausch. „Ich habe damit gar kein Problem. Das ist mein Leben und wenn ich hier arbeiten möchte, dann muss ich die Regeln befolgen“, sagte der 62-Jährige.

Ein Metzger im Jerusalemer Markt „Mahane Jehuda“, Jussef Dschabarin, lobte den neuen Übergang ebenfalls: „Er ist deutlich besser. Früher habe ich mehr als eine Stunde gebracht. Jetzt dauert es nur ein paar Minuten. Das heißt, dass ich eine Stunde länger schlafen kann.“

Nach der erfolgreichen Generalüberholung des Kalandia-Übergangs sollen nun weitere Checkpoints im Westjordanland entsprechend modernisiert werden.

Von: dn

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