Zeichen der Zugehörigkeit: Staatspräsident Rivlin feiert mit marokkanischen Juden das Mimuna-Fest

Zeichen der Zugehörigkeit: Staatspräsident Rivlin feiert mit marokkanischen Juden das Mimuna-Fest

Die marokkanische Ausnahme

Auch Marokko zählt nun zum Kreis arabischer Staaten, die die Beziehungen mit Israel normalisiert haben. In keinem anderen Fall wirkt dieser Schritt derart überfällig.

In der Geschichte Israels gab es Zeiten, in denen Verkleidungskünste ein diplomatischer Gewinn sein konnten. Im Juli 1976 griff der damalige Regierungschef Jitzchak Rabin zu Perücke, falschem Schnurrbart und falscher Brille, um seine Identität bei einem Treffen mit dem marokkanischen König Hassan II. zu verschleiern. Ein Jahr später setzte sich Außenminister Mosche Dajan für seinen Marokko-Besuch eine Sonnenbrille auf, um seine Einäugigkeit zu verbergen, und klebte sich ebenfalls einen Schnurrbart auf. Rabins Amtsnachfolger Menachem Begin verzichtete im November 1977 hingegen auf einen Besuch in Rabat, weil er sich keine Verkleidung antun wollte.

Der karnevaleske Aufwand rührte von dem Umstand, dass damals noch kein arabischer Staat Frieden mit Israel geschlossen hatte – und Gespräche in dieser Angelegenheit eine entsprechend sensible Angelegenheit waren. Zugleich lag Hassan II. einiges daran, entsprechende Vorstöße auf den Weg zu bringen. Ihn trug der Gedanke, dass das „jüdische Genie“ im Verbund mit arabischem Reichtum den Nahen Osten zu einem wirtschaftlichen Kraftzentrum verwandeln würde.

Marokko war dann auch der erste arabische Staat, der den ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat nach seiner Knesset-Rede 1977 unterstützte, während Syriens Machthaber Hafis al-Assad vor Wut schäumte. Hassan II. spielte schließlich eine wichtige Vermittlerrolle beim Frieden zwischen Ägypten und Israel 1979. Das lässt erahnen, worum es bei den Geheimtreffen mit israelischen Spitzenpolitikern ging.

Zu einer umfassenden Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Marokko kam es dennoch erst in diesen Tagen. Am 22. Dezember unterzeichneten die Länder eine entsprechende Verpflichtung. Wie bei den vorherigen Normalisierungsabkommen, etwa mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, war die iranische Bedrohung ein Faktor: Der Iran unterstützte in den vergangenen Jahren die Organisation „Frente Polisario“, die in der West-Sahara gegen Marokko kämpft. Im Jahr 2018 kappte Rabat wegen der Waffen­lieferungen die Beziehungen zu Teheran. Quasi als Gegenleistung für die Normalisierung mit Israel erkannten die USA die marokkanischen Souveränitätsansprüche in der West-Sahara an.

Breites Fundament

Doch die neuen Beziehungen beruhen nicht nur auf der Bedrohung durch den Iran. Wie in vielen Ländern des Nahen Ostens findet sich auch in Marokko eine alte jüdische Kultur, die wohl bis in die Zeit des Zweiten Tempels zurückreicht. Am Vorabend der Staatsgründung Israels lebte in dem nordwestafrikanischen Land mit rund 270.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinschaft in einem muslimischen Land. Bis Mitte der 1960er Jahre hatten allerdings mehr als 200.000 Juden Marokko verlassen. Mitte der 1970er Jahre zählte die Gemeinschaft nur noch 20.000 Mitglieder und heute 3.000 – im Vergleich zu Ägypten mit angeblich 20 verbliebenen Juden ist das jedoch ausnehmend zahlreich.

Zwar hatte sich der Sultan und spätere König Mohammed V., der Vater von Hassan II., während der Nazi-Zeit der Judenverfolgung in seinem Land widersetzt – Marokko war als französisches Protektorat dem Vichy-Regime unterstellt. Dennoch sorgten antisemitische Gewalt und Bedrohung für Auswanderungsbewegungen. Im Juni 1948 kam es etwa in den Städten Udschda und Dscherada zu Aufständen, bei denen 43 Juden umkamen. Auch die Zusicherung von Gleichberechtigung im seit 1957 unabhängigen Marokko verhinderte den fortschreitenden Exodus nicht, Armut spielte ebenfalls eine Rolle. Ab 1959 galt der Zionismus als Verbrechen, die Auswanderung nach Israel wurde verboten – auch weil der König die Beziehungen zu Syrien und Ägypten fördern wollte.

Nachdem Hassan II. 1961 König geworden war, vereinbarte er mit Israel ein Auswanderungsabkommen. Anlass war der Untergang des Schiffes „Egos“, das Juden aus dem Land schmuggelte; der Druck auf Marokko wuchs, die Auswanderung zu liberalisieren. Der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad brachte in diesem Rahmen bis 1964 rund 97.000 Juden aus dem Land. Die Operation trug den Namen „Jachin“ – eine Anspielung auf eine der beiden Säulen des Ersten Tempels. Als Gegenleistung zahlte Israel an Marokko einmalig 500.000 US-Dollar – nach heutigem Wert rund 3,5 Millionen Euro – und je 100 Dollar für die ersten 50.000 Juden und 250 US-Dollar für jeden weiteren. Diese Investition lohnte sich aber nicht immer: Viele Juden wählten Frankreich, Kanada oder die USA als neue Heimat.

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Marokkanische Juden in Israel

In Israel leben rund 700.000 Juden mit marokkanischen Wurzeln. Einwanderung aus Marokko gab es über die Jahrhunderte; Vorfahren des früheren Staatspräsidenten Jitzchak Navon (1921–2015) kamen im 18. Jahrhundert. Marokkanische Juden waren 1909 an der Gründung Tel Avivs beteiligt. In den Anfangsjahren Israels erlebten sie vielfach Diskriminierung und galten als ungehobelte Zeitgenossen. Über die Jahre entwickelten sie sich zu den politisch aktivsten unter den orientalischen Juden. Zu den bekanntesten gehören neben Navon auch Innenminister Arje Deri (*1959), Kulturministerin Miri Regev (*1965) und Wirtschaftsminister Amir Peretz (*1952). Im kulturellen Bereich haben sich die Schauspielerin Jael Abecassis (*1967) und die Filmemacherin Ronit Elkabetz (1961–2016) einen Namen gemacht. Das Frühlingsfest Mimuna im Anschluss an Pessach gehört zur Tradition nordafrikanischer Juden und ist inzwischen offizieller Feiertag in Israel.

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Marokkanische Ausnahmestellung

Doch die Vereinbarung zeigt, dass Marokko schon früh aus dem anti-israelischen Konsens der arabischen Staaten ausscherte. Als sich deren Führer im September 1965 in Casablanca zu einem Geheimtreffen zusammenfanden, um einen möglichen Krieg gegen Israel zu besprechen, ließ Hassan II. die Gespräche in dem Hotel heimlich aufzeichnen und übermittelte sie den Israelis. Mit den so gewonnenen Informationen konnte sich die Armee auf einen militärischen Konflikt vorbereiten; heute ist der Triumph im Sechs-Tage-Krieg von 1967 legendär.

Insbesondere nach dem Sechs-Tage-Krieg intensivierte sich der Austausch mit Israel: So besuchte 1977 eine Delegation des Landwirtschaftsministeriums den jüdischen Staat, um dort den Anbau in der Wüste zu studieren. Marokko setzte außerdem auf israelische Bewässerungstechnik.

In einem Land, dessen König viel von der Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern hielt, verwundern diese Vorstöße nicht. Und Hassan II. behielt offenbar auch nach den 1970er Jahren seine Vision im Blick. Jedenfalls bereitete er die Madrider Konferenz im Jahr 1991 mit vor, die letztlich zum Frieden mit Jordanien führte. Nach der Unterzeichnung des ersten Oslo-Vertrages 1993 in Washington legte Jitzchak Rabin auf dem Rückweg einen Zwischenstopp in Rabat ein – ohne Perücke, denn es handelte sich um den ersten offiziellen Besuch eines israelischen Premiers. Noch 1986 war Schimon Peres zwar ohne Verkleidung, aber dennoch im Geheimen nach Rabat gekommen.

Erstmals im Licht der Öffentlichkeit: Hassan II. empfängt den israelischen Premier Rabin 1993 in Rabat, sein Sohn Mohammed (rechts) beobachtet den Austausch

Erstmals im Licht der Öffentlichkeit: Hassan II. empfängt den israelischen Premier Rabin 1993 in Rabat, sein Sohn Mohammed (rechts) beobachtet den Austausch

Das Treffen von 1993 führte dazu, dass die beiden Staaten Verbindungsbüros einrichteten: 1994 in Israel und 1996 in Marokko. Damit war Marokko nach Ägypten und Jordanien der dritte arabische Staat, der offiziell Beziehungen zu Israel pflegte. Dieses Arrangement hielt allerdings nur bis zum Jahr 2000 und dem Ausbruch der zweiten „Intifada“.

Projüdische Politik

Derweil kümmerte sich Hassan II. im Landesinneren um das jüdische Erbe. So entstand 1997 in Casablanca das Museum des marokkanischen Judentums. Wie hoch das Ansehen des Königs war, zeigt die Reaktion auf seinen Tod 1999: Die marokkanische Gemeinschaft in Israel rief damals eine siebentägige Trauerzeit aus.

Hassans Sohn Mohammed VI. führt diese judenfreundliche Politik fort. Seit 2011 hält die Verfassung fest, dass auch die jüdische Gemeinschaft zur nationalen Identität im „muslimischen Staat“ Marokko gehört. Auch Israel sieht die Gemeinschaft in Marokko als Pfund: Bei Bekanntgabe der Normalisierung erklärte Regierungschef Benjamin Netanjahu, dass Juden in Marokko die „Brücke“ für die Beziehungen mit Israel bildeten. Die engen Verbindungen waren ohnehin schon längst da: Vor der Corona-Pandemie kamen jährlich rund 45.000 Israelis als Touristen nach Marokko – die Einreise war über Drittländer oder im Rahmen einer organisierten Tour möglich. Das Tourismusministerium in Rabat rechnet mit 200.000 Besuchern pro Jahr, sobald Direktflüge eingerichtet sind und es die übrigen Umstände zulassen.

Angesichts dieser engen Verbundenheit wirkt die Normalisierung wie ein überfälliger Schritt. Der marokkanische Außenminister Nasser Burita betonte in einem Gespräch mit der israelischen Zeitung „Yediot Aharonot“, die Beziehungen zwischen Marokko und Israel seien „besonders und kein weiteres Mal in irgendeinem arabischen Land zu finden“. Er charakterisierte sie als „schon lange normal“.

Von: Daniel Frick

Diesen Artikel finden Sie auch in der Ausgabe 1/2021 des Israelnetz Magazins. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/5 66 77 00, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.