Navon wurde Ende der 1970er Jahre Israels fünfter Staatspräsident
Navon wurde Ende der 1970er Jahre Israels fünfter Staatspräsident
Erlauchter Ratespaß: Navon (2. v. l.) sitzt neben dem damaligen Premier Ben-Gurion (3. v. l.) beim ersten Bibelquiz im Jahr 1958
Erlauchter Ratespaß: Navon (2. v. l.) sitzt neben dem damaligen Premier Ben-Gurion (3. v. l.) beim ersten Bibelquiz im Jahr 1958
Navon setzte sich in den 1960er Jahren dafür ein, dass Erwachsene Lesefähigkeiten erwerben
Navon setzte sich in den 1960er Jahren dafür ein, dass Erwachsene Lesefähigkeiten erwerben
Kindheit in Jerusalem: Jitzhak (l.) mit seinem Bruder Victor im Jahr 1929
Kindheit in Jerusalem: Jitzhak (l.) mit seinem Bruder Victor im Jahr 1929

Ein sephardisches Urgestein

Jitzhak Navon ist tot. Israels fünfter Staatspräsident starb am Freitagabend im Alter von 94 Jahren in Jerusalem. Unter seiner Präsidentschaft schloss Israel den ersten Frieden mit einem arabischen Land. Seinen sephardischen Hintergrund verarbeitete er kulturell.

Er war einer der beliebtesten Politiker Israels, besuchte als erster Präsident des jüdischen Staates Ägypten, beschäftigte sich intensiv mit spanischer Kirchengeschichte und feierte Erfolge als Theaterautor: Jitzhak Navon brillierte in vielen Bereichen. Am Freitagabend ist er im Alter von 94 Jahren in Jerusalem gestorben.

Als Navon 1978 im Alter von 57 Jahren der fünfte Staatspräsident wurde, hatte Israel gerade einen politischen Umbruch hinter sich: Ein Jahr zuvor kam zum ersten Mal die konservative Likud-Partei mit Premier Menachem Begin an die Macht. Seit der Staatsgründung 1948 hatten linksgerichtete Bündnisse regiert, denen auch Navon angehörte.

Navon war der erste in Jerusalem geborene Staatspräsident. Seine Vorgänger waren allesamt eingewandert. Er war auch der erste Präsident, der mit seinen Kindern, Sohn Eres und Tochter Na’ama, in die Präsidentenresidenz zog. Und als einziger Präsident ging er nach seiner Amtszeit zurück in die Politik. 1983 verzichtete er auf eine zweite Amtszeit. Als Politiker wollte er „Fehler“ wie den Ersten Libanonkrieg 1982 verhindern. Doch schon als Präsident nahm er politisch Einfluss: 1982, nach den Massakern in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatilah bei Beirut, forderte Navon unter Androhung von Rücktritt eine juristische Aufarbeitung. Zustande kam die Kahan-Untersuchungskommission, die den Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers Ariel Scharon zur Folge hatte. Von 1984 bis 1990 war Navon schließlich Bildungs- und Kulturminister. Zwei Jahre später zog er sich endgültig aus der Politik zurück.

Arabisch im Einsatz

In seine Präsidentschaft fiel der Friedensschluss Israels mit Ägypten 1979. Navon nahm für sich in Anspruch, US-Präsident Jimmy Carter einst aufgemuntert zu haben. Carter war enttäuscht von Begin. Dieser wollte das Abkommen ohne vorherige Abstimmung der Knesset unterzeichnen. „Ich habe ihn beruhigt und ihm gesagt, er solle sich keine Sorgen machen. Begin würde es letztlich hinbekommen, weil selbst die Opposition den Frieden mehr wollte als er. Er brach in Tränen aus“, erzählte Navon dreißig Jahre später. 1980 war er dann der erste israelische Präsident, der Ägypten besuchte. In Kairo hielt er auf Arabisch eine Rede vor dem ägyptischen Parlament, was in Ägypten einen tiefen Eindruck hinterließ.

Ein Faible für das Arabische hatte er schon als junger Mann: Navon studierte Arabische Literatur, Pädagogik und Islamische Kultur an der Hebräischen Universität. In den 1940er Jahren arbeitete er als Lehrer und war hochrangiges Mitglied der Haganah, des Vorläufers der Israelischen Armee. Er leitete er deren arabische Division. Später kämpfte er im Unabhängigkeitskrieg. In den 1950er Jahren wurde er Sekretär des ersten israelischen Premiers David Ben-Gurion und zählte elf Jahre lang zu dessen engsten Beratern.

Spanische Wurzeln

In den Folgejahren befasste er sich in verschiedenen politischen Ämtern mit Kultur und Sicherheit. So kämpfte er mit Bildungsprogrammen gegen den Umstand, dass zwölf Prozent der erwachsenen Juden damals nicht lesen konnten. Neben seiner politischen Aktivität schuf er zwei Musiktheater-Stücke: „Sephardischer Romancero“ 1968 und „Der spanische Garten“ 1970. Letzteres, das sich mit dem Leben sephardischer Juden im Jerusalemer Stadtteil Ohel Mosche während der 1930er Jahre befasst, ist bis heute ein Publikumserfolg und die am längsten dargebotene Schau am Nationaltheater „HaBima“ („Die Bühne“) in Tel Aviv.

Dieser kulturelle Schlag kommt nicht von ungefähr: Navon kam 1921 in Jerusalem als Sohn einer sephardischen Rabbinerfamilie zur Welt. Seine Vorfahren väterlicherseits lebten seit dem 17. Jahrhundert in der Stadt. Über die Türkei kamen sie dorthin, nachdem sie 1492 aus Spanien vertrieben worden waren. Seine Familie mütterlicherseits stammt aus Marokko und kam 1742 nach Jerusalem. Ihr entstammt der berühmte Kabbalist Chaim Ibn Attar (1696-1743), der durch seinen Torah-Kommentar „Licht des Lebens“ bekannt wurde.

Der spanische Hintergrund ließ ihn auch sonst nicht los: In den frühen 1950er Jahren war er Diplomat in Uruguay und Argentinien. Dass er auch fließend Spanisch sprach, versteht sich fast von selbst. Ihn faszinierte die Spanische Inquisition, die zur Vertreibung der Juden führte, und er verbrachte daher Stunden in Kirchenarchiven in Spanien und Lateinamerika. Als Kulturminister sorgte er für das erste Kulturabkommen zwischen Israel und Spanien. 1992 organisierte er Veranstaltungen zum 500. Jahrestag der Vertreibung der Juden aus Spanien. Bis zu seinem Tod war er Vorsitzender der Behörde für Ladino, die Sprache sephardischer Juden. Erst im Juni dieses Jahres stellte er seine Autobiographie vor – ganz im Bewusstsein seiner Wurzeln im Jerusalemer Kulturzentrum für Nordafrikanisches Judentum.

Am Sonntag ist Navon auf dem Herzl-Berg in Jerusalem beerdigt worden. Israels Präsident Reuven Rivlin würdigte den Verstorbenen als „Präsidenten, der aus dem Volk kam, und den das Volk sehr liebte und wertschätzte“. Premier Benjamin Netanjahu sagte, Navons „tiefe Liebe“ zum israelischen Volk und seinem Erbe habe ihn tief beeindruckt. Sohn Eres betonte, sein Vater habe ein „erfülltes und bedeutsames Leben“ geführt. Auf ihm habe die Gegenwart Gottes geruht. Er sei stolz, Sohn eines Mannes zu sein, der sein Leben dem Staat Israel gewidmet hat. (df)

Von: Daniel Frick

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