Blick auf das Tor von Naharajim mit den Bildern von König Abdullah II. und Hussein

Blick auf das Tor von Naharajim mit den Bildern von König Abdullah II. und Hussein

„Friedensinsel“ in Gefahr

Jordaniens König will einen Zusatz des Friedensvertrags von 1994 auslaufen lassen. Es geht um ein Stück Land, das ausgerechnet der Urgoßvater des Monarchen einst einem ukrainischen Zionisten überließ. Der Ort hat viel Geschichte zu bieten – und bislang auch eine touristische Besonderheit.

„Stopp! Grenze voraus“, fordert ein grünes Schild zum Anhalten auf. „Militärisches Gebiet“, ist darunter zu lesen. Daneben ein stachliger Drahtzaun, an dem ein Weg entlang führt. Auf der anderen Seite der Grenze erhebt sich ein kleiner Hügel mit einem offenbar nicht besetzten Kontrollposten. Darauf weht eine jordanische Flagge im Wind. Das Gebiet macht einen kargen Eindruck. Die Sommertrockenheit hat ihre Spuren hinterlassen. Aber im Winter, das zeigen Bilder im Internet, gibt es hier sattgrüne Wiesen zu bestaunen.

Wir befinden uns rund zehn Autominuten südlich des Sees Genezareth. Hier löst der Jordan den Jarmuk als Grenzfluss zwischen Israel und Jordanien ab. „Naharajim“ nennen die Israelis diesen Ort daher; zu Deutsch: „zwei Flüsse“. Für die Jordanier trägt das Gebiet den Namen „Baqura“.

„Stopp! Grenze voraus“, weist dieses Schild auf die Grenze zu Jordanien hin.

„Stopp! Grenze voraus“, weist dieses Schild auf die Grenze zu Jordanien hin.

Auf den ersten Blick sieht es hier fast aus wie an einer ganz normalen israelischen Grenze. Ein einigermaßen außergewöhnliches Bild gibt allerdings das große Tor ab, das – geschmückt mit den verblassten Porträts des aktuellen jordanischen Königs Abdullah II. und seines Vorgängers Hussein – rund 100 Meter entfernt auf der anderen Seite des Zaunes mitten in der Landschaft steht. Ein Tor im israelischen Grenzzaun öffnet sich. Einige Personen treten heraus, begleitet von einem israelischen Soldaten. Obwohl es sich nicht um einen der drei großen israelisch-jordanischen Grenzübergänge handelt, ist der Zaun hier für Israelis passierbar – und das sogar ohne das eigentlich erforderliche Visum. Das liegt daran, dass Naharajim ein ziemlich außergewöhnlicher Ort ist.

Lösung auf Zeit

Als Israel und Jordanien in den 90er Jahren um einen Frieden rangen, stellte dieses Gebiet einen besonderen Streitpunkt dar. Beide Staaten beanspruchten es für sich. Im Friedensvertrag von 1994 fand man daher eine Regelung der besonderen Art: Naharajim wurde dem jordanischen Staatsgebiet zugeschlagen. Gleichzeitig aber erhielten die israelischen Kibbutzniks vor Ort das Recht, das Land weiterhin zu beackern. Sie sind hier bereits seit Jahrzehnten aktiv. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche umfasst insgesamt etwas weniger als einen Quadratkilometer.

Damit hatten die Vertragsparteien eine „Insel des Friedens“ geschaffen. So zumindest bezeichnen Israelis das Gebiet an Jarmuk und Jordan heutzutage. Es ist über die Jahre zu einer kleinen Touristenattraktion geworden. Auf Höhe des Kibbutz Aschdot Ja’akov weist ein Schild Autofahrern auf der Straße 90 den Weg zur Friedensinsel. Interessierte können das Areal in Begleitung eines Führers besichtigen und so jordanischen Boden betreten, ohne zuvor schriftlich eine Einreiseerlaubnis beantragen zu müssen.

So war es jedenfalls bisher. Schon in wenigen Tagen könnte hier jedoch Schluss sein mit israelischer Landwirtschaft und grenzüberschreitendem Tourismus. Die Sonderregelung für Naharajim hatte von Beginn an einen Haken, der Israel nun einholt: Sie gilt zunächst nur für 25 Jahre. Zwar soll sie dann laut Vertrag „automatisch um denselben Zeitraum“ verlängert werden. Allerdings haben beide Seiten zugleich das Recht, Einspruch dagegen zu erheben. Aus dem Wortlaut lässt sich allerdings schließen, dass man seinerzeit grundsätzlich von einer Verlängerung auszugehen schien.

Trotzdem hat König Abdullah II. im Oktober vergangenen Jahres fristgemäß angekündigt, dass Jordanien Annex I (b) – so heißt die Naharajim betreffende Klausel – 2019 auslaufen lassen will. Die israelischen Bauern würden damit ihr Land verlieren. Israelische Medienberichte nennen den 10. November als konkretes Datum. Betroffen ist neben Naharajim auch noch Zofar (arabisch Ghumar), ein größeres Gebiet, gut 50 Kilometer südlich des Toten Meeres, das einer wortlautidentischen Regelung unterfällt (Annex I (c)).

Innenpolitisches Kalkül

Seine Priorität sei es, zu tun, „was immer im Sinne Jordaniens und der Jordanier ist“, begründete der haschemitische König die Entscheidung. Zuvor hatte es in Jordanien Straßenproteste gegeben, zum Teil gegen den gesamten Friedensvertrag. Auch zahlreiche Parlamentarier drangen auf ein Ende der Zusatzvereinbarung. Politische Analysten sind sich einig, dass der innenpolitische Druck auf Abdullah ausschlaggebend für die Entscheidung gewesen sein dürfte. Der Rest des Friedensabkommens sei davon jedoch nicht betroffen, betont das Königreich.

Dennoch kommt der Entscheidung eine starke Symbolwirkung zu, die über den rein wirtschaftlichen Nutzwert der betroffenen Gebiete hinausgeht. Denn Naharajim ist nicht erst seit 1994 ein besonderer Fall der jordanisch-israelischen Beziehungen. Noch weit vor der israelischen Staatswerdung kooperierten hier Jordanier und Zionisten miteinander. Es war ausgerechnet der Urgroßvater des jetzigen Königs, Emir Abdullah, der Ende der 20er Jahre ein sechs Quadratkilometer umfassendes, zu Transjordanien gehörendes Territorium dem ukrainischen Zionisten und Ingenieur Pinchas Rutenberg zur Verfügung stellte, um dort ein Wasserkraftwerk zu errichten. Zu dem verkauften Gebiet gehörte auch die heutige Friedensinsel. Schon damals hatte es innerjordanischen Widerstand gegeben.

Rutenberg, der „alte Mann von Naharajim“, ließ ab 1927 Dämme und Kanäle bauen. Nach etwa fünfjähriger Bauzeit wurde das Kraftwerk in Anwesenheit des Emirs eingeweiht. Es versorgte fortan nicht nur den Norden Palästinas mit Strom – sondern auch den Palast des Emirs. Die Reste der Anlage sind noch heute auf der Friedensinsel zu bestaunen.

Überreste der Anlage, die der Zionist Pinchas Rutenberg bei Naharajim errichten ließ. Das eigentliche Kraftwerk ist hier nicht zu sehen.

Überreste der Anlage, die der Zionist Pinchas Rutenberg bei Naharajim errichten ließ. Das eigentliche Kraftwerk ist hier nicht zu sehen.

Als sich im November 1947 abzeichnete, dass die Vereinten Nationen einen Teilungsplan für Palästina beschließen würden, war es das Haus Rutenbergs in Naharajim, das als Treffpunkt für ein geheimes Gespräch zwischen Golda Meir und dem inzwischen zum König gewordenen Abdullah diente. Die spätere Premierministerin und damalige Vertreterin der Jewish Agency konnte dem Jordanier hier die Zusage abringen, seine Arabische Legion nicht gegen einen jüdischen Staat in Bewegung zu setzen. Abdullah teilte mit den Juden den Großmufti von Jerusalem als gemeinsamen Gegner.

Später änderte der machtpolitisch kalkulierende König seine Haltung, es kam zum israelischen Unabhängigkeitskrieg. Rutenbergs Kraftwerk musste die Arbeit angesichts der Angriffe einstellen. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Werk bereits einen guten Teil seiner einst immensen Bedeutung für die Stromversorgung Palästinas verloren.

Nicht immer ein Ort des Friedens

Zurück in die Gegenwart: Auf der israelischen Seite des Zaunes bei Naharajim sind inzwischen drei Israelis eingetroffen. Sie schauen auf eine Tafel und lesen einen hebräischen Text. Vor ihnen liegt ein kleiner Hang mit nur leichter Steigung. Sieben Hügel aus kleinen Steinen befinden sich darauf. Auf jedem Hügel steht ein Mädchenname, geschrieben mit gepflanzten Blumen. Es handelt sich um ein Denkmal, das an ein anderes, ebenso mit der Friedensinsel und der noch immer jungen jordanisch-israelischen Aussöhnung verbundenes Ereignis der jüngeren Geschichte erinnert.

Die Hügel erinnern an sieben bei einem Attentat in Naharajim getötete Schülerinnen

Die Hügel erinnern an sieben bei einem Attentat in Naharajim getötete Schülerinnen

Im März 1997 eröffnete in Naharajim ein jordanischer Soldat das Feuer auf eine israelische Schulklasse aus Beit Schemesch und tötete sieben Mädchen. Damals bewahrheitete sich, was US-Präsident Bill Clinton nicht einmal drei Jahre zuvor bei der Unterzeichnung des Friedensvertrages prophezeit hatte: „Die Kräfte des Terror werden versuchen, Sie aufzuhalten.“ Doch Jordaniens König Hussein ließ sich nicht stoppen. Er stand weiterhin zu seinem Vertrag und besuchte die Familien der Getöteten in Israel. „Ihr Verlust ist mein Verlust“, drückte er ihnen sein Beileid aus. Die beispiellose Geste prägte sich in das Gedächtnis vieler Israelis ein.

Wasser gegen Land?

Die jetzige Entscheidung des Haschemiten-Reichs, sich Naharajim „zurückzuholen“, fügt der bis dato außergewöhnlichen Geschichte dieses Ortes nun also einen weiteren Aspekt hinzu. Als Rückabwicklung wollen die Jordanier ihren Entschluss nicht verstanden wissen: „Wir bewegen uns innerhalb der Bestimmungen des Friedensvertrages“, betonte Außenminister Ajman as-Safadi vor einem Jahr gegenüber der Nachrichtenagentur „Reuters“. Das zeige doch gerade, „dass wir uns dem Friedensvertrag verpflichtet fühlen“, meinte der Minister.

Im Regionalrat Emek HaJarden, an dessen Gebiet Naharajim grenzt, wird derweil auch Kritik an der israelischen Regierung laut. Die habe nicht genug getan, um den Status quo der Friedensinsel zu erhalten. Zwar hatte Premierminister Benjamin Netanjahu unmittelbar nach der Ankündigung König Abdullahs erklärt, Verhandlungen aufnehmen zu wollen, um die Sonderregelung doch noch zu retten. Möglicherweise könne Israel Jordanien mehr Wasser anbieten, spekulierten Beobachter.

Anwohner hoffnungslos

Auf jordanischer Seite signalisierte man allerdings schnell, dass man es mit der Entscheidung ernst meint. Israelische Medienberichte in der vergangenen Woche, wonach Jordanien bereit sei, den Zugang der Bauern zumindest zur Zofar-Gegend im Süden noch einmal um einige Monate zu verlängern, wurden aus dem Königreich umgehend dementiert. Bereits vor etwa einem Monat hatte Israels Energieminister Juval Steinitz dementsprechend durchblicken lassen, dass die Regierung mit der Angelegenheit abgeschlossen hat. Laut eines Berichts des Armeeradios haben sich mehrere Bauern inzwischen selbst per Brief an den König gewendet. Darin bitten sie ihn um ein Treffen auf der Friedensinsel: „Zerstören Sie nicht unsere mehr als 70-jährige Verbindung zu unserem Agrarland“, erklären die Betroffenen. „Für uns ist es ein Desaster.“

An eine Wende scheint jedoch selbst vor Ort niemand mehr wirklich zu glauben. Anlässlich des jüdischen Festes Sukkot lud der örtliche Kibbutz kürzlich dazu ein, noch einmal nach Naharajim zu kommen und den Fuß auf die Friedensinsel zu setzen. Es handle sich „ohne Zweifel“ um die „letzte Chance, bevor das Abkommen endet“. Offenbar folgen viele Israelis diesem Aufruf: Bilder im Internet zeigten zahlreiche Autos, die sich in Richtung Friedensinsel bewegen.

Von: Sandro Serafin

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