Die Dreieinigkeitskirche im Russischen Viertel: Daneben befindet sich die Polizeistation

Die Dreieinigkeitskirche im Russischen Viertel: Daneben befindet sich die Polizeistation

Grundbesitz der Kirchen und Israel

Viele wichtige Gebäude der israelischen Politik sind auf kirchlichem Land errichtet. Doch demnächst endet der Pachtvertrag. Die Kirchen würden gerne ihre Privilegien aus der osmanischen Zeit behalten.

JERUSALEM (inn) – Will Israel tatsächlich christlichen Kirchenbesitz beschlagnahmen? Mit Petitionen kämpfen alteingesessene Kirchengemeinschaften, darunter die Russen und die Griechisch-Orthodoxen dafür, ihre für 99 Jahre verpachteten Ländereien behalten zu können. Zudem will die Jerusalemer Stadtverwaltung kirchliche Unternehmen besteuern. Aus Protest dagegen blieb die Jerusalemer Grabeskirche im Februar vier Tage lang für Pilger und Touristen geschlossen.

Jerusalem war in früheren Jahrhunderten ein winziges Nest. Die Umrisse der knapp einen Quadratkilometer großen Altstadt haben sich seit 2.000 Jahren kaum verändert. Karl Marx schrieb 1854, „dass die ansässige Bevölkerung Jerusalems etwa 15.500 Seelen zählt, worunter 4.000 Muselmanen und 8.000 Juden sind“. Die Hauptstadt dieses osmanischen Vilajet (Provinz) war Damaskus. Als die ersten jüdischen Zuwanderer zu Fuß und auf Eseln aus dem Jemen kamen, fanden sie keinen Platz in den alten Gemäuern. So errichteten sie östlich des Tempelberges eine kleine Siedlung in Silwan nahe des 3.000 Jahre alten jüdischen Friedhofs auf dem Ölberg.

Christen strömten nach Jerusalem

Ab etwa 1850 erwachte auch die christliche Welt und entdeckte das seit Jahrhunderten vergessene „Heilige Land“ sowie die Stadt Jerusalem, die mehr als 300 Jahre lang von den türkischen Osmanen beherrscht worden war. Katholiken errichteten außerhalb der Stadtmauern riesige Hospize, darunter das Paulus-Haus mit der Schmidtschule gegenüber dem Damaskustor und das Notre-Dame-Zentrum weiter westlich.

Ende des 19. Jahrhunderts strömten hunderttausende christliche Russen aus dem Zarenreich in das Gebiet und suchten eine Herberge. Für sie wurde das Viertel Muskubija errichtet, in dem heute neben einer Kirche mit grünem Dach eine große Polizeistation mit Gefängnis in den ehemaligen Mönchskammern, ein russisches Kloster und andere Gebäude stehen, die von der britischen Mandatsmacht als Hinrichtungsstätte verwendet wurden.

Die Armenier bauten vor allem innerhalb der Altstadtmauern ihr eigenes Viertel aus mit Priesterseminaren. Während der türkischen Pogrome 1915 gegen die christlichen Armenier wurde so Jerusalem zu einem Zentrum armenischer Gelehrsamkeit und war zugleich ein Zufluchtsort für die Vertriebenen aus Anatolien und Istanbul.

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hat mit eigenen Wahrzeichen das Stadtbild verändert. Auf dem Ölberg steht auf einem riesigen Areal (heute im Besitz des Lutherischen Weltbundes) die Auguste-Viktoria-Kirche mit allen deutschen Kaisern als Deckenmosaiken und das heute von der UNRWA – dem UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge in Nahost – betriebene Hospiz/Hospital. Das Gelände auf dem Zionsberg, auf dem heute die benediktinische Dormitio-Abtei steht, war eine Schenkung des Sultans an Kaiser Wilhelm II. Um die Erlöserkirche mit dem markanten Turm mitten in der Altstadt, einen „Steinwurf“ von der Grabeskirche entfernt, einzuweihen, wurde der Legende nach das halbe Jaffa-Tor eingerissen, damit seine Hoheit hoch zu Ross in Kreuzfahreruniform einreiten könne.

Kirchen beharren auf Status quo

Vor allem die griechisch-orthodoxe Kirche und die Russen haben sich riesige Ländereien angeeignet. Ob diese regulär gekauft wurden von Vorbesitzern, müsste im Einzelfall geprüft werden. Die Grundstücke wurden jeweils für 99 Jahre von den christlichen Kirchen an jüdische Organisationen verpachtet. Wichtig ist heute nur, dass das gesamte Stadtzentrum von Westjerusalem und Hügel, die früher einmal kahl waren, zu den teuersten Wohnvierteln wurden.

Nachdem Westjerusalem zur Hauptstadt Israels erklärt worden war, mussten auch die entsprechenden repräsentativen Gebäude errichtet werden, darunter die Knesset (das Parlament), Regierungsämter, der Präsidentenpalais sowie die offizielle Residenz des Premierministers. Fast alle stehen auf christlichem Grund und Boden, griechisch oder russisch. Bisher war das kein Problem. Doch bald endet die 99 Jahre dauernde Pachtzeit. Und was dann? Müssen dann die viele Milliarden teuren repräsentativen Gebäude abgerissen oder den Kirchen übergeben werden? Was geschieht mit Tausenden Bewohnern des Viertels Rehavia? Denen könnte im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter ihren Füßen weggezogen werden, oder sollen sie mit Millionenbeträgen den Kirchen die Grundstücke abkaufen? Das könnte kaum jemand finanzieren, deshalb wird versucht, mit neuen Gesetzesvorlagen das Land zu „verstaatlichen“.

Da die Kirchen sich aber nicht verpflichten wollen oder können, das teuer gewordene Land zu den alten Konditionen (als alles noch felsiges Brachland war) weiter zu verpachten, muss eine Lösung gefunden werden. Verständlicherweise pochen die Kirchen auf den Status quo aus der Zeit des osmanischen Sultans, der ihnen eine Unantastbarkeit ihres kirchlichen Besitztums garantierte, also fast eine diplomatische Immunität.

Streit um Steuern

Neben diesem noch ungelösten Konflikt um kirchlichen Grundbesitz, gibt es seit einigen Monaten noch einen weiteren Streit. Die Jerusalemer Stadtverwaltung hat beschlossen, kirchliche Einrichtungen, die wie kommerzielle Unternehmen geführt werden, zu besteuern. Warum sollten feine Hospize, die Zimmerpreise verlangen wie Hotels, Luxusrestaurants oder Andenkenläden in den kirchlichen Anwesen von Stadtsteuern befreit sein? Die Stadt muss da genauso den Müll entsorgen, die Abwasseranlagen in Ordnung halten und andere Dienstleistungen bereithalten, wie für jeden Bürger der Stadt. Dem werden Strom und Wasser abgeschaltet, wenn er nicht die üblichen Steuern entrichtet.

Die Stadt Jerusalem erklärt, dass man von den steuerzahlenden Bürgern der Stadt nicht verlangen könne, die gewinnbringenden Läden, Restaurants und Hotels der Kirchen zu subventionieren. Die Christen hingegen pochen auf uralte garantierte Vorrechte und ihre „Immunität“. Wie diese Probleme „einvernehmlich“ gelöst werden könnten, ist offen. Seit über einem Jahrzehnt verhandeln Israel und der Vatikan über die katholischen Besitztümer, ohne bisher zu einer Übereinkunft gelangt zu sein.

Von: Ulrich W. Sahm

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