Pastoren gegen Antisemitismus

Mehr als 200 Theologen und geistliche Leiter aus mehr als 30 Ländern besuchen den „Jerusalem-Dringlichkeitsgipfel“. Das dreitägige Treffen will Sprachfähigkeit gegen modernen Antisemitismus stärken.
Von Merle Hofer
Bibel Dtn29,25

JERUSALEM (inn) – „Die Uhr schlägt fünf vor zwölf.“ Dies sagte Jürgen Bühler, Direktor der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ), auf einer Konferenz. „Pastoren trauen sich nicht mehr, über Israel zu sprechen.“ In der vergangenen Woche hatte die ICEJ 200 Theologen und geistliche Leiter aus mehr als 30 Ländern nach Jerusalem eingeladen. Der Name des Treffens sollte aufhorchen lassen: „Jerusalem-Gipfel – Dringlichkeitsgipfel gegen Antisemitismus“.

Die Veranstalter warnten: Inmitten von Teilen der christlichen Welt sei eine neue Krise entstanden. Die Konferenz solle Pastoren gegen modernen Antisemitismus sprachfähig machen und sie befähigen, sich für die jüdischen Gemeinden an ihren Heimatorten einzusetzen.

Pastoren trauen sich nicht, über Israel zu sprechen

Weiter machte Bühler deutlich: „Die weltweite Lage nach dem 7. Oktober 2023 ist kritisch. Sowohl geistlich als auch politisch.“ Auch inmitten konservativ-christlicher Kreise fänden anti-israelische Sichtweisen Eingang. Der amerikanische Journalist und Fernsehmoderator Tucker Carlson sowie der amerikanische rechtskonservative Politikkommentator Nick Fuentes seien nur die Spitze des Eisberges. „Das größere Problem sind Pastoren und Kirchenleiter, die sich nicht mehr trauen, über Israel zu sprechen.“

Der promovierte Physiker ist überzeugt: „Sie schweigen nicht, weil sie Antisemiten sind oder per se gegen das jüdischen Volk sind. Ich denke sogar, dass die meisten insgeheim dem jüdischen Volk positiv gegenüber stehen. Aber die meisten seien nicht sprachfähig. „Mit der Konferenz wollen wir die biblische Klarheit in Bezug auf Israel wiederherstellen und das Zeugnis der Kirche in einer Zeit moralischer Verwirrung stärken.“

Obwohl aufgrund der angespannten Sicherheitslage bis zum Schluss nicht klar war, ob die Gäste anreisen und die dreitägige Konferenz überhaupt stattfinden könne, hielt Bühler an dem Termin fest: „Wir müssen jetzt dringend handeln!“

In einem Videogruß sagte der israelische Staatspräsident Isaak Herzog den christlichen Leitern: „Wir beobachten die verstörende Entwicklung, wie der Antisemitismus auf der ganzen Welt zunimmt. Er ist eine Hauptherausforderung für die Menschheit, vielleicht sogar die älteste Plage der Menschheit. Deshalb“, fügte das Staatsoberhaupt hinzu, „müssen wir zusammenstehen; säkulare und religiöse Leiter müssen den Antisemitismus gemeinsam bekämpfen.“

Rabbiner: Junge Christen kennen ihre Bibel nicht

Auch Rabbiner Pesach Wolicki bestätigte den Eindruck: „In der christlichen Welt gibt es Akteure, die versuchen, einen Keil zwischen Juden und Christen zu treiben. Sie setzen Theologie als Kampfmittel ein. Ein anderes großes Problem ist, dass junge Christen ihre Bibel nicht mehr kennen. Auch wenn sie sich als Christen bezeichnen, lesen sie nicht mehr in der Bibel. Dadurch sind sie empfänglich für schlechte theologische Überzeugungen.“

In den vergangenen Jahren sei ein Anstieg von Ersatztheologie mit einem politischen Einschlag zu beobachten. „Etwa wenn sie behaupten, dass das jüdische Volk kein Recht habe, in diesem Land zu sein. Und dass es nicht christlich sei, Israel zu unterstützen.“

Dabei seien die biblischen Aussagen zu dem Thema deutlich: „Überall in der Bibel ist zu lesen, dass Gott dem jüdischen Volk das Land verheißen hat. Und die am häufigsten wiederholte Prophezeiung der Bibel ist, dass das jüdische Volk eines Tages zurück ins Land kommen wird. Die Rückkehr des Volkes sollte von bibeltreuen Christen als Bestätigung und nicht als Widerspruch angesehen werden.“

Der stark im jüdisch-christlichen Dialog engagierte Rabbiner sagte weiter: „Dass wir zurückgekehrt sind, sollte jedem Bibelleser ein lautes ‚Halleluja‘ entlocken.“

Theologische Neuausrichtung durch Nicäa

Dass sich die Kirche von den jüdischen Wurzeln entfernt habe, hat nach Einschätzung der Veranstalter eine lange Tradition. Ein wichtiger Punkt sei das Konzil von Nicäa im Jahr 325 gewesen.

In einem eindrucksvollen Vortrag schilderte Petra Heldt die Auswirkungen des dort festgelegten Glaubensbekenntnis: „Die frühe Kirche entstand in Jerusalem, sie wurde in Synagogen geprägt und durch Bündnisse mit Abraham, Mose und David gefestigt.“

Die promovierte Pfarrerin erklärte: „Doch im vierten Jahrhundert verlagerte sich politische Macht und der theologische Einfluss nach Westen. In Nicäa hielten theologische Begriffe, die der Heiligen Schrift fremd waren, Einzug in den kirchlichen Wortschatz und prägten den Glauben durch die Brille der griechischen Philosophie.“

Bestätigung nizänisches Glaubensbekenntnis Foto: Israelnetz/mh
Die ICEJ fordert eine Ergänzung des nizänischen Glaubensbekenntnis

Einer der deutlichsten Brüche habe sich in der Festlegung des Osterdatums ereignet. „Bis dahin feierten viele Christen das Pessach-Fest am 14. Nisan, wie es Johannes lehrte und die Gemeinden in Kleinasien praktizierten. Doch Kaiser Konstantin drängte auf einen Kalender ohne jüdische Bezüge: Er schrieb: ‚Dem Brauch der Juden zu folgen, erschien unwürdig’“.

Die Theologin sieht darin mehr als eine Liturgieänderung, sondern vielmehr die theologische Neuausrichtung, die die jüdische Identität Jesu und der apostolischen Kirche verschleierte. Heldt brachte einen positiven Ausblick: „Doch das Licht erlosch nie. Verbliebene Gemeinden – und die heutigen messianischen Gläubigen – bewahrten die Flamme.“ Und sie gab einen praktischen Hinweis mit: „Unsere Aufgabe ist es, diese Schätze zu entdecken, nicht die Glaubensbekenntnisse aufzuheben; sondern ihre volle Bedeutung wiederherzustellen, die in der Geschichte Israels verwurzelt und im Messias erfüllt ist.“

Die ICEJ hat eine Bestätigung des nizänischen Glaubensbekenntnis ausgearbeitet, in der sie „jedes Wort des vor 1.700 Jahren verabschiedeten Bekenntnis als einigendes Bekenntnis des christlichen Glaubens bekräftigt“. Gleichzeitig schlägt sie eine Ergänzung vor, in der sie zentrale Auslassungen hinsichtlich der Menschlichkeit Jesu als Jude bekräftigt, „die für die Bestätigung seiner Glaubwürdigkeit als verheißener Messias unerlässlich waren“.

Die Organisation macht deutlich: „Diese vorläufige Erklärung zielt zudem darauf ab, unsere Wertschätzung für die einzigartige und zentrale Rolle Israels, der Patriarchen und der Hebräischen Schriften bei der Entstehung und dem Wachstum des christlichen Glaubens von seinen Anfängen an wiederherzustellen. Jeder neue Satz dieser Erklärung gründet sich fest auf die Wahrheiten des Neuen Testaments.“

„Wir brauchen Macher, keine Statisten“

Der amerikanische Radiomoderator Troy Miller sagte auf der Konferenz: „In früheren Kriegen waren die Schlachtfelder dreidimensional: Das Heer, der Luftraum und das Meer. Doch seit einiger Zeit gibt es den Krieg um Informationen. Die Unterstützung der Rechtskonservativen für Israel hat sich geändert.“

Für Miller ist klar: „Wir können nicht ein Problem des 21. Jahrhunderts mit Mitteln des 20. Jahrhunderts bekämpfen. Deshalb brauchen wir ‚creators’, Menschen, die selber Inhalte erstellen, und keine Pressesprecher.“ Christen seien angehalten, zu fragen, wo ihr Platz sei. Sie müssten sich mit den Inhalten identifizieren.

ICEJ-Vizepräsident David Parsons ist überzeugt: „Viele Christen sagen uns: ‚In den 1930er Jahren haben wir zu den Ereignissen in Deutschland geschwiegen.‘ Wir sind besorgt, dass es jetzt in evangelikalen Kreisen zwar Christen gibt, die an Israels Seite stehen, die aber Angst haben, das offen zu bekunden.“

Mit den Inhalten der Konferenz könnten Christen weiterarbeiten. Der Gipfel sei nur ein Anfang und müsse unbedingt wiederholt werden. Zwei Teilnehmer aus Ostfriesland fahren erfüllt nach Hause. „Die vielen Inhalte müssen wir erst noch sacken lassen. Aber eines können wir jetzt schon sagen: Der amerikanische Pastor Robert Stearns rief uns auf: ‚Erweitert euer Feld. Wir müssen die Bewegung vergrößern.‘ Die Verantwortung liegt bei uns.“

Die Vorträge der Konferenz können hier mit Registrierung nachgehört werden.

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2 Kommentare

  1. Zu diesem hochinteressanten Bericht eine kleine Bemerkung : im Sonntagsgottesdienst hat der von der Elfenbeinküste stammende Priester unserer kleinen Gemeinde in seiner Predigt gesagt : wer Juden verachtet, kann Jesus nicht lieben („celui qui méprise les Juifs ne peut pas aimer Jésus“). Der Mann ist ein einfacher Priester, er hat es auf den Punkt gebracht.

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  2. Benjamin Netanjahu hat vor einigen Jahren auf einer ähnlichen Konferenz in Jerusalem vor vielen Christen gesagt, dass bibeltreue Christen wohl die größten und wahren Freunde Israels seien.

    Diese Zusammenkunft christlicher Geistlicher und Theologen war überfällig und ist extrem wichtig. Wo die Bibel nicht mehr gelesen wird und man den Schwarzstift ansetzt, um Unliebsames wegzuszreichen, zieht eine Menge an eigenen Vorlieben, Meinungen und weltlicher Politik ein.

    Für die Brüdergemeinden, die ich kenne (ob offene oder geschlossene), hat sich aber seit dem Krieg nichts geändert. Man steht weiterhin fest an der Seite Israels, würdigt die Schrift und die Heilsgeschichte des HERRN mit seinem Volk und Land und weiß, dass das jüdische Volk und Israel bzw. Erez Israel zusammengehören. Gleiches kann ich für meine eigene baptistische Gemeinde sagen, in die ich gegangen bin, bis sie vor einiger Zeit mit einer englischsprachigen Gemeinde fusioniert hat.

    Politik und (latenten) Antisemitismus gepaart mit Israel-Feindlichkeit finde ich in Deutschland (ich beobachte das seit 2006) vorzugsweise in Gemeinden und Kirchen, in denen man grundsätzlich sehr verweltlicht ist, linken Lebenseinstellungen folgt wie „Drag“-Gottesdienste, „Gott ist queer“, „Jesus war schwul“, das Malen von Vulven an Kirchentagen, obszöne Theaterveranstaltungen in Kirchen mit toten Tieren oder das Rufen des islamischen Glaubensbekenntnisses bei Konzerten in Kirchen unter dem Kreuz Christi …

    Wie die Situation in den USA ist (auch von konservativer Seite) weiß ich nicht. Damit habe ich mich nicht richtig beschäftigt.

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