Partisan im Alter von 104 Jahren gestorben

Nach der Flucht aus einem Ghetto kämpft Litman Mor mit Partisanen gegen die Nazis. In Israel beginnt er ein neues Leben, doch die Zeit in den litauischen Wäldern bleibt zeitlebens prägend.
Von Israelnetz
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Foto: Israelnetz/mh

Litman Mor im März 2017 an seinem 100. Geburtstag mit seiner Tochter Edith

TEL AVIV (inn) – In seinem eigenen Bett und umgeben von seiner Familie ist Litman Mor in seiner Tel Aviver Wohnung am vergangenen Freitagabend gestorben. Der Israeli war 1917 als David Moravchick in David-Horodok, in heutigen Weißrussland, als sechstes von sieben Kindern geboren. 1931 zog er ins 350 Kilometer entfernte Vilnius, Litauen, um die weiterführende Schule zu besuchen.

Litman wurde Mitglied der Zionistischen Jugend und absolvierte an der Universität Vilnius ein Chemie-Studium. In der litauischen Hauptstadt wurden infolge der Besatzung der Nationalsozialisten im Juni 1941 etwa 60.000 Juden in einem Ghetto untergebracht. Litman war maßgeblich im Anti-Nazi-Untergrund tätig.

Bekannt wurde die Rede „Lasst uns nicht wie Schafe zur Schlachtbank gehen“ des späteren israelischen Schriftstellers Abba Kovner, die er am 31. Dezember 1941 im Ghetto des damaligen Wilnas hielt. Diese ist das erste Zeugnis, dass ein Opfer des Holocaust öffentlich den Plan der Nationalsozialisten offenlegte, alle Juden töten zu wollen. Der damals 14-jährige Litman hörte die Rede und erwähnt dieses Ereignis in seinem Buch. Er war der letzte Überlebende der 150 jungen Juden, die Abba Kovner damals in einer kleinen Küche zuhörten.

Kampfbattaillon bei den Partisanen

Zwei Wochen vor Auflösung des Ghettos im September 1943 floh Litman mit zwei Dutzend anderen in den Untergrund und schloss sich den sowjetischen Partisanen an. Dort kämpfte er in einem Kampfbataillon.

Nach dem Krieg wanderte er 1946 ins damalige Mandatsgebiet Palästina aus und unternahm nach der Staatsgründung als Lebensmittelingenieur des israelischen Gesundheitsministeriums viele Auslandsreisen. Im Zuge dessen kürzte er in den 1960er Jahren seinen Nachnamen Moravchick auf Mor.

Seine Biographie „Der Krieg um Leben“ schrieb Mor auf Hebräisch. Die englische Übersetzung des Buches erschien 2007 und ist online zugänglich. Nüchtern und packend beschreibt er darin seine „litauischen“ Wurzeln sowie seine Erlebnisse als Partisan im Zweiten Weltkrieg.

Partisanentum und Familiengründung als Rache an den Nazis

Zum Jom HaScho’ah, dem „Tag des Gedenkens an Israels gefallene Soldaten und Terror-Opfer“, betitelte die israelische Tageszeitung „Yediot Aharonot“ im April 2021 einen prominenten Beitrag mit einem Zitat von Mor: „Wir kämpften nicht nur, um zu überleben, sondern auch, um uns an den Deutschen zu rächen.“ Weiter wird er zitiert: „Ich werde oft gefragt und stelle mir die Frage selber, wie lange der Hass auf die Deutschen noch anhalten wird.“

Zwei seiner Schwestern waren schon vor dem Krieg nach Palästina ausgewandert. Nach seiner Befreiung von den Nazis dauerte es Monate, bis Mor Kontakt zu ihnen aufnahm: „Es war mir zu schwer, ihnen zu sagen, dass alle durch die Nazis ums Leben gekommen waren. Ich schämte mich, weil ich selbst überlebt habe.“

Der israelischen Zeitung sagt er weiter: „Nichts wird unsere Lieben zurückbringen. Ich persönlich kann den Deutschen nicht verzeihen, was sie meiner Familie, meinen Verwandten und meinem Volk angetan haben.“ Doch zu seinem 100. Geburtstag im März 2017 ist auch eine Deutsche unter seinen Gästen. Mor empfängt diese offen, fröhlich und freundlich: „Es freut mich sehr, dich kennenzulernen.“

Stolz, mit zahlreichen Partisanenabzeichen an seiner Brust, richtet sich der große Mann auf und singt ihr und den anderen Gästen mit kräftiger Stimme das jiddische Partisanenlied „Sog nit keinmal“ vor. Mor singt es, als würde er immer noch als Teil jüdischen Vereinigten Partisanenorganisation im Kampf gegen die Streitkräfte der deutschen Besatzer in Litauen kämpfen. Das Lied und die Abzeichen sind Bekenntnis: Er hat überlebt und gibt Zeugnis von der Vergangenheit.

Mor hinterlässt seine Frau, zwei Töchter, fünf Enkel und acht Urenkel. Einer der Enkel erzählt am Telefon in New York: „Natürlich sind wir traurig. Aber vor allem freuen wir uns, dass wir ihn so lange bei uns hatten und er uns so vieles aus seinem Leben erzählen konnte. Sogar mein knapp zwölfjähriger Neffe hat zur Beerdigung an seinem Grab gesprochen. Und ist es nicht Ironie der Geschichte, dass er ausgerechnet am 31. Dezember gestorben ist? Auf den Tag genau 80 Jahre nach der historischen Rede von Abba Kovner in Wilna!“ (mh)

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Eine Antwort

  1. Litman Mor war ein wichtiger Zeuge der Geschichte, der unendlich viel Leid durch andere Menschen erfahren hat, die total verblendet und irregeleitet im Nationalsozialismus gefangen waren und die blindlings ihrem irren “Führer” gefolgt waren. Leider gibt es bald keine Zeitzeugen mehr, die leibhaftig den staatlichen Terror der Nazis miterlebt haben und die den Menschen glauhaft davon berichten können, wie häßlich und abgrund tief menschliche Psyche sich entwickeln und verwirklichen kann, wenn es kein Korrektiv mehr gibt und jede Vernunft aussetzt. Ecce Homo, auch das ist der Mensch in seiner Abartigkeit und Perversion. Dabei wäre es so wichtig, weiterhin derartige Zeitzeugen zu haben, die den Menschen von dem Unglaublichen berichten und ihnen die Augen öffnen für heranziehende Gefahren. Wer kann sonst ein verläßlicher Mahner sein? Menschen sind sehr leicht zu verführen und laufen streunenden, lautstarken Demagogen viel zu schnell und vertrauensselig hinterher. Möge Gott uns davor bewahren!

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