JERUSALEM (inn) – Fast acht Monate nach seiner Freilassung aus der Gewalt palästinensischer Terroristen leidet Rom Braslavski unter Angstzuständen und Alpträumen. Im Gespräch mit der israelischen Zeitung „Yediot Aharonot“ schilderte der 22-Jährige Folter und Qualen während der fast zweijährigen Geiselhaft im Gazastreifen. Der Artikel erschien am Freitag.
Einmal habe er die Entführer nach 28 Tagen ohne Dusche angefleht: „Mein ganzer Körper war schon schwarz von Schmutz.“ Ein Terrorist forderte ihn dann auf, sich auf die Dusche vorbereiten – und kehrte mit einem Eimer voller Sand und Abfall zurück. Damit musste er sich übergießen. „Sie wollten, dass ich mich wie ein Tier fühle. Nicht wie ein Mensch.“
Erniedrigung schlimmer als Schmerzen
Eine besonders demütigende Erfahrung war für den jungen Israeli, als ihm ein Terrorist des „Palästinensischen Islamischen Dschihad“ in den Mund urinierte: „An Schmerzen gewöhnst du dich. Aber diese Erniedrigung – das war der Tiefpunkt in der Geiselhaft.“
Braslavski war an Händen und Füßen gefesselt und oft völlig nackt. Stundenlang musste er mit dem Gesicht zur Wand stehen, wobei seine Augen verbunden waren. Terroristen steckten ihm Steine in die Ohren, damit er nichts hörte. Er sei mit einer Eselpeitsche geschlagen worden, habe kaum stehen können.
Doch nicht nur der Israeli wurde misshandelt. Er habe gesehen, wie die Aufseher teilweise mit ihren Frauen und Kindern umgingen: „Die Kinder und die Frau des Terroristen, der mich bewachte, bekamen pausenlos Schläge. Er führte in seinem Haus ein Terrorregime.“
Untergebracht war Braslavski nach eigener Aussage anfangs in Wohnungen und später in einem großen Zeltlager in Dir el-Balah: „Um mich herum waren Zehntausende Zelte. Ich war in einem Zelt, das in drei Teile geteilt war: in einem wohnte der kommandierende Terrorist mit seiner Familie, im zweiten die Kampfterroristen des Dschihad und im dritten ich.“
„90 Prozent vom alten Rom sind gestorben“
Die Folgen der Geiselhaft äußern sich unter anderem in chronischen Schmerzen, Alpträumen und schweren Angstzuständen. „90 Prozent vom Rom vor dem 7. Oktober sind am 8. Oktober gestorben. Es blieben vielleicht 10 Prozent Lebensfreude und Zynismus“, sagte die ehemalige Geisel.
Sein Sicherheitsgefühl sei zusammengebrochen, er laufe immer mit Pfefferspray herum, erzählte Braslavski. Er habe Angst vor einem möglichen Anschlag – und davor, wieder entführt zu werden. „Mein Körper ist die ganze Zeit angespannt. Äußerlich sieht man vielleicht einen Menschen, der zurückgekehrt ist. Aber innerlich bin ich noch dort.“
Auch Braslavskis Eltern leiden unter psychischen Problemen. Selbst nach seiner Freilassung am 13. Oktober hätten sie es nicht geschafft, das Berufsleben wieder aufzunehmen. Die Geschwister seien ebenfalls betroffen.
Zunächst nicht zum Wehrdienst zugelassen
„Yediot Aharonot“ indes weist darauf hin, dass der Israeli schon vor der Entführung vom Nova-Festival am 7. Oktober 2023 kein leichtes Leben hatte. Aufgewachsen in Jerusalem, brach er die Schule vorzeitig ab. Zum Wehrdienst wurde er zunächst nicht zugelassen.
Doch er habe sich hartnäckig um eine Rekrutierung bemüht. So habe er vor dem Zimmer des Offiziers für mentale Gesundheit gesessen, bis sich dieser ihm zuwandte. Letztlich wurde er bei Havat HaSchomer angenommen. Dieser Stützpunkt konzentriert sich auf die Eingliederung von Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen. „In der ersten Woche schrie ich noch meine Kommandeurin an.” Am Ende habe er einen Kurs zur Verbesserung des Verhaltens mit Auszeichnung abgeschlossen.
Psychologische Behandlung und Partnerschaft
Hilfe findet er in einer intensiven psychologischen Behandlung. Er kehre an jeden einzelnen Tag der Gefangenschaft zurück. „Wenn ich das nicht tue, wird es mir in Zukunft um die Ohren fliegen“, erklärte Braslavski. Medikamente wolle er hingegen nicht nehmen.
Halt gibt ihm auch die neue Partnerschaft mit Schoham Talker. Sie wisse fast alles über ihn. Doch manchmal, wenn sie bei ihm einschlafe, warte er ein wenig, bis er sicher sei, dass sie schlafe. „Erst dann fange ich an zu weinen. Ich möchte sie nicht dem Schmerz und dem Leiden aussetzen, die ich mit mir herumschleppe. Ich möchte sie vor dem Bösen bewahren, dem ich ausgesetzt war.“
Rom Braslavski schaut nach den zwei Jahren Folter und Qualen nach vorn: „Meine Vergangenheit ist schwarz. Ich versuche nur, dafür zu sorgen, dass die Zukunft rosa wird.“ Einen Militärdienst als Reservist könne er sich vorstellen. „Mein größter Traum ist es, wirklich aus der Geiselhaft befreit zu werden. Nicht körperlich, sondern seelisch.“ (eh)