Lernen in Ghetto und KZ

Lehren und Lernen ist für Juden ein hohes Gut. Auch in Ghettos und Konzentrationslagern fanden sie häufig Möglichkeiten, Kindern Wissen zu vermitteln – das geschah zum großen Teil unter Lebensgefahr. Die National­sozialisten indes versuchten, das jüdische Streben nach Bildung durch Verbote zu stoppen.
Von Elisabeth Hausen
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In solche Hefte schrieben Häftlinge des Ghettos Theresienstadt ihre Vokabeln

Foto: © Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Seiten aus einem arabisch-hebräischen Vokabelheft aus Theresienstadt – mit deutschen Notizen dazwischen

Das hebräische Wort „Tora“ bedeutet wörtlich: Weisung, Lehre. Somit hat das Lernen in der jüdischen Tradition einen besonderen Stellenwert. Jungen und Mädchen sollen Lesen lernen und somit befähigt werden, Gottes Wort zu verstehen. Aber auch eine umfassende Bildung, die über das Theologische hinausgeht, gilt als erstrebenswert. Zu diesem Zweck gründeten Leopold Zunz und seine Mitstreiter 1819 in Berlin die „Wissenschaft des Judentums“. Selbst vor den Toren der Ghettos und Konzentrationslager hörte das Streben nach Bildung und Wissen nicht auf.

Was das etwa für Theresienstadt bedeutete, zeigt die Jerusalemer Holocaust-­Gedenkstätte Yad Vashem aktuell in einer kleinen Ausstellung. Theresienstadt war eine Mischung aus Ghetto und Konzentrationslager. Dort war ein Zionist aus Russland interniert, der Eretz Israel (das Land Israel) besucht hatte: der 1884 geborene Moises Woskin-Nahartabi. Vor der Deportation arbeitete er als Professor für semitische Sprachen in Halle/Saale. 1923 gründete er in Leipzig die Privatschule „Techija“ für hebräische Sprache und Literatur. Der Name heißt „Auferstehung“. Ein paar Jahre nach der nationalsozialistischen Machtergreifung zog er nach Prag. Am 13. Juli 1943 wurden Nahartabi, seine Frau und die Tochter nach Theresienstadt deportiert.

Dr. Mojzis Woskin-Nahartabi lehrte in Theresienstadt, unter anderem Arabisch. Er wurde in Auschwitz ermordet. Foto: © Yad Vashem Art Museum, Jerusalem
Eine Porträtzeichnung von Nahartabi aus Theresienstadt

Doch dies bedeutete nicht das Ende seiner Lehrtätigkeit: Auch im Lager gab er Kurse, in denen er auf Hebräisch seinen Schülern auch Wissenswertes über Eretz Israel vermittelte. Trotz der schweren physischen Bedingungen und des Mangels an Lehrmaterial gelang es den Juden im Ghetto Theresienstadt, ein Bildungswesen aufrecht zu erhalten. Dieses umfasste unter anderem Sozialarbeit und jüdische Bildung. Dokumente zeigen, dass Naharbati seinen Mitgefangenen sogar literarisches Arabisch beibrachte. Dies geschah durch Übersetzen von hebräischen und arabischen Texten in beide Richtungen. Die Notizhefte enthalten auch Vokabeln, die zur aktuellen Situation der Internierten passen, wie „Leiden“, „Armut“ oder „Angst“. Dem stellten die Juden im Ghetto positive Wörter entgegen, wie „Schönheit“, „nützlich“ oder auch „wunderbar“. Um sich die Sprache anzueignen, übersetzten sie Abschnitte aus der Bibel, etwa die Anfangskapitel des 1. Buches Mose. In den Notizheften sind auch deutsche Anmerkungen zu sehen.

Über die genauen Beweggründe des Arabischunterrichts ist nichts bekannt. Die Holocaust-Gedenkstätte vermutet, dass Nahartabi möglicherweise ein konkretes Ziel hatte: Falls die Juden nach dem Ende der Verfolgung Israel erreichen sollten, könnten sie sich dort mit der arabischen Bevölkerung verständigen. Dem strebsamen Lehrer selbst war dies nicht vergönnt: Er wurde anderthalb Jahre nach seiner Ankunft von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort einen Tag später – am 20. Oktober 1944 – ermordet.

Von den Nazis verboten

Dem jüdischen Bildungshunger entgegengesetzt war das Vorgehen der Nationalsozialisten. Sie verwehrten Juden in ihrem Machtbereich den Schulbesuch. „Das traf mich besonders. Komischerweise war das den Deutschen furchtbar wichtig, dass wir nicht lernen“, erinnerte sich die Überlebende Edita (Dita) Kraus, die mit 13 Jahren nach Theresienstadt kam, 2018 in einem Gespräch mit dem deutschen Nachrichtensender „n-tv“.

Doch allen Verboten zum Trotz gab es sogar in Auschwitz-Birkenau Unterricht. Der Block 31 diente 1944 für einige Monate als Kinderblock. Jüdische Jungen und Mädchen durften in einer besonderen Baracke spielen und Sport treiben – aber nichts lernen. Doch erwachsene und jugendliche Betreuer widersetzten sich dem. Sobald kein Aufseher in der Nähe war, bildeten sie Gruppen, in denen Erwachsene den Kindern etwas beibrachten. Acht kostbare Bücher waren irgendwie nach Auschwitz gelangt. Diesen Schatz betreute die damals 14-jährige Dita: Lehrer mussten ihr am Vortag sagen, welches Buch sie benötigen würden. Wenn ein Aufseher erschien, schwenkten alte und junge Häftlinge sofort um – vom Unterricht zum Zeitvertreib. Unter Lebensgefahr sorgte Dita dafür, dass die Nationalsozialisten die Bücher nicht entdeckten.

„Komischerweise war das den Deutschen furchtbar wichtig, dass wir nicht lernen.“

Die Auschwitz-Überlebende Edita Kraus

Doch wie reichten acht Bücher für so viele Kinder aus? Kraus erzählte in dem Interview: „Betreuer, die sich ein Buch gemerkt hatten, gingen von einer Gruppe zur anderen und waren ein lebendiges Buch. Sie erzählten kapitelweise in den Gruppen und die Kinder erwarteten dann schon immer gespannt die Fortsetzung.“
Die junge Tschechin erlebte das Kriegsende in Bergen-Belsen. Sie heiratete einen Leidensgenossen aus dem Lager, Ota Kraus. Gemeinsam wanderten sie 1949 nach Israel aus. Als 92 Jahre alte Witwe lebt Kraus heute in der Küstenstadt Netanja. Bücher haben immer noch einen besonderen Wert für die Lehrerin im Ruhestand.

Der spanische Schriftsteller Antonio Iturbe hat ihre Erlebnisse in seinem 2012 erschienenen Roman „Die Bibliothekarin von Auschwitz“ verarbeitet. Während der Recherchen für das Buch hat er auch mit der Überlebenden gesprochen. Eine wichtige Rolle bei dem Projekt des Kinderblockes spielte Fredy Hirsch, ein Mitglied des jüdischen Pfadfinderbundes in Deutschland. Er betreute sowohl in Theresienstadt als auch in Auschwitz Kinder. Iturbe zitiert ihn: „Es spielt keine Rolle, wie viele Schulen die Nazis schließen. Wann immer jemand in einer Ecke steht und etwas erzählt und dabei ein paar Kinder um ihn herumstehen und ihm zuhören, ist dort eine Schule gegründet worden.“

Der Autor zeigt auf, wie Bildung und vor allem Bücher im Grauen der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung einen Unterschied machen konnten. Das gilt auch für den Arabischunterricht in Theresienstadt.

Israelnetz Magazin

Dieser Artikel ist in einer Ausgabe des Israelnetz Magazins erschienen. Sie können die Zeitschrift hier kostenlos und unverbindlich bestellen. Gern können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

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2 Antworten

  1. Schalom Elisabeth Hausen,

    vielen herzlichen Dank für diesen Hoffnung schenkenden Artikel!

    Man kann nur staunen, was Gott alles in den Konzentrations- und Todeslagern möglich machte — unter der direkten Aufsicht der unmenschlichen Nationalsozialisten!

    Es gibt viele traurige Geschichten über diese Zeit, aber auch einige, die Hoffnung schenken. Diese machen einen Unterschied!

    Gott segne Ihre wertvolle Arbeit!

    Schalom!

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