Dschasem Aldschuraid schwimmt gegen den Strom. Aus seinem Heimatland Kuwait musste er fliehen, weil er über die Sozialen Medien mit einem Israeli in Kontakt trat – und diesen sogar in den Golfstaat einlud. Doch Kuwait lehnt eine Normalisierung mit dem jüdischen Staat strikt ab.
Dennoch werde das Land im aktuellen Krieg vom Iran nicht verschont, sagte der Dissident am 29. März in einem Interview der israelischen Zeitung „Jerusalem Post“: „Sie sehen, dass Israel Raketenabfeuert, die auf dem Weg in den Iran Kuwaits Luftraum durchqueren. Das ist eine beispiellose Zeit für Kuwaitis, ihre Wahrnehmung und Meinung zu Israel zu ändern.“ Konkret bezog er sich nach Angaben des Blattes auf einen Angriff auf eine Entsalzungsanlage und ein Kraftwerk, bei dem Arbeiter getötet wurden.
Zuvor hatte Aldschuraid in der 61. Sitzung des UN-Menschenrechtsrates in Genf Gräueltaten des iranischen Regimes angeprangert. Als Vertreter der Organisation „UN Watch“ verurteilte er Angriffe auf Golfstaaten, vor allem auf Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate. In seiner Rede sagte er Ende März: „Die Vereinigten Arabischen Emirate, die Frieden und Koexistenz mit allen anstreben, stehen fest gegen extremistischen politischen Islam überall, vor allem auf der Arabischen Halbinsel.“
In der Sitzung übte der Kuwaiti ferner Kritik am „Tagesordnungspunkt 7“. Dieser besagt, dass sich der Rat bei jeder Zusammenkunft mit Menschenrechtsverletzungen durch Israel auseinandersetzen muss. Für kein anderes Land gibt es einen solchen Paragraphen.
Der Kuwaiti rief die Vereinten Nationen auf, nicht zu schweigen angesichts eines Regimes, das „Terrorismus, Chaos und Raketen exportiert“. Zudem übte er wegen der Kampfhandlungen im Jemen Kritik an Saudi-Arabien.
„Iranische Revolutionsgarde stürzen“
Der „Jerusalem Post“ sagte er: „Wir müssen uns zusammentun und unseren strategischen Feind herausstellen und versuchen, die iranische Revolutionsgarde und deren Milizen zu stürzen.“
Israel habe sich der Hamas und der Hisbollah angenommen: „Es hat den Libanon befreit. Es hat die Palästinenser von der Hamas in Gaza befreit.“ Zudem habe es die Huthis im Jemen geschwächt. „Jetzt haben die Jemeniten eine neue Regierung, ob wir nun mit ihr einverstanden sind oder nicht.“ Israels Einfluss sei „unglaublich“.
Auch dem Vorwurf, Israel sei eine Kolonialmacht, möchte er entgegentreten. Dabei trägt Aldschuraid bewusst traditionelle arabische Kleidung; er wolle verdeutlichen, dass er als Araber Antisemitismus verurteile. „Es gibt 57 islamische Länder und einen jüdischen Staat. Warum sollten wir jenen jüdischen Staat verfolgen? Warum, wenn sie unseren Kampf kämpfen?“, fragte er und fügte an: „Ich will nur gewährleisten, dass wir Israel als Freund wahrnehmen, nicht als Feind.“
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In Kuwait hatte Aldschuraid fast ein Jahrzehnt für die Tageszeitung „Al-Qabas“ gearbeitet. Doch im Februar 2022 wurde er entlassen. Denn er kritisierte die Muslimbruderschaft und die Korruption in seinem Heimatland. Überdies schrieb er dem israelischen Orientalisten Edy Cohen auf X, er hoffe, dieser werde ihn einmal besuchen.
Harte Strafen für Normalisierung
Erst 2021 hatte Kuwait das Israel-Boykott-Gesetz erweitert. Damit steht auch eine digitale Normalisierung mit dem jüdischen Staat unter Strafe, so etwa Interaktion mit Israelis im Internet. Solche „Vergehen“ können mit bis zu 15 Jahren Haft und harter Arbeit geahndet werden, auch Beschlagnahme von Besitz gehört dazu.
Aldschuraid wurde beschuldigt, Mitglied des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad zu sein. Er erhielt Todesdrohungen – und den Rat, das Land zu verlassen. Seit einigen Jahren lebt er in Kanada. Kurz nach der Flucht wurde er in Abwesenheit zu zwölf Jahren Haft verurteilt, gilt seitdem als „politischer Flüchtling“.
Ausschlaggebend war aus seiner Sicht der Tod von Emir Sabah al-Ahmad al-Dschaber al-Sabah im Jahr 2020. Dieser sei „liberal“ gewesen. Er habe nur keine Normalisierung mit Israel angestrebt, weil Kuwait von Ländern umgeben war, die dem jüdischen Staat feindlich gegenüberstanden. Die Nachfolgerregierung habe sich hingegen der Ideologie der Muslimbruderschaft zugewandt, aus der auch die Terrorgruppe Hamas hervorging.
Mutter hat jüdische Vorfahren
Aldschuraid indes wurde vor der Indoktrination, der viele in Kuwait ausgesetzt waren, dank seiner Eltern bewahrt, schreibt die „Jerusalem Post“. Die muslimische Mutter hat jüdische Vorfahren. Der Vater „vertraute Palästinensern nicht“ – weil Jasser Arafat und die „Palästinensische Befreiungsorganisation“ (PLO) die Invasion des irakischen Machthabers Saddam Hussein in Kuwait 1990 unterstützten.
Dass sich Israel mit einer Reaktion auf irakische Angriffe im Golfkrieg 1991 zurückgehalten hat, rechnet der Sohn dem jüdischen Staat hoch an: Es sei ein „sehr nobler Standpunkt, den wir Israel nie vergessen werden“.
Im Juni 2022 forderte Aldschuraid im Gespräch mit dem YouTube-Kanal „Diwan al-Mulla“ Frieden mit Israel. Der Interviewer fragte, warum er vom „Staat Israel“ spreche, obwohl in Kuwait der Begriff „Zionismus“ für den „feindlichen Staat“ üblich sei. Er antwortete laut „MENA Watch“: „So nenne ich ihn. Meiner Meinung nach sollte er ‚der Staat Israel‘ genannt werden, und wenn jemand anderer ihn ‚Feindesstaat‘ oder ‚zionistisches Gebilde‘ nennen möchte, dann hat er vielleicht seine Gründe dafür.“ Doch bei den Vereinten Nationen sei der Staat Israel anerkannt.
Der Dissident ergänzte: „In meinen Augen stellen die Beschimpfungen gegen Israel einen Krieg dar, der die Lösung des Problems verhindert. Der Staat Israel hat Kuwait nicht den geringsten direkten Schaden zugefügt.“ (eh)