Sollte vor zehn Jahren „die Blockade des Gazastreifens brechen“: die Mavi Marmara, aufgenommen am 22. Mai 2010

Sollte vor zehn Jahren „die Blockade des Gazastreifens brechen“: die Mavi Marmara, aufgenommen am 22. Mai 2010

Zehn Jahre Mavi-Marmara-Vorfall

Bis heute trübt ein Zwischenfall die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei, der sich vor zehn Jahren auf dem Mittelmeer ereignete. Aktivisten wollten nach eigener Aussage auf einem Schiff Hilfsgüter in den Gazastreifen bringen – aber sie hatten auch Waffen an Bord.

Mavi Marmara ist der Name einer türkischen Fähre. Vor zehn Jahren, am 31. Mai 2010, machte das kleine Schiff weltweite Schlagzeilen. Die Auswirkungen rund um den Vorfall dauern bis heute an und haben die Kräfteverhältnisse im ganzen Nahen Osten gründlich durcheinandergewürfelt.

Die extremistische türkische Organisation IHH schickte die Mavi Marmara zusammen mit sechs weiteren kleineren Schiffen von Istanbul mit Hilfsgütern und internationalen „Friedensaktivisten“ an Bord in Richtung Gazastreifen, um die seit 2007 bestehende israelische Seeblockade zu durchbrechen. Erwartungsgemäß schickte Israel seine Marine, um die Mavi Marmara zu stoppen und in den israelischen Hafen Aschdod umzuleiten zwecks Kontrolle der Hilfsgüter.

Bewaffneter Widerstand

Doch die IHH-Aktivisten verweigerten den Marine-Soldaten den Befehl zu stoppen. Daraufhin beschlossen die Israelis, das Schiff zu entern und gewaltsam daran zu hindern, weiter Kurs auf Gaza zu nehmen. Israelische Elitesoldaten wurden von Hubschraubern auf das Deck der Mavi Marmara abgeseilt. Dabei wurde auf die Soldaten auch geschossen. Denn wie sich herausstellte, gab es Waffen an Bord des „humanitären Hilfsschiffes“. Die IHH-Aktivisten waren bereit, mit Waffengewalt einen israelischen „Angriff“ auf ihr Schiff abzuwehren.

Schleudern mit Hisbollah-Aufschrift: Offenbar hegten die „Friedensaktivisten“ auch Sympathie für die libanesische Terrormiliz

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Unter Deck fanden die Israelis dann ein ganzes Waffenarsenal. 40 der 590 Menschen an Bord leisteten Widerstand. Dabei wurden neun türkische Aktivisten getötet, während zehn israelische Soldaten verletzt wurden, einer von ihnen schwer. Ein zehnter Aktivist erlag später seinen Verletzungen. Vor Ablegen dieser „Gaza-Freiheits-Flottille“ hatte Israel die Türkei gewarnt, die geplante „Provokation“ zu stoppen.

Mit solchen und anderen Waffen wurden die Soldaten angegriffen

Mit solchen und anderen Waffen wurden die Soldaten angegriffen

Nach dem Vorfall hagelte es internationale Empörung. Die UNO untersuchte die Ereignisse und verurteilte Israel. Die Blockade des Gazastreifens sei eine „illegale Kollektivbestrafung“ und beim Kapern der Mavi Marmara sei übermäßige Gewalt eingesetzt worden, hieß es. Ein israelischer Untersuchungsausschuss kam zu entgegengesetzten Schlüssen.

Die „Friedensaktivisten“ hatten abgelaufene Medikamente für die Menschen im Gazastreifen an Bord

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Die Hilfsgüter entpuppten sich dann als teilweise unbrauchbar: Die „Mavi Marmara“ wurde im Hafen von Aschdod entladen, zur Ladung gehörten Rollstühle, Spielzeug und Mineralwasser. Das israelische Gesundheitsministerium beschlagnahmte jedoch einen Teil der mitgeführten Medikamente, weil deren Gültigkeitsdatum abgelaufen war.

Beziehungen zur Türkei dauerhaft geschädigt

Um die Beziehungen mit der Türkei wenigstens etwas zu retten, entschuldigte sich der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu im Mai 2013 telefonisch beim damaligen türkischen Regierungschef und jetzigen Präsidenten Recep Tayyep Erdogan – allerdings nur für „unbeabsichtigte operative Fehler“. Ebenso überwies Israel 20 Millionen US-Dollar Entschädigung für die getöteten Aktivisten. Trotz der Normalisierung im Juni 2016 gab es keine Rückkehr zu den guten Beziehungen vor dem Zwischenfall.

Die Türkei war das erste und lange Zeit einzige islamische Land, das Israel anerkannt hatte und diplomatische Beziehungen pflegte. Ebenso gab es eine enge militärische Zusammenarbeit. Während Israel den Türken Waffen und Drohnen verkaufte, durften israelische Piloten über den Weiten Anatoliens trainieren. Israel ist so winzig, dass Piloten mit ihren schnellen Düsenflugzeugen binnen Sekunden an Grenzen stoßen, im wörtlichen Sinne. Ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor war die relative geografische Nähe. Das ermöglichte es den Israelis, zu Tausenden an die Küste im Süden der Türkei zu fliegen und billigen Kurzurlaub zu machen. Das alles endete abrupt nach dem Mavi-Marmara-Vorfall.

Inzwischen entfremden sich die beiden Nationen auch wegen ihrer jeweiligen politischen Bestrebungen. Die Türkei besinnt sich zunehmend auf ihr Erbe als Osmanisches Reich. Um ihren Status als nahöstliche Weltmacht wiederherzustellen, solidarisiert sich die Türkei eher mit den Feinden Israels wie dem Islamischen Staat oder der Hamas. Ebenso pflegt die Türkei gute Beziehungen zum Iran, dem Erzfeind Israels. Einen Nebenschauplatz bilden die Kurden, die nach Unabhängigkeit streben und sich auch deshalb mit Israel verbündet haben, während die Türkei die Kurden seit Jahrzehnten bekriegt.

Von: Ulrich W. Sahm

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