Aus der Eröffnung des Leningrad-Denkmal hätten Netanjahu und Putin eine „Privatparty“ gemacht, kritisiert die ARD-Korrespondentin

Aus der Eröffnung des Leningrad-Denkmal hätten Netanjahu und Putin eine „Privatparty“ gemacht, kritisiert die ARD-Korrespondentin

Auf Netanjahu und Putin eingeschossen

Eine ARD-Hauptstadtkorrespondentin besucht Jerusalem – und versucht sich an einem Kommentar zum Welt-Holocaust-Forum. Außer verfehlter Kritik an Netanjahu und Putin kommt nicht viel dabei heraus. Ein Kommentar von Elisabeth Hausen

Das Welt-Holocaust-Forum in Jerusalem war eine vielschichtige Veranstaltung und bietet viele Anknüpfungspunkte für einen journalistischen Kommentar. So wäre es denkbar gewesen, die Rede von Oberrabbiner Israel Meir Lau in Yad Vashem aufzugreifen, der immerhin ein Überlebender der Scho'ah ist. Auch dass zu dieser Konferenz fast 50 ausländische Delegationen kamen, wäre ein möglicher Ansatz – immerhin hatten die Veranstalter anfangs mit etwa 15 Staatsgästen gerechnet. Mit der großen Präsenz haben diese Staats- und Regierungschefs ein Zeichen gesetzt – unabhängig von eigennützigen Motiven, die vielleicht noch bei dem einen oder anderen mitschwingen.

Doch dies ist Sabine Müller aus dem ARD-Hauptstadtstudio, die es für ein paar Tage in die israelische Hauptstadt verschlagen hatte, offenbar nicht aufgefallen. Zielsicher hat sie sich in ihrem Kommentar zwei Personen herausgegriffen, die aus ihrer Sicht konkrete Schritte im Kampf gegen Antisemitismus unmöglich machen: Benjamin Netanjahu und Wladimir Putin.

Mangelnde Sensibilität

Es sei „unwürdig“ gewesen, „wie Israel und Russland diesen Gedenktag teilweise kaperten“. Doch was genau wirft die Redakteurin dem israelischen Regierungschef Netanjahu und dem russischen Staatspräsidenten Putin vor? Sie hätten „vor der offiziellen Veranstaltung sozusagen ihre eigene politische und erinnerungspolitische Privatparty“ gefeiert. Das Wort „Privatparty“ bezieht sie auf die Einweihung eines Denkmals zur Erinnerung an die Blockade von Leningrad – und zeugt in diesem Zusammenhang von mangelnder Sensibilität.

Mitleid hat sie dabei nur mit Holocaust-Überlebenden und Politikern, die in Yad Vashem auf den Beginn der zentralen Veranstaltung warten mussten, weil die Einweihung länger dauerte als geplant. Dass sich in der belagerten Stadt auch zahlreiche Juden gegen die Nazis erhoben und sie es möglicherweise wert sein könnten, dass ihrer ein wenig länger gedacht wird, klammert sie aus. Wer bereits in Israel gelebt hat, weiß zudem, dass Veranstaltungen mitunter später anfangen als geplant. Aber bis ins ARD-Hauptstadtstudio hat sich das offenbar noch nicht herumgesprochen.

Natürlich ist es nicht verboten, Netanjahu und Putin zu kritisieren. Ihre „demonstrativ überlangen Gespräche“ bei der Einweihung aber in den Mittelpunkt eines Kommentars über eine so komplexe Angelegenheit zu stellen, wirkt etwas künstlich – auch wenn Müller den beiden immerhin zugesteht, ihre Auftritte bei der Gedenkveranstaltung in Yad Vashem „eklatfrei“ hinter sich gebracht zu haben.

Doch damit nicht genug. Sie lässt sich auch zu der These hinreißen: Wegen der beiden Politiker seien Zweifel angebracht, ob aus dem Erinnern tatsächlich konkrete Schritte folgen, „mit denen der grassierende weltweite Antisemitismus zurückgedrängt werden kann“. Genauso könnte die Journalistin dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda vorwerfen, durch seine Absage der Teilnahme am Welt-Holocaust-Forum habe er verhindert, dass Schritte gegen Antisemitismus unternommen werden können.

Fördert der Kommentar Antisemitismus?

Ob sie mit Überlebenden gesprochen hat, lässt sich aus dem Kommentar nicht ersehen. Aber zitierenswert erscheinen sie ihr offensichtlich nicht. Auch das spricht Bände. Technisch gesehen muss sie das nicht, in einem Kommentar muss sie nicht alles abdecken. Eher stellt sich die Frage, ob solch undifferenzierte Kritik am Regierungschef des jüdischen Staates nicht letztlich Antisemitismus fördert.

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