Vier Jahre lang war Adi Farjon Pressesprecherin der israelischen Botschaft in Deutschland

Vier Jahre lang war Adi Farjon Pressesprecherin der israelischen Botschaft in Deutschland

Israels Botschafts-Sprecherin lobt zum Abschied deutsche Presse

Von 2014 bis 2018 war Adi Farjon Pressesprecherin der israelischen Botschaft in Berlin. Jetzt kehrt die 38-Jährige nach Israel zurück. In einem Gastbeitrag zieht die Kommunikatorin mit Diplomatenstatus Bilanz – und zollt der deutschen Presse Respekt.

Eigentlich war es verboten. Aber es war ein schöner Samstag und ich hatte es vergessen. Im Juni lief ich mit meinem fünfjährigen Sohn durch meine geliebte Nachbarschaft in Charlottenburg und kam zufällig am Demonstrationszug des sogenannten „Al-Quds-Tages“ vorbei, der an diesem Tag durch die Straßen kroch. (Anmerkung der Redaktion: im Iran ein gesetzlicher Feiertag, an dem es alljährlich zu Massendemonstrationen gegen Israel kommt). Unsere Sicherheitsabteilung der Botschaft will nicht, dass wir dort hingehen, schließlich demonstrieren dort Menschen mehr oder weniger offen für die Vernichtung Israels. Mein Sohn hörte die wütenden Sprechchöre und fragte, was die Leute wollen.

Ich versuchte, eine einfache Antwort zu geben.

„Sie hassen Israel“, sagte ich.

„Hassen sie auch Deutschland?“, fragte mein Sohn.

Vier Jahre lang habe ich als Pressesprecherin der Israelischen Botschaft gearbeitet. Ich war gerne in Deutschland. Wie es für Diplomaten üblich ist, gehe ich nun nach Israel zurück. Über den Satz meines Sohnes muss ich in diesen Tagen viel nachdenken. Er brachte mich darauf, dass sich in Deutschland viel verändert hat, seit ich angekommen bin, und wie sehr diese Veränderungen die Medienwelt betreffen.

Als ich vor vier Jahren nach Deutschland kam, hatte dieser Prozess der Veränderung gerade begonnen. Nur wusste ich davon noch nichts.

Was im Nahen Osten passiert, bleibt nicht im Nahen Osten

Wir waren im Alarmzustand. Es war Sommer 2014, die Militäroperation „Starker Fels“ im Gazastreifen lag gerade hinter uns. In Deutschland hatten Teilnehmer auf Anti-Israel-Demonstrationen im ganzen Land „Hamas! Hamas! Juden ins Gas“ oder „Schlachtet die Juden“ gerufen. Die Polizei war anfangs damit überfordert. Und auch in vielen Medien begann die Aufarbeitung dieser Welle von Judenhass mitten in Deutschland etwas schleppend. Aber sie gewann schnell an Kraft.

Damals, als Anhänger von Terror-Organisationen wie Hamas und Hisbollah durch deutsche Städte marschierten, war etwas geschehen. Es war für alle sichtbar, aber vielleicht fehlte noch das Bewusstsein dafür: Was im Nahen Osten passiert, bleibt nicht im Nahen Osten.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Auch wenn dieser Sommer für uns Israelis einen Tiefpunkt markierte, bin ich doch gerne nach Deutschland gekommen. Als ich sah, dass eine große Zeitung die Gesichter aller 64 bei der Operation in Gaza getöteten israelischen Soldaten gedruckt hatte, berührte mich das sehr.

Wir empfinden die Berichterstattung nicht immer als fair

Überhaupt schien mir, dass Israel in deutschen Medien nicht wie ein außenpolitisches Thema behandelt wurde, sondern in seiner Prominenz eher wie ein deutsches. Ich meine damit die Häufigkeit der Berichterstattung: Über den israelisch-palästinenischen Konflikt war täglich etwas in deutschen Medien zu lesen oder zu hören.

Aber das hat sich geändert.

Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich zugebe, dass ich als Pressesprecherin für Israel ein Interesse daran habe, dass Konflikt und Militär nicht ständig in der Presse sind. Israel ist viel mehr als der Konflikt. Auch empfinden wir die Berichterstattung nicht immer als fair. Wir werden gelegentlich zu den Angreifern gemacht und jene, die offen zu unserer Vernichtung aufrufen, zu den Opfern. Aber bleiben wir ehrlich: Natürlich ist uns das Thema auch aus anderen Gründen unangenehm. Es ist nie gut, bewaffnete Konflikte zu führen – auch wenn man es muss.

Vielleicht muss man für die Konflikte des Nahen Ostens nicht mehr nach Israel schauen. Araber und Juden. Kurden und Türken. Sunniten und Schiiten. All die Probleme und auch Hoffnungen, die damit verbunden sind, finden Journalisten nun auch in Berlin, Bonn, Stuttgart oder Leipzig.

Seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 hat sich der Fokus der Medien weiter verschoben. Wirklich prominent findet der Nahost-Konflikt nur noch in seinen traurigen Höhepunkten in Zeitungen und Fernsehen statt. Sind No News aus unserer Sicht Good News? Vielleicht. Neues Top-Thema dagegen ist der Islamismus in Deutschland. Ich bin mir ganz sicher: Wenn heute Anhänger der Hamas durch Berlin laufen und „Jude, Jude, feiges Schwein“ rufen würden, so wie im Jahr 2014, es wäre viel schneller in den Schlagzeilen als damals.

Antisemitismus unter dem Deckmantel der Israelkritik

Spätestens, seitdem israelische Flaggen in Berlin gebrannt haben, stand eine wichtige Botschaft prominent in allen wichtigen deutschen Medien, die wir zuvor mühsam und in sperrigen Sätzen in Hintergrundgesprächen erklären mussten: Es gibt Antisemitismus unter dem Deckmantel der Israelkritik. Heute weiß fast jeder Journalist, was damit gemeint ist. Auch, dass Kritik an Israel selbstverständlich nicht gleich antisemitisch ist. Leider gibt es diesen versteckten Antisemitismus in der Bevölkerung immer noch. Viel mehr: Er nimmt leider zu, wie zahlreiche Studien nahelegen.

So änderte sich auch das, was Journalisten von uns gewöhnlich wissen wollen. Anstelle von: „Wann wird es bei uns endlich Frieden geben“, rückte diese Frage auf den ersten Platz: „Welchen Antisemitismus finden hier lebende Israelis bedrohlicher? Den importierten Antisemitismus der Einwanderer aus Ländern des Nahen Ostens oder den klassischen deutschen?“ Wir können dazu nur sagen, dass Antisemitismus für uns immer schlimm ist, egal von wem er kommt.

Plötzlich aber hatten wir „neue Freunde“, die wir uns nicht ausgesucht hatten. Es fing in Dresden an, als bei Pegida-Spaziergängen auf einmal israelische Flaggen auftauchten. Und das war erst der Anfang. Später äußerten Politiker der AfD auf verschiedenen Kanälen ihre Unterstützung für Israel. Mit anderen Äußerungen aus der Partei passt das aber gar nicht zusammen. Eine der jüngsten ist die Sache mit dem „Fliegenschiss“.

Keinen Kontakt zur AfD

Zu den Fragen, die uns von Journalisten am häufigsten gestellt werden, ist eine weitere neue dazu gekommen: Was wir von der AfD halten. Wir als Diplomaten müssen sensibel sein. Es ist nicht unsere Aufgabe, innenpolitische Themen zu kommentieren. Aber wir haben mehrfach offiziell erklärt, dass wir keinen Kontakt mit der AfD haben.

Auch Vertreter der AfD melden sich gelegentlich bei uns in der Botschaft. Meist mit der Frage, welche Anhaltspunkte wir denn dafür hätten, dass es in der AfD überhaupt Antisemitismus gebe. In der AfD tun einige so, als wenn er gar nicht existierte.

Antisemitismus ist nicht nur ein Problem für Juden, sondern auch für die deutsche Gesellschaft. Journalisten der traditionellen Medien in Deutschland sind sich dessen bewusst. Und doch war es eine weitere Veränderung der Medienwelt, die eine große Öffentlichkeit schockierte: In einem sechs Minuten langen Facebook-Video beschimpfte ein Deutscher einen israelischen Gastwirt in Berlin. Er fing damit an, Israel zu kritisieren und endete mit der Ansage, alle Juden würden in den Gaskammern landen.

Deutsche Presse war beste Medienschule

Später erzählte mir ein junger Bekannter, dass er so etwas als Jude in Deutschland selbst schon erlebt hatte und er erleichtert sei, dass nun alle sehen könnten, wie sich das anfühlt. Bei allen Nachteilen, die Soziale Medien mit sich bringen: Es ist gut, dass solche Angriffe nun öffentlich werden.

Die deutsche Presse war für mich die beste Medienschule, die ich jemals hätte haben können. Ich habe großen Respekt vor der Qualität des Journalismus in Deutschland. Es gibt so viele hochwertig gemachte Titel, so viel investigative Recherche, davon kann ein kleines Land wie Israel nur träumen.

Zurück zur Frage meines Sohnes. Die Menschen, die auf der „Al-Quds“-Demonstration zur Vernichtung Israels aufrufen – natürlich hassen sie nicht nur Israel, sondern auch das, was Deutschland ausmacht: Demokratie, Freiheit, Rechtsstaat. Aber sie haben mit deutschen Journalisten einen starken Gegner.

Adi Farjon ist israelische Diplomatin, von 2014 bis 2018 war sie Pressesprecherin der israelischen Botschaft in Deutschland.

Dieser Text wurde zuerst auf dem Medien-Portal meedia.de veröffentlicht. Wir danken für die freundliche Veröffentlichungsgenehmigung.

Von: Adi Farjon

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