Auf dem Ersten Zionistenkongress hatte Herzl vor allem Unterstützung von Juden aus Osteuropa

Auf dem Ersten Zionistenkongress hatte Herzl vor allem Unterstützung von Juden aus Osteuropa

Die Geburt des politischen Zionismus

Der Erste Zionistenkongress in Basel war eine wichtige Station auf dem Weg zum jüdischen Staat. Doch vor allem in Westeuropa stieß der Begründer des politischen Zionismus vor 120 Jahren auf Skepsis.

Der Zionismus ist eine Erfolgsgeschichte, bilanziert der Historiker Michael Wolffsohn 120 Jahre nach dem Ersten Zionistenkongress in Basel. Als eine Begründung führt er an: „Muslimischen und erst recht christlichen Palästinensern in Zion geht es sozial und wirtschaftlich besser als den meisten ihrer arabischen Brüder in islamischen Staaten. Israels Araber leben in einem Rechtsstaat, und sie leben sicherer.“

In der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“ weist Wolffsohn auf den häufig geäußerten Vorwurf hin, die Juden hätten die Araber mit der Staatsgründung 1948 aus dem Land vertreiben wollen. „Das ist der Stand der Forschung: Ja, es gab punktuelle, aber eben keine systematischen Vertreibungen“, schreibt der Geschichtsexperte dazu. „Nicht selten hört man: Israel wolle die Palästinenser aus dem Westjordanland vertreiben. Auch das ist Fiktion.“

Antwort auf zunehmenden Antisemitismus

Beim Ersten Zionistischen Kongress Ende August 1897 war von einer Vertreibung der in Palästina lebenden Araber ebenfalls keine Rede. Vielmehr wurden die schon vorhandenen Bewohner ignoriert. Als Ziel formulierten die Delegierten auf der Tagung: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.“

Der politische Zionismus war eine Antwort auf den Antisemitismus, der sich Ende des 19. Jahrhunderts in Europa breitmachte. Anfang der 1880er Jahre flohen zahlreiche russische Juden vor Pogromen ins damals zum Osmanischen Reich gehörende Palästina. Für den Korrespondenten der Wiener „Neuen Freien Presse“ in Paris, Theodor Herzl, gab der Prozess gegen den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus, den Ausschlag. Mit Entsetzen beobachtete er, wie „die“ Juden zur Zielscheibe der Öffentlichkeit wurden. Dass sich später Dreyfus' Unschuld herausstellte, interessierte den Mob nicht.

Herzl schloss daraus, dass die Assimilation der Juden in Europa gescheitert sei. Deshalb entwickelte er die Idee eines Judenstaates, den er zunächst nicht genau lokalisierte. Aus seiner Sicht kamen mehrere Orte dafür infrage, einer davon war Argentinien. Seine Vorstellungen von dem zu gründenden Staat fasste er im 1896 erschienenen Buch „Der Judenstaat“ so zusammen: „Der ganze Plan ist in seiner Grundform unendlich einfach, und muss es ja auch sein, wenn er von allen Menschen verstanden werden soll. Man gebe uns die Souveränität eines für unsere gerechten Volksbedürfnisse genügenden Stückes der Erdoberfläche, alles andere werden wir selbst besorgen.“

Herzl war nicht der Erste

Doch hat Herzl weder die Idee noch die Bezeichnung des Zionismus erfunden. Das Wort für den Wunsch, im damaligen Palästina einen jüdischen Staat zu gründen, stammt von Nathan Birnbaum. Er schrieb 1893 ebenfalls in Wien ein Buch mit dem Titel: „Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem eigenen Lande als Mittel zur Lösung der Judenfrage. Ein Appell an alle hochgesinnten Menschen guten Willens.“ Ihn lernte Herzl kennen, nachdem „Der Judenstaat“ erschienen war.

Ein noch früherer Vorreiter war Leon Pinsker aus Odessa. Sein Buch erschien bereits 1882 unter dem Titel: „Autoemanzipation – Ein Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden“. Darin sprach er sich für einen jüdischen Staat in Palästina oder an einem anderen Ort aus. Diese Schrift bekam Herzl erst in die Hände, als sein „Judenstaat“ vollendet war.

Der Publizist Henryk M. Broder weist in einem Nachwort zu einer Neuauflage von „Der Judenstaat“ aus dem Jahr 1996 auf diese Vorgänger hin. Er stellt die Frage, warum ausgerechnet Herzl so viel Erfolg hatte: „Im Gegensatz zu Pinsker, Birnbaum und anderen Frühzionisten, die sich ihre Schriften gegenseitig vorlasen, geriet Herzl mit seinem Judenstaat sofort in das Licht der großen Öffentlichkeit. Warum ihm vergönnt war, was anderen versagt blieb, ist auch aus der zeitlichen Distanz von 100 Jahren schwer zu sagen: lag es an der Persönlichkeit des Verfassers, dem Zeitpunkt des Erscheinens, dem provokativen Titel ‚Der Judenstaat’ – der zwei völlig heterogene Elemente auf einen Begriff brachte –, am Zusammentreffen aller Umstände oder war es einer jener Zufälle, die sich nicht erklären lassen, die man als Laune der Geschichte einfach hinnehmen muss?“

Parallele Strömungen

Indes hatte Herzl nicht nur mehrere Vorreiter. Parallel zu seinen Ideen entwickelten sich in Europa drei weitere Konzepte, mit denen Juden gegen Antisemitismus vorgehen wollten. Darauf macht der Münchener Historiker Michael Brenner in seinem 2016 veröffentlichten Buch „Israel. Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates“ aufmerksam. Vollständige Assimilation propagierte demnach 1897 in Berlin der Großindustrielle und Politiker Walter Rathenau. Nach seiner Vorstellung sollte der Stamm der Juden in den Deutschen untergehen, ähnlich wie die Bayern oder die Sachsen. Eine Konversion um des lieben Friedens willen hielt er hingegen für lügnerisch und für unnütz.

Einen anderen Ansatz hatten die osteuropäischen jüdischen Sozialisten, die am 25. September desselben Jahres in Wilna den Arbeiterbund gründeten: Sie sahen in der Judenfrage weniger eine politische Angelegenheit als eine soziale und wirtschaftliche. Sozialismus war für sie deren Lösung. In den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg kämpften Zionisten und Bundisten als nahezu gleichwertige Rivalen um die Vorherrschaft in den jüdischen Gemeinden Osteuropas.

Mit dem Namen des bedeutsamen jüdischen Historikers Simon Dubnow verbunden ist der sogenannte „Diasporanationalismus“. Dessen Anhänger sprachen sich dafür aus, eine gewisse Autonomie für Juden in Osteuropa zu schaffen. Ab Dezember 1897 trafen sich in Odessa am Schwarzen Meer regelmäßig Intellektuelle, um über diese Idee zu debattieren. Für Dubnow bedeutete der normale Verlauf der jüdischen Geschichte „nicht die Rückkehr der Juden in ihr erstes historisches Zentrum, sondern die Bildung ständig neuer Zentren“, stellt Brenner fest. Dubnow wurde 1941 im Rigaer Ghetto von den Nationalsozialisten ermordet.

Begeisterung bei Ostjuden

In die Geschichtsbücher eingegangen ist trotz der drei anderen Strömungen der politische Zionismus. Vom 29. bis 31. August 1897 tagten in Basel erstmals Juden auf internationaler Basis, um sich über einen modernen jüdischen Staat Gedanken zu machen. Der Widerstand zumindest in Westeuropa war indes groß: Ursprünglich sollte dieser Erste Zionistische Kongress in München abgehalten werden, doch die dortigen jüdischen Gemeinden lehnten dies ab, weshalb er in die Schweiz verlegt wurde. Die osteuropäischen Juden, die in jener Zeit stärker mit Antisemitismus konfrontiert waren, reagierten hingegen begeistert.

Broder schreibt dazu: „Ein bürgerlicher Wiener Jude, der von seinen Freunden nicht ernst genommen wurde und von seinen Feinden als Scharlatan und Demagoge verschrien wurde, gab den Massen armer Juden in Osteuropa, von deren Existenz er bis dahin kaum eine Ahnung hatte, Hoffnung auf ein besseres Leben noch vor dem Tode. Herzls Judenstaat war ein grandioser utopischer Entwurf, ein spätes Produkt des europäischen Nationalismus und vor allem: ein entschiedener Bruch mit der jüdischen Tradition des passiven Leidens und des Wartens auf die Erlösung durch die Ankunft des Messias.“

Herzl wertete den Antisemitismus in „Der Judenstaat“ als Folge der jüdischen Emanzipation. Die Juden hätten sich dadurch zu einer „fürchterlichen Konkurrenz“ für den Mittelstand entwickelt. Der Judenhass werde dazu beitragen, dass seine Bewegung Anhänger gewinne: „Ein mühsames Anfachen der Bewegung wird wohl kaum nötig sein. Die Antisemiten besorgen das schon für uns. Sie brauchen nur soviel zu tun wie bisher, und die Auswanderlust der Juden wird erwachen, wo sie nicht besteht und sich verstärken, wo sie schon vorhanden ist.“ Er ergänzte: „Palästina ist unsere unvergessliche historische Heimat. Dieser Name allein wäre ein gewaltig ergreifender Sammelruf für unser Volk.“ Dass Antisemitismus wenige Jahrzehnte später ein Drittel der europäischen Judenheit vernichten und Hunderttausende Überlebende nach Israel treiben würde, konnte der Pionier jedoch nicht ahnen.

Broder vertritt die Ansicht, Herzl habe sich in klaren Widerspruch zur vorherrschenden Meinung gestellt. „Juden wie Nichtjuden hielten die Judenfrage entweder für ein soziales Problem, das mit der Anpassung der einen an die anderen behoben werden könnte, oder für eine Frage mangelnder religiöser Toleranz. Würden die Juden etwas weniger jüdisch und die Nichtjuden ein wenig duldsamer werden, wäre das ganze Problem vom Tisch. Herzls Feststellung, es handle sich um eine ‚nationale Frage‘, verlegte die Diskussion auf eine Ebene, auf der es nicht mehr um Anpassung, Verständnis und Toleranz ging.“

Vom Antisemitismus zum Antizionismus

Wolffsohn geht in seinem Artikel in der „Jüdischen Allgemeinen“ darauf ein, dass sich der Antisemitismus zum Antizionismus verschoben habe: „Die“ Juden, meist gleichgesetzt mit „den“ Zionisten, seien die global bevorzugten Sündenböcke geblieben. Gegen Israel beziehungsweise Zionismus bestehe in der UNO tatsächlich eine „Internationale Gemeinschaft“. „Die Akteure und Gründe haben sich geändert, nicht die Zielgruppe, also Juden als Juden, gleich welcher politischen Richtung.“

Dabei habe es seit jeher drei Lager im Zionismus gegeben, erklärt der ehemalige Dozent der Bundeswehrhochschule in München derlei Verallgemeinerungen für absurd: das linke, das bürgerliche und das religiöse Lager. „Längst sind die Grenzen fließend. Selbst intern waren diese Blöcke nie homogen. Von ‚dem’ Zionismus zu sprechen, war und ist daher eine analytisch inakzeptable Aussage.“ Selbst über Fragen wie die Grenzen Israels habe unter den Zionisten nie Einigkeit geherrscht. „Ist das ein Manko?“, fragt Wolffsohn und gibt gleich die Antwort: „Nein, denn so ist das eben unter Demokraten.“

Broder wiederum thematisierte schon vor 20 Jahren die Resolution 3379 der UNO-Generalversammlung aus dem November 1975, laut der Zionismus mit Rassismus gleichzusetzen sei. Für den Publizisten zeigen diese und andere anti-israelische Schritte von internationaler Seite, dass das Ziel einer „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte noch nicht erreicht sei. „Wie diese Resolution zustande gekommen ist, welche Art von Heuchelei und Doppelmoral in ihr zum Ausdruck kam, spielt langfristig keine Rolle. Danach galt der Zionismus in weiten Teilen des politischen Spektrums nicht mehr als eine nationale Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, sondern als ein Landraubunternehmen wildgewordener Siedler, die in Palästina eingefallen sind, um ein anderes Volk zu vertreiben und zu entrechten.“ Erst im Dezember 1991 wurde die Resolution wieder aufgehoben.

Arabischer Widerstand

Der 2004 verstorbene Palästinenserführer Jasser Arafat begründete den bewaffneten Widerstand gegen Israel mit dem Ersten Zionistenkongress. Im Februar 2002 sagte er vor einer Delegation der „Volkskampagne für die Verteidigung des nationalen Projekts“: „Ein Kampf folgt auf den andern; auf einen Dschihad folgt der nächste und dies seit 1897, als der Zionistenkongress in Basel zusammentrat. Dort wurde gesagt: ‚Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land.‘“ Ausdrücke wie „das zionistische Gebilde“ für den in weiten Teilen der arabischen Welt nicht anerkannten Staat Israel zeigen die abwertende Haltung.

In den Jahren nach 1897 war die Schweiz noch mehrere Male Tagungsort für die Juden, die einen eigenen Staat in Palästina anstrebten. Im Dezember 1946 wurde in Basel der 22. Zionistenkongress abgehalten. Ein knappes Jahr später, am 29. November 1947, beschlossen die Vereinten Nationen die Teilung des britischen Mandatsgebietes Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Infolgedessen wurde der jüdische Staat am 14. Mai 1948 ausgerufen.

Als David Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung verlas, hing Herzls Porträt an der Wand

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Nach den Vorstellungen, die Herzl in „Der Judenstaat“ formuliert hatte, war dieser Staat als ein neutraler gedacht: „Er braucht nur ein Berufsheer – allerdings ein mit sämtlichen modernen Kriegsmitteln ausgerüstetes – zur Aufrechterhaltung der Ordnung nach außen wie nach innen.“ Bereits am Tag nach seiner Gründung wurde der neue Staat Israel jedoch von den Armeen fünf arabischer Staaten angegriffen. Dieser Unabhängigkeitskrieg endete erst im Juli 1949, seitdem gab es weitere bewaffnete Konflikte – aber auch Friedensabkommen mit den Nachbarstaaten Ägypten und Jordanien. Und im Gegensatz zu den Juden, die in der Diaspora immer wieder angefeindet werden, kann sich der jüdische Staat heute gegen Angriffe zur Wehr setzen. Insofern ist zumindest ein Teil von Herzls Vision Wirklichkeit geworden.

Von: Elisabeth Hausen

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