Projizierte Solidarität: Das Brandenburger Tor erstrahlte am Tag nach dem Anschlag in Jerusalem in den israelischen Farben
Projizierte Solidarität: Das Brandenburger Tor erstrahlte am Tag nach dem Anschlag in Jerusalem in den israelischen Farben

Ganz schön solidarisch

Der Anschlag in Jerusalem hat in der westlichen Welt ungewöhnlich viel Mitgefühl ausgelöst. Manche sprechen von einem Sinneswandel gegenüber Israel. Die Frage ist aber, wie sich das neu gewonnene Verständnis dauerhaft niederschlägt. Ein Kommentar von Daniel Frick

Das Brandenburger Tor leuchtet in israelischen Farben, Paris projiziert eine israelische Flagge auf sein Rathaus, auf dem Rathaus von Rotterdam weht eine solche auf halbmast: Die Solidaritätsbekundungen in Europa nach dem Jerusalemer Lastwagen-Anschlag waren ungewöhnlich eindringlich. Angesichts zahlreicher Terrorangriffe auf dem eigenen Kontinent scheinen europäische Länder ein neues Verständnis für Israels Kampf mit dem Terror an den Tag zu legen.

Der Symbolik entsprechen auch die Worte. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich „zutiefst schockiert“ und fühlte sich erinnert an den Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz kurz vor Weihnachten. Die „Tagesschau“ machte in ihrer Ausgabe am Sonntag mit dem Anschlag auf – in der Anmoderation hieß es sogar, Jerusalem sei „Israels Hauptstadt“. Und schon Anfang Dezember erklärte Bundespräsident Joachim Gauck: „Jetzt, wo der Terror näher an uns in Westeuropa heranrückt, kann ich besser jene Bedrohung erfassen, in der die Israelis seit Jahrzehnten leben.“

Beileid statt Ermahnung

Eine Veränderung lässt sich auch auf der Ebene der Europäischen Union beobachten. Der Europa-Korrespondent der Nachrichtenseite „Jewish Telegraph Agency“ weist darauf hin, dass die EU noch vor zwei Jahren bei einem Autoangriff mit einem toten Polizeioffizier mahnte, Zurückhaltung zu üben. In dem Angriff sah sie damals nur einen Beleg dafür, wie wichtig Verhandlungen seien. In der Stellungnahme zu dem Anschlag vom Sonntag ist ein gänzlich anderer Ton zu vernehmen: Keine Ermahnung, sondern Beileid für die Angehörigen der Opfer, Verurteilung der Gewalt und der Hetze.

Am Mittwoch starteten mehrere Botschafter und Diplomaten aus EU-Ländern eine Solidaritätsaktion für Israel. Mit Verweis auf die Anschläge in Nizza, Berlin und Jerusalem stellten sie in Jerusalem einen Lastwagen auf mit dem Motto: „Verschiedene Städte, gleicher Lastwagen – Vereint gegen Terror“.

Mehr oder weniger explizit machen sich die genannten Akteure damit zu Eigen, was der israelische Premier Benjamin Netanjahu nach fast jedem Anschlag – in Israel oder wo auch immer – wiederholt: Terror geht alle etwas an und ist kein israelischer Sonderfall. Immerhin hatte die schwedische Außenministerin Margot Wallström noch nach den Anschlägen in Paris im November 2015 gemeint, man müsse auf den israelisch-palästinensischen Konflikt schauen, denn dieser sei Ursache für weltweite Radikalisierung.

Eine Frage der Dauer

Spätestens seit den Terrorangriffen im Jahr 2016 – etwa Brüssel und Nizza – erscheint so eine Aussage als altbacken: Denn Terrorismus gibt es offenkundig auch ohne eine Besatzung, die oftmals als Ursache für Gewalt der „Unterdrückten“ herangezogen wird. Allerdings: Diese Erkenntnis hätte Europa auch schon früher haben können; es hätte nur genauer hinsehen müssen. Bekannt ist etwa, dass die Terroristen der jüngsten Terrorwelle in Israel alles andere als schlechte Lebensbedingungen hatten. Abgesehen davon gibt die Mehrheit der Palästinenser für Lebensverschlechterungen gar nicht Israel die Schuld, sondern ihrer eigenen politischen Führung, die sie ohnehin als korrupt ansieht.

Bislang sind die Solidaritätsbekundungen, so begrüßenswert sie auch sind, nicht viel mehr als eine Augenblicksaufnahme. Wichtiger wird sein, ob und wie sich dieses neu gewonnene Verständnis auch dauerhaft zeigt. Eine erste Gelegenheit, das zu beobachten, steht schon vor der Tür: Bei der am Sonntag beginnenden Nahost-Friedenskonferenz werden in Paris etwa 70 Länder auf den israelisch-palästinensischen Konflikt schauen.

Von: Daniel Frick

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