Die Landkarte zum „Sykes-­Picot“-Abkommen: Mit einem einzigen Bleistiftstrich teilten die Diplomaten den Vorderen Orient
Die Landkarte zum „Sykes-­Picot“-Abkommen: Mit einem einzigen Bleistiftstrich teilten die Diplomaten den Vorderen Orient

„Sykes-Picot“ – Der Nahe Osten wird geteilt

Vor einhundert Jahren wurde das „Sykes-Picot-Abkommen“ unterzeichnet. Frankreich und England teilten den Nahen Osten für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in Einflusssphären unter sich auf. Nachhaltig hat diese Absprache der Kolonialmächte die Geschichte des Orients geprägt. Heute zerbricht die Staatenordnung, die westliche Diplomaten leichthin mit Bleistiftstrichen auf die Karte geworfen haben.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 setzte vier Jahrhunderten osmanischer Herrschaft ein Ende. Das mächtige Reich der Sultane hatte sich einst über drei Kontinente erstreckt und umfasste Anatolien, das armenische Plateau, den Balkan, Syrien, Mesopotamien, die Arabische Halbinsel, Ägypten und große Teile Nordafrikas. Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatten westliche Interessen bereits am Einflussbereich des „kranken Mannes vom Bosporus“ genagt. Frankreich hatte 1830 Algerien und 1881 Tunesien erobert. 1912 war Marokko zum Protektorat erklärt und Libyen von Italien besetzt worden.

Für die europäischen Kolonialmächte war vor allem der Schnittpunkt dreier Kontinente mit seinen kommerziellen und strategischen Verbindungswegen interessant. 1869 verkürzte der Suez-Kanal den Weg nach Indien und Fernost entscheidend. Alternativ unterstützte das Deutsche Reich den Bau einer Eisenbahnlinie Istanbul-Bagdad und weiter zum Persischen Golf. Und die „Hedschas-Bahn“ sollte Pilger von Damaskus nach Mekka bringen. Neben diesen Transportrouten hatten die Europäer aber auch die natürlichen Ressourcen im Blick, die die endlosen Wüsten Arabiens zu einer Goldgrube machen.

Frankreich und Großbritannien überlegten schon Jahre vor Ende des Ersten Weltkriegs, wie das riesige Gebiet nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs aufzuteilen wäre. Zwischen November 1915 und März 1916 verfassten die Diplomaten Sir Mark Sykes und François Georges-Picot ein Abkommen, das am 16. Mai 1916 in Form eines Briefs des britischen Außenministers Sir Edward Grey an den französischen Botschafter in London, Paul Cambon, als „Kleinasienabkommen“ unterzeichnet wurde.

Auf einer etwa einen Quadratmeter großen Landkarte teilten die beiden Diplomaten mit einem einzigen Bleistiftstrich den Vorderen Orient. Laut Sykes sollte dieser Strich „vom e in Acre zum letzten k in Kirkuk“ – also vom letzten Buchstaben des Städtenamens Akko am Ostrand des Mittelmeers zum letzten Buchstaben der Stadt Kirkuk in Kurdistan – verlaufen. Letztendlich wurde er dann von Mossul nach Haifa gezogen. Alles nördlich dieser Linie – auf der Originalkarte blau gekennzeichnet – war als Einflussbereich Frankreichs gedacht. Die Gebiete südlich davon wurden als Einflusssphäre Großbritanniens rot markiert.

Der Vertragsentwurf sah die Errichtung eines „Arabischen Staates oder eine Konföderation von arabischen Staaten in den Gebieten A und B unter der Oberhoheit eines arabischen Häuptlings“ nach dem Sieg über das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg vor. Ausdrücklich wurden die Städte „Homs, Hama, Damaskus und Aleppo“ als Teile dieses arabischen Staates genannt.

Gleichzeitig sicherten sich die Kolonialmächte aber ihre jeweiligen Einflussbereiche. Großbritannien sollte den Küstenstreifen zwischen Mittelmeer und Jordan, den Süden des Irak, sowie in Galiläa Zugänge zu den Hafenstädten Akko und Haifa bekommen. Entscheidend waren den Briten die Zugänge zum Persischen Golf und zum Mittelmeer, sowie die Wasserversorgung Haifas aus dem Zweistromland, und schließlich die Bahnverbindungen zwischen Kleinasien und dem Persischen Golf. Frankreich sicherte sich den Südosten der Türkei, Syrien, den Libanon und den Nordirak.

Hastige und willkürliche Aufteilung

Das russische Zarenreich, neben dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland sowie der Dritten Französischen Republik der Dritte im Bund der so genannten „Triple Entente“, beanspruchte Armenien, die Verbindungswege vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer und die Herrschaft über die orthodoxen Heiligen Stätten Palästinas für sich. Nach der Oktober-Revolution bezeichneten die Westmächte Russlands Ansprüche als hinfällig. Als Reaktion darauf veröffentlichten die Bolschewiken das bis dahin geheim gehaltene Abkommen am 23. November 1917 in den Zeitungen „Iswestija“ und „Prawda“, um die Rechtmäßigkeit ihrer Ansprüche unter Beweis zu stellen. Am 26. November berichtete der britische „Manchester Guardian“ nicht nur, dass Elsass-Lothringen, linksrheinische bewaldete Flächen, Eisenerz- und Kohleabbaugebiete an Frankreich fallen sollten, sondern auch, dass das bolschewistische Russland Konstantinopel und einen Zugang vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer für sich beanspruche. „Die Briten waren schockiert, die Araber vor den Kopf gestoßen, nur die Türken freuten sich“, schreibt der britische Journalist Peter Mansfield im Rückblick.

Sykes und Picot hatten den Orient, inmitten des Ersten Weltkriegs und einer Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens, nur ungenau, hastig und willkürlich aufgeteilt. Sie selbst schienen kaum überzeugt, dass ihr Abkommen jemals tatsächlich umgesetzt würde.

Uneinigkeit und Ignoranz

Zu den tief gehenden Differenzen zwischen Großbritannien und Frankreich, die strategischen, wirtschaftlichen und religiösen Interessen entsprangen, kam, dass die britische Seite sich selbst nicht einig war. So bereiste Sykes im Frühjahr 1917 den Nahen Osten, traf sich mit zionistischen Führungspersönlichkeiten und äußerte Ansprüche auf ein „Britisches Palästina“. Seine Initiative entsprach aber keineswegs den Vorstellungen seines Außenministeriums und führte letztendlich zur Arabischen Revolte des als „Lawrence of Arabia“ bekannten englischen Offiziers Thomas Edward Lawrence. Am 2. November wurde die berühmte Balfour-Erklärung unterzeichnet. Damit wurden erstmals offiziell jüdische Ansprüche auf eine nationale Heimstätte in Palästina anerkannt.

Innerhalb ihrer jeweiligen Einflussbereiche hatte es das Sykes-Picot-Abkommen den Siegermächten des Ersten Weltkriegs freigestellt, über weitere Grenzen zu entscheiden. Bis in jüngste Zeit definierten diese Entscheidungen die Grenzen der Staaten Irak und Syrien. Aber die von „Sykes-Picot“ vorgeschlagenen Grenzen waren in keiner Weise realistisch. Weder geographische Gegebenheiten noch die Einwohner in den diskutierten Gebieten spielten eine Rolle. Demographische, soziokulturelle oder religiöse Aspekte wurden von Großbritannien und Frankreich schlicht ignoriert.

So kam es, dass arabische Stämme auf verschiedene neu entstehende Staaten verteilt und zerrissen wurden. Zudem lehnten viele Beduinen jede Zentralregierung strikt ab. Das ist ein Grund dafür, weshalb Jahre später in Syrien eine alawitische Minderheit die Macht über die sunnitische Mehrheit erlangte, und im Irak eine sunnitische Minderheit über die schiitische Mehrheit. Die Zukunft der einheimischen Bevölkerung war für den Westen offensichtlich nicht von Interesse. Lokale Führungspersönlichkeiten wurden nie ernsthaft zu Rate gezogen. Zwar rekrutierten die Briten die Beduinenstämme im Kampf gegen die Osmanen, hielten dann aber dafür gegebene Versprechen nicht ein. Verpflichtungen gegenüber Juden, Kurden und Arabern wurden einfach übersehen. Widersprüchliche und weitgehend unvereinbare Versprechungen von Seiten der Briten an religiöse und ethnische Minderheiten sowie verbündete Mächte sind der Grund dafür, dass niemand zufrieden, vielmehr alle Beteiligten enttäuscht und teilweise zutiefst verletzt waren. Die Zionisten waren entsetzt, als sie nur drei Wochen nach der Zusage durch die Balfour-Erklärung den Inhalt des Sykes-Picot-Abkommens kennenlernen mussten.

Die Araber sahen in „Sykes-Picot“ einen Verrat an den Verpflichtungen, die der britische Hochkommissar in Ägypten, Henry McMahon, gegenüber dem Scherifen von Mekka, Hussein Ibn Ali, eingegangen war. McMahon hatte Hussein ein Großkönigreich versprochen, das Arabien, Transjordanien, den Irak und Teile von Syrien hätte umfassen sollen. Gleichzeitig glaubten die Briten, sie könnten Juden durch die Balfour-Erklärung dazu bewegen, ihre Kriegsanstrengungen während des Ersten Weltkriegs zu finanzieren. Um dann während der Mandatszeit die Ordnung und Ruhe unter den Arabern wieder herzustellen, meinten sie gegenüber dem jüdischen Volk eine reservierte, mehrdeutige und nicht selten feindliche Stellung einnehmen zu müssen, wie dies beispielsweise in einer Serie von so genannten „Weißpapieren“ zum Ausdruck kam, die jüdische Einwanderung nach Palästina massiv einschränkte.

Auf der Konferenz in San Remo wurden am 25. April 1920 Syrien und der Libanon zum französischen Mandatsgebiet, während England das Mandat für Palästina, den Irak und Transjordanien erhielt. Am 24. Juli marschierte der französische General Henri Gouraud in Damaskus ein und vertrieb Emir Faisal, der sich dort zum König proklamiert hatte. Die Briten boten Faisal, dem Sohn des Scherifen von Mekka, daraufhin den Thron des Irak. Bis 1932 beherrschte Großbritannien auf diese Weise den Irak, bis 1946 die Franzosen Syrien und den Libanon. Im Mai 1948 zogen sich die Engländer aus Palästina zurück.

Ein explosives Vermächtnis

Der israelisch-arabische Konflikt, wie wir ihn heute kennen, wurde entscheidend durch die Absprachen von Sykes-Picot geprägt. Israelische Historiker bezeichnen die Nahostpolitik Großbritanniens nach dem Ersten Weltkrieg als „zusammenhanglos und widersprüchlich“. Sie werfen den Engländern vor, eine ernsthafte Analyse der aktuellen wie möglichen künftigen Entwicklungen in der Region vermieden zu haben. 2002 gestand Großbritanniens Außenminister Jack Straw ein, viele der Probleme, mit denen er sich befassen müsse, seien die Konsequenz der kolonialen Vergangenheit seines Landes.

Ein Jahrhundert nach Unterzeichnung des Geheimabkommens von Sykes und Picot bleibt der Nahe Osten politisch ein Pulverfass und Schauplatz von kriegerischen Auseinandersetzungen. „Sykes-Picot“ ist zum Urbegriff westlicher Doppelzüngigkeit und Unzuverlässigkeit gegenüber den Völkern des Orients geworden. Eugene Rogan von der Oxford University konstatiert: „Das ist Geschichte, die die arabischen Völker niemals vergessen werden, weil sie direkte Auswirkungen auf die Probleme haben, denen sie sich heute gegenüber sehen.“ Die Teilung nach dem Ersten Weltkrieg habe, so Rogan, ein Vermächtnis des Imperialismus, ein tiefes Misstrauen auf Seiten der Araber gegenüber der großen Machtpolitik und den Glauben an Verschwörungstheorien hinterlassen, die die arabischen Völker seither für ihr Missgeschick verantwortlich machen.

Abu Bakr al-Baghdadi, der selbst ernannte Khalif des so genannten Islamischen Staates (IS), hat die Zerstörung des Sykes-Picot-Abkommens ausdrücklich zu den Zielen seiner Bewegung erklärt. IS-Kämpfer, die im Sommer 2014 mit ihren Humvees „Made in USA“, auf denen die schwarzen Flaggen des Islamischen Staates wehten, die Wüstengrenze zwischen Irak und Syrien durchbrachen, verkündeten nicht nur die Schaffung eines transnationalen Kalifats, sondern feierten gleichzeitig „den Tod von Sykes-Picot“.

Israelis beobachten die Entwicklung in ihrem direkten Umfeld aufmerksam. Die gesamte Landschaft des Nahen Ostens – politisch, gesellschaftlich, religiös, ethnisch, wirtschaftlich und militärisch – verändert sich. Sie stellen fest: Die Monarchen in ihrer Nachbarschaft sind an der Macht geblieben, wobei König Abdallah II. von Jordanien der Ururenkel des Scherifen Hussein Ibn Ali von Mekka ist. Alle künstlichen Arrangements, die von Ausländern hierher gebracht wurden, sind in sich zusammengebrochen. Während die von Europa auf die Karte Nordafrikas und des Nahen Ostens gemalten Grenzen verschwinden und von der Sahara bis ins Zweistromland die staatlichen Autoritäten kollabieren, besinnen sich die Menschen auf traditionelle Identitäten, Stammeszugehörigkeiten und Religion. Extremisten und religiöse Fanatiker füllen das Machtvakuum, Millionen sind auf der Flucht. (jg)

Von: Johannes Gerloff

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