Jom-Kippur-Krieg: Ein verwundeter israelischer Soldat wird evakuiert
Jom-Kippur-Krieg: Ein verwundeter israelischer Soldat wird evakuiert

Erinnerungen an den Jom-Kippur-Krieg 1973

Vor 40 Jahren begann der Jom-Kippur-Krieg. Der trotz Warnungen völlig unerwartete Angriff hat sich im kollektiven israelischen Gedächtnis eingegraben. Auch Nahostkorrespondent Ulrich W. Sahm hat persönliche Erinnerungen an die Kämpfe, welche die Existenz des jungen jüdischen Staates bedrohten.

„Die Sirenen heulten. Ich stürzte aus der Synagoge und sah plötzlich Autoverkehr mitten in Tel Aviv. Das am Jom Kippur. So was hat es noch nicht gegeben“, erinnert sich ein Israeli. In Turnschuhen, mit umgehängtem Gebetsmantel, eilten die Männer zu ihren Einheiten. Panzer fuhren auf ihren Ketten zur Front. Das Land stand unter Schock. Damals hatte Israel weniger als 3 Millionen Einwohner.

Der Nachrichtensprecher Arieh Golan wurde vor 40 Jahren schon am Morgen des 6. Oktober in die Heleni-Hamalka Straße in Jerusalem gerufen, wo in einem alten äthiopischen Palast bis heute „Kol Israel“ (die Stimme Israels) untergebracht ist. Am Jom Kippur, dem Versöhnungstag, dem höchsten jüdischen Feiertag, an dem auch nichtreligiöse Juden fasten, in die Synagogen gehen, kein einziges Auto fährt und das Radio schweigt, erhielt Golan die Anweisung, um 14 Uhr nach den typischen Piepsern die Nachrichten zu sprechen. „Die Armeen Ägyptens und Syriens haben das Feuer auf unsere Streitkräfte eröffnet.“ Er hatte den Satz kaum ausgesprochen, da unterbrach ihn ein markerschütterndes Geschnatter. Eine andere Stimme rief: „Fleischtopf, Fleischtopf“. Das war das Codewort für eine Generalmobilisierung aller Reservisten.

Übermächtiger Gegner

Die israelische Armee hatte seit 1967 am Suezkanal gestanden. Wegen des Feiertags waren die Besatzungen der Festungen entlang des stillgelegten Wasserwegs ausgedünnt worden. Als die ägyptische Artillerie die israelischen Stellungen mit Sperrfeuer nieder hielt und weich klopfte, wurden die Soldaten buchstäblich aus dem Mittagsschlaf geholt.

Am Ostufer des Suezkanals hatte Israel Erdwälle errichtet und darin Rohre verlegt. Bei einem Ansturm ägyptischer Soldaten sollte Öl auf das Wasser gespritzt und angezündet werden. Doch kein Mensch hatte daran gedacht, diese Abwehr instand zu halten. Zehntausende ägyptische Soldaten stürmten die Erdwälle und spülten sie mit Wasser weg. Die meisten israelischen Stellungen waren von einer riesigen ägyptischen Übermacht umzingelt und mussten sich ergeben. Wer nicht gefallen war, ging in Gefangenschaft. Die ägyptische Infanterie schoss israelische Panzer ab wie Fliegen, mit durch Drahtkabel gelenkten Panzerabwehrraketen sowjetischer Produktion. Schwerste Verluste erlitt auch die israelische Luftwaffe wegen sowjetischer SAM 2 Flakraketen.

Syrische Truppen überschwemmten die Golanhöhen so plötzlich, dass nicht einmal Frauen und Kinder aus den Kibbutzim evakuiert werden konnten. Die Syrer stießen bis zum Jordanfluss vor, blieben dann aber aus mysteriösen Gründen stehen.

Warnungen wurden überhört

Bis heute ist umstritten, wieso Premierministerin Golda Meir die Warnungen des jordanischen Königs Hussein und eines ägyptischen Doppelagenten zu dem bevorstehenden Kriegsausbruch in den Wind geschlagen hatte. Truppenbewegungen in Ägypten und Syrien waren beobachtet, aber als „Manöver“ abgetan worden. Eine Erklärung lautet: Israel war noch im Konzept verfangen, dass die arabischen Armeen nach ihrer vernichtenden Niederlage von 1967 (Sechs-Tage-Krieg) „niemals“ mehr Israel angreifen würden.

Nach drei Tagen schwerster Kämpfe, Niederlagen und dem Verlust aller vorderen Verteidigungslinien redete Verteidigungsminister Mosche Dajan vom „Untergang des dritten Tempels“. Zweimal hatte das Judentum die Zerstörung des Tempels in Jerusalem als traumatischen Wendepunkt erfahren. Jetzt stand der nur 25 Jahre zuvor gegründete Staat Israel für den „Tempel“ und seine Vernichtung galt als unabwendbar. Dajan drohte mit der „Waffe des jüngsten Tags“.

Ein amerikanischer Diplomat „überhörte“ diese an ihn gerichteten Worte. Ob Dajan Atombomben auf Kairo oder Damaskus abwerfen wollte, ist nie bestätigt worden. Aber die Amerikaner verstanden den Wink mit dem Zaunpfahl. US-Außenminister Henry Kissinger gab die Anweisung, Israel per Luftbrücke mit Waffen und Munition auszustatten. Ausgerechnet Deutschland verweigerte den amerikanischen Transportern die Zwischenlandung zum Auftanken. Derweil machten die USA und die Sowjetunion ihre Atomwaffen scharf, zum dritten Mal seit dem Mauerbau in Berlin und der Kuba-Krise.

Schock wirkt bis heute

Der Rest ist Geschichte. Das winzige Israel und Ägypten lieferten sich bei der „Chinesischen Versuchsfarm“ im Sinai die größte Panzerschlacht seit dem Zweiten Weltkrieg. Nach drei Wochen schwerster Kämpfe standen die Israelis 101 Kilometer vor Kairo und 65 Kilometer vor Damaskus. Fast 3.000 israelische Soldaten und Zehntausende Ägypter wie Syrer waren gefallen. Der Schock dieses Krieges steckt den Israelis bis heute in den Knochen.

Seit 1973 hat es keinen konventionellen Krieg mehr zwischen Israel und den arabischen Nachbarstaaten gegeben. Aber dass die israelische Vernichtungsangst bis heute präsent ist, zeigt sich etwa bei der Reaktion auf das iranische Atomprogramm.

Persönliche Erinnerungen

Als der Krieg 1973 ausbrach, war ich in Tübingen an einem wissenschaftlichen Projekt beteiligt. Ich war 23 Jahre alt. Dank guter Kontakte zur israelischen Botschaft in Bonn ergatterte ich am dritten Kriegstag einen Sitzplatz in einer El-Al-Maschine. Am Flughafen telefonierte ich noch mit meiner Mutter. Sie war in Panik. Lautstark bestand ich darauf, nach Israel zu fliegen, wo ich schon drei Jahre lang studiert hatte. Wir durften kein Gepäck mitnehmen, weil der Laderaum „belegt“ war. Der Koffer wurde drei Wochen später nachgeliefert. Auch die hinteren Sitzplätze wurden in Frankfurt mit Kisten vollgepackt. Im Morgengrauen erreichten wir die Küste vor Israel. Aus den Fenstern sahen wir Kampfflugzeuge. Sie „klebten“ an den Flügeln unserer Boeing. Tel Aviv war nicht zu sehen. Alles war abgedunkelt. Nur ein Gebäude war hell erleuchtet: der Ben-Gurion-Flughafen.

Ich meldete mich freiwillig. Erst wurde ich zum Großmarkt abgeordnet, weil alle Männer an der Front kämpften. Nächtelang habe ich Kisten mit wunderbaren frischen Früchten umgeladen. Dann rief mich das Hadassah-Hospital. Meine Aufgabe: Wegen Infektionsgefahr Familienangehörige abweisen, die verletzte Soldaten mit Verbrennungen besuchen wollten. Es gab schwer zu ertragende Szenen. Zwischendurch half ich, die Krüppel mit den Verbrennungen zu waschen. Unter den Verletzten war auch Abraham, der Bruder meiner Freundin Carmela. Er sah ganz unversehrt aus und war doch der schwerstverletzte Soldat jenes Krieges. Eine Kugel hatte ihm zwei Zähne ausgeschlagen und dann einen Halswirbel durchgetrennt. Er war völlig gelähmt. Nur sein Kopf funktionierte noch.

Von: Ulrich W. Sahm

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