Meinung

Kein Grund für christliche Überheblichkeit

Eine Ersatztheologie prägte über Jahrhunderte die kirchliche Lehre zu Israel und den Umgang mit Juden. Doch der Predigttext zum diesjährigen Israelsonntag widerlegt die Auffassung, die Kirche habe Israel als Gottes Volk abgelöst. Ein Impuls
Von Elisabeth Hausen
Die Statuen Ecclesia und Synagoge an der Pariser Notre-Dame-Kathedrale zeugen von kirchlicher Judenfeindschaft

Im Brief an die christliche Gemeinde in Rom entfaltet Paulus seine Theologie. Drei der 16 Kapitel – 9 bis 11 – befassen sich mit der Rolle Israels und der Beziehung zwischen Judentum und Christentum. Der Apostel macht deutlich: Dass ein Großteil der Juden Jesus und seine Botschaft ablehnen, bedeutet nicht, dass Gott sein Volk verworfen hat.

Einen Abschnitt aus den drei Kapiteln schlägt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) als Predigttext für den diesjährigen Israelsonntag vor, den sie am 9. August begeht. Darin heißt es:

Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20): „Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.“ Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
(Römer 11,25–32)

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Text zu deuten. Eine bequeme besteht darin, sich auf den Satz zu konzentrieren: „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren“ (25). Daraus kann dann eine Ersatztheologie folgen, nach der die Kirche Israel als Gottes auserwähltes Volk abgelöst habe – und Christen können sich als etwas vermeintlich Besseres fühlen.

Jahrhundertelang haben die Kirchen genau diese Theologie vertreten, was zu Antijudaismus und auch Antisemitismus führte. Dazu trug sicher auch die aus dem Kontext gerissene Bezeichnung „Feinde“ bei.

Verstockte Christen

Doch Überheblichkeit gegen Gottes Volk Israel wird weder diesem Text noch den Kapiteln 9 bis 11 gerecht, und auch nicht der gesamten Bibel. Offenbar war bei dieser verfehlten Auslegung ein großer Teil der Christen verstockt. Denn die wichtigste Botschaft des Abschnittes wurde übersehen: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen“ (29). Der Bund mit den Vätern gilt – unabhängig von Israels Verhalten.

Der Israelsonntag liegt zeitlich in der Nähe des 9. Tages des jüdischen Monats Av, des Trauertages Tischa BeAv. Dieser erinnert an die Zerstörung der beiden Jerusalemer Tempel. Er fiel in diesem Jahr auf den 23. Juli.

Der 10. Sonntag nach Trinitatis hieß ursprünglich Judensonntag. Im Zentrum stand – nicht immer frei von Häme – das Gedenken an die Zerstörung der Tempel in der Deutung als Gericht an den Juden. Spätestens seit 1978 soll er hingegen als Israelsonntag die bleibende Erwählung des Volkes Israel deutlich machen. Diese Botschaft steckt auch im Predigttext: Die Juden sind Geliebte Gottes (28). Am Ende der Zeit wird ganz Israel errettet (26).

Die vorübergehende Verstockung – die im Übrigen nur einen Teil Israels betrifft – hat gemäß Paulus einen Grund: Auch Nicht-Juden sollen die Chance erhalten, das Evangelium zu hören. Aus dieser Auslegung kann keine Verachtung folgen, sondern nur Dankbarkeit für die Wurzeln, die Christen im Judentum haben.

Was Israel den Christen voraus hat

Anlass zur Überheblichkeit besteht erst recht nicht. Denn in Vers 32 wird deutlich, dass Juden und Gojim Barmherzigkeit und Erlösung benötigen. Allerdings hat Israel den Heidenvölkern etwas voraus. Das fasst Paulus in Römer 9,4–5 zusammen:

„Sie sind Israeliten, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch.“

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien

Schreiben Sie einen Kommentar

5 Kommentare

  1. Liebe Frau Hausen, wenn wir das Kreuz predigen, und erkannt haben, dass wir ohne Jesus nicht leben können, entsteht keine Überheblichkeit. Wenn wir verstanden haben, dass wir in der Taufe (nicht besprenkeln) gestorben sind, und mit Jesus auferstanden sind, dann können wir nicht anders als die Liebe Gottes vom Kreuz zu predigen. Die Reihenfolge ist wichtig, den dreieinen Gott zu lieben und dann alles andere (Familie, Gesundheit, die Schöpfung und auch Israel). Nichts darf den ersten Platz einnehmen!
    Jesus ist Sieger.
    Lieber Gruß Martin

    1. @Untertan
      Unser Bischof, bester Bibelkenner von allen, kämpft seit eh und je gegen christliche Überheblichkeit und für christliche Bescheidenheit.

  2. Liebe Frau Hausen!
    Vielen herzlichen Dank für diesen guten und wertvollen Artikel.
    Grüße aus dem Rheinland H.F.

  3. Der Bund des Ewigen mit dem Volk, welches ER auserwählt hat, ist nach wie vor voll gültig. Und das wird auch so bleiben !

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Israelnetz-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen