BAGDAD (inn) – Die irakische Hauptstadt hat ihr erstes jüdisches Museum. Seit Ende Oktober können sich Besucher mit dem Leben der Bagdader Juden beschäftigen. Das Jüdische Schamasch-Museum ist das erste seiner Art in der Region.
Zur Ausstellung gehören amtliche Dokumente, Schulunterlagen ehemaliger Schüler, Berichte von Familien sowie persönliche Gegenstände und Fotos, berichtete die israelische Zeitung „Jerusalem Post“. Aber auch Haushaltsgegenstände und sakrale Artefakte fanden ihren Weg in das Museum. Nach der Eröffnung am vergangenen Wochenende besuchten bereits mehr als 1.000 Menschen die Ausstellung.
افتتاح متحف يهودي في بغداد وهو الأول من نوعه في مبنى مدرسة شماش الإعدادية اليهودية الواقعة في شارع الرشيد. ومن الفيديوهات التي انتشرت بهذه المناسبة هناك صور عن نمط الحياة اليهودية وصور لعائلات يهودية إضافة إلى شهادات دراسية لطلاب في مدرسة شماش
— إسرائيل بالعربية (@IsraelArabic) October 24, 2026
وتوجت احد الجدران صورة يعقوب شماش… pic.twitter.com/yEIrCk54xk
Museum in ehemaliger Schule
Das Schamasch-Museum befindet sich in den Räumen einer ehemaligen jüdischen Schule. Diese wurde 1928 von Jakub Schlomo Schamasch gegründet und stand jüdischen wie nicht-jüdischen Schülern offen. Seit 1951 konnte die jüdische Gemeinschaft es nicht mehr nutzen.
In den 1970er Jahren beschlagnahmte die irakische Regierung das Gebäude und betrieb dort eine staatliche Schule. Nach einer Gerichtsentscheidung aus dem Jahr 1992 gehöre das Gebäude wieder der jüdischen Gemeinschaft, erklärte der irakische Jurist Ammar al-Tamimi gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Er ist als Anwalt für das „Verwaltungskomitee der irakischen Juden“ tätig, das 1958 gegründet wurde.
Mehrere Versuche, die Räume wieder als Schule zu nutzen, scheiterten, schrieb die arabisch-amerikanische Nachrichtenseite „Al-Monitor“ am Dienstag. Zuletzt etwa an dem Aufstieg des Islamischen Staates (IS), der die Region zwischen 2014 und 2017 beherrschte. Die relative politische Stabilität der vergangenen Jahre habe kulturelle Initiativen begünstigt.
Wer dafür verantwortlich zeichnet, ist indes laut der „Jerusalem Post“ unklar. Während lokale irakische Medien die Förderung auf das „Verwaltungskomitee der irakischen Juden“ zurückführen, geht die in den USA ansässige Organisation für Juden, die aus dem Nahen Osten und Nordafrika stammen (JIMENA) davon aus, dass nicht-jüdische Iraker die Restaurierung durchführten.
Die Organisation begrüßte zwar die Gründung des Museums; zugleich kritisierte sie aber das irakische „Antinormalisierungsgesetz“, das im Mai 2022 verabschiedet wurde und jeden Kontakt zu Israel und Israelis unter Strafe stellt. Das verhindere effektiv, dass Nachfahren der irakischen Juden ihr kulturelles Erbe besuchen können.
Auswanderungswelle nach tödlichem Pogrom
Die jüdische Gemeinschaft im Irak war einmal eine der größten im Nahen Osten. Sie blickt auf eine 2.500 Jahre alte Geschichte zurück, die mit dem Babylonischen Exil begann. Noch in den 1940er Jahren lebten im Irak mehr als 130.000 Juden.
Die erste Emigrationswelle erlebte die Gemeinschaft nach einem tödlichen antijüdischen Pogrom im Juni 1941, das als „Farhud“ in die Geschichte eingegangen ist. Ein muslimischer Mob stürmte während des Schawuot-Festes das jüdische Viertel in Bagdad, setzte Synagogen in Brand und plünderte Geschäfte.
Die Leichname von 179 Opfern konnten identifiziert werden. Forscher des „Zentrums für das Erbe des Babylonischen Judentums“ gehen jedoch von weitaus höheren Zahlen aus, die anonym in Massengräbern begraben wurden.
Die zweite Emigrationswelle ereilte die irakischen Juden nach der Staatsgründung Israels 1948. Heute sind nur noch einige Dutzende jüdische Familien im Irak verblieben. Die meisten von ihnen sind in der Region Kurdistan ansässig. (mw)