Italienische Juden empört über israelisches Oberrabbinat

Italiener verzichten nur ungern auf liebgewordene Essenstraditionen. Das gilt offenbar auch für italienische Juden, wie ein aktueller Streit mit dem Oberrabbinat in Jerusalem zeigt.
Juden in Rom wollen nicht auf ihre geliebten Artischocken verzichten
Juden in Rom wollen nicht auf ihre geliebten Artischocken verzichten

JERUSALEM / ROM (inn) – Eine Verfügung des israelischen Oberrabbinates verärgert Juden in Italien. Denn diese sollen auf eine besonders beliebte Speise verzichten, weil sie in Jerusalem für nicht koscher erklärt wurde. Zwar steht es jüdischen Gemeinden in der Diaspora frei, ihre eigenen Richtlinien für die Speisegesetze festzulegen. Aber der Import nach Israel ist nicht mehr möglich, wie die Tageszeitung „Ha’aretz“ berichtet.

Im aktuellen Streit geht es um die Carciofi alla Giudìa – Artischocken nach jüdischer Art. Sie gehören für italienische Juden nicht nur zum Pessachfest, sondern sind zu allen Jahreszeiten begehrt. In Rom „findet man bei jedem Seder Artischocken auf dem Tisch, weil ihre runde Form symbolisch für die Fortdauer des Lebens ist“, sagte Rabbi Ariel Toaff dem Blatt mit Bezug auf den ersten Abend der Festwoche. Der Sohn des langjährigen Oberrabbiners von Rom, Elio Toaff, lebt heute in Tel Aviv. Er verweist auf alte Rezepte, die bis auf das 16. Jahrhundert zurückzuführen seien.

In Tel Aviv pflegte Ariel Toaff importierte Carciofi alla Giudìa zu kaufen. „Aber vor ein paar Monaten sagte mein Händler, er habe den Import der Artischocke beenden müssen, wenn er sein Zertifikat vom Rabbinat behalten wolle.“ Dies habe den Rabbi empört. „Diejenigen, die es verbieten, wissen nichts über die Tradition“, merkte er an.

Ausschlaggebend für das Verbot ist das Herz der Artischocke. Dieses sei „voller Würmer“, erklärte der Leiter der Importabteilung im israelischen Oberrabbinat, Rabbi Jitzchak Arasi, der Zeitung. „Es gibt keinen Weg, sie zu säubern. Sie kann nicht koscher sein. Das ist nicht unsere Politik, es ist jüdisches religiöses Gesetz.“ Gemäß den Speisegesetzen müssen gläubige Juden genau untersuchen, ob Lebensmittel wie Blattsalat oder Trockenfrüchte Insekten und Würmer enthalten. Nur dann gelten sie als koscher. Die Orthodoxe Vereinigung der Juden in Amerika lässt die Artischockenherzen nicht zu, weil es so schwierig ist, sie auf Insekten zu überprüfen.

Mailänder folgsam, Römer aufmüpfig

In Mailand haben Mitglieder der jüdischen Gemeinde dem Geheiß des israelischen Oberrabbinates Folge geleistet. Sie baten die Restaurantkette „Ba’Ghetto“, in der neuen Filiale ihrer Stadt die Artischocken von der Speisekarte zu nehmen. Das Lokal wurde Ende März eröffnet.

Ilan Dabush ist Manager der vier Restaurants in Rom, die zu der Kette gehören. In der Hauptstadt bietet er Carciofi alla Giudìa an. Wegen Mailand verhandelt er: „Die Gemeinde in Mailand hat offenbar strengere Standards. Doch ich könnte die Speise anbieten, wenn ich ihrer Bitte nachgehe, die Artischocken völlig zu säubern, sie in Stücke zu reißen und getrennt zu braten, und sie dann wieder hinzuzufügen. Natürlich wird das nicht schön sein, es wird nicht dasselbe sein, aber was kann man machen?“

Aus Rom erschien hingegen vor Pessach ein Video, das offenbar die Anordnung aus Jerusalem kritisiert. Darauf sind Oberrabbiner Riccardo Di Segni und die Leiterin der jüdischen Gemeinde, Ruth Dureghello, zu sehen, wie sie Artischocken schälen. Auf Anfrage von „Ha’aretz“ wollten sie die Aktion allerdings nicht kommentieren.

Von: eh

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