JERUSALEM / BEIRUT / TEHERAN (inn) – Bei Angriffen der Hisbollah-Miliz aus dem Libanon sind am Montag 16 Menschen in Zentralisrael leicht verletzt worden. Der Beschuss galt nach Angaben der Terrorgruppe dem Hauptquartier des Heimatfrontkommandos in Ramle sowie einer „Satellitenkommunikationsstation“ im Elatal nahe Beit Schemesch. Es war die höchste Reichweite, seit die Hisbollah Anfang der vergangenen Woche in den Krieg gegen das Regime im Iran eintrat.
In Ramle richtete eine Rakete Schaden an einer Kindertagesstätte an, 14 Menschen erlitten Verletzungen. Vor dem Angriff war kein Alarm in der Stadt ertönt. Das Heimatfrontkommando untersucht, wie es dazu kommen konnte.
Die Polizei teilte zudem mit, bei einem Angriff im Regionalrat Mate Jehuda sei „Sachschaden an Infrastruktur“ entstanden. Es gebe zwei Verletzte. Die Hisbollah behauptete, die „Satellitenkommunikationsstation“ gehöre der „Kommunikations- und Cyberabwehrabteilung der israelischen Feindesarmee“. Dort befindet sich jedoch keine militärische Anlage, sondern ein ziviler Standort des europäischen Satellitenunternehmens SES, schreibt die Nachrichtenseite „Times of Israel“.
Eine Stunde später erklärte die Armee, sie habe drei Raketenwerfer zerstört, die für die Angriffe mit Langstreckenraketen benutzt worden seien.
Maronitischer Priester durch Panzerfeuer getötet
Derweil berichteten katholische Offizielle und Medien, ein Priester sei im Südlibanon durch israelisches Artilleriefeuer getötet worden. Pierre al-Rahi hatte sich demnach geweigert, eine israelische Evakuierungsanordnung zu befolgen. Er lebte in der maronitisch-christlichen Ortschaft Qlajaa nahe der Grenze zu Israel, im Bezirk Mardschajun. Sie hat etwa 8.000 Einwohner. Die Maroniten sind eine libanesische Konfession, die sich an den Papst hält.
Die Nachrichtenseite „National Catholic Reporter“ weist darauf hin, dass sich Hisbollah-Terroristen immer wieder in christlichen und anderen Dörfern des Südens verstecken. Es gebe mehrere Berichte, denen zufolge Bewaffnete das Gebiet betreten hätten.
Al-Rahi indes hatte am Sonntag, einen Tag vor seinem Tod, dem französischen Sender „France 24“ gesagt: „Wir sind gezwungen, trotz der Gefahr zu bleiben, wenn wir unser Land verteidigen, und wir tun das friedlich. Keiner von uns trägt Waffen. Alle von uns tragen Frieden und Güte und Liebe mit sich.“
Laut libanesischer Berichte beschoss ein israelischer Panzer ein Haus in Qlajaa. Der Besitzer und seine Ehefrau wurden verwundet. Als der Priester und andere Nachbarn zu Hilfe eilten, sei das Gebäude zum zweiten Mal getroffen und Al-Rahi tödlich verwundet worden.
Christliches Hilfswerk: Angriffe sollen „Libanon destabilisieren“
Das französische Hilfswerk „L’Œuvre d’Orient“ unterstützt Christen der Ostkirche. Es verurteilte scharf „diese Kriegsakte, die darauf abzielen, den gesamten Libanon zu destabilisieren und unschuldige Zivilisten zu töten. Der Tod eines Priesters, der sich weigerte, seinen Kirchenbezirk zu verlassen, ist eine weitere Eskalation der sinnlosen Gewalt“. Die Organisation sieht auch ein Risiko, dass Ortschaften südlich des Flusses Litani annektiert würden und verschwänden, vor allem historische christliche Ortschaften.
Hinzu kommen Berichte über den Tod eines weiteren Christen, des 70-jährigen Sami Ghafari, durch eine israelische Drohne. Der Maronit habe sich zum Zeitpunkt des Beschusses in seinem Garten aufgehalten. Er habe entschieden, im Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah die Neutralität des Dorfes zu verteidigen.
„Sie sagen, im Haus seien Kämpfer gewesen, aber das ist nicht wahr“, sagte Bürgermeister Hanna Daher. „Drinnen waren nur die Hausbewohner und Leute aus dem Dorf, die kamen, um den Verwundeten zu helfen.“ Die Dorfbewohner wollten nicht, wie so viele andere Libanesen, in die Hauptstadt Beirut fliehen, wo der Schutzraum knapp sei. „Wir sind friedliche Menschen und fügen niemandem Schaden zu. Unser Dorf ist sicher. Wir wollen nur in Frieden in unseren Häusern bleiben können.“ Nur knapp sei ein Massaker vermieden worden.
Libanesischer Politiker kritisiert eigene Armee
Der Vorsitzende der Partei „Christliche Libanesische Kräfte“, Samir Geagea, rief unterdessen die Armee auf, Dörfer und Städte zu schützen: „Elemente der Hisbollah drangen in die Stadt ein“, zitiert ihn die Website „L’Orient-Le Jour“. „Das zog israelische Angriffe nach sich, die zu Zerstörung und Verwüstung führten, ebenso wie zum Tod des Priesters.“
Geagea fügte an: „Die Bewohner haben die libanesische Armee wiederholt aufgefordert, keine illegalen bewaffneten Elemente in ihre Dörfer zu lassen. Doch bislang ist die Armee in dieser Mission gescheitert, und die Tragödie von Qlajaa ist der offensichtlichste Beweis dafür.“
Papst Leo XIV. bekundete auf Telegram „tiefen Schmerz über alle Opfer der Bombardierungen in Nahost über die letzten paar Tage – über die vielen unschuldigen Menschen, unter ihnen viele Kinder, und diejenigen, die ihnen Hilfe leisteten, so wie Pater Pierre el-Rahi“. Das katholische Kirchenoberhaupt „verfolgt die Lage mit Besorgnis und betet dafür, dass alle Feindseligkeiten möglichst bald aufhören“, hieß es.
Luftschlag gegen Hisbollah-Verbündeten
Libanesische Medien wiederum berichten von einem israelischen Luftschlag am Montagabend, der ein Gebäude der „Al-Qard al-Hassan“ (AQAH) in Aaqbije südlich von Sidon traf. Die Organisation ist mit der Hisbollah verbunden. Auch diesem Angriff ging eine Warnung samt Aufforderung zur Evakuierung voraus.
Die AQAH wurde 1983 gegründet. Sie stellt sich als Wohlfahrtsorganisation dar und vergibt Darlehen, entsprechend islamischen Prinzipien ohne Zinsen. Sie hat mehr als 30 Zweigstellen im Libanon, vor allem in Hisbollah-Hochburgen. Vom US-Finanzministerium wurde sie 2007 sanktioniert. Es warf ihr vor, die karitative Tätigkeit diene als Deckmantel für „finanzielle Aktivitäten, und um Zugang zum internationalen Finanzsystem zu erhalten“.
Eine Warnung sprach das israelische Militär überdies für das Dorf Ansaria, südlich von Aaqbije, aus: „Die Aktivitäten der Terror-Organisation Hisbollah zwingen die israelische Armee, mit Gewalt gegen sie vorzugehen. Die israelische Armee hat nicht die Absicht, Ihnen zu schaden. Für Ihre Sicherheit müssen Sie unverzüglich ihre Häuser räumen und sich von der Ortschaft nicht weniger als 1.000 Meter entfernen.“ Mehr als 600.00 Zivilisten sind bisher aus Gebieten im Südlibanon geflohen.
Israelischer Außenminister: Raketenfeuer verhindern
Der israelische Außenminister Gideon Sa’ar (Neue Hoffnung) sprach mit der UN-Sonderkoordinatorin für den Libanon, Jeanine Hennis-Plasschaert, über die Vorstöße der israelischen Truppen. Diese seien nötig, um feindliche Einfälle der Hisbollah und Raketenfeuer auf israelische Zivilisten und Gemeinden zu verhindern. „Die Hisbollah hat einen Angriff gegen uns gestartet, und es gibt keinen Akteur in der internationalen Gemeinschaft außer uns, der dafür arbeitet, ihn zu stoppen“, sagte der Minister. Eine Schwächung der Hisbollah sei sowohl im israelischen als auch im libanesischen Interesse.
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Der libanesische Präsident Joseph Aun stellte indes einen Vier-Punkte-Plan gegen die Kämpfe im Libanon vor und bat die internationale Gemeinschaft um Hilfe. Unter anderem ist von einem „völligen Waffenstillstand mit Israel“ die Rede und von „logistischer Hilfe“ für die Armee, um die Hisbollah zu entwaffnen. Angestrebt seien auch „direkte Verhandlungen“ mit Israel unter internationaler Aufsicht.
Der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Schar’a kommentierte dies mit den Worten: „Wir stehen an der Seite des libanesischen Präsidenten Joseph Aun bei der Entwaffnung der Hisbollah.“
Der Fraktionsvorsitzende der „Partei Allahs“, wie der Name der Hisbollah übersetzt heißt, lehnte eine Entwaffnung erneut ab. Die Gruppe werde um ihre Existenz kämpfen, was immer es koste, sagte Mohamed Raad am Montagabend. Nur mit Widerstand könne sie „Ehre, Stolz und Würde wahren“.
Bericht: Libanon bat amerikanischen Botschafter um Vermittlung
Dass die libanesische Regierung direkte Verhandlungen mit Israel vorgeschlagen habe, berichtet auch die amerikanische Nachrichtenseite „Axios“. Sie beruft sich auf fünf anonyme, mit der Angelegenheit vertraute Quellen, darunter eine amerikanische und eine israelische.
Demnach befürchtet die Regierung, dass die neuen Raketenangriffe der Hisbollah das Land zerstören. Bislang habe die libanesische Armee keine wirksame Aktion gegen die Terrorgruppe unternommen. In der vorigen Woche habe sie sich an den US-Botschafter in der Türkei, Tom Barrack, gewandt und um Vermittlung gebeten. Dieser ist auch für Syrien und den Irak zuständig. In den vergangenen Monaten nahm er an syrisch-israelischen Gesprächen teil.
Aus der israelischen Quelle heiße es, mehrere Hisbollah-Mitglieder seien offen für Abkommen. Angestrebt würden direkte Gespräche auf Ministerebene in Zypern. Doch Barrack habe harsch reagiert: „Wenn es keine wirkliche Aktion gegen die Waffen der Hisbollah gibt, hat es keinen Zweck.“ Die israelische Regierung habe verlauten lassen, dass es zu spät sei und der Fokus nun auf der Vernichtung der Hisbollah liege.
» Massive Angriffe auf Hisbollah-Hochburg in Beirut
Der für die Region zuständige Leiter des Beratungsunternehmens Eurasia Group, Firas Maksad, sagte: „Das libanesische Militär ist weiterhin nicht gewillt – manche sagen unfähig –, die Entscheidung der Regierung über die Ächtung der militärischen und sicherheitsrelevanten Aktivitäten der Hisbollah umzusetzen.“
Der Libanon starte eine diplomatische Initiative, die eine Nachkriegsordnung schaffen solle, in der die Hisbollah nicht länger das Land dominiere, ergänzte Maksad. „Der libanesische Staat wird und kann vielleicht auch nicht die militärischen Bedingungen schaffen, um dort herauszukommen. Aber er wird Israel und die USA am Verhandlungstisch treffen, wenn die Waffen schweigen.“
Iranischer Außenminister: Revolutionsgarde bestimmt Kriegsende
Das iranische Regime wiederum strebt nach eigener Aussage eine lange bewaffnete Auseinandersetzung an. Außenminister Abbas Araktschi kündigte am Dienstag an, das Land werde so lange kämpfen wie nötig. Das Militär begann eine neue Angriffswelle gegen mit den USA verbündete Golfstaaten.
Araktschi schließt Verhandlungen mit den USA, wie sie im Juni nach zwölf Tagen zum Ende des Krieges führten, aus. Die Revolutionsgarde werde „das Ende des Krieges bestimmen“.
Der Leiter des Nationalen Sicherheitsrates, Ali Laridschani, schrieb auf X mit Bezug auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump (Republikaner): „Selbst Größere als Sie konnten die iranische Nation nicht auslöschen. Passen Sie auf sich selbst auf – damit Sie nicht eliminiert werden.“
Trump hatte sich davor zu einem möglichen Kriegsende geäußert: „Es wird bald enden, und falls es erneut startet, werden sie noch härter getroffen“, sagte er am Montag vor Journalisten im US-Bundesstaat Florida. (eh)