Herzog: Erfolg Deutschlands beruht auf Verpflichtung gegenüber Vergangenheit

Vor dem Bundestag lobt der israelische Präsident Herzog die deutsche Erinnerungskultur und den Sozialstaat. Bundestagspräsidentin Bas bittet wegen der Versäumnisse von München 1972 um Verzeihung.
Von epd
Herzog spricht im Bundestag

Foto: Phoenix; Screenshot Israelnetz

Herzog würdigte in seiner Rede die Erinnerungskultur in Deutschland

BERLIN (epd/inn) – In seiner Rede vor dem Bundestag hat Israels Präsident Jitzchak Herzog an Deutschland appelliert, die Erinnerung an die Ermordung der Juden im Nationalsozialismus wachzuhalten. Deutschlands Erfolg beruhe auch auf seiner Verpflichtung der Vergangenheit gegenüber, sagte Herzog am Dienstag. Der Präsident würdigte Deutschlands Anstrengungen im Bereich der Erinnerungskultur. Israel sei heute „stolz auf seine Partnerschaft mit Deutschland“, sagte er.

Herzog zitierte vor den Abgeordneten seinen Vater Chaim Herzog, der 1945 zu den Befreiern des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Bergen-Belsen gehörte: „Nur die Toten haben das Recht zu vergeben“. Herzog ergänzte: „Das jüdische Volk vergisst nicht“. Das gelte nicht nur aufgrund der Pflicht den Generationen der Vergangenheit gegenüber, sondern aufgrund der Verpflichtung gegenüber künftigen Generationen. So sei es auch in Deutschland: Der „ehrenwerte Status, den das demokratische Deutschland in der Völkerfamilie genießt, der es zu einem der wichtigsten Anführer der freien Welt werden ließ“, beruhe sowohl auf der Verpflichtung der Vergangenheit gegenüber als auch der Zukunft der Menschheit gegenüber.

Lob für deutschen Sozialstaat

Als Beispiel nannte Herzog die Errungenschaften des Sozialstaats in Deutschland. Die Sorge um die Schwachen und der Aufbau einer beeindruckenden stützenden Infrastruktur für Bedürftige bildeten einen in Europa beispielgebenden „Rahmen der Menschlichkeit und der Würde des Menschen“, sagte der Präsident.

Den Holocaust bezeichnete Herzog als „tiefsten Abgrund der Geschichte des menschlichen Zusammenlebens“. Seine Rede begann er mit einem Gebet für die Opfer der Juden-Verfolgung im Nationalsozialismus, zu dem sich die Abgeordneten im Reichstagsgebäude erhoben.

Herzog forderte vor dem Bundestag zudem ein härteres Auftreten gegen den Iran und dessen Pläne für Atomwaffen. Der Iran bedrohe damit nicht nur Israel, sagte Herzog: „Ich rufe die ganze Welt auf, nicht tatenlos zuzuschauen.“

Bas für deutsch-israelisches Jugendwerk

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas bat vor Herzogs Rede für die Versäumnisse der Deutschen mit Blick auf das Massaker von München 1972 um Verzeihung. Die Einigung bezeichnete sie als „ein spätes, aber ein wichtiges Zeichen der Verantwortung“.

Mit Blick auf den Holocaust sagte sie: „Deutschland kann nicht wieder gutmachen, was nie mehr gutzumachen ist: Der millionenfache Mord an den europäischen Juden. Umso mehr müssen wir die Erinnerung an die Opfer wachhalten.“

Bas erinnerte auch an die Unterzeichnung des Luxemburger Abkommens vor 70 Jahren. Im Bundestag wurde am Dienstag dazu eine Ausstellung eröffnet. Bas betonte, der damalige deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) habe das Abkommen gegen Widerstände durchgesetzt. Für ihn sei es eine moralische Pflicht und eine Herzensangelegenheit gewesen. Die Ausstellung verdeutliche, wie kontrovers die Zahlungen auch in Israel gesehen wurden.

Aus der Vergangenheit folge für die Deutschen Verantwortung für die Gegenwart. Juden müssten in Deutschland sicher leben können. „Es ist eine Schande, dass jüdische oder israelische Einrichtungen nur unter Polizeischutz sicher sind; dass auf Demonstrationen gegen Israel gehetzt wird; dass in sozialen Netzwerken Israel der Tod gewünscht wird. Wir alle müssen gegen diesen Hass und diese Hetze vorgehen, mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.“ Sie ergänzte, die Sicherheit Israels sei für Deutschland Außenpolitik „eine Verpflichtung“.

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel sei zwar durch die Vergangenheit geprägt, inzwischen in vielerlei Hinsicht aber auch im positiven Sinne „normal“: „Für viele Deutsche ist Israel längst eine Herzensangelegenheit. Sie sind fasziniert von seinem Unternehmergeist, seinem technologischen Know-how, von Israels Kunst und Kultur, Landschaft und Lebenswandel – und vor allem von seinen Menschen.“ Bas bekräftigte in diesem Sinne, sie wolle sich für die Schaffung eines deutsch-israelischen Jugendwerkes einsetzen.

Kranzniederlegung am Holocaust-Mahnmal

Der israelische Präsident ist seit Sonntag zum Staatsbesuch in Deutschland. Am Montag nahm er gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an der Gedenkfeier für die Opfer des Olympia-Attentats vor 50 Jahren teil. Palästinensische Terroristen hatten bei den Spielen 1972 in München israelische Sportler als Geiseln genommen und bei einem Befreiungsversuch getötet.

Nach seiner Rede im Bundestag besuchte Herzog das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin und legte dort einen Kranz nieder. Für den Nachmittag plante der Staatspräsident einen Besuch in der Gedenkstätte im einstigen KZ Bergen-Belsen. Dort wurden unter der Nazi-Herrschaft mehr als 52.000 KZ-Häftlinge und rund 20.000 Kriegsgefangene ermordet, unter ihnen das jüdische Mädchen Anne Frank, deren Tagebuch weltbekannt wurde. Herzogs Vater Chaim Herzog, der von 1983 bis 1993 ebenfalls israelischer Präsident war, gehörte 1945 als britischer Offizier zu den Soldaten, die das KZ Bergen-Belsen befreiten.

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