Nihad Dabeet bei seiner Arbeit am Kunstbaum

Nihad Dabeet bei seiner Arbeit am Kunstbaum

Ein Olivenbaum mit Kupferblättern

Ein Olivenbaum aus Kupfer sticht aufmerksamen Jerusalemer Besuchern ins Auge. Seit wenigen Wochen steht ein noch größeres Exemplar in Thüringen. Besucher der Bundesgartenschau können ihn im nächsten Jahr betrachten. Entworfen hat die Bäume ein Künstler aus der zentralisraelischen Kleinstadt Ramle.

RAMLE / ERFURT (inn) – Jerusalem, im Stadtteil Rechavia, nur wenige Hundert Meter von der Residenz des israelischen Staatspräsidenten entfernt: Inmitten eines großen Kreisverkehrs steht, von einer grünen Wiese umgeben, ein Olivenbaum. Von weitem betrachtet fällt er nicht auf, denn, wie im Orient üblich, stehen Ölbäume auch in dieser Stadt zahlreich auf Plätzen und an Straßenrändern. Die vielförmigen Äste ranken sich malerisch um den Stamm, sie sind dicht und gleichmäßig belaubt. Ein schöner Baum. Er scheint alt und ist – wie bei Olivenbäumen üblich – nur wenige Meter hoch.

Der Stamm eines Olivenbaums windet sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder. Häufig teilt sich der Baum auch nach vielen Jahren noch in mehrere Stämme, auch Löcher im Stamm sind keine Seltenheit. Doch der Stamm dieses Baumes ist anders – er scheint nur aus Wurzeln zu bestehen, sie sind dünn, gleichmäßig und ineinander geschlungen. Wer näher kommt, sieht: An diesem Baum ist nur der Anblick organisch, der Stamm besteht aus braunem Stahl, die zahlreichen Blätter aus kleinen, grün oxidierten Kupferblättchen.

Dass der Baum nicht natürlich ist, fällt erst auf den zweiten Blick auf

Dass der Baum nicht natürlich ist, fällt erst auf den zweiten Blick auf

Entworfen hat den Baum Nihad Dabeet. Der Araber stammt aus Ramle, einer Stadt nur wenige Kilometer südlich des Flughafens Ben-Gurion gelegen. Dabeet empfängt Gäste in dem großen Haus aus der Kreuzfahrerzeit, das ihm als Atelier, Wohn- und Arbeitszimmer dient.

Ilan und Sofia sind aus Cäsarea gekommen und sitzen auf der gemütlichen Sofaecke. „Ich bin zum ersten Mal hier“, erzählt die alte Dame, die 1932 in Hamburg geboren ist. „Aber mein Sohn war schon oft hier. Er fertigt Flaschen mit Sandfüllungen an, für die er bei Nihad Drahtständer bestellt. Ich interessiere mich allgemein für Kunst, und die Werke dieses Mannes beeindrucken mich sehr.“ Mit einer ausladenden Bewegung deutet sie auf den weiten Raum, in dem zahlreiche Drahtfiguren stehen - ein kniendes Kamel, ein großes Pferd, eine kleine Gruppe von Drahtmenschen.

Verlust der Mutter mit Kunst verarbeitet

Dabeet lächelt ihr zu: „Dein Interesse bedeutet, dass du im Herzen ein Kind geblieben bist. Kinder sind neugierig und lieben es, neue Dinge zu entdecken.“ Er erzählt seinen Gästen von seiner eigenen Mutter. Sie verstarb, als er ein kleiner Junge war. Als Kind versuchte er, den Verlust mithilfe der Malerei zu verarbeiten.

Wer Dabeet zuhört, spürt, dass er viel erlebt hat. Unter anderem saß er nach dem Studium eine siebenjährige Gefängnisstrafe in Griechenland ab. „Dort begann ich, Figuren aus Brot und Zigarettenasche zu formen. Für eine Ausschreibung formte ich eine ganze Serie, die ich ‚Manna min haSchamajim‘ nannte; Manna - das Brot, mit dem Gott die Israeliten in der Wüste versorgte - vom Himmel. Ich bin nicht religiös, aber ich formte vor allem biblische Figuren, zum Beispiel Adam und Eva im Paradies, dazu die Schlange.“ Dafür erhielt er einen mit 10.000 US-Dollar dotierten Preis. „15 Prozent gingen an das Gefängnis, mir half das Geld sehr, schließlich konnte ich den Rechtsanwalt und meine Schulden abzahlen.“

Dabeet schaut mit Dankbarkeit auf seine Vergangenheit: „Ich habe so viel Gutes im Leben erlebt. 2000 wurde ich frühzeitig freigelassen. Ich hatte längst gelernt, dass Freiheit eine innere Angelegenheit ist und nicht von äußeren Umständen abhängt“, erzählt der 52-Jährige. „Es gibt so viele Menschen, die frei sind und doch gefangen.“

Zurück in Israel konstruierte Dabeet 2006 einen Baum aus Eisen. „Gemäß dem hebräischen Sprichwort ‚Geld wächst nicht an Bäumen‘ hängte ich 5.000 alte Münzen daran auf, die ich von einem Freund geschenkt bekam. Es hat Wochen gedauert, bis ich jede einzelne durchbohrt hatte. Es war ein Baum in Lebensgröße, die Nachbarn kamen und nahmen sich die Münzen.“ Die Lebensauffassung von Künstlern sei eine andere als vom Rest der Welt: „Wir Künstler kreieren, auch wenn wir kein Geld dafür bekommen.“

Baum in Einzelteilen nach Erfurt gebracht

An dem Olivenbaum, der nun in Erfurt steht, hat Dabeet in seinem Heimatort Ramle ein halbes Jahr gearbeitet und es erfüllt ihn mit Freude, nun die Teile nach dem Transport endgültig an seinem Bestimmungsort zusammenzusetzen. Dazu ist er Mitte September nach Deutschland gereist. Der Olivenbaum aus Stahl und Kupfer steht auf dem Erfurter Petersberg und soll weithin als Symbol für den Frieden dienen, sagen die Veranstalter. Der Baum ist Zentrum des künftigen „Gartens der Religionen“, der für die Bundesgartenschau 2021 in Planung ist.

Gemeinsam mit jüdischen und arabischen Kindern schnitt Dabeet mehr als 70.000 Kupferblätter aus, die käuflich erworben werden können, um sie dann an dem Baum anzubringen.

Ob es ihm schwerfällt, sein Kunstwerk in Deutschland zu lassen und wieder nach Hause zu reisen? „In der Kunst ist es wie beim Menschen“, sinniert der dreifache Vater. „Unsere Kinder gehören auch nicht uns. Vielmehr sind wir dazu da, sie großzuziehen und ihnen einen Start ins Leben zu ermöglichen. Ich muss sie loslassen und muss mich gegen den Wunsch wehren, sie bei mir zu behalten. Wie das jüngste Kind, so ist auch der Baum mein schönstes Werk, es ist das verletzlichste. Doch ich muss ihn loslassen. Und wie auch bei meinen Kindern freue ich mich, wenn ich sie von Zeit zu Zeit sehen darf.“ Wenn in seinem Wohnzimmer auch noch viele nicht ausgeschnittene Kupferblätter liegen - Ideen für nächste Projekte hat Dabeet längst parat.

Von: mh

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